SAV/ASPC/ASFC
 
 

Bulletin 88/2016

Inhalt

 

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser Das Thema unseres Leitartikels ist das mittelalterliche Stadtrecht von Murten. Stephan Dusil gibt uns mit seinen sehr gut aufbereiteten Ausführungen einen spannenden Einblick in dieses uns vielleicht nicht allzu vertraute Gebiet.

Die zahlreichen bereits durchgeführten Veranstaltungen und der Ausblick auf weitere abwechslungsreiche Zusammenkünfte in den kommenden Wochen zeigen wieder einmal mehr auf, wie sehr überall daran gearbeitet wird, unsere Fächer in die heutige Zeit zu tragen. Sei es, dass auf Kreta Homer gelesen wird, in Solothurn in lateinischer Sprache ein Colloquium durchgeführt wird, oder in Brugg der 5. Lateintag über die Bühne geht. Das Programm des diesjährigen Lateintages ist Beilage dieser Ausgabe.

Ausserdem möchte ich auf den Beitrag von Rudolf Wachter English likes Latin! aufmerksam machen.

Das Programm zur Jahresversammlung befindet sich auf der Seite 16.

Dies alles und noch vieles mehr präsentiert sich zum ersten Mal in einem neuen farbigen Umschlag.

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Hee sunt libertates, consuetudines siue mores … Das mittelalterliche Stadtrecht von Murten aus dem 13. Jahrhundert

Mittelalterliche Stadtrechte stehen weder im Fokus des Lateinunterrichts noch des Lateinstudiums. Jedoch stellen sie eine zentrale Quelle der ‚deutschen Rechtsgeschichte‘ dar, also jenem Zweig der rechtshistorischen Forschung, der sich weder mit dem römischen Recht der Antike noch mit dem gelehrten Recht des Mittelalters und der Neuzeit (Ius Commune) beschäftigt, sondern der ‚einheimische‘ Rechtsvorstellungen untersucht. Eine solches Dokument, das einen Einblick in das nicht-gelehrte Recht des Mittelalters erlaubt, ist das Stadtrecht von Murten / Morat, das im Folgenden näher vorgestellt werden soll. Dabei ist auf Überlieferung und Kontext der Entstehung, vor allem aber auf Inhalt und sprachliche Gestaltung einzugehen. Abschliessend soll kurz dessen Bedeutung für die stadtgeschichtliche Forschung skizziert werden.

Die Stadt Murten liegt am gleichnamigen See im Kanton Fribourg.1 Das Gebiet der späteren Stadt war schon in vorrömischer Zeit besiedelt; aus römischer Zeit stammen die Reste einer Villa. Die genauen Umständen der Gründung der hochmittelalterlichen Stadt bleiben unklar. Vermutlich hat Berchtold IV., Herzog von Zähringen, die Stadt in den 1170er oder 1180er Jahren gegründet. Darauf deutet auch die historische Selbstbekundung der Bürger in dem Stadtrecht hin, auf die gleich noch einzugehen sein wird. Doch zunächst zu den gesicherten historischen Ereignissen des 13. und 14. Jahrhunderts: 1238 wurde die Stadt erstmals als civitas bezeichnet; 1245 schloss sie ein Bündnis mit Freiburg im Üechtland, 1335 einen Vertrag mit Bern. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde Murten Spielball der Savoyer Herrschaft und des deutschen Königs. Nachdem sie 1255 savoyisch geworden war, mussten die Savoyer sie später, in den 1270er Jahren, für kurze Zeit an den deutsche König herausgeben, der 1291 erneut die Herrschaft an die Savoyer verlor. In diese Zeit der wechselnden Herrschaften fällt wohl auch die Abfassung des ersten Stadtrechts.

Das erste Stadtrecht der Stadt Murten ist in einer lateinischen Urkunde überliefert, deren Abfassung Friedrich Emil Welti2, der Editor des Stadtrechts, auf die Jahre 1240–1270 datierte.3 Diese begründete er mit der Schrift.4 Da die der Urkunde anhängenden Siegel der Stadt Bern nur von 1224–1267 in Gebrauch waren, spricht in der Tat vieles für eine Abfassung in der Mitte des 13. Jahrhunderts.5 Ob vielleicht die Übernahme der Herrschaft durch die Savoyer 1255 Anlass war, die Privilegien und Freiheiten, Gewohnheiten und Gebräuche der Bürger aufzuschreiben?6 Oft waren Herrschaftswechsel, soziale Unruhen oder andere politische oder wirtschaftliche Umbrüche Anlass, oral tradierte Rechtsvorstellungen zu verschriftlichen oder ältere Aufzeichnungen anzupassen. Der genaue Entstehungsanlass und -zeitpunkt des Murtner Stadtrechts muss jedoch im Dunkeln bleiben.

Stadtrecht von Murten

Das Stadtrecht ist auf zwei Pergamentblättern überliefert, von denen beide besiegelt sind. Am Band hängt jedoch nicht das Siegel der Stadt Murten, sondern das der Stadt Bern. Ungewöhnlich daran ist zum einen die Befestigung, die Anlass zur Spekulation gegeben hat, dass die Bürger die Siegel erst später befestigt haben, um dem Text den Schein der Authentizität zu geben;7 zum anderen ist die Tatsache einer besiegelten Stadtrechtsurkunde selbst eher ungewöhnlich. Während Urkunden regelmässig ein Siegel zur Beglaubigung besitzen, sind die meisten Stadtrechte unbesiegelt. Überhaupt sind Stadtrechte häufig keine Urkunden im diplomatischen Sinne, deren strenge formale Struktur mit Protokoll und Kontext ebenso fehlen wie Aussteller oder Datierungszeile.8

Was können wir aus dem Stadtrecht über die Lebenswelt der Murtner Bürger des 13. Jahrhunderts lernen? Hee sunt libertates, consuetudines siue mores, quas contulit dux Berthodus uille de Murat in sui fundatione et per quas regitur, begannen die Bürger ihre Rechtsaufzeichnung (vor Artikel 1).9 Gleich im ersten Satz verwiesen die Bürger auf ‚ihren‘ Stadtgründer, vermutlich auf Berchtold IV. von Zähringen, der diese Rechte verliehen hatte. Zudem deuteten sie die verschiedenartigen Quellen ihres Stadtrechts an. Mit Freiheiten (libertates) sind wohl die Privilegien gemeint, die der Zähringer dieser Stadt verliehen hatte; davon abgregrenzt stehen consuetudines siue mores, also andere Gebräuche, Sitten oder Rechtsvorstellungen. Dieser Begriff consuetudo ist zentral, denn er taucht an späterer Stelle noch einmal prominent auf, nämlich in Artikel 11: Consuetudines uero, que pro iure habentur in dicta uilla, hee sunt ... Nachfolgend werden also Gewohnheiten genannt, die als ‚Recht‘ (pro iure) gehalten werden sollen. Die Gegenüberstellung von libertates und consuetudines gelingt jedoch nicht trennscharf, da der Begriff consuetudo zweimal verwendet wird (vor Artikel 1, Artikel 11). Aber dies ist nicht ungewöhnlich für das Hochmittelalter, in dem sich eine Vorstellung von Normativität und damit der Scheidung von bindendem Recht und unverbindlichem Vorschlag erst langsam entwickelte. Deutlich abgegrenzt zu den consuetudines stehen jedenfalls die libertates des Stadtherrn. Mit dieser ausdrücklichen Unterscheidung zeigt das Murtner Stadtrecht die in der neueren Stadtgeschichtsforschung verbreitete Aufteilung des Stadtrechts in verschiedene Bereiche, die prinzipiell unterschiedliche Geltungsgründe haben: Während Privilegien vom Stadtherrn oder anderen Herrschern verliehen wurden, wurde das von den Bürgern selbstgesetzte Recht oft als Willkür (also ‚mit dem freien Willen gewählt‘ [‚gekürt‘]) bezeichnet.10 Darüber hinaus existierten auch in der Stadt mündlich tradierte Rechtsvorstellungen, die das Zusammenleben der Bürger weiterhin prägten.11 Insofern lässt sich von einer vielförmigen Normativität innerhalb der Stadt sprechen.

Was erfahren wir in dem ersten Teil der Urkunde über die Struktur der Stadt? – Eben jener Berchtold soll ausweislich des Stadtrechts das Gebiet der Stadt in Hofstätten eingeteilt haben, die die Bürger frei und ohne Zins (sine censu) besitzen konnten; sie waren folglich von einer jährlichen Abgabe an den Stadtherrn befreit. Darüber hinaus durften die Bürger einen Ofen auf ihrer Hofstätte errichten und eine Mühle aufstellen: Contulit enim casalia libere et absolute sine censu et aliqua exactione, et concessit, ut quicunque uellet uel posset furnum condere in suo casali et etiam molendinum (Artikel 1). Daneben gab es Hofstätten, die mit einem Zins zugunsten des Stadtherrn belastet waren. Diese Grundstücke waren vererblich und konnten von Söhnen wie von Töchtern übernommen werden, so dass die in mittelalterlichen Rechtstexten ansonsten häufig zu findende privilegierte Stellung der männlichen Erben in Murten abgeschafft war: Possessiones, quas ab inicio contulit censuales in dominio dicte uille, ita uoluit iure hereditario possideri, ut census ab ipso inpositus ab aliquo suscessore suo non ualeat aumentari, et quod mulier ut uir succedat iure hereditario in eisdem (Artikel 2).12 Ein der Murtner Bodenaufteilung ähnliches System lässt sich auch in Bern und anderen zähringen Städten finden, weshalb man auch von einem „zähringischen Hofstättensystem“ gesprochen hat.13

Der vierte Artikel enthält eine Aufzählung einiger wichtiger Freiheitsrechte der Stadt Murten: Der Schultheiss als stadtherrlicher Vertreter sowie der Bote und der matricularius, der ein niederer Geistlicher war (und vielleicht die Aufgaben eines Stadtschreibers übernahm?), waren von den Bürgern zu benennen, aber sowohl Gerichtsdiener als auch Geistlicher und Türwächter konnten ohne zeitliche Einschränkung bei Missfallen wieder entlassen werden, wohingegen die Schäfer (pastores14) und Feldschützen (custodes segetum) für ein Jahr eingestellt wurden. Im Gegensatz zum ‚politischen‘ Amt des Gerichtsdieners oder des Vertrauen erfordernden Amts des Türwächters hatten die sozial niedriger stehenden städtischen Bediensteten, wie etwa Schäfer, eine ‚Kündigungsfrist‘.

Von Bedeutung in einer mittelalterlichen Stadt waren schliesslich die Möglichkeiten, Tiere weiden zu lassen: Concessit etiam dictus dux habitatoribus dicte uille pascua in pratis, campis et nemoribus et aliis, et illa uoluit dispositioni eorum tantummodo subiacere, hielten die Murtner fest und erhoben somit Anspruch auf umliegende Wiesen, Felder und Wälder (Artikel 7). Aufgrund der Lage erhielten die Bürger von Murten auch das Fischrecht im nahegelegenen See (Artikel 8).15

Die Artikel 1–10 des Stadtrechts bilden eine Einheit, denn sie gehen vermutlich wenn auch nicht wörtlich, so doch inhaltlich auf ein Privileg eines Zähringer Herzogs zurück. Mit der anschliessenden Aufzählung der consuetudines in Artikel 11 beginnt jedenfalls ein prinzipiell neuer Abschnitt, der weniger die Freiheitsrechte der Bürger als vielmehr ihre selbstgewählten Rechtsgewohnheiten wiedergibt. Die Gegenüberstellung von libertates und consuetudines verbunden mit dem gleichförmigen Beginn hee sunt deutet auf eine Zweiteilung der Urkunde hin: Zunächst rekapitulierten die Murtner die älteren verliehenen Rechte, bevor sie ihre als consuetudo bezeichneten Gewohnheiten verschriftlichten.16 Gleich zu Beginn dieses Abschnitts ist der Ausgleich von Unrecht angesprochen (Artikel 11). Wer einen anderen mit einer Waffe (manu armata) so verletzt, dass Blut fliesst, soll dem Schultheissen sowie dem Opfer je 60 Schillinge zahlen, zudem haben die Bürger darüber zu entscheiden, ob diesem die Hand abgeschlagen werden soll. Das lateinische Stadtrecht formuliert: Quicunque manu armata alii sanguinem effuderit in uilla, manus in potestate et arbitrio ciuium est, et tenetur illi cui uim intulit LX solidos emendare et sculteto LX.

Diese Vorschrift deutet auf zwei neuere Entwicklungen innerhalb der mittelalterlichen Stadt hin: Zum einen ist die Stadt als Ort des Friedens ausgestaltet, in dem jegliche Gewalt, insbesondere mit Waffen, geahndet wird;17 zum anderen wird erlittenes Unrecht nicht mehr nur durch Geldzahlungen zwischen den Parteien ausgeglichen, sondern unter Einschaltung einer Autorität – nämlich hier der Stadt – entschieden. Damit aber wird – auf lange Sicht – die Konfliktlösung inter partes abgelöst von einer ‚hoheitlichen‘ Lösung, die auch dem modernen Strafrechtssystem (jedenfalls weitgehend) zugrunde liegt.18

Der Artikel 11 fährt fort: si autem ad mortem percussit, caput in arbitrio et potestate ciuium est, et omnia sua sunt iusticiario, nisi forte talia perpetrauerit uim alterius repellendo uel ulcicendo tale dedecus uel iniuriam, quod seueritatem facti adtenuet, secundum arbitrium honestorum, quia tunc est micius iudicandum. Die Strafandrohung ist bei Totschlag also deutlich verschärft: In Übereinstimmung mit dem Talionsprinzip liegt bei der Tötung eines Menschen das Leben des Täters in den Händen der Bürger; dessen gesamtes Gut aber fällt dem Schultheissen (der hier iusticiarius genannt ist) zu. Sollte diese Tötung aber in Notwehr oder zur Rächung einer erlittenen Ehrverletzung geschehen sein, so ist die Schwere der Tat (severitas facti) gemildert und das Urteil soll secundum arbitrium honestorum gefällt werden. Mit der herausgehobenen Gruppe der honesti ist wohl der Rat gemeint. Jedenfalls deutet dieser Artikel auf eine Berücksichtigung von Tatumständen und subjektiven Elementen hin: Nicht allein die objektiv zu bemessende Begehung eines Totschlags war entscheidend, sondern es wurden subjektiv zu beurteilende Motive des Täters einbezogen und strafmildernd berücksichtigt (quia tunc est micius iudicandum).

Lässt sich von der Häufigkeit der Erwähnung auf die Bedeutung eines Themas schliessen, so ist das ‚Eheliche Güter- und Erbrecht‘ von grosser Wichtigkeit innerhalb einer mittelalterlichen Stadt. Allerdings werden weniger allgemeine Regeln und Prinzipien genannt als vielmehr Einzelprobleme gelöst, die höchstens indirekt einen Blick auf das Allgemeine erlauben. So auch in Murten, wo sich zwei Spezialregelungen finden. Dem ersten Artikel (Artikel 17) zufolge erhielt die Braut ihre Aussteuer, wodurch sie vermögensrechtlich aus der Familie ihrer Eltern ‚abgesondert‘ wurde, also von dem Erbe ihrer Eltern nichts mehr beanspruchen konnte (jedenfalls solange, wie andere Erben vorhanden waren).19 Wir können hier nur indirekt das Prinzip der Gleichberechtigung erschliessen, nämlich dass auch Frauen zur Erbschaft berufen sind, und erhaschen auch nur eine Idee davon, dass die Frau eine – genügend grosse – Aussteuer erhalten sollte.20 Der zweite Artikel (Artikel 18) betrifft die Wiederverheiratung des Ehemannes nach dem Vorversterben der ersten Ehefrau und die sich anschliessende Frage nach der Verteilung der Güter zwischen den Kindern aus erster und zweiter Ehe. Um eine zweite Ehe auch für die bereits vorhandenen Kinder attraktiv zu machen, sah das Stadtrecht weder eine Pro-Kopf- noch eine hälftige Teilung des Erbes vor, sondern eine Drittelung: Die Kinder aus erster Ehe erhielten zwei Drittel, diejenigen aus der zweiten nur ein Drittel: Et si aliquis duas uxores habuit, et ex utraque liberos, heredes de priore succedunt in duabus partibus omnium bonorum patris, ceteri in tercia.

Im Gegensatz zu den häufig anzutreffenden Regelungen zum ‚Ehelichen Güter- und Erbrecht‘ finden sich eher selten Vorschriften zu dem, was der Jurist heute als Vertragsrecht bezeichnen würde: Kaufverträge, Gewährleistungsrechte oder Irrtumsanfechtung befinden sich üblicherweise ausserhalb der Sicht mittelalterlicher Stadtschreiber.21 Dahingegen ist der Kauf gestohlenen Guts ein Sachproblem, das sich wohl häufiger stellte: Soll der Käufer eines gestohlenen Gutes dieses behalten dürfen (denn immerhin hatte er Geld bezahlt!) oder ist es dem ursprünglichen Eigentümer, dem das Gut gestohlen wurde, zurückzugeben? Artikel 34 sah dafür eine differenzierte Lösung vor. Der Käufer, der einen Gegenstand auf dem Markt erworben hatte (in foro de Murat publice ... sine alicuius contradictione), sollte den erworbenen Gegenstand behalten können; hatte er jedoch den Gegenstand heimlich (intra domum tacite) erworben und war nachgewiesen, dass es Diebesgut war, so sollte er ihn zurückgeben und damit das an den Verkäufer gezahlte Geld verlieren. Unter noch dubioseren Umständen jedoch, nämlich wenn der Kauf ausserhalb der Stadt im Wald (extra uillam in nemoribus uel indeuiis) abgewickelt worden war, sollte der Käufer nicht nur den Gegenstand dem wahren Eigentümer zurückgeben, sondern auch dem Schultheissen 60 Schillinge zahlen.22 Damit bietet das Stadtrecht von Murten eine gestaffelte Lösung, die das Vertrauen des Käufers berücksichtigt: Beim öffentlichen, ohne Widerspruch von Dritten erfolgten Marktkauf durfte er darauf vertrauen, dass er die Sache behalten darf; der unter dubiosen Umständen abgewickelte Kauf liess ein solches Vertrauen jedoch nicht entstehen.

Über das Privatrecht hinaus enthalten mittelalterliche Stadtrechte häufig gerichtliche Verfahrensvorschriften. So regelt die Murtner Rechtsaufzeichnung die Ladung durch den Gerichtsdiener sowie das Nichterscheinen des Klägers vor Gericht (Artikel 35 und 36), darüber hinaus behandelt sie die ungerechtfertigte Ladung vor Gericht (Artikel 37) sowie die Reihenfolge der Behandlung der anhängigen Klagesachen. Dieser Artikel 38 sieht vor: Illius uero causa qui primo citari fecit, prius est terminanda, et si dubitetur, quis primus citari fecerit, preconis assertioni super hoc est credendum. Über die sehr nachvollziehbare Lösung, Gerichtssachen nach Ladungszeit zu behandeln (und nicht nach sozialer Stellung innerhalb der Stadt oder anderen Kriterien), enthält der Satz noch eine weitere Regelung, nämlich zur Lösung des Streits um die Ladungszeit: Der Aussage des Gerichtsdieners (preco) über die Reihenfolge der Ladung ist zu glauben. Damit sollten weitere Auseinandersetzungen unterbunden werden.

Zum Abschluss sei aus der Auflistung von Rechten noch ein wesentlicher Grundpfeiler städtischer Freiheit vorgestellt, nämlich der Grundsatz „Stadtluft macht frei“.23 Im Gegensatz zum modernen Staat, in dem alle Menschen prinzipiell frei sind, waren viele Menschen im Mittelalter ‚gebunden‘. Sie waren einer Grundherrschaft zugeordnet oder standen in einem sonstigen Abhängigkeitsverhältnis, waren leibeigen, hörig, oder wachszinsig. Zwischen den beiden Extremen ‚unfrei‘ und ‚frei‘ lassen sich verschiedene Stufen der Abhängigkeit skalar verorten. Diese Formen der Unfreiheit liessen sich durch einen Aufenthalt in der Stadt Murten durchbrechen (Artikel 15): Si uero aliquis pro libero se gesserit, et uoluerit burgensis fieri nec aliquis contradixerit, tenentur ipsum ciues recipere in burgensem. Diese gegenüber Neubürgern sehr freundliche Vorschrift wurde aber unmittelbar wieder eingeschränkt (Artikel 16): Si uero infra annum aliquis ipsum tamquam seruum suum reclamauerit, auditur, et probato per septem de sua progenie, quod de familia sua sit, ipsum debet habere; si uero dominus annum et diem tacuerit, postquam sciuit ipsum esse burgensem, ex tunc non auditur, set pro libero reputatur. In dieser Vorschrift ist der ‚Fristablauf‘ nach „Jahr und Tag“ (also wohl ein Jahr, sechs Wochen und drei Tage24) ein wesentlicher Einschnitt: Während derjenige, der reklamiert, Herr zu sein, innerhalb der Frist noch gehört wird und mit sieben Zeugen aus seiner Grundherrschaft seinen Anspruch beweisen kann, wird er jedoch nicht mehr gehört, wenn er trotz Wissens um den Verbleib des vormaligen Abhängigen länger als Jahr und Tag schweigt und keine Klage erhebt. Widersprach der Herr also nicht binnen „Jahr und Tag“, so hatte er sein Recht an dem ehemals von ihm Abhängigen verloren – dieser war nur frei und konnte Murtner Bürger bleiben.

Der Zeugenbeweis per septem ist noch einen zweiten Blick wert. Was bedeutet, dass er „mit sieben“ den Beweis führen soll? Damit ist nicht gemeint, dass er sieben Zeugen anführt, die – vergleichbar den heutigen Zeugen – selbst Wahrgenommenes bekunden; vielmehr sind wohl Eidhelfer gemeint. Eidhelfer bekräftigen den Eid des Eidführers als nicht-meineidig. Sie stützen sich dabei auf den Leumund und das (soziale) Renomee eines Eidleistenden, über Tatsachen sagen sie nichts aus. Die Siebenzahl sowie die besondere Qualität dieser ‚Zeugen‘ – sie dürfen keine ‚Zufallszeugen‘ sein, die etwas über den früheren Stand des Neubürgers wissen, sondern müssen aus seiner Grundherrschaft stammen (de sua progenie) – deuten hier auf Eidhelfer hin. Das Institut der Eidhelfer verschwand mit der Durchsetzung des Zweizeugen-Beweises des römischen Rechts spätestens in der Frühen Neuzeit.25

Rückblickend auf die hier näher vorgestellten Artikel lässt sich festhalten, dass das Stadtrecht von Murten ein buntes und vielseitiges Bild vom Leben in der mittelalterlichen Stadt zeichnet. Es behandelt sowohl die Struktur der Stadt (was wir heute als ‚Verfassung‘ bezeichnen würden), hält Regeln zum Ausgleich von Unrecht parat (‚Strafrecht‘ wäre die moderne Terminologie) und gibt Vorschläge, wie die Beziehungen der Bürger untereinander auszugleichen sind (mit dem heutigen ‚Privatrecht‘ vergleichbar). Darüber hinaus enthält es viele Vorschriften zum Verfahrensrecht. Auch wenn einige der Vorschriften aus heutiger Sicht archaisch wirken mögen, erscheinen sie aus Sicht der damaligen Gesellschaft doch sinnvoll. Ob das Stadtrecht von Murten jedoch auch so angewendet wurde, wie es niedergeschrieben worden war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Weder ist die Geltungskraft von normativen Texten im Mittelalter eindeutig zu bestimmen noch erhellen Gerichtsurteile die Murtner Praxis.26

Sicher ist jedoch, dass die Stadtrechtsurkunde von Murten eine gewisse Berühmtheit innerhalb der Forschung erlangt hat. Diese beruht auf ihrer Verbindung zu Freiburg im Breisgau, einer ebenfalls zähringischen Stadt, deren ältestes Stadtrecht wohl auf ‚um 1120‘ zu datieren ist.27 Die verschiedenen Versionen des Stadtrechts von Freiburg waren jedenfalls Grundlage für eine Vielzahl zähringischer Städte: Deutliche sprachliche Spuren hat das Freiburger Stadtrecht in Freiburg im Üechtland, Flumet (in den Savoyer Alpen), Diessenhofen (bei Schaffhausen), in Bern sowie in Kenzingen (nördlich von Freiburg im Breisgau) hinterlassen.28 Solche Spuren sind im Stadtrecht von Murten nicht mehr zu finden. Es weist jedoch explizit auf den Stadtgründer, einen Zähringer hin, und enthält darüber hinaus auch inhaltlich Anklänge an die Zähringer Stadtrechte. Das Hofstättensystem, die freie Schultheissenwahl, die Allmende sowie die Androhung des Hand- oder Kopfverlusts finden sich so oder leicht verändert in Flumet, Diessenhoffen und Freiburg / Üechtland wieder. Dennoch haben die Murtner Bürger diese Rechte mit eigenen Rechtstraditionen lose zu einem selbständigen Stadtrecht verarbeitet – so ist etwa die differenzierte Regelung des Marktkaufs in anderen Stadtrechten nicht zu finden.29 Vielleicht beruht das Murtner Stadtrecht (jedenfalls im zweiten Teil) auf mündlich tradierten Rechtsvorstellungen, die Mitte des 13. Jahrhunderts erstmals schriftlich fixiert wurden.30

Zum Abschluss dieser kurzen Einführung in das Murtner Stadtrecht seien noch einige Hinweise auf die sprachliche Gestaltung gegeben. Im Stadtrecht finden sich teils Varianten zum klassischen Latein, teils ‚Schreibfehler‘, zum Beispiel: contraat statt contrahat (Artikel 28), advocoto statt advocato (Artikel 53), contempta statt contenta (Artikel 17), fideiuxores statt fideiussores (Artikel 19) sowie hostium statt ostium (Artikel 20). Gerade die letzten Fehler könnten auch auf ein verbal vermitteltes Latein zurückgehen. Darüber hinaus ist ein volkssprachlicher Einschub verwendet, um einen Rechtsterminus zu verdeutlichen: si aliquis … forefactum fecerit, quod uulgo dicitur fraualli (Artikel 19). Ein anderes Mal wechselt mitten im Satz das Subjekt: er – der ehemalige Herr – wird nicht mehr gehört, sondern er – der ehemals Abhängige – wird als freier Bürger angesehen (ex tunc non auditur, set pro libero reputatur; Artikel 16). Zudem erschliesst sich das Gemeinte häufig erst bei genauerer Analyse: beispielsweise ist in der marktrechtlichen Vorschrift31 der eingesetzte Kaufpreis einmal mit sors, ein anderes Mal mit precium bezeichnet; die Kaufsache wird sowohl als pro eo wie als pro ea umschrieben.

Mit ihren volkssprachlichen Einschüben und den lateinischen Varianten ist die Murtner Stadtrechtsurkunde aus dem 13. Jahrhundert ein gutes Beispiel für das gelebte Latein des Mittelalters. Gerade deswegen können die Murtner Urkunde wie auch andere mittelalterliche Stadtrechte eine nützliche Quelle sein, anhand derer Schüler die spätere Sprachentwicklung kennenlernen können. Zudem zeigen Stadtrechte, dass Latein keine ferne Sprache der Antike darstellt, sondern ‚vor der Haustür‘ zu finden ist.32 Und nicht zuletzt bietet der Inhalt mittelalterlicher Stadtrechte einen bunten Einblick in eine ganz andere Welt des Zusammenlebens, in der Menschen mit denselben Sachproblemen wie heute konfrontiert waren, diese aber teilweise ganz anders lösten.

Stephan Dusil

1 Zur Stadtgeschichte von Murten siehe Hermann Schöpfer, Art. Murten 2., in: Historisches Lexikon der Schweiz, online: >http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D1014.php (zuletzt besucht am 21.6.2016); Markus F. Rubli / Heini Stucki, Murten. Gegenwart und Vergangenheit, Murten 2002, insbes. 21–54; im 19. Jahrhundert erschien Johann Friedrich Ludwig Engelhard, Der Stadt Murten Chronik und Bürgerbuch, Bern 1828; einen ersten Überblick vermittelt auch Pascal Ladner, Murten, in: Badische Heimat 50, 1970, 72–84 (online: http://www.badische-heimat.de/heft/reprint/1970_1_zaehringerstaedte.pdf, zuletzt besucht am 21.6.2016). (> Text)

2 Zu F. E. Welti: Thomas Schmid, Art. Welti, Friedrich Emil, in: Historisches Lexikon der Schweiz, online: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D32177.php (zuletzt besucht am 5.7.2016). (> Text)

3 Das Stadtrecht von Murten ist ediert: Friedrich Emil Welti (Hg.), Die Rechtsquellen des Kantons Freiburg, Erster Teil: Stadtrechte, Erster Band: Das Stadtrecht von Murten, Aarau 1925 (Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, IX: Die Rechtsquellen des Kantons Freiburg 1, 1, 1), Nr. 4, 2–9; online: https://www.ssrq-sds-fds.ch/online/FR_I_1_1/index.html#p_III (zuletzt besucht: 15.8.2016). Eine – teilweise nicht ganz treffende – deutsche Übersetzung findet sich in: Jahrhundertfeiern Murten 1476–1976 / Fêtes Commémoratives Morat 1476–1976, Murten 1977, 28–33. (> Text)

4 Das Stadtrecht ist vorgestellt von Friedrich Emil Welti, Der Stadtrotel von Murten, in: Freiburger Geschichtsblätter 18, 1911, 115–151, zur Datierung 122, 137. (> Text)

5 Welti, Stadtrotel von Murten (Anm. 4), 122. (> Text)

6 Für eine Entstehung in der Mitte der 1250er Jahre wohl auch Urs Martin Zahnd, König, Reich und Stadt. Einige Bemerkungen zu Stadtrechten und politischem Alltag in Bern, Solothurn und Murten im 13./14. Jahrhundert, in: Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz 152, 1999, 57–83, hier 71. (> Text)

7 Vertiefend Welti, Stadtrotel von Murten (Anm. 4), 122–123. (> Text)

8 Zu Urkunden siehe J. Spiegel, Art. Urkunde, -nwesen, A. Westliches Abendland, I. Allgemein und Deutsches Reich, in: Lexikon des Mittelalters 8, München 1997, 1298–1302. (> Text)

9 Einige inhaltliche Aspekte des Murtner Stadtrechts heben Rubli / Stucki, Murten (Anm. 1), 28–30 hervor. (> Text)

10 In Murten ist für ‚Willkür‘ jedoch der Begriff consuetudines verwendet. Zur Willkür siehe die Studie von Wilhelm Ebel, Die Willkür. Eine Studie zu den Denkformen des älteren deutschen Rechts, Göttingen 1953 (Göttinger Rechtswissenschaftliche Studien 6). (> Text)

11 Zum Stadtrecht siehe: Andreas Thier, Art. Stadtrecht, in: Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts, hg. Jürgen Basedow, Klaus J. Hopt, Reinhard Zimmermann, Band 2: Tübingen 2009, 1434–1437; sowie die Monographien: Gerhard Dilcher, Bürgerrecht und Stadtverfassung im europäischen Mittelalter, Köln 1996; Karl S. Bader / Gerhard Dilcher, Deutsche Rechtsgeschichte. Land und Stadt – Bürger und Bauer im Alten Europa, Berlin 1999; Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550. Stadtgestalt, Recht, Verfassung, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, 2. Aufl., Köln 2014. (> Text)

12 Siehe Marita Blattmann, Das Berner Hofstättensystem, in: Hans Schadek, Karl Schmidt (Hg.), Die Zähringer. Anstoß und Wirkung, Sigmaringen 1986, 250f (Nr. 207). (> Text)

13 Den Begriff „zähringisches Hofstättensystem“ verwenden Beat Gassner / Janine Mathez, Bericht über die Aufnahme des Kellerplans der Berner Altstadt, in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 44, 1982, 20–45, 28. (> Text)

14 pastor kann natürlich sowohl ‚Schäfer‘ wie ‚Pfarrer‘ bedeuten. Im Zusammenhang mit den custodes segetum ist indes eine Übersetzung als ‚Schäfer‘ vorzuziehen, zumal Murten nicht als Stadt bekannt ist, die das Recht der freien Pfarrerwahl besessen hat, vgl. Dietrich Kurze, Pfarrerwahlen im Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte der Gemeinde und des Niederkirchenwesens, Köln/Graz 1966 (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht 6); jedoch a.a.O., 408–434, zur Pfarrerwahl in den Tochterstädten von Freiburg im Breisgau. (> Text)

15 Das freie Fischrecht (Artikel 8) wurde jedoch bei Anwesenheit des Stadtherrn auf eine solche Weise eingeschränkt, dass die Fischer ihren Fang zur Verfügung stellen mussten: Preterea uoluit, ut liberum sit cuilibet, qui uelit et sciat, piscari in lacu sine alicuius seruicii datione, preterquam domino uel eius speciali nuncio, cui gubernationem conmiserit terre sue, et tunc cum ille in propria persona uenerit, tenentur piscatores sua recia tendere prout melius sciuerint, et quicquid in eis ceperint, sine retentione aliqua in eius presentia adportare, et debent in eius curia manducare […]. (> Text)

16 Zur Zweiteilung siehe Welti, Stadtrotel von Murten (Anm. 4), 130; Marita Blattmann, Die Freiburger Stadtrechte zur Zeit der Zähringer. Rekonstruktion der verlorenen Urkunden und Aufzeichnungen des 12. und 13. Jahrhunderts, 2 Bände, Freiburg 1991, 317f. Ob diese Zweiteilung zugleich bedeutet, dass zwei verschiedene Vorlagen miteinander verschmolzen sind, muss hier nicht entschieden werden. (> Text)

17 Diesen Gedanken betont Gerhard Dilcher, Rechtshistorische Aspekte des Stadtbegriffs, in: ders. (Hg.), Bürgerrecht und Stadtverfassung im europäischen Mittelalter, Köln / Weimar / Wien 1996, 67–94 sowie Gerhard Dilcher, Friede durch Recht, in: Johannes Fried (Hg.), Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter, Sigmaringen 1996 (Vorträge und Forschungen 43), 203–227, insbes. 222–225. (> Text)

18 Eine aktuelle Einführung in die Strafrechtsgeschichte des Mittelalters ist derzeit nicht erhältlich. Die ältere umfassende Darstellung von Eberhard Schmidt, Einführung in die Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl., Göttingen 1965, ist überholt. Als neuer Einstieg kann dienen: Wolfgang Schild, Folter, Pranger, Scheiterhaufen. Rechtsprechung im Mittelalter, München 2010. (> Text)

19 Art. 17: Preterea cum aliquis burgensium filiam suam tradit nuptui, assignata ei dote sua, in hereditate patris uel matris aliquid reclamare non debet, quamdiu alii heredes existunt, set sua debet esse dote contempta [contenta]. (> Text)

20 Vgl. Thomas Olechowski, Art. Aussteuer, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, hg. Albrecht Cordes, Heiner Lück u.a., 2. Aufl., Band 1, Berlin 2008, 384–386. (> Text)

21 Dies mag sich mit den Stadtrechtsreformationen ab dem 16. Jahrhundert und dem verstärkten Einfluss des römischen Rechts jedoch ändern. Eine moderne Überblicksdarstellung zum ‚deutschen Privatrecht‘ des Mittelalters fehlt. Klassisch sind die Darstellungen von Otto von Gierke, Deutsches Privatrecht, 4 Bände, Berlin 1895–2010 sowie Rudolf Hübner, Grundzüge des deutschen Privatrechts, 5. Aufl., Leipzig 1939, die aber wegen ihrer Rekonstruktionsmethode stark kritisiert wurden sowie durch viele Einzelstudien überholt sind. Einen kondensierten Einstieg bieten Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte. Bis 1250, 13. Aufl., Köln 2008 sowie Karl Kroeschell / Albrecht Cordes / Karin Nehlsen-von Stryk, Deutsche Rechtsgeschichte. 1250–1650, 9. Aufl., Köln 2008. (> Text)

22 Artikel 34: Si quis in foro de Murat publice aliquid emerit sine alicuius contradictione, non debet amittere sortem quam pro eo dedit quantumcunque res fuerit uiciosa, si uero intra domum tacite emerit, probato quod res fuerit furtiua uel ablata, tenetur eam restituere qui sic emit, et amittit sortem suam, si uero extra uillam in nemoribus uel indeuiis, perdit precium, quod pro ea dedit, et rem restituit, et sculteto LX solidos tenetur emendare. (> Text)

23 Eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema bietet anhand westfälischer Quellen: Volker Henn, „Stadtluft macht frei“? Beobachtungen an westfälischen Quellen des 12. bis 14. Jahrhunderts, in: Gerhard Köhn (Hg.), Soest. Stadt–Territorium–Reich. Festschrift zum 100jährigen Bestehen des Vereins für Geschichte und Heimatpflege Soest, Soest 1981, 181–213. (> Text)

24 Zu dieser Frist und ihrer Berechnung siehe Stephan Dusil, Art. Jahr und Tag, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, hg. Albrecht Cordes / Heiner Lück u.a., 2. Auflage, Band 2, Berlin 2011, 1348–1350. (> Text)

25 Vgl. Jürgen Weitzel, Art. Eideshelfer, in: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, hg. Albrecht Cordes, Heiner Lück u.a., 2. Aufl., Band 1, Berlin 2008, 1261–1263. (> Text)

26 Gerichtsurteile sind in Murten erst seit dem frühen 16. Jahrhundert überliefert. (> Text)

27 Siehe Blattmann, Freiburger Stadtrechte (Anm. 16). (> Text)

28 Grundlegend Blattmann, Freiburger Stadtrechte (Anm. 16), über die sich die älteren Diskussionen leicht erschliessen. (> Text)

29 Blattmann, Freiburger Stadtrechte (Anm. 16), 315–322 sowie Tabelle 17, 522–527. Ohne die dreifache Differenzierung beim Kauf sind: Tennenbacher Text, Art. 29 / Freiburger Stadtrodel, Art. 58, 29 sowie Bern, Art. 38 (a.a.O., 544 sowie 622). (> Text)

30 Marita Blattmann, Stadtrodel von Murten, in: Hans Schadek, Karl Schmidt (Hg.), Die Zähringer. Anstoß und Wirkung, Sigmaringen 1986, 299 (Nr. 266) überlegt, ob es sich um „eine späte Fixierung von nur mündlich erteilten Bestimmungen handelt“. (> Text)

31 Artikel 34, siehe Anm. 22. (> Text)

32 Die mittelalterlichen Stadtrechte sind über die „Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen“ gut erschlossen, die inzwischen auch online verfügbar ist: https://www.ssrq-sds-fds.ch/online/. Über Stadtrechte hinaus erlauben auch Privilegien (für Klöster, Städte, etc) einen Blick auf das Latein des Mittelalters. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Invitation à l’assemblée générale de l’ASPC
Invito all’Assemblea generale dell’ASFC
Einladung zur Jahresversammlung des SAV

Chères et chers collègues, care colleghe e cari colleghi, liebe Kolleginnen und Kollegen
Der Vorstand des SAV freut sich, Sie zur ordentlichen Jahresversammlung der Mitglieder einzuladen.

Freitag, 25. November 2016, in Wettingen, Kantonsschule, Kollegiumsplatz 11. Zimmernummer und Ausschilderung wird vor Ort vorhanden sein.

14.00Podiumsdiskussion: Welche Weiterbildung brauchen wir?
Referenten und Diskutanten: Marc König, Rektor, Präsident der KSGR, St. Gallen; Madeleine Rousset, Rektorin, Genf; Stefan Dick, Verband Schweizerischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer (VSR); Carole Sierro, Präsidentin VSG
Leitung: Andreas Pfister, Zug
16.15Jahresversammung des SAV 2016

Tagesordnung/Ordre du jour

  1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l’assemblée 2015
  2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président
  3. Finanzen / Finances
    Kassabericht; Revisorenbericht; Mitgliederbeitrag; Budget
  4. Wahlen / Élections
    Präsidium (Lucius Hartmann); neue Vorstandsmitglieder (Martin Stüssi, NN); Delegierte (Melanie Kissling); Revisor (Thomas Dewes)
  5. Anträge/Mitteilungen des Vorstands / Motions et propositions du comité
    Kongress Gymnasium–Universität zum Thema „Wissenschaftspropädeutik“ vom 11./12. September 2017 in Bern
    Weiterbildungen des SAV
  6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres
    Bitte Anträge und Vorschläge bis am 20. November an martin.mueller@philologia.ch richten.
  7. Varia
17.15Vortrag Dr. Michel Aberson: „Nouveautés dans la recherche en épigraphie antique sur le territoire de la Suisse actuelle“.
18.30Apéro und Essen im Restaurant Camino (Klosterstübli)
Klosterstrasse 13, 5430 Wettingen, www.ilcamino.ch

cordiales salutations   cari saluti   herzliche Grüsse
Martin Müller, Präsident

Anmeldung für das Essen (mit Wahl : Fleisch, Fisch, vegetarisch) bis am 20. November 2016 an / Inscription pour le repas (avec mention viande / pêche / végétarien) jusqu’au 20 novembre 2016 à: martin.mueller@philologia.ch
Menüvorschläge (je ca. 45 Fr.; Vorspeise: Salat, Dessert: Tiramisu):
Fleisch (Schweinsbraten), Fisch (Schollenfilet), Vegetarisch (Steinpilzrisotto)

Danksagungen

Ein Verband funktioniert, wenn seine Organe besetzt sind und ihre Funktionen erfüllen. Der Schweizerische Altphilologenverband hat bis heute bemerkenswert gut funktioniert. Dies, weil zahlreiche Personen jahraus, jahrein ihre Aufgaben sehr gut erfüllen und darüber hinaus die Entwicklung des Verbands mit ihren Beiträgen weiterbringen. Es ist mir deshalb ein Anliegen, an dieser Stelle meinen grossen Dank all jenen auszusprechen, die sich für den SAV einsetzen: die Mitglieder des Vorstands, die Delegierten, die Revisoren, die Kantonskorrespondenten.

In meinen Dank möchte ich besonders diejenigen einschliessen, die sich in diesem Jahr aus ihren Ämtern zurückgezogen haben.

Christine Stuber hat sich schweren Herzens entschlossen, den Vorstand zu verlassen. Sie hat im September 2011 zum ersten Mal an einer Vorstandssitzung teilgenommen und seither mit grossem Engagement zum Gelingen der Vorstandsarbeit beigetragen. Sie hat über die fünf Jahre hinweg zahlreiche Protokolle von hoher Qualität verfasst. Wir werden aber nicht nur ihre Arbeit vermissen, sondern vor allem auch sie selbst, die wir als eine liebenswürdige Kollegin kennen- und schätzen gelernt haben. Wir wünschen Christine viel Zuversicht, Gesundheit und alles Gute. Herzlichen Dank für alles!

Mathias Geiser ist als Revisor zurückgetreten. Ich danke ihm für die anspruchsvolle und unschätzbare Arbeit, die er über viele Jahre hinweg geleistet hat.

Dominik Humbel möchte sich noch mehr seiner Aufgabe als Lehrer widmen und hat sich deshalb als Delegierter des SAV zurückgezogen. Seine Teilnahme an den VSG- sowie SAV-Jahresversammlungen waren immer bereichernd. Herzlichen Dank auch ihm für seinen Einsatz.

Ich wünsche allen drei alles Gute für ihre Zukunft.

Martin Müller
Präsident des SAV

ΑΓΩΝ ΕΛΒΕΤΙΟΣ – CERTAMEN HELVETICVM 2017

Im Schuljahr 2016/17 veranstaltet der SAV einen Wettbewerb, bei dem ein griechi­scher und/oder lateinischer Text bearbeitet werden soll. Teilnahmeberechtigt sind Schülerinnen und Schüler, der letzten drei Jahre vor dem Abschluss des Faches (d.h. in der Regel in der drittletzten, zweitletzten und letzten Klasse vor der Matur). Die besten drei Arbeiten werden mit Büchergutscheinen (300 CHF für beste Arbeit, 200 CHF und 100 CHF für zweit- und drittplatzierte Arbeiten) belohnt.

Die Teilnahme am Wettbewerb erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung (eigenständige Interpretation) mit einem lateinischen Originaltext in Form eines Essays (siehe dazu Merkblatt Essay auf der Website). In dieser Auseinander­setzung mit dem Text können die Schülerinnen und Schüler über Inhalt und sprachliche Form der Texte nachdenken sowie die überlieferten Normen und Verhaltens­weisen und literarischen Ausdrucksformen zu modernen in Beziehung setzen. Dabei wird keine vollständige Übersetzung erwartet, das Essay sollte aber erkennen lassen, dass die Auseinandersetzung mit dem Originaltext im Vor­dergrund steht. Dies kann z.B. geschehen, indem Ausschnitte der selbst verfassten Übersetzung in den Text einfliessen.

Die Arbeiten sind in einer Schweizer Landessprache abzufassen. Die Ein­reichung erfolgt über die Lehrperson (elektronisch und ein Exemplar in Papierform; zusätzlich ist eine von der Schülerin oder Schüler unterschriebene Be­stä­tigung beizulegen, dass die Arbeit selbständig verfasst worden ist). Die Lehrperson ist gebeten, der Schülerin oder dem Schüler unterstützend zur Seite zu stehen (z.B. Tipps zum Verfassen eines Essays), soll aber weder inhaltlich noch korrigierend eingreifen. Die Gewinner werden schriftlich vor den Sommerferien benachrichtigt.

ThemaFlucht (Homer, Odyssee 6, 139–210 und/oder Vergil, Aeneis 1, 520–578)
(Details auf der Website)
Abgabetermin des Essays:31.3.2017
Einreichung:Daniel Rutz, Melibündtenweg 22, 8887 Mels
daniel.rutz@philologia.ch
Elektronische Form:PDF-Datei 3–5 Seiten, Schriftgrösse 12pt, Zeilenabstand 1.5, max. 20000 Zeichen (mit Leerzeichen)
Jury:Prof. Dr. Rudolf Wachter, Dr. Beno Meier, Chris­tine Stuber
Weitere Hinweise:http://www.philologia.ch/Schule/certamen.php
Daniel Rutz

5. Schweizerischer Lateintag am Samstag, 5. Nov. 2015 im Campus Brugg-Windisch

Der diesjährige Lateintag steht unter dem Motto „PER OMNIA SAECULA FAMA“ – DURCH ALLE ZEITEN IM GESPRÄCH. Ziel ist, das Kulturerbe und die Bedeutung der lateinischen Sprache quer durch alle Zeiten einer breiteren Öffentlichkeit aufzuzeigen. Latein als Grundlagensprache verbindet Europa und über die wirtschaftlichen und medialen Kanäle die übrigen Kontinente. Neu erfolgen 4 Referate in romanischen (Französisch und Italienisch) Sprachen, zwei haben Erasmus von Rotterdam zum Inhalt, der die Sprache als Sprengstoff verstand, Grenzen überschritt und sich für eine auf völliger Geistesfreiheit beruhende Überparteilichkeit einsetzte. Die erwarteten 600 Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf spannende Referate, auf szenische Darstellungen „SETZ DICH IN SZENE! DENKWÜRDIGE MOMENTE AUS MYTHOS UND GESCHICHTE“, vorgetragen durch Schulklassen, wie auch auf ein abwechslungreiches Rahmenprogramm freuen. Der Anlass findet im Campus Brugg-Windisch und im Vindonissa-Museum statt. Im Programm finden sich vielseitige und spannende Angebote für jeden Geschmack. Jugendliche (*) wie Lateinkenner/-innen (a) und Personen, die keine Lateinkenntnisse (n) haben, kommen auf die Rechnung. Latein als die erfolgreichste Sprache der Welt (regina linguarum) verbindet und baut Brücken über alle Generationen und Kontinente.

Der Trägerverein, der aus über 230 Mitgliedern besteht und schweizweit abgestützt ist, bildet das Rückgrat des Lateintages. Mehr dazu finden Sie unter www.lateintag.ch. Das Präsidium Lateintag wird von der Professur Didaktik der romanischen Sprachen und ihre Disziplinen, Prof. Dr. Giuseppe Manno, und dem ISEKI&II der PH FHNW getragen.

Pius Meyer, Dozent für Fachdidaktik Latein SEKI
an der PH FHNW, Präsident OK Lateintag

Das „Veni vidi vici“ fünfzig Jahre alt

Veni vidi vici

In diesem Jahr ist die längst zum Standardwerk gewordene Sammlung ge­flü­gelter Worte „Veni vidi vici“ mit ihrer 15., wiederum „durchgesehenen und er­gänzten“ Auflage fünfzig Jahre alt geworden. Wir haben den Autor, unseren Zürcher Kollegen Klaus Bartels, um einen Beitrag zu diesen „Zugvögeln“ aus der griechischen und römischen Welt und seinem Liber quinquagenarius gebeten:

Verba volant ...

Ein „Carpe diem“ oder ein „Alea iacta est“, ein „Panta rhei“ oder ein „Heu­reka“: Derlei vielzitierte „geflügelte“ Worte sind das quicklebendigste, unverwüstlich­ste – und, sit venia verbo: auch das strapazierfähigste – Latein und Griechisch und das einzige, das heute ausserhalb der Schule, da draussen „im Leben“, al­lenthalben noch begegnet oder eher: herumfliegt. Man muss nicht mit Caesar auf und ab durch das dreigeteilte Gallien gezogen sein, um einmal auf einem Ceterum censeo zu beharren, den Advocatus diaboli zu spielen oder nach einem Deus ex machina Ausschau zu halten. Ein klassisches „Carpe diem“ begrüsst den Gast über dem Eingang des Ferienhauses und oft genug schon auf der Fuss­mat­te davor; ein Reisebüro firmiert mit der Frage des Petrus an Jesus „Quo va­dis?“; ein prächtiges „PANTA RHEI“ prangt in goldenen Lettern auf dem Bug des jüngsten Zürichseeschiffs; der Jubelruf „Heureka“ hat mit seinem Vorderteil für einen landwirtschaftlichen Heuwender und mit seinem Hinterteil für die Büchersuchmaschine Libreka herhalten müssen.

Aber diese geflügelten Worte sind durchweg zugleich entflogene Worte, und sie tragen kein Ringlein am Fuss, auf dem Autor und Werk, Buch und Kapitel, Flugrouten und Rastplätze säuberlich verzeichnet wären. Viele haben ihre alten Text- und Sinnbezüge verloren und neue Bezüge und neue Bedeutung gewonnen. Caesars „Alea iacta est“ bedeutete ja keineswegs, dass da am Rubikon ein Würfel „gefallen“ sei; die Turnerdevise „Mens sana in corpore sano“ war ursprünglich ein guter Rat für ein reueloses Beten; der „springende Punkt“ ist einem Aristotelischen Forschungslabor und dort wirklich einem Ei entsprungen. Drogenhandel und Geldwäscherei haben dem Vespasianischen „Non olet“ neue anrüchige Bezüge gegeben; die Mahnung „Principiis obsta“ aus Ovids Hausapo­the­ke gegen Liebesschmerz und Liebesqual und Juvenals hintersinnige Frage „Quis custodit custodes?“ sind aus der erotischen Sphäre in die politische überge­wechselt, und die letzte fragt neuerdings: „Wer späht die Ausspäher aus?“ Und so fort, und so fort.

*

Habent sua fata libelli“: Im Herbst 1966 hatte ich, seit meinen Studienjahren ein Freund dieser geflügelten Worte, im bescheidenen Format der Reihe „Lebendige Antike“ im Zürcher Artemis Verlag ein erstes schmales „Veni vidi vici“ herausgeben können. Bereits im Frühjahr 1967 hatte das broschierte Bändchen – Nomen est omen! – seine 2. Auflage; in zwei Neuausgaben ist es seit­her zu einem stattlichen Band von weit mehr als dem doppelten Umfang heran­gewachsen. 1989 erschien eine handfest gebundene „grundlegend erneuerte und wesentlich erweiterte“ 7. Auflage, die dann auch als Taschenbuch herauskam und es im Deutschen Taschenbuch Verlag auf zehn – gesondert gezählte – Aufla­gen brachte. 2006 folgte bei Philipp von Zabern, jetzt in der WBG, eine nochmals „durchgehend erneuerte und erweiterte“ bibliophil gestaltete 11. Auflage, die in vier weiteren Auflagen stetig neue Jahresringe angesetzt hat. Die Gesamtauf­lage dieses „Veni vidi vici“ geht inzwischen einiges über die Hunderttausend hinaus.

Die jüngste Auflage erklärt die Prägungs- und Zitiergeschichte von gegen 500 griechischen und lateinischen geflügelten Worten – wobei die lateinischen, versteht sich, die grosse Mehrzahl ausmachen – und verzeichnet gegen 300 Stück „Kleingeflügel“ von a maiori bis vulgo. In dieser 15. Auflage ist u. a. der durch C. G. Jung neu beflügelte, auf ein Delphisches Orakel bei Thukydides und eine Horazische Ode zurückgehende Spruch „Vocatus atque non vocatus Deus aderit“ neu hinzugekommen. Immer wieder konnten zahlreiche Zitate, Abwandlun­gen und Anspielungen neu nachgewiesen werden. Hie und da ist noch ein banaler Druckfehler korrigiert worden, nicht jedoch der köstliche, den ein über beide Ohren verliebtes Druckfehlerteufelchen in die 11. Auflage hinein­ge­heimnist hat: Diesen tollen Geniestreich – er findet sich auf S. 31 – habe ich seither von Auflage zu Auflage gegen alle Korrektorengelüste verteidigt und am Ende des Vorworts gebührend gewürdigt: „Omnia vincit amor …

Zu dem nachweisgespickten ornitho-philologischen Nachschlagewerk ist kürz­lich noch ein „Lesebuch“ hinzugekommen, das die vergessenen, oft entle­genen Nistplätze dieser Zugvögel aus der Antike ausführlicher zitiert und die vielfach verwunderlichen Irrflüge und verwirrlichen Federwechsel im Einzelnen nach­zeichnet. Daraus zitieren wir zu Ehren des Liber quinquagenarius:

Geflügelte Worte

Habent sua fata libelli

Habent sua fata libelli“, „Sie haben ihre je eigenen Schicksale, die Büchlein“: Das gilt, wie für die vielen hier so liebevoll angesprochenen „Büchlein“ mit ihren vielerlei Leseschicksalen, so für die vielen daraus aufgeflogenen Zitate mit ihren vielerlei Zitierschicksalen, und ebendieses geflügelte Wort ist dafür ein so interessantes wie reizvolles Beispiel. Es stammt aus einer längst vergessenen Schrift des spätantiken Philologen und Metrikers Terentianus Maurus „Über die Silben“ im epischen Versmass, die der Autor prätenziöserweise selbst in epische Verse gekleidet hat; im Jahre 1493 ist sie in der italienischen Benediktiner-Abtei S. Colombano bei Bobbio in der Provinz Piacenza wieder aufgefunden worden.

Im Nachwort hatte Terentianus, wie die rhetorische Kunst es empfiehlt, die zu erwartende herbe Kollegenkritik vorweggenommen: Vielleicht werde einer dieser Kritikaster nicht anstehen zu sagen, das Buch mache allzu viele Worte; vielleicht werde ein „weit Verdienstvollerer“ meinen, es bringe doch nur wenig Neues – er selbst habe schon weit mehr gefunden; vielleicht werde ein träger und ungeduldiger Geist es für allzu dunkel, allzu schwer verständlich halten: „Forsitan hunc aliquis verbosum dicere librum / non dubitet; forsan multo praestantior alter / pauca reperta putet, cum plura invenerit ipse. / Deses et impa­tiens nimis haec obscura putabit.“ Und nachdem er so genüsslich vier Verse weit ausgeholt hat, schlägt er mit dem fünften zu: „Pro captu lectoris habent sua fata libelli“, „Je nach der Fassungskraft des Lesers haben sie ihre Schicksale, die Büchlein“. Er meint es im Sinne des Lichtenbergschen Aphorismus: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstossen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ Nach der Erstausgabe der Terentianischen Schrift im Jahre 1497 mochten die Humanisten des 16. Jahrhunderts, die späten Kollegen und damit Konsor­ten, „Schicksalsgenossen, Leidensgenossen“, jenes Terentianus Maurus, das gelehrte Zitat auf mancherlei unliebsame, eitle Beckmesserei münzen, und die Kenner unter sich auch ohne den Klartext jenes „Pro captu lectoris …“, dafür mit einem fröhlichen Augenzwinkern.

Seit der Renaissance ist jenes Büchlein „Über die Silben“ zum zweiten Mal der Vergessenheit verfallen. Nicht so das geflügelte „Habent sua fata libelli“; das hatte sich bald, seiner ursprünglichen besonderen Bezüge beraubt – oder eher: davon befreit – zu seiner heute geläufigen allgemeinen Bedeutung ge­mausert und leichtbeflügelt in den Zitatenhimmel aufgeschwungen. In der Verkürzung auf die zweite Vershälfte, ohne das voraufgehende „Pro captu lectoris …“, gewann das nun an die erste Stelle geratene „Habent …“ ein besonderes Gewicht, und so zitieren wir das Wort heute in dem schicksalsträchtigen Sinne: „Ja, sie haben ihre je eigenen Schicksale, die Bücher“ – nunmehr ohne fröh­liches Augenzwinkern, dafür mit bedeutender Schicksalsmiene.

Habent sua fata libelli“: Das ist zum geflügelten Hoffnungs- oder Trostspruch geworden für alle um ihre „Büchlein“ und ihr daran geknüpftes Rühmlein besorgten Autorinnen und Autoren und entsprechend, mutatis mutandis, für Verlegerinnen und Verleger, Buchhändlerinnen und Buchhändler. Im Jahre 1888, bei der Einweihung des Deutschen Buchhändlerhauses in Leipzig, hat der Wappenzeichner Emil Döpler das Wort zur beziehungsreichen Devise des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erhoben. So, wie wir die hinter­sinnige, hinterhältige Pointe jenes antikischen Kollegen Terentianus Maurus heute verstehen und zitieren, ist sie da ja genau am rechten Ort. Aber von seiner Herkunft her taugte dieses geflügelte „Habent sua fata libelli“ doch eher zum selbstironischen Motto einer literarischen oder wissenschaftlichen Rezen­sionszeitschrift, in der die „weit verdienstvolleren“ Autoren und Gelehrten, die selbst schon sehr viel mehr gefunden haben, die mit allzu vielen Worten und wenig Neuem daherkommenden, allzu dunklen und schwer verständlichen Büchlein ihrer weniger verdienstvollen Kollegen kunstgerecht zerrupfen.

Aus: Klaus Bartels, Geflügelte Worte aus der Antike – woher sie kommen und was sie bedeuten, Verlag Philipp von Zabern / Wissenschaftliche Buch­gesell­schaft, Mainz / Darmstadt 2013, 168 Seiten. Der Sammelband vereinigt eine halbe Hundertschaft der seit 2007 in der Zeitschrift „Antike Welt“ unter der Rubrik „Geflügelte Worte“ erschienenen Kolumnen.

Latinitas Viva Salodurensis: Wer lateinisch redet, ist nicht tot.

Manchmal muss man sich als Lateinlehrer neu erfinden. Mein Sohn, 5-jährig und im Fragealter, fragt mich Löcher in den Bauch. Papa, was heisst Hustensirup auf Lateinisch? Peinlich, aber so spontan – will heissen: ohne Wörterbücher zu Rate zu ziehen – weiss ich das nicht. Nach weiteren Peinlichkeiten dieser Art meldet sich eine innere Stimme zu Wort: Beat, Du musst Dein Lateinlehrerleben ändern! Das war vor rund anderthalb Jahren.

Was mittlerweile geschah: Ich habe angefangen, mich regelmässig in Internetforen einzuklinken, auf denen lateinisch über Banalitäten geplaudert wird, also auch über Hustensirup. Genauso interessieren mich aber auch www-Foren, auf denen Menschen sich auf Lateinisch über die lateinische Literatur austauschen. Das eine wie das andere ist bereichernd, und zwar nicht nur deshalb, weil mir da manch interessante Neuigkeit zugetragen wird. Etwa, dass in Spanien Dissertationen auf Lateinisch abgefasst werden. Kurzum: Ich bin also zum eifrigen Blogleser geworden. Dann – das war Schritt Nr. 2 – habe ich mir ein Herz gefasst und bei Google einen lateinischen Blog eingetragen. Gedacht ist dieser Blog als Fingerübung. Das Geschriebene unzulänglich, oft ungelenk. Ich fühle mich dabei wie ein Kind, das die Farben in seinem Malkasten entdeckt und ausprobiert.

Schreiben ist das eine. Aber reden? Was für Romanisten und Anglisten selbstverständlich ist, was während Jahrhunderten auch für die Vertreter unserer Zunft eine Selbstverständlichkeit darstellte, treibt heutigen Lateinlehrern die Schweissperlen auf die Stirn, und das trotz Stilübungen an der Uni.

Was lässt sich dagegen tun? Inspiriert vom Modell des Circulus Latinus, wie es in den USA, in Italien, Spanien, Deutschland, ja sogar in Hongkong praktiziert wird, konstituierte sich am 16. September 2015 der Circulus Latinus Salodurensis. Die Idee dahinter: Wir treffen uns alle zwei bis drei Monate und reden während gut einer Stunde nur lateinisch und trinken dazu ein Glas Wein. Wir? Das sind der geschätzte Kollege und Mitbegründer des Lateinzirkels Daniele Supino und ich. Wir? Das sind Kollegen der Kantonsschule Solothurn aus den Fachbereichen Mathematik, Englisch, Spanisch, Französisch und Musik, allesamt Kollegen, die in ihrer Gymnasialzeit Latein sehr schätzten und nun unserem Sprachexperiment gerne als Zuhörer beiwohnen. Wir? Das sind mittlerweile auch interessierte Personen ausserhalb der Schule. Etwa Kollegen aus der Solothurner Kantonsarchäologie oder Berufskollegen, die aus Zürich oder dem Luzernischen nach Solothurn reisen. Kurz: Pro Sitzung haben bisher zwischen fünf und zwanzig Personen teilgenommen.

Zum Ablauf einer Sitzung: Die Form des Referats – vorgetragen in freier Rede und unterstützt von Powerpoint – hat sich bisher bewährt. Denn es fehlt uns schlichtweg an sprachlicher Versiertheit, um spontan ein längeres Gespräch auf Lateinisch zu führen. Vom Aperçu bis zum 60-minütigen Referat: Alles ist möglich. Das gilt auch für die Themen. Also: Cicero, Erasmus, Fussball. Die einzige Bedingung: Die Gedanken werden auf Lateinisch vorgetragen.

Latinitas Viva: Was heisst das nun für meine Unterrichtspraxis? Latein war während Jahrhunderten Verkehrssprache. Just diese Tatsache möchte ich meinen Schülern vorleben, beispielsweise indem ich Standartsituationen des Unterrichtsgeschehens (Begrüssung, Verabschiedung etc.) auf Lateinisch gestalte. Zwei Minuten gesprochenes Latein pro Woche und Klasse: Das ist das Minimalziel. Und hin und wieder gleichsam als Supplement ein Resümee einer Textinterpretation, Gedanken zur Weltlage oder zum Essen in der Mensa.

Die Schüler schätzen die Unterrichtssequenzen in gesprochenem Latein. Eine Maturandin formuliert es so: «Ich finde es toll, dass im Unterricht manchmal Latein gesprochen wird – das nimmt manch einem die Angst vor der Sprache und macht Latein zu etwas Lebendigem.» Ich selber wiederum schätze es, dass die Schüler meinen Lateinfehlern mit Wohlwollen begegnen. Damit nehmen sie mich als das wahr, was ich bin: ein Homo Errans.

Zum Schluss eine Überlegung, die auf Grundsätzliches zielt: Es ist meiner Meinung nach fruchtbar, wenn wir Altsprachler uns vermehrt von der Methodik des Unterrichts moderner Fremdsprachen inspirieren lassen. Sequenzen in gesprochenem Latein sind ein Mittel, um das Unterrichtsgeschehen zu intensivieren, aber auch zu variieren. Ausserdem: Wer redet, ist nicht tot.

Links: http://beatushelveticus.blogspot.ch
http://circuluslatinussalodurensis.blogspot.ch
Twitter: Beatus Helvetius @beatusmagister

Wer über die Sitzungen des Circulus Latinus Salodurensis auf dem Laufenden gehalten werden möchte, wende sich an folgende Adresse: b.j@bluewin.ch

Beat Jung

Report on the Akademia Epika: Iraklio, Crete: 2016

The 1st annual Akademia Epika hosted seven participants from Austria, the Netherlands and Switzerland this past July. The seminar room was provided by the Irini Hotel, where a semester’s worth of Homeric Greek complemented by archaeological contextualization within the Aegean Bronze Age took place. Our stay was comfortable and hassle-free thanks to the staff’s professionalism and hospitality.

A convivial and collegial spirit was immediately apparent at the opening dinner of traditional Cretan cuisine, setting the stage for an extraordinary 8 day session of translation, presentations and discussion.

The entire group, never missing a single minute of class, including all optional excursions despite the vicinity of beaches and innumerable distractions in the city, opted to translate into English and thereby improved both their Greek and English language skills. Each worked at their own pace, having translated anywhere between 90 and 300 lines of Iliad XXIV, receiving individualized feedback for both Greek and English. Astrid Eitel provided linguistic commentary throughout and Marco Pietrovito cultural and archaeological presentations prior to visits to the museums and sites of Knossos, Mallia, Phourni and Chrysolakos.

Phourni was one of the optional excursions proposed, and seeing as the group unanimously wished to see it we adapted the schedule, heading to Archanes’ museum prior to our visit of Knossos. Being informed that the site was closed that day our spirits sank low. Three hounds, lounging in the shade, were the first to pity us, followed by the museum’s curator who then organised the gate to be opened. We set off with lightened hearts to the necropolis with the hounds as escorts.

At Chrysolakos, expectedly fenced and locked, we took the opportunity to wander its environs and examine various surface finds of course and fine ware ceramics, making sure to leave each sherd exactly where found. The experience of handling the stray finds augmenting the appreciation of the Iraklion Museum’s glass-encased exhibits to such a degree that one participant even spent almost 8 hours wandering its halls.

Besides the intensive hours of translating and touring, the group also enjoyed Cretan music around town, as well as a staging of Aristophanes’ „Ploutos“ at an outdoor theatre set between the Venetian fortification walls.

Without doubt, the seminar exceeded all expectations thanks to the individualism, curiosity and openness of every participant, creating a dynamic and energetic atmosphere to which all contributed and benefitted. The presentation of one participant’s Master’s thesis truly made this year’s session an exchange of knowledge, as any seminar should be. As Uderzo and Goscinny would have it, our adventure ended with a grand feast beneath the stars, enough and varied to satisfy everyone, from vegan to carnivore.

Our thanks to the seven and hope that they shall return in years to come.

Akademia Epika

Knossos, Theatral Area, from NE
Astrid Eitel, Jakob Kohler, Samuel Wanja, Joël Beimler
Lisa Haslinger, Hylke de Boer, Anna Maria Spanos, Karoline Trubrig
Marco Pietrovito

Astrid Eitel
akademia.epika@gmx.ch

Qualche considerazione a due anni dal bimillenario dalla morte del primo imperatore

Anno 2016. È scaduta da un biennio la ricorrenza dei duemila anni dalla morte di Augusto, «figlio di dio» — così titola il suo ultimo libro, dedicato al camaleontico erede di Giulio Cesare, Luciano Canfora (Laterza, 2015). Come dimostra anche questa acuta e ponderosa monografia, che intende recuperare dalle fonti greche i passi cruciali dei faziosi Commentarii augustei del 25 a.C. non pervenutici, non tutte le pubblicazioni e le manifestazioni pensate per l’eccezionale anniversario si sono esaurite nel 2014. Nel ’14, a Roma e in Italia, il bimillenario si è scelto di celebrarlo nel modo il più possibile lontano da quello del 1938 (il bimillenario della nascita), voluto da Mussolini, spettatori Hitler e il suo seguito nefasto. (Per la grande messinscena del ’38 la maschera bronzeocartonata di Roma compare mirabilmente dipinta nella quartina coeva di Trilussa: Roma de travertino / vestita de cartone / saluta l’imbianchino (scil. Hitler) / suo prossimo padrone.) Alla Roma di cartone del 1938 si è preferita nel 2014 la Roma dei reperti archeologici. E senza anastilosi.

Si è parlato di una celebrazione all’insegna di «nuove aperture» e di (vivaddio) «riaperture» del patrimonio archeologico romano di età augustea, in particolare del complesso del Museo Palatino. Il bilancio è stato confortante: per il 2014 la soprintendenza di Roma ha registrato un aumento del 12,2% rispetto al 2013, con più di 6 milioni di visitatori, per la maggior parte concentrati nell’area archeologica centrale del Foro Romano e palatina. Sotto gli occhi di tutti quindi (direttamente, ma anche indirettamente, attraverso un’apposita ForumApp) perlomeno il programma, se non del Foro di Augusto col suo complicato apparato ideologico, illeggibile senza validi aiuti, almeno quello del luogo eletto a dimora dal primo imperatore, ossia, finalmente, tutto lo stupefacente complesso architettonico del Palatino, in cui si opera l’originalissima intersezione di vita pubblica e privata, di tradizione e trasformazione, nel culto della memoria di Romolo e della fondazione di Roma.

Dalle quattro sedi del Museo Nazionale Romano (Crypta Balbi, Palazzo Altemps, Terme di Diocleziano, Palazzo Massimo), che già racchiudono ad esempio (Palazzo Massimo) lo squisito patrimonio pittorico augusteo, si sono aggiunti contributi notevolissimi, come la ricostruzione perspicua degli Atti degli Arvali e dei Ludi Saeculares, oppure la mostra «I fasti e i calendari nell’antichità», dedicata alle riforme del calendario tra Cesare e Augusto. Tutto questo rimane documentato nei cataloghi delle edizioni Electa facilmente reperibili.

Registrata in un catalogo Electa, stavolta aureo, anche la mostra principale su Augusto, progettata da Eugenio La Rocca, organizzata alle Scuderie del Quirinale (poi al Grand Palais di Parigi),1 che nel ’14 ha voluto rappresentare «lo spirito del tempo» attraverso la produzione artistica, soprattutto attraverso l’arte plastica dell’epoca (nel ’38 soltanto l’Ara Pacis lo ha fatto degnamente), neoclassica in senso augusteo, bifronte, cioè insieme classica e nuova, insieme idealizzata e naturalista, non meramente classicistica. La statuaria post mortem parla da subito il linguaggio diretto: l’Augusto di Arles è rappresentato in nudità eroica, la Livia di Otricoli di età tiberiana appare come una sacerdotessa del divo marito, il fregio campano di Nola (fino alla mostra pressoché ignoto) ripercorre il periodo che intercorre tra la battaglia di Azio e l’apoteosi dell’imperatore. Augusto è inequivocabilmente ‘eroe’ (cui spetta l’ascensio ad astra) e poi ‘dio’ (l’apoteosi). Vivo Augusto, come ben noto, l’apoteosi celebrata è quella di Giulio Cesare, sancita già dal decreto senatorio apposito del 42 a.C., ma non è stata la sola a preparare il terreno al culto di Augusto. Vivo Augusto non c’è divus Augustus, ma se ne venerano già il genius (l’insieme ‘genetico’ delle sue qualità, il suo spirito tutelare), i Lares (Lares Augusti), dal 12 a.C. distribuiti in tutte le regiones dell’Urbe nelle edicole ai crocicchi delle strade, e poi anche il numen (nessuna traduzione del termine può soddifare) con offerte e preghiere. E non manca il sostegno dato dall’ascesa verticale nella scala tutta umana degli honores: l’Augusto imperator, l’Augusto pontifex … Ne restano più di duecento ancora oggi. Vivo Augusto, campeggia però la rappresentazione (connessa come noto con il restauro del rito dei Ludi Saeculares del 17 a.C., tradizionalmente attibuiti ad Apollo) della rinascita della mitica età dell’oro. La pax ritrovata, la natura in tutta la sua prosperità e pienezza, pervasiva, fatta soprattutto di magnifiche e ordinate forme simboliche di una natura vegetale varia e molteplice che già studi passati (dedicati in particolare ai registri inferiori dell’Ara Pacis) avevano dimostrato riconducibile sempre a specie botaniche presenti sul (saturnio) territorio italico. Tutti frutti del lavoro quotidiano dell’uomo di semplici costumi, rivalutato appieno come base dei mores maiorum restaurati, in sintonia perfetta con le Georgiche virgiliane e in sintonia perfetta con l’idea del ritorno generale alle origini, con la riproducibilità ad infinito della pietas simboleggiata da Enea Ascanio Anchise e i Penati, con la scelta del dio profeta Apollo come patrono (legato dal V sec. a.C. alla gens iulia), con il culto dei libri sibillini traslati sul Palatino, con il culto di Vesta e delle Vestali in un angolo reso pubblico della casa privata cui sono affidati i Lari e Penati privati da distribuire in tutta Roma ... Emerge nel complesso l’efficace linguaggio artistico del potere, capace di creare il consenso, formidabile modello di riferimento per i tutti i secoli a venire su fino a Carlo Magno, Federico II, Carlo V, Napoleone e alle dittature del Novecento; tema approfondito in una mostra ad hoc, curata da Claudio Parisi Presicce e Orietta Rossini (L’arte del comando. L’eredità di Augusto).

Il discorso sull’architettura e l’urbanistica augustee pensato per integrare il discorso artistico è stato il contributo fondamentale di Andrea Carandini, alla cui scuola la comunità scientifica deve la ventennale lettura stratigrafica del Palatino e una ricca messe di pubblicazioni archeologiche (tra cui i due volumi de L’atlante di Roma antica, Electa, 2012). È ancora in rete la lectio magistralis che ne fa il sunto con grafici e disegni e rimandi ai testi letterari (http://www.arte.rai.it/articoli/carandini-racconta-augusto/24427/default.aspx) da affiancare alla pubblicazione (UTET, dicembre 2014) La Roma di Augusto in 100 monumenti (che fa volutamente il verso al ‘museo portatile’ di Neil MacGregor, La storia del mondo in 100 oggetti, trad. it. 2012). Cento monumenti per Augusto sono pochi, visto che sono appena più di un terzo di quelli noti agli archeologi. Ma non c’è dubbio: un compendio come questo non può più mancare sulla scrivania2 di chi legge Virgilio, o Orazio, o Ovidio. Il Palatino, dimora di Augusto e luogo simbolo del suo potere monocratico, si propone ai Romani come il nuovo umbilicus da cui l’imperatore governa. Ma è frutto di ripensamenti. Carandini parte dalla casa di Ottaviano ampliata a 8000 mq con l’acquisto delle dimore di Catulo e di Ortensio, abbandonata a seguito di un segno divino che il superstizioso Ottaviano attribuisce ad Apollo e che gli suggerisce la costruzione dell’imponente santuario a lui dedicato (28 a.C.), proprio sopra la casa sepolta. Sepolto Ottaviano, nasce Augusto. La nuova dimora privata di Augusto, ormai padre della patria, è decisamente più modesta e dimessa e viene costruita accanto al tempio pubblico del suo dio protettore, davanti alla casa Romuli. La pluralità dei valori repubblicani viene convogliata nella costruzione di una nuova regalità sacrale che di repubblicano mantiene solo la maschera. La curia c’è, ma Augusto riceve i senatori in casa propria, e accanto alla dimora privata, compare la casa pubblica del medesimo Augusto pontefice massimo. Ma l’esito più nuovo degli scavi è stata la lettura dei labirintici sotterranei del complesso che dal Palatino sovrastano il Circo Massimo. Era lo spazio che ospitava i liberti e gli schiavi di Augusto coordinati dagli equites. La casa-santuario dell’imperatore si dota di un’amministrazione che diventa la prima amministrazione burocratica centrale conosciuta. Da qui Augusto governa l’Urbe e l’impero.

Come suggerito tra le righe, il 2014 ha accostato i tasselli di un mosaico, già stranoto nel disegno, ma non sempre e ovunque noto nel dettaglio, fatto dei monumenti presenti a Roma (il complesso del Campo Marzio con Pantheon, Mausoleo, Ara Pacis; quello del Foro e del Palatino; il teatro Marcello), dei contenuti delle mostre celebrative e delle fonti letterarie. Mai come ora è stato reso accessibile a tutti il gioco di specchi tra arte, architettura, urbanistica, letteratura da leggersi in parallelo come testi e contesti, che amplifica all’infinito il messaggio culturale e politico. Il filologo ha il rischio di perdersi nel raffronto multimediale tra le discipline. Si perda. A patto che questi percorsi non lo distolgano mai dall’assaporare e far assaporare la melica dei grandi poeti augustei.

Lucia Orelli

1 A cura di Eugenio La Rocca, Claudio Parisi Presicce, Annalisa Lo Monaco, Cécile Giroire, Daniel Roger, Musei Capitolini in collaborazione con Musée du Louvre; Réunion des Musées Nationaux, Grand Palais. (> Text)

2 Come non potevano mancare sinora le guide di Filippo Coarelli, che nell’ambito delle celebrazioni del Bimillenario della morte di Augusto ha contribuito alla pubblicazione Augusto. La costruzione del Principato, Comitato ordinatore: L. Capogrossi Colognesi, F. Coarelli, P. Fedeli, A. Giardina, U. Laffi, M. Mazza, M. Torelli, F. Zevi (4-5 dicembre 2014). (> Text)

De certamine herbisectrico

Verba mihi affer, Musa,
ut certamen annuum
cunctis canam audituris
magnum herbisectricum,
quo insignius non vides
inter facta hominum.

Solis luce nam fugata
hiemis saevitia
tandem vere et regresso
magna cum laetitia
herbas crescere vi cernis
longe ingentissima.

Tulipanos, hyacinthos,
crocos terra edidit,
sed et herbas atque gramen
plus quam satis protulit,
ut, ni sectum totum erit,
graminum mox silva sit.

Ecce, rumor iam auditur
omnibus notissimus.
Quidam herbisectro capto
plantis crudelissimus
mortem parat diriorem,
ut sit perfectissimus.

Sed cum strepitet benzina
intra motri viscera,
statim affluunt vicini,
tota tribūs genera.
Clamant: «Adsunt, en, secandi
graminis nunc tempora!»

Et secundum motrum audis
infernales sonos dans.
Tertium iam praeparatur;
quartum quidam incitans
lamentatur his uxorem
verbis suam increpans:

«Cur me heri vetuisti
absecare flosculos?
Nunc non mora est labori!
Specta enim socios
laborantes et secantes.
Num vis superari nos?»

Sic fit uno solo die
caedes herbis omnibus,
immo parcitur nec crocis
ceteris nec floribus,
sero quisque petat lectum
fessus ut laboribus.

Septimana vix peracta
gramen rursus crevit iam.
Dicit quartus ad uxorem:
«Nunc vicinis rapiam
herbae primae et honorem
sectae atque gloriam.

Ita nondum dissipatis
oriar cras tenebris.
Mirabuntur tum vicini
visis herbis mortuis.
Tu donabis sic vincentem
Veneris me praemiis!»

Horologio citatus
noctu hortum appetit.
Sed iam motro incitato
facta quaedam esse scit,
et ad irae vim augendam
tempus breve sufficit.

Tota enim iam sunt secta
vicinorum gramina!
Ultimum, non primum vident
eum haec certamina.
At quo modo atque quando
facta haec sunt crimina?

En, vicinis adfuerunt
nani enim hortici,
minimis qui herbisectris
laborarunt vesperi,
ne animadverterentur,
clam et plane insoni.

Quartus ad uxorem redit.
«Parce, heus, illecebris!
Victus neque victor adsum.
Sed in pantopoliis
cras nos, dulcis, muniemus
centum nanis horticis!»

Vocabula:
benzina, -ae f: substantia liquida motra benzinaria incitans ex oleo facta
benzinarius, a, um: ad benzinam pertinens
herbisectricus, a, um: ad herbisectrum pertinens
herbisectrum, -i n : machina ad herbas secandas apta
horologium, -i n: instrumentum ad tempus metiendum aptum
motrum, -i n: machina vehicula vel alias res incitans benzina vel vi electrica incitata
nanus horticus, -i -i m: homunculus arte factus plasticeus, quo saepe horti ornantur
pantopolium, -i n: taberna, ubi omnia fere venalia prostant

Martin Meier
 

Weiterbildung

Weiterbildung des SAV vom 31. August 2016 an der Kantonsschule Olten
André Füglister: RERUM NATURA

Lateinische Texte mit der Lektüre zum Leben zu erwecken ist der Traum aller Lateinlehrpersonen. André Füglister hat dieses Kunststück an der diesjährigen Weiterbildung des SAV vollbracht und den Teilnehmer/innen gleich auch noch eine ausgezeichnete Anleitung gegeben, wie auch sie es schaffen können. Kein Wunder, waren nach dem kurzweiligen Tag alle begeistert. Als Organisator erhielt ich erfreuliche Feedbacks von Physikern und Altphilologen. Die Veran­staltung war im besten Sinn interdisziplinär. Physiker/innen und Altphilolog/innen setzten sich mit lateinischen naturwissenschaftlichen Texten des 17. Jahrhunderts auseinander und führten die darin beschriebenen Experimente gemeinsam durch.

Worum ging es genau? Im Ersten Teil stand der Bericht des niederländischen Naturforschers Christiaan Huygens über die Erfindung des Mikroskops durch Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) im Zentrum. Der Text beschreibt Schritt für Schritt die Herstellung eines Mikroskops. André Füglister hat einfachste Mittel vorbereitet, mit den die Kursteilnehmer/innen die Anleitung eins zu eins in die Tat umsetzen konnten. Am Schluss hatten alle ihr eigenes kleines Mik­roskop, mit dem sie Fliegenfedern oder andere Präparate untersuchen konnten.

Im zweiten Teil ging es um Hans Christian Ørsteds Experimente rund um den Einfluss des elektrischen Stromes auf eine bewegliche Magnetnadel. Ørsteds im Jahre 1820 auf Lateinisch verfasster Bericht ist ein Musterbeispiel für natur­wissenschaftliches Forschen. Er könnte mit Gewinn auch für Einführungen in Projekt- oder Maturarbeiten Verwendung finden. Gleichzeitig kann auch die Bedeutung des Latein als Wissenschaftssprache herausgearbeitet werden. Bei der Lektüre wird augenfällig, wie stark das Latein auch die heutige Wissenschaftsspra­che Englisch durchdrungen hat. Der Text liesse sich nämlich ohne Probleme in einen modernen englischen Wissenschaftsbericht übertragen.

Weiterbildung 2016

André Füglister hat die Weiterbildung mit grossem Aufwand vorbereitet und brachte sein ganzes Wissen und seine Erfahrungen ein. Dies trug wesentlich zum grossen Erfolg der Weiterbildung bei. Ich danke ihm im Namen aller Teilneh­mer/innen nochmals herzlich. Das Konzept ist innovativ und zu­kunfts­weisend. Wir freuen uns auf die angekündigte Publikation, der wir zahlreiche Leser/in­nen wünschen.

Martin Müller
Organisator der Weiterbildung

Weiterbildung des FASZ: „Poesie für Pubertierende“

Die Pubertät ist eine Zeit der intensiven Gefühle, vieler Worte, grosser Dramen, lachender Heiterkeit. All dies finden wir in der Poesie wieder, aber der Zugang zu diesen Texten ist manchmal schwierig, und nicht jeder Text eignet sich für das Alter unserer Gymnasiasten. In dieser Weiterbildung konzentrieren wir uns ganz auf dieses Genre der römischen Literatur und befassen uns mit modernen Ansätzen, Zugängen, Interpretationen, Aktualitäten und Ausgaben. Datum Dienstag, 2. Mai 2017, 08.30–16.30 Uhr

KursortFreies Gymnasium Zürich, Arbenzstrasse 19, 8008 Zürich, www.fgz.ch
Kosten150.–, Studierende: 20.–
AnmeldungAnmeldung: www.fasz.ch, Anmeldeschluss: 15.04.2017
KursleitungDr. Franziska Egli, KS Freudenberg Zürich (KFR)
lic. phil. Dirk Scharrer, RG Rämibühl Zürich (RGZ)
lic. phil. Philipp Xandry, Freies Gymnasium Zürich (FGZ)

Tagesprogramm
Am Vormittag werden die beiden Gastreferenten je ein Referat unter dem Tagungsthema „Poesie für Pubertierende“ halten:
Rudolf Henneböhl (Gründer des Ovid-Verlages):
Existentielles Interpretieren poetischer Texte
Prof. Robert Kirstein (Uni Tübingen):
Catull und Emotionen

Am Nachmittag stehen verschiedene Workshops zur Auswahl:
Rudolf Henneböhl:
Liebesglück oder Pflichterfüllung – existenzielle Zugänge zur Aeneis für Jugendliche
Prof. Robert Kirstein
Ein Workshop zu Ovid
Kurze Workshops verschiedener Referenten:
Im Unterholz der Metamorphosen: Wenig bekannte Verwandlungen für den Unterricht aufbereiten

 

Rezensionen

John Freely, Zurück nach Ithaka, Auf Odysseus’ Spuren durch das Mittelmeer (deutsche Ausgabe), Darmstadt (Philipp von Zabern) 2016, 391 S., CHF 37.50, ISBN 978-3-8053-4987-1

Wem soll man dieses kenntnisreiche Buch in die Hand geben? Dem interessierten Laien, der schon lange Genaueres über Homer, seine Werke und die antiken Schauplätze bis hin zum aktuellen Stand der Archäologie wissen möchte oder die Irrfahrten des Odysseus gerne nachverfolgt? Der Schülerin, die einiges von Homer gehört hat und das mosaikartige Wissen zu einem sinnvollen Ganzen vervollständigen möchte? Dem Profi, der sein Wissen über die Welt Homers auffrischen und auf den neuesten Stand bringen will? Sie alle werden Freelys „Reisebericht“ mit Gewinn aus der Hand legen.

John Freely, geboren 1926 in Brooklyn, lebt in Istanbul und unterrichtete an der dortigen Bosporus-Universität Physik und Wissenschaftsgeschichte. Freely ist als Physiker auf dem Gebiet der antiken Geschichte und Archäologie ein „Laie“ mit grossem Wissen – ein Amateur im schönsten Sinne des Wortes –, als Reiseschriftstellen jedoch ein äusserst versierter Fachmann. Er ist ein guter Erzähler und erfahrener Schriftsteller zahlreicher Reisebücher und historischer Sachbücher über Venedig, Athen, Griechenland, die Türkei und das Osmanische Reich. Seine Aussagen sind gut recherchiert und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft klar belegt mit intelligent ausgewählten Zitaten. Der kritische Leser und Experte darf getrost den Rotstift weglegen. Er wird für ihn keine Verwendung haben. Wo eine Sache in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, zeigt Freely in aller Kürze das Problem auf. Meist nimmt er dazu aus seiner Sicht und Erfahrung auch Stellung. So schliesst er sich etwa, um ein Beispiel zu nennen, bei der umstrittenen Lokalisierung der Reise des Odysseus im Fall der Kyklopen der (Zitat) „Minderheitsmeinung der Gebrüder Wolf an“ (S. 241).

Ausgehend vom Schiffskatalog im zweiten Buch der Ilias macht Freely zuerst einen Gang durch die vielen Orte und Landschaften, die hier erwähnt werden, immer auch mit Blick auf den heutigen Forschungsstand. Darauf führt er uns im Kapitel „Der Zorn des Achilleus“ durch die Handlung der Ilias. Stoff für weitere Kapitel zur Ilias liefern die mythischen Wanderungen nach dem Fall Trojas der Seher Kalchas, Amphilochos und Mopsos und ihrer Gefolgschaft über das Taurosgebirge an das östliche Mittelmeer, die Geschichte Trojas und der erwähnten Orte nach dem Untergang Trojas sowie ihre Wiederentdeckung.

In der Fortsetzung des Buches begibt sich Freely mit Odysseus auf die Reise. Der Leser erhält eine abwechslungsreiche Inhaltsangabe des Epos. Der Autor verfolgt die zahlreichen Stationen bis hin „Zurück nach Ithaka“, die der viel verschlagene Held erreicht, und sucht dabei nach den wirklichen Orten hinter den Epen. Dabei verwebt Freely eigene Erlebnisse immer wieder kunstvoll mit den Zitaten aus der Odyssee. Es gibt wiederum Sachbezüge zum heutigen Ort und damit auch eine Kurzgeschichte der Archäologie des Mittelmeeres.

Das Buch ist leserfreundlich abgefasst mit vielen erklärenden Anmerkungen, einer ausführlichen Bibliographie, die zentrale, auch von Freely benützte Werke aufführt, und mit einem dienlichen Eigennamenregister. Die deutsche Übersetzung besorgte der Aachener Althistoriker und Autor von „Die Welt Homers“ Jörg Fündling. Von ihm stammen auch die Anmerkungen. Die deutschen Zitate aus der Ilias und der Odyssee folgen übrigens keiner bekannten Übersetzung, sondern sind – nicht ungeschickt – von den bekannten englischen Übersetzungen Lattimores „in Abgleich mit den gängigen deutschen Homerübersetzungen“ aus ins Deutsche übertragen.

Bruno Colpi

Curiosa Pandora (La Boîte de Pandore), ein Film von Claude Aubert

Dies ist nun schon der vierte Film, den unser Lausanner Kollege zu mythologischen Themen der Antike gedreht hat. Wiederum arbeitet er mit Laien, die er geschickt einzusetzen versteht, die aber immer wieder auch beachtliche schauspielerische Fähigkeiten entwickeln. Einmalig schön ist auch diesmal wieder die Szenerie, das landschaftliche Setting; kaum zu glauben, dass sich diese Abfolge wahrhaft „arkadischer“ Landschaften in unserer dicht besiedelten Schweiz finden liess (hauptsächlich in der Waadt).

Die Geschichte von Pandora, wie sie uns Hesiod berichtet, ist schnell erzählt: Als erste Frau wird sie von Hephaistos auf Befehl des Zeus erschaffen, um die Menschen für den Feuerraub des Prometheus zu bestrafen. Die Götter statten sie mit allen Reizen, aber auch mit Neugier aus und schicken sie dem Epimetheus als Gattin auf die Erde. Sie geben ihr ein Gefäss mit, in das sie alle Leiden eingesperrt haben. Neugierig öffnet sie den Deckel, Unglück und Plagen entweichen und verbreiten sich über die Welt; nur die Hoffnung bleibt zurück.

Der Film beginnt mit dem Feuerraub und der Fesselung des Prometheus, es folgt die Erschaffung der Pandora, ihrer Übergabe an Epimetheus und schliesslich das Öffnen des Gefässes. Dann aber wird die kurze Geschichte der Pandora zur Rahmenhandlung für zwei andere Geschichten, die als Beispiele für die Plagen und Leiden gesehen werden können, welche aus dem Gefäss entwichen sind.

So wird Pandora Zeugin der Geschichte von Apollon und Daphne. Aus Wut darüber, dass er von ihm verachtet wird, rächt sich Cupido an Apollon. Der Gott muss sich in die Nymphe verlieben, während diese ihm voll Furcht enteilt und in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. Pandora sieht die Verzweiflung Apollons und ist selber verzweifelt über die Leiden, die ihrem Gefäss entsprungen sind.

Doch nun begegnet sie Geraia, dem personifizierten Alter, und erschrickt vor diesem weiteren Übel, das auch ihr bevorsteht und ihr ihre Schönheit rauben wird. Geraia aber tröstet sie, das Alter sei kein Unglück, sondern bringe den Menschen Weisheit: Güte, Grosszügigkeit, Mitgefühl, Dankbarkeit seien Tugenden, die nicht altern könnten. Und von Zeus (in Menschengestalt) erhält sie dann ein zweites Gefäss mit allen Tugenden der Welt (die Idee dieses zweiten Gefässes entstammt Ilias XXIV 527ff., wo von zwei Gefässen im Haus des Zeus die Rede ist). So kann sie in der nun folgenden Episode, der Geschichte von König Midas, durch ihr Einschreiten ein grosses Unglück verhindern.

Nachdem Midas den von Nymphen gefesselten Silen, den Begleiter des Dionysos, befreit hat, stellt ihm der Gott einen Wunsch frei. Der König in seiner Habgier wünscht sich, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Doch nun kann er weder essen noch trinken, da sich die Dinge alle zu Gold verwandeln. Als seine Kinder in die Nähe kommen, muss er fürchten, dass es auch sie trifft, und versucht, ihnen zu entkommen. Pandora beobachtet die Szene und vermag die Kinder abzulenken. Midas indessen wäscht seine Hände im Fluss und wird von der unheilvollen Gabe wieder befreit. Dann begegnet Pandora dem Apollon, der immer noch wütend auf den Lorbeerbaum einschlägt. Sie vermag ihn zu beruhigen, so dass er den Lorbeer schliesslich sogar mit Küssen überhäuft und zu seinem heiligen Baum erklärt.

Zeus hat alles beobachtet und gesehen, dass Pandora zum vollen Menschsein gereift ist und nun auch Glück bringen kann. Er führt sie zurück in die Götterversammlung, wo sie gefeiert wird und von jedem Gott ein Geschenk erhält. – Aus dem kurzen hesiodeischen Mythos ist so eine Art filmischer Entwicklungsroman geworden.

Der Film ist ein Stummfilm. Eine Stimme aus dem Off kommentiert die Handlung (französisch), Sprecher ist Claude Aubert selbst. Unbedingt zu erwähnen ist die Musik von Yves Ruhlmann, die sehr feinsinnig dem Gang der Handlung folgt und mit verschiedenen Instrumenten den Spannungsbogen nachzeichnet, bis zum Einsatz der menschlichen Stimme auf dem Höhe- und Schlusspunkt des Geschehens.

Die DVD kann bestellt werden unter: http://swissdvdshop.ch/fr/liste-complete/2338-liste-complete-dvap584-curiosa-pandora-la-boite-de-pandore.html

Barbara Bucher

Rolf Bergmeier, Karl der Große. Die Korrektur eines Mythos, Tectum Verlag 2016, 320 S., CHF 27.90, ISBN 978-3-8288-3661-7

Ambitioniert und vielversprechend erscheint auf dem Einband des Buches unter dem Titel „Karl der Große“ der Zusatz „Die Korrektur eines Mythos“. Kann man, möchte man einen Mythos korrigieren? Oder gibt es davon nicht sogar zu wenige?

Der Verfasser, Rolf Bergmeier, besitzt einen interessanten Lebenslauf: Er, der Informationstechniker und Oberst a.D., begann noch einmal mit 64 Jahren Alte Geschichte und Philosophie zu studieren, um schließlich Publikationen wie „Kirchenkrise hausgemacht“, „Christlich-abendländische Kultur – eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur“ zu schreiben. In diese reiht sich nun sein jüngstes Werk, „Karl der Große: Die Korrektur eines Mythos“, thematisch ein, denn im Zentrum stehen das Frühmittelalter sowie die Kritik am Christentum, personifiziert durch Karl den Großen.

Auf 321 Seiten in zehn Kapiteln möchte Bergmeier nachweisen, dass derjenige, der den meisten als „Beschützer der Christenheit“ bekannt ist, Karl der Große, zu Unrecht den Beinamen „Vater Europas“ trägt, denn Bergmeier wird mit den „Karlslegenden aufräumen“, wie die Buchrückseite verspricht. Ob seine Argumente seine polemisch formulierte These bestätigen, soll an dieser Stelle nicht besprochen bzw. verraten werden.

Auf die karge schriftliche Quellenlage verweist der Autor selbst. Mit der Antike, dem „Mäzenatenparadies“ (S. 17), beginnend, konstatiert er: „Freiheit und Engagement für die Gemeinschaft sind Schlüsselbegriffe der Antike.“ (a.a.O.) Oha. Bereits hier manifestiert sich eine seiner „Mission“ untergeordnete Simplifizierung. Weiterhin zeichnet er mit großzügigen Pinselstrichen die Herrschaftszeit Karls, aber nicht im Vergleich zu einem anderen frühmittelalterlichen Herrscher, sondern im Kontrast zur Antike, die er aber in seinem Werk in den schillerndsten Farben als einen einheitlichen Block schildert. Die erhoffte Tiefe erweist sich als Breite. So findet sich denn auf Seite 49 erstmals der Name Karls und auf Seite 75 gar das erste Argument für die im Titel genannte Intention. Bergmeiers Streitschrift lässt offen, wen er als Adressaten seines Buches erreichen möchte, was bisweilen irritiert. Permanent nimmt er einerseits Bezug auf die Sekundärliteratur, die den Federn renommierter Althistoriker entstammt, deren Kenntnis für das Verständnis seines Buches hilfreich wäre. Andererseits aber hat er in den fortlaufenden Text Kästen eingefügt, die der Begriffsklärung (zum Beispiel der der „Annalen“) dienen sollen bzw. einen Exkurs (beispielsweise über „Das Lese- und Schreibmonopol der Kirche“) beinhalten, die dem historisch interessierten Lesenden hinlänglich bekannt sind. Ebenso ist anderes, für ihn äusserst Relevantes, nicht neu: Karl war ein Analphabet. Klosterschulen waren keine Volksschulen. Panegyrik und Historiographie sind nicht dasselbe. Auch wenn Bergmeier explizit auf die Möglichkeit einer anachronistischen Bewertung historischer Persönlichkeiten und Lebensumstände hinweist: Er selbst ist nicht davor gefeit. Zudem wäre eine Quellenangabe bei einigen seiner Behauptungen wie der, in der Antike konnten 50 Prozent der Menschen lesen und schreiben (Vgl. S. 19), wünschenswert.

Seine Zeitangabe „v.u.Z.“ erinnert an die Geschichtsbücher der DDR. Wenn man Freude daran hat, sich einen Überblick über das Frühmittelalter und das Leben Karls des Großen zu verschaffen, dann ist das Werk empfehlenswert. Sollte man zu denen gehören, die sich intellektuell nicht bevormundet fühlen, wenn sie urteilende Attribute mitserviert bekommen, die derbe umgangssprachliche Vergleiche als erfrischend empfinden oder die lächeln, wenn sie erleben, wie jemand doktrinär gegen eine Doktrin vorgeht, dann auch.

Bettina Hoppe
Update: 7.5.2017
© webmaster
Update: 7.5.2017 © webmaster