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Bulletin 76/2010

Inhalt

 

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Den TeilnehmernInnen der Führung durch das Münzkabinett in Winterthur vom November letzten Jahres im Rahmen der Jahresversammlung wird die beeindruckende Münzsammlung in bester Erinnerung sein. Im Leitartikel des vorliegenden Bulletins erfahren wir nun mehr über die Beschäftigung mit Fundmünzen.

Aufmerksam machen möchte ich besonders auch auf die Weiterbildung Helvetier in Eretria. Sie findet am 28. Oktober in Basel unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Reber statt. Bereits jetzt weise ich in eigener Sache auf die Interdisziplinäre Tagung Elemente - ΣTOIXEIA - ELEMENTA; Antike und moderne Naturwissenschaft zum Ursprung der Dinge hin. Die Veranstaltung steht unter dem Motto Begegnungen schaffen. Die Teilnehmer dürfen auf einen regen Austausch zwischen den Vertretern der Geistes- und Naturwissenschaften gespannt sein! Das Programm, weitere Informationen und die Anmeldung ist dieser Ausgabe zu entnehmen.

Wie gewohnt finden sich auch in diesem Bulletin wieder viele interessante Rezensionen zu den aktuellsten Neuerscheinungen.

An dieser Stelle gebührt der Dank all denen, die mit ihrem Beitrag zum Gelingen dieses Büchleins beigetragen haben!

Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Fundmünznumismatik in der Schweiz

Münzfunde sind wichtige Quellen und Zeitzeugen für den Geldumlauf vergangener Epochen. Die Beschäftigung mit Fundmünzen kann zu ganz konkreten Fragen führen und Antworten auf historische Begebenheiten liefern. Der folgende Artikel liefert einerseits erste Einblicke in die Methode und Fragestellung der Fundmünzauswertung, andererseits verweist er auf die Vermittlungsarbeit des Münzkabinetts der Stadt Winterthur.

Was tun, wenn man eine Münze findet?

Die geltenden Gesetze der Schweiz regeln, dass zufällige archäologische Funde und hierzu zählen auch Münzen, dem Kanton und somit der Allgemeinheit gehören1. Der Finder ist verpflichtet den Fund unverzüglich den zuständigen Behörden zu melden. In der Regel sind dies die Kantonsarchäologien und Münzkabinette2. Verboten ist die gezielte Suche nach Fundgegenständen durch Grabung oder den Einsatz von Metalldetektoren. Entsprechende Untersuchungen dürfen nur durch die dafür beauftragte Fachstelle durchgeführt werden, da die archäologischen Fundstellen unter Schutz stehen.

Arten von Münzfunden

Bei den Fundmünzen ist zwischen Einzel-, Hort-, Weihe- und Grabfunden zu unterscheiden (Abbildung 1)3. Einzelfunde sind verlorene Münzen, die von ihrem Besitzer nicht wieder gefunden wurden. In vielen Fällen handelt es sich dabei um Kleingeld, denn nach höheren Nominalen wird intensiver gesucht.

Abbildung 1
Abbildung 1: Arten von Münzfunden

Hort- und Weihefunde sind absichtlich niedergelegte bzw. verborgene Münzen. Die Horteigentümer wollten dabei ihr Geld nur vorübergehend verstecken, um es später wieder zu bergen. Die genauen Gründe, warum dies nicht mehr geschah, muss meist im Dunklen bleiben. Hortfunde beherbergen zumeist Münzen aus Edelmetall oder höherwertige Nominale und sind als Auswahl aus dem zirkulierenden Geld anzusehen. Das Auftauchen vieler Hortfunde, die etwa gleichzeitig in den Boden gelangten, ist nicht ausschliesslich mit kriegerischen Ereignissen in Verbindung zu bringen. So sind etwa mit dem Bataveraufstand des Jahres 69 n.Chr.4, bei dem ein grosser Teil der militärischen Anlagen am Rhein in Flammen aufging, nur ein oder zwei Horte sicher zu verbinden5. Das Phänomen der Hortfundhäufung kann auch mit dem gehobenen Wohlstand und dem vermehrten Geldumlauf zu bestimmten Zeiten erklärt werden6.

Geldstücke, die einer Gottheit geweiht wurden, sollten nicht mehr in den Umlauf kommen. Meist wurde hier Kleingeld gegeben. Somit sind Weihefunde eine Auswahl aus dem zur Verfügung stehenden Münzspektrum.

Grabfunde sollten ebenfalls nicht wieder in den Geldumlauf gelangen. Die Sitte der Münzbeigabe variiert aber innerhalb der einzelnen Regionen und Epochen. Manchmal wurde dem Toten ein Geldbeutel mit ins Grab gelegt, manchmal nur ein Kleingeldstück, der sogenannte "Charonspfennig"7.

Es ist in den allermeisten Fällen bekannt, wann eine Münze geschlagen wurde. Das Kaiserporträt der Vorderseite und die Nennung der Ämter in der Legende ermöglichen eine genaue zeitliche Einordnung. Unbekannt ist aber vielfach, wie lange eine Münze im Umlauf war, bis sie verloren bzw. niedergelegt wurde. Hier liefert der Befund wichtige Hinweise. Unter dem Befund ist im Sinne der Archäologie jede Information zu verstehen, welche die gefundenen Gegenstände untereinander und in Bezug auf die (Erd)Schichten bringen, in die sie eingebettet waren. Wichtige Rückschlüsse erlaubt auch die Lage der einzelnen (Erd)Schichten zueinander. Wird etwa ein bestimmter Münztyp vielfach mit demselben Fibeltyp und derselben Keramik gefunden, erbringt dies Erkenntnisse für den Zeitpunkt, wann die Münze verloren bzw. verborgen wurde. Deswegen wirken sich Raubgrabungen von Metallsondengängern auch so verheerend aus, da der archäologische Befund zerstört wird8 und die "nackte" Münze selbst verhältnismässig wenig Information birgt.

Gesamtschweizerisch werden die Informationen zu den Münzfunden vom Inventar der Fundmünzen der Schweiz (IFS) gesammelt und deren Daten in eine Hauptdatenbank eingegeben. Eine wichtige Aufgabe des Inventars ist die Publikation dieser Daten. Das IFS wurde im Sommer 1991 gegründet9. Die Schaffung des IFS folgte dem Projekt "Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland" (FMRD), welches im Jahre 1953 begonnen und dieses Jahr abgeschlossen sein wird10. Dem Beispiel Deutschland folgten Österreich (FMRÖ)11, die Niederlande (FMRN), Slovenien (FMRSl), die Provinz Venetien in Italien (RMRVe) und Kroatien (FMRHr). Die Mehrheit der Kantone hat eigene Datensammlungen zu den Münzfunden. Diese Informationen stehen jeweils dem IFS zur Verfügung. Die Fundmünzen des Kantons Zürich werden im Münzkabinett der Stadt Winterthur bearbeitet. Zusätzlich werden dort auch seit 2005 die Fundmünzen aus dem Kanton St. Gallen bestimmt. Anders als in Deutschland und den angeschlossenen Ländern werden in der Schweiz aber nicht nur die antiken, sondern auch die mittelalterlichen und neuzeitlichen Fundmünzen aufgenommen, ebenso Rechenpfennige, Wallfahrtsmedaillen sowie Siegel und Plomben.

Publikation von Fundmünzen

Die gefundenen Münzen werden zunächst von einem Restaurator gereinigt und konserviert (Abbildung 2). Hiernach werden sie bestimmt und veröffentlicht.

Abbildung 2
Abbildung 2: Ungereinigte und nicht restaurierte Fundmünzen

Das IFS gibt genau vor, wie eine Münze zu publizieren ist 12. Jedes Gepräge erhält zunächst einen SFI-Code. Er besteht aus der Gemeinde-Nummer, der Fundstellen- und Komplexnummer sowie der Münznummer. Die Nummer der Gemeinde entspricht den Nummern des Amtlichen Gemeindeverzeichnisses der Schweiz13. Sie besteht aus maximal vier Ziffern. Die Fundstellen und Komplexnummer beinhalten zwei durch einen Punkt getrennte Zahlen. Die erste Zahl gibt die Fundstelle an. Mit der zweiten Zahl werden die Fundeinheit, die sogenannten Komplexe, benannt. So können beispielweise Grab- von Hort- oder Einzelfunden unterschieden werden. Die Münznummer schliesslich dient der individuellen Kennzeichnung der Prägung. Der SFI-Code 3216-2.1:1 gibt an, dass es sich um die Münze Nr. 1 vom Fundort Obere Burg in der Gemeinde Rorschacher Berg handelt (Abbildung 3).

Abbildung 3
Abbildung 3: Beispiel für einen SFI-Code

Bei der Dokumentation der Stücke wird zunächst der Name des Prägeherrn, die Prägestätte, das Nominal und die zeitliche Anordnung wiedergegeben. Es folgt eine Beschreibung der Münze und das entsprechende Referenzzitat. Die wichtigsten Bestimmungswerke für die römische Epoche sind Roman Imperial Coinage (RIC)14 und Roman Provincal Coinage (RPC)15.

Nach der Bestimmung werden das Metall, das Gewicht, der kleinste und grösste Durchmesser, sowie die Stempelstellung in Grad genannt; darunter ist die Stellung des Münzbildes der Vorderseite zu jenem der Rückseite zu verstehen. Da in der Antike und bis weit ins Mittelalter hinein von Hand und nicht mit Maschinen geprägt wurde, variiert diese bei den einzelnen Münzen. Es folgen die Angaben zur Erhaltung und Korrosion des Stückes. Hierbei wird ein festgelegtes Schema verwendet16, das jeweils 6 Stufen enthält (Abbildung 4). Am Ende der Münzbeschreibung stehen der Aufbewahrungsort und die Inventarnummer. Es folgen, soweit bekannt, archäologische Angaben zu den Fundumständen und abschliessend gegebenenfalls Bemerkungen zu Eingriffen oder nachträglichen Veränderungen der Münze.

Abbildung 4
Abbildung 4: Abnutzung und Korrosion von Münzen

Auswertung von Münzfunden

Einführend soll kurz skizziert werden, wie Hort- und Einzelfunde ausgewertet werden. Nachdem die Münzen gereinigt, konserviert und bestimmt worden sind, wird der Anteil der Münzen einzelner Kaiser im Fundgut vermerkt. Dies geschieht in Form eines Balkendiagramms (vgl. Abbildungen 6 und 7). Für die Datierung der Niederlegung eines Hortes ist dabei die jüngste Münze und ihr Anteil entscheidend. Je mehr jüngste Münzen vertreten sind, je höher demnach ihr Anteil ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Hort kurz nach deren Prägung verborgen wurde17.

Um in einem zweiten Schritt festzustellen, ob etwa ein Hort Besonderheiten oder Charakteristika für eine bestimmte Zeit oder ein bestimmtes Gebiet aufweist, werden weitere Hortfunde zum Vergleich herangezogen.

Die Art und Weise des Vorgehens soll an einem fiktiven Beispiel erläutert werden (Abbildung 5). In einer Region ist die Existenz von vier Dörfern nachgewiesen (A-Dorf, B-Dorf, C-Dorf und D-Dorf). In diesem Gebiet sind vier Horte (Hort I, Hort II, Hort III und Hort IV) gefunden worden. Hort I ist bei A-Dorf entdeckt worden. In der Nähe von B-Dorf wurde Hort II ergraben. Hort III kam zwischen C-Dorf und D-Dorf ans Tageslicht. Als Fundort von Hort IV gilt D-Dorf. Die Horte I bis III wurden bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt, Hort IV wurde von einer Privatperson gemeldet. Jeder Hort enthält drei von vier Münztypen (nennen wir sie: Minerva-Typ, Fortuna-Typ, Mars-Typ und Iupiter-Typ), die jeweils in unterschiedlichen Anteilen vertreten sind (Abbildung 7). Dabei fällt auf, dass Hort IV genau das gleiche Münzspektrum und annährend ähnliche Zusammensetzung wie Hort I aufweist, obwohl er weit von diesem entfernt, in einem anderen Gebiet gefunden wurde. Was steckt dahinter?

Abbildung 5
Abbildung 5: Fiktive Verteilung von Einzel- und Hortfunden

Um die Besonderheit in der Zusammensetzung von Hort IV zu deuten, werden die Einzelfunde dieser Gebiete herangezogen. Enthält der Hort das Münzspektrum, welches typisch für das Gebiet ist, in dem er gefunden wurde? Beinhaltet also beispielsweise Hort I, der bei A-Dorf gefunden wurde, das Münzspektrum, welches im Gebiet von A-Dorf zirkulierte?

Abbildung 6
Abbildung 6

Die Einzelfunde des Gesamtgebietes bestehen aus denselben vier Münztypen, die auch in den Horten vertreten sind (Abbildung 6). In dem erdachten Beispiel zirkuliert der Minerva-Typ in erster Linie im Bereich von A-Dorf. Der Fortuna-Typ begegnet zu etwa gleichen Anteilen in allen vier Dörfern. Mars-Typ ist in der Hauptsache in C-Dorf anzutreffen, einzelne Stücke finden sich aber auch in B-Dorf. Schliesslich ist der Iupiter-Typ nur bei D-Dorf nachgewiesen.

Abbildung 7
Abbildung 7

Hort I beinhaltet das Münzspektrum des Gebietes von A-Dorf. Gleiches gilt für Hort II. Da Hort III zwischen C-Dorf und D-Dorf gefunden wurde, enthält er sowohl den für D-Dorf typischen Iupiter-Typ, wie auch die Fortuna- und Mars-Typen, die den Geldumlauf von C-Dorf bestimmen.

Es ist also merkwürdig, dass Hort IV kein einziges Stück vom Iupiter-Typ enthält, obwohl dieser Münztyp in den Einzelfunden aus diesem Gebiet dominant ist! Unter der Voraussetzung, dass der Finder - aus welchen Gründen auch immer - keine falschen Angaben zu dem Fundort gemacht hat, wäre zu vermuten, dass die Münzen ursprünglich im Gebiet von A-Dorf zusammengetragen wurden. Sie wurden von ihrem Besitzer, der sich dann bei D-Dorf vielleicht ansiedelte, mitgenommen und dort vergraben.

Ein praktisches Beispiel: Die Fundmünzen der Gemeinde Rorschacher Berg, Obere Burg

Die in den Jahren 1937-1939 teilweise ausgegrabene Fundstelle Obere Burg, in der Gemeinde Rorschacher Berg, lieferte vier Fundmünzen, die alles Einzelfunde sind18. Es stellte sich die Frage, ob die Münzen typisch für den Münzumlauf in diesem Gebiet sind.

3216-2.1:1
1 Augustus, Nemausus, As, nach 2 v.Chr.
Vs.: IMP DIVI F P P; Büsten des Augustus und des Agrippa
Rs.: COL NEM; Krokodil
RIC I2 S. 52, Nr. 160; RPC I, S. 154, Nr. 525.
AE 10,748g 27.7 mm 360° A 2/2 K 1/1
KASG, FmSG LNr. 719
FK 36 Sondage 2, LM 6.50-50 cm, braune, z.T. dunkle Schicht (Übergang Pos.8/Pos.14)

3216-2.1:2
2 Claudius, Roma, As, 48 n.Chr.
Vs.: GERMANICVS CAESAR TI AVG F DIVI AVG N; Kopf des Germanicus n.r.
Rs.: TI CLAVDIVS CAESAR AVG GERM P M TR P IMP PP SC
RIC I2 ,S. 129, Nr. 106
AE 4.095 g 22.7 mm 195° A 0/0 K 4/4
KASG, FmSG LNr. 720
FK 23 Sondage 1, LM 24.10-50 cm = Pos. 8
Bemerkung: Sehr dünner linsenförmiger Schrötling, der zum Rand hin spitz ausläuft.

3216-2.1:3
3 Domitianus, Roma, Sesterz, 90-91 n.Chr.
Vs.: IMP CAES DOMIT AVG GERM COS XV CENS PER P P; Büste des Domitianus n.r.
Rs.: IOVI VICTORI SC; Iupiter sitzend n.l.
RIC II, S. 203, Nr. 388
AE 17.83 g 33.5 mm 195° A 1/1 K 1/1
KASG, FmSG LNr. 721
FK 22 Sondage 1, LM 26.80-50 cm, OK schwarze Schicht = OK Pos. 12

3216-2.1:4
4 Constantinus I., Treveri, Follis, 332-333 n.Chr.
Vs.: CONSTANTINOPOLIS; Büste der Constantinopolis n.l.
Rs.: -; Victoria auf Prora n.l.
RIC VII, S. 217, Nr. 548
AE 1.665 g 17.0 mm 195° A 1/1 K 1/1
KASG, FmSG LNr. 722
FK 34 Sondage 2, LM 5.80-80 cm, in schwarzer Schicht = Pos. 14

Die älteste Prägung ist ein so genannter Nemausus-As, für dessen Datierung der Titel Pater Patriae, der auf der Vorderseitenlegende genannt ist, die Grundlage bildet. Er wurde Augustus im Jahre 2 v.Chr. vom Senat verliehen und bildet somit einen terminus post quem. Die genaue zeitliche Einordnung der Prägungen ist allerdings umstritten19. Einige Überlegungen sprechen aber dafür, dass sie erst in den Jahren zwischen 10 und 14 n.Chr. geschlagen wurden. Die Nemausus-Asse weisen noch im Münzumlauf des mittleren 1. Jahrhunderts einen nicht eben geringen Anteil auf, wie etwa die Funde von Hofheim20 oder Rottweil (Arae Flaviae)21 zeigen (Abbildung 8). Beide Orte liegen in Deutschland. Hofheim im Regierungsbezirk Wiesbaden ist eine caliguläische Gründung. Arae Flaviae befindet sich in Baden-Württemberg und wurde unter Vespasian errichtet.

Abbildung 8
Abbildung 8

Bei der Münze Nr. 2 handelt es sich um eine sehr schlecht erhaltene Prägung des Claudius für Germanicus. Nach H.-M. von Kaenel wurden diese Prägungen im Jahre 42/43 n.Chr. geschlagen22.

Die Münze des Domitian mit dem sitzenden Iupiter gehört zu den Sesterztypen, die anteilsmässig am häufigsten im Fundgut der Germania superior und in Raetien vertreten sind (Abbildungen 9). Diese Erkenntnis erlaubt die Auswertung der publizierten Münzfunde. Hierzu wurden alle einschlägigen Publikationen durchgesehen. Sie sind in der ersten Zeile aufgeführt und geographisch geordnet. In der ersten Spalte sind die häufigsten Typen an Sesterzen des Domitianus nach den Nummern des Roman Imperial Coinage aufgelistet. In der letzten Spalte ist die Anzahl der gefundenen Münzen angegeben. Der Anteil des interessierenden Münztyps ist in % in der grau unterlegten Zeile vermerkt. Deutlich ist erkennbar, dass der Sesterz RIC II, S. 203, Nr. 388 nicht überall gleich stark vertreten ist. Hauptsächlich findet er sich in Süddeutschland, der Schweiz und Teilen Österreichs. Ausserhalb dieser Gebiete ist die Anzahl der Sesterze dieses Münztyps gering.


Abbildung 9: Anteil in % des Sesterz RIC II, S. 203, Nr. 388 von verschiedenen Fundorten

Der Follis des Constantinus wurde in Trier geprägt. Vergleiche mit den Fundmünzen anderer Orte der Schweiz, etwa Martigny23 oder Vindonissa24 zeigen, dass zu dieser Zeit (330-348 n.Chr.) die Versorgung mit Aes-Münzen, d.h. mit Münzen aus unedlem Metall, anteilsmässig am meisten von der Münzstätte in Trier aus statt fand (Abbildung 10). In den Tabellen sind auf der x-Achse die einzelnen Münzstätten aufgeführt, die in den fraglichen Jahren Münzen prägten. Auf der y-Achse ist der Anteil dieser Prägungen pro Fundort angegeben. Deutlich erscheint der im Vergleich hohe Anteil der Trierer Gepräge.

Abbildung 10
Abbildung 10

Der Beginn des Keramikspektrums aus der Grabung Obere Burg datiert von der Mitte des 1. Jahrhunderts bis in die mittlere Kaiserzeit (2./3. Jh.)25. Die Zusammensetzung spricht für eine ländliche Siedlung. Mit Hilfe des Befundes und der Funde kann nun erstmals eine römerzeitliche Besiedlung des sankt-gallischen Bodenseeraumes nachgewiesen werden. Die spätantike Prägung des Constantinus könnte auf die Dauer der Besiedlung hinweisen oder aber ein zufälliger Einzelverlust sein.

Münzen als Gegenstand der Vermittlungsarbeit im Museum

Der Zugang zu Münzen und Münzfunden als historische Quelle ist für Kinder und Jugendliche nicht allzu schwierig, ist ihnen doch diese Objektgattung durch ihre Alltagsrealität bekannt. Die Relevanz dieser Objekte ist ihnen ebenfalls aus dem Alltag vertraut, somit bringen die Gruppen bereits eine gewisse Neugierde mit. Banknoten und Münzen fordern in fast idealer Weise die Lust am Schauen und Entdecken heraus. Ausserdem bringen die Klassen die Neugierde und Lust am Anschauen jeweils bereits mit.

Vor allem jüngere Schülerinnen und Schüler werden durch die Bilder auf Münzen und Banknoten zu Entdeckungen angeregt. Meist "kleben" ganze Schulklassen bald nach Betreten der Ausstellungsräume an den Vitrinen ohne dazu besonders aufgefordert worden zu sein. Im Gespräch, gerade auch mit Primarschulklassen, wird zudem immer wieder deutlich, dass viele der Kinder eine eigene kleine Münzsammlung angelegt haben.

Das Vermittlungsangebot des Münzkabinetts geht nach Möglichkeiten immer von der Materialität des Ausstellungsguts aus. Originalobjekte bilden die Grundlage für die Beschäftigung mit den Themen "Geld und Geldgeschichte". Die Begegnung mit den Originalen ist ein wesentlicher Teil der Arbeit mit Schulklassen auf jeder Stufe. Beschaffenheit, Gewicht und Material sind erste Kategorien, die bei der sinnlichen Erfahrung des Objekts im Vordergrund stehen. Die Gelegenheit, Originale nicht nur unter Glas zu betrachten, sondern gerade auch deren Gewicht wahrzunehmen, macht die besondere Qualität dieser Begegnungen aus. Anschliessend geht es darum, diese Objekte gemeinsam genauer anzusehen und sie in einen Zusammenhang zu stellen.

Im Verlauf eines Workshops gilt es deshalb, auf Fragen, die bei der Beschäftigung mit dem Originalmaterial auftauchen, Antworten zu finden, welche diese Ausstellungsobjekte in einen Kontext stellen. Erst dadurch erhalten sie ein anderes Gewicht. Sie regen dazu an, Fragen an die eigene Gegenwart zu stellen und werden so zu einem Bindeglied, das Vergangenes mit Heutigem in Beziehung setzt.

Diese Fragen werden mit zunehmendem Alter der Kinder meist komplexer. Geht es bei Kindergartenklassen darum, die Bilder auf den Münzen zu betrachten, Geschichten dazu zu erzählen und die besprochenen Bilder allenfalls als Inspirationsquelle für eigene gestalterische Arbeiten zu nutzen, werden bereits auf der Unterstufe übergreifende Begriffe wie "Sammeln" und "Wert" angesprochen.

Ab der Mittelstufe, wenn die Vorstellung einer zeitlichen Distanz besser erfasst werden kann, d. h. Zeit- und Raumbegriff voll entwickelt sind26, ist es möglich, deren historische Situierung zu thematisieren.

Im Vordergrund steht aber, wie bereits mehrfach erwähnt, bei allen Stufen die direkte Begegnung mit dem Originalmaterial, die erste Fragen aufkommen lässt. Ziel der Vermittlungsarbeit ist es in erster Linie, das selbständige Erarbeiten von Antworten auf diese Fragen in die Wege zu leiten.

Meines Erachtens besteht die Aufgabe der vermittelnden Person darin, dabei Hilfestellung zu leisten und durch kritische Rückfragen, das "Zu-Ende-Denken" der Lösungsansätze zu fördern.

In Anlehnung an die Grundsätze der Reformpädagogik ab den 1910er-Jahren27 sowie der Montessoripädagogik hat die vermittelnde Person eine "Expert/innenfunktion" inne; ihr Wissen steht der Klasse zur Verfügung, um zu "brauchbaren" Antworten zu kommen. Mit anderen Worten geht es darum, eine Balance zu finden zwischen der Eigeninitiative der Klasse und der Anleitung durch die vermittelnde Person28. Es lässt sich jeweils gut beobachten, dass die Diskussion innerhalb der Gruppe durch die Umsetzung dieses Ansatzes meist sehr ernsthaft und engagiert geführt wird29.

Mittelstufenklassen, welche die Hauptnominale des augusteischen Münzsystems erhalten, mit der Aufgabe, in einer Kleingruppe herauszufinden, wie dieses "funktioniert", ringen in der Gruppe richtiggehend miteinander, bis sie eine mögliche Lösung gefunden haben, die der Mehrheit plausibel scheint. Sie zeigen anschliessend auf, welches ihrer Meinung nach die wertvollste Münze ist und wie sich die Wertskala weiter fortsetzt. Das Prinzip, das hier zur Anwendung kommt, kann auch mit dem Begriff der "tätigen Aneignung" umschrieben werden30. Dies ist eine der üblichen Lernformen im Museum.

Die Besprechung der einzelnen Resultate zielt nicht in erster Linie darauf ab, zu bestimmen, wer die richtige Lösung herausgefunden hat. Es geht vielmehr darum zu erfahren, auf Grund welcher Überlegungen sich die Gruppe für eine bestimmte Reihenfolge entschieden hat. Denn durch das Reflektieren dieser Gedankengänge kann einiges über die jeweiligen Denkmuster gelernt werden. Die richtige Lösung gibt dann mehr einen Hinweis darauf, was sich die Römer zu ihrem Münzsystem überlegt haben. Bei dieser Gelegenheit kann gegebenenfalls die historische Distanz zum Thema werden.

Auf Oberstufen- und Gymnasialniveau helfen auch Rollenspiele, um komplexere Fragestellungen zunächst auf einer erlebnishaften Stufe anzugehen. Anschliessend gelingt es meist besser, die dahinter verborgenen Mechanismen zu reflektieren.

Konkret heisst dies, dass bei Themen wie "Börsencrash und/oder Hyperinflation" ein Rollenspiel, das der Klasse vor Augen führt, wie irrational Gruppen von Menschen reagieren, sobald grosse Summen auf dem Spiel stehen, eine gute Basis bilden kann, um diese Dynamik besser erfassen zu können.

Für die Vermittlungsarbeit auf Gymnasialstufe soll hier an Hand eines konkreten Beispiels - allerdings aus der Neuzeit - der Ablauf eines Workshops kurz genauer illustriert werden.

Am Beispiel eines Fundes, der 1943 bei Umbauarbeiten an der Obergasse 1 in Winterthur zum Vorschein kam, soll gezeigt werden, wie die Beschäftigung mit Fundmünzen schrittweise vom Objekt ausgehend zu übergeordneten, historischen Fragestellungen führt31. Im Haus Obergasse 1 kam damals ein kleiner Lederbeutel ans Licht, der 30 Silbermünzen enthielt (Abbildung 11).

Abbildung 11
Abbildung 11: Münzfund Obergasse 1, Winterthur (Foto: SLM, Zürich, aus: Zäch a.O. Abb. 4 (Anm. 26))

Es handelt sich somit um einen sogenannten Hortfund. In der entsprechenden Veranstaltung ist die erste Aufgabe, mit der die Klasse konfrontiert wird, diese Münzen zu bestimmen. Dabei ist nicht nur die genaue Beobachtung der Stücke gefragt. Die Bestimmung erfolgt nach Kriterien, die für die numismatische Erarbeitung zwingend und vorab erklärt worden sind. Diese lehnen sich an die weiter oben (S. 8) erläuterten Punkte an. Gleichzeitig bedeutet diese Art von praktischer Beschäftigung eine erste Einführung in die numismatische Systematik. Bei der Suche nach Prägeherr, Münzstätte und Prägejahr wird zugleich der Umgang mit den Bestimmungswerken eingeübt. Dabei zeigt sich, dass im Unterricht bereits erlernte Fertigkeiten wie die Beherrschung einer oder gar mehrerer Fremdsprachen von grossem Nutzen sein können.

Erst nachdem die Stücke im Zweierteam bestimmt und ein kurzer Katalogeintrag verfasst worden ist, kann die Auswertung des gesamten Hortes in Angriff genommen werden. Die Informationen zu den einzelnen Münzen, welche die jeweiligen Teams erarbeitet haben, werden daraufhin zusammengetragen, damit der Fund in einen historischen Zusammenhang gesetzt werden kann.

Bei den 30 Silbermünzen handelt es sich nämlich um sogenannte Laubtaler, die zwischen 1727 und 1791 in Frankreich geprägt wurden. Für die Datierung des Fundes ergibt dies somit bereits einen terminus post quem. Die Verbergung der Münzen kann demnach nicht vor 1791 erfolgt sein.

Die Frage, die sich aber bald stellt, ist, weshalb diese Münzen in einem Winterthurer Haus gefunden wurden.

Um diese Frage am Schluss allenfalls klären zu können, muss zuerst der Gesamtfund genauer unter die Lupe genommen werden.

Von welchen Prägestätten haben wir wie viele Stücke? Wie viele Stücke haben wir pro Prägejahr? Was lässt sich über den Zustand der Prägungen sagen? Weisen die Abnutzungsspuren auf eine intensive oder kaum vorhandene Zirkulation hin? Sind die ältesten Stücke, diejenigen mit der grössten Abnutzung? Gibt es Eingriffe auf den Münzen wie beispielsweise Einhiebe auf dem Porträt? Welche Münzsorten wurden in Winterthur im 18. Jh. überhaupt verwendet?

Die Antworten auf all diese Fragen werden unter Anleitung in Kleingruppen erarbeitet und führen so dazu, den gesamten Fund in eine Epoche einzubetten.

Eine äquivalente Arbeitsweise kann auch mit gut erhaltenen Fundmünzen aus der Antike durchgeführt werden. Die Fragestellungen werden in diesem Falle vielleicht andere, die Bestimmungswerke einfacher einzusetzen sein, doch letztlich geht es erneut darum, den historischen Kontext zu umreissen und dadurch das Objekt in d i e Geschichte einzugliedern.

Luisa Bertolaccini, Ulrich Werz

Anschrift der Verfasser
Luisa Bertolaccini
e-mail: luisa.bertolaccini@win.ch
Ulrich Werz
e-mail: ulrich.werz@win.ch
Münzkabinett der Stadt Winterthur
Postfach
Lindstrasse 8
8402 Winterthur

1 H. Honsell/N.P. Vogt/Th. Geiser, Zivilgesetzbuch II. Art. 457-977 ZGB Art 1-61 SchlZGB. Basler Kommentar (Basel 2007) Art 723-724, 1313-1317. (> Text)

2 Eine Liste der Ansprechpartner findet sich im Internet unter www.fundmuenzen.ch/links/links.html. (> Text)

3 Zu den verschiedenen Fundgattungen: U. Werz, Gegenstempel auf Aesprägungen der frühen römischen Kaiserzeit im Rheingebiet - Grundlagen, Systematik, Typologie - Teil I. Grundlagen, Karten Tafeln (Winterthur 2009) 68-69 [download: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2009/6893/]; N. Klüssendorf, Münzkunde - Basiswissen (Hannover 2009) 28-30; Vgl. auch P. Haupt, Römische Münzhorte des 3. Jahrhunderts in Gallien und den germanischen Provinzen. Eine Studie zu archäologischen Aspekten der Entstehung, Verbergung und Auffindung von Münzhorten. Provinzialrömische Studie 1 (Grunbach 2001) 59-85. (> Text)

4 Siehe etwa: R. Urban, Der Bataver-Aufstand (Trier 1985); J. Daumer, Aufstände in Germanien und Britannien. Unruhen im Spiegel antiker Zeugnisse. Europäische Hochschulschriften (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York 2005) 208-216. (> Text)

5 H. Chantraine, Die Bedeutung der römischen Fundmünzen in Deutschland für die frühe Wirtschaftsgeschichte. In: K. Düwel/H. Jankuhn/H. Siems/D. Tiempe, Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel und Nordeuropa. Teil I Methodische Grundlagen und Darstellungen zum Handel in vorgeschichtlicher Zeit und Antike. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1980 bis 1983 (Göttingen 1985) 381 mit Anm. 57. (> Text)

6 R. Göbl, Antike Numismatik. Band I Einführung, Münzkunde, Münzgeschichte, Geldgeschichte, Methodenlehre. Praktischer Teil (München 1978) 225. (> Text)

7 J. Gorecki, Studien zur Sitte der Münzbeigabe in römerzeitlichen Körpergräbern zwischen Rhein, Mosel und Saar, Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 56, 1975, 226-307; G.E. Thüry, Charon und die Funktion der Münzen in römischen Gräbern der Kaiserzeit. In: O.F. Dubuis/S. Frey-Kupper/G. Perret, Trouvailles monétaires de tombes. Actes du deuxième colloque du Groupe suisse pour l'étude des trouvailles monétaires (Neuchâtel, 3-4 mars 1995) (Lausanne 1999) 17-30. (> Text)

8 Zum Problem der Raubgrabungen etwa: D. Graepler, Fundort unbekannt. Raubgrabungen zerstören das archäologische Erbe. Eine Dokumentation (München 1993); H.G. Niemeyer, (Hrsg.), Archäologie, Raubgrabungen und Kunsthandel. Podiumsdiskussionen auf der 23. Mitgliederversammlung des Deutschen Archäologen-Verbandes in Münster, 26. Juni 1993. Schriften des Deutschen Archäologen-Verbandes 13 (Hannover 1995). (> Text)

9 Zur Geschichte: H. Geiger, Das Inventar der Fundmünzen der Schweiz: eine Institution und eine Publikation. In: IFS, Ausgewählte Münzfunde; Kirchenfunde: Eine Übersicht, IFS 1 (Lausanna) 12-14; H.-M. von Kaenel, das Inventar der Fundmünzen der Schweiz, Archäologie der Schweiz 15, 1992, 57-60. (> Text)

10 H. Gebhart/K. Kraft/H. Küthmann/P.R. Franke/K. Christ, Bemerkungen zur kritischen Neuaufnahme der Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland ("Antiker Münzfundkatalog"), Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte 7, 1956, 9-71. (> Text)

11 Die Fundmünzen des römischen Österreich sind auch als Datenbank im Internet zugänglich http://www.oeaw.ac.at/numismatik/projekte/dfmroe/dfmroe.html> Text)

12 IFS 1 a.O. (Anm. 9) 19-20. (> Text)

13 Bundesamt für Statistik, Amtliches Gemeindeverzeichnis der Schweiz. Stand 1. Januar 1986 (Bern 1986). Änderungen der Namen, Nummern oder der politischen Eingliederung von Gemeinden werden vom Bundesamt für Statistik laufend bekannt gegeben. Sie sind abrufbar www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.html s.v. Mutationen (> Text)

14 Das RIC wurde im Jahre 1923 von H. Mattingly und E.A. Sydenham begründet und im Jahr 1994 mit Band 10 abgeschlossen. Von Band I erschien 1984 und von Band II 2009 eine überarbeitete Fassung. (> Text)

15 Das RPC wurde 1992 von M. Amandry, A. Burnett und P.P. Ripolles begründet. Band II folgte 1999 und 2006 erschien der vorgezogene Band VII,1. (> Text)

16 IFS, Usure et corrosion/Abnutzung und Korrosion. Tables de reference pour la détermination des trouvailles monétaires/Bestimmungstafeln zur Bearbeitung von Fundmünzen, Bulletin IFS 2, 1995, Supplement; als download im Internet www.fundmuenzen.ch/dienstleistungen/supplement/abnutzung_korrosion.html oder www.fundmuenzen.ch/downloads/supplement_1995.pdf. (> Text)

17 Göbl a.O. (Anm. 6) 225. (> Text)

18 M.P. Schindler, Archäologischer Jahresbericht 2004. In: Neujahrsblatt/Historischer Verein des Kantons St. Gallen 145, 2005, 197. (> Text)

19 Werz a.O. (Anm. 3) 52-54; M. Amandry/A. Burnett/P.P. Ripolles, Roman Provincial Coinage I. From the death of Caesar to the death of Vitellius (44 BC-AD 69) (London/Paris 1992) 151-153. (> Text)

20 J. Gorecki, Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland Abteilung V Hessen Band 1,1 Wiesbaden (Berlin 1994) 138-233 Nr. 1089-1093. (> Text)

21 E. Nuber, Die antiken Münzen aus Rottweil. In: Arae Flaviae IV. Forschungen zur Ur- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 28 (Stuttgart 1988) 237-360. (> Text)

22 H.-M. von Kaenel, Münzprägung und Münzbildnis des Claudius. Antike Münzen und geschnittene Steine 9 (Berlin 1986) 226-233. (> Text)

23 A. Cole/F. Wiblé, Martigny (VS). Le mithreum, IFS 5 (Lausanna 1999). (> Text)

24 Th. Pekáry, Die Fundmünzen von Vindonissa. Von Hadrian bis zum Ausgang der Römerherrschaft. Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa 6 (Brugg 1971). (> Text)

25 Schindler a.O. (Anm. 18). (> Text)

26 Siehe hierzu beispielsweise J. Piaget, Die Bildung des Zeitbegriffs beim Kinde, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 77 (Baden-Baden 1974), 296-299. (> Text)

27 Für die Museumspädagogik im deutschsprachigen Raum sind hier die Werke von Lichtwark wegweisend: A. Lichtwark, Versuche und Ergebnisse der Lehrervereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung in Hamburg (Hamburg 1901) sowie ders., Übungen in der Betrachtung von Bildwerken (Berlin 1918). (> Text)

28 Im Wertequadrat von Helwig wird diese Balance sehr gut wiedergegeben; siehe dazu zusammenfassend bei H. Berner, Aktuelle Strömungen in der Pädagogik und ihre Bedeutung für den Erziehungsauftrag der Schule (Bern 19942) 254. (> Text)

29 Zur Motivation von sich selbst organisierenden Lerngruppen von Kindern siehe z.B. M. Hedegaard, Learning and Child Development. A Cultural-Historical Study (Aarhus 2002) 60-63, 78-79. (> Text)

30 K. Weschenfelder/W. Zacharias, Handbuch der Museumspädagogik (Düsseldorf 1982) 154-157. (> Text)

31 B. Zäch/R. C. Warburton-Ackermann, Die Münzfunde aus der Winterthurer Altstadt 1807-1994. In: Archäologie im Kanton Zürich 1993-1994, 205-242. B. Zäch, Kanton Zürich. Winterthur. Altstadt, Obergasse 1. In: IFS 1 a.O. (Anm. 9) 31-36 Taf. 1-3. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Jahresversammlung des SAV

Chères et chers collègues, care colleghe e cari colleghi, liebe Kolleginnen und Kollegen

Der Vorstand des SAV freut sich, Sie zur Jahresversammlung und zu einem Vortrag von René Hänggi (Vindonissa-Museum) einladen zu können.

Freitag, 15. November 2010, 15.30 Uhr
Alte Kantonsschule Aarau (bitte Angaben zum Raum vor Ort beachten), Bahnhofstrasse 91, 5001 Aarau

15.30

Jahresversammung 2010/Assemblée annuelle 2010
Tagesordnung/Ordre du jour

  1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l' assemblée 2009
  2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président
  3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag / Rapport de la caissière; cotisation des membres
  4. Kassarevision / Révision de la caisse
  5. Wahlen / Élections: Rücktritt des Präsidenten / démission du président
    Vorschlag des Vorstandes als neuer Präsident: Lucius Hartmann, Wetzikon, Proposition du comité: Lucius Hartmann, Wetzikon
  6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres
  7. Varia
17.00Vortrag von René Hänggi, dem Leiter des Vindonissa-Museums, zum Thema "Zur gallorömischen Bilderwelt im Legionslager Vindonissa".
18.30Apéro und Abendessen im Restaurant Rathausgarten, Obere Vorstadt 36, 5000 Aarau, www.rathausgarten.ch

Mit freundlichen Grüssen
Ivo Müller, Präsident

Anmeldung für das Abendessen bitte bis 13. November an: ivo.mueller@kst.ch oder 079 365 64 38

2. Schweizerischer Lateintag
Samstag, 23. Oktober 2010 in Brugg

INTERESSE - Dabeisein

32 Workshops am Tage: Einblicke in Texte, spielerische Anwendungen, praktische Tricks zum Sprachenlernen, geboten von Fachleuten und Nutzern der lateinischen Sprache, Dozenten der Fachhochschule, der Universitäten Basel, Zürich, Fribourg, Lausanne, Graz.
Bezirksschule Hallwyler und Umgebung, Vindonissa-Museum: 9:30 - 16:30 Uhr

METAMORPHOSEN - Verwandlungen

Festakt und Theaterwettbewerb "Spiel mir Ovid!"
Theaterbegeisterte junge Leute aus schweizerischen Mittelschulen entführen in die zauberhafte Welt der Geschichten Ovids: von Liebe, Tod und Verwandlung.
Festrede: Prof. Dr. Ursula Pia Jauch, Universität Zürich.
Umrahmung: Bläserensemble der Bigband Fachhochschule, Leitung Stephan Athanas
Römische Verpflegung. Salzhaus: 17:00 - 21:00 Uhr

Der Tag will die lateinische Sprache in der Gegenwart sichtbar machen: Die CIVITAS der Lateiner soll sich treffen und in Brugg die Präsenz von Latein demonstrieren: Je grösser sie ist, umso grösser ihre Wirkung in der Öffentlichkeit. Alle Lateinkenner sind eingeladen und bekommen Angebote von hohem Niveau: Seneca, Ovid, Petrarca, der Teufel höchstpersönlich, Jan Kochanowski liefern Texte für den Kenner. Latein auf den Schreibtäfelchen der römischen Soldaten, in Jahrzeitbüchern, in der Rechtssprache, in neuzeitlichen Fachsprachen, im Schweizerdeutschen gilt es zu entdecken - Einstiegsportionen für den Interessenten.

Einen Hauptakzent bilden die Geschichte von Narziss und ihre Rezeption in Kunst und Psychologie, siehe Programm: www.lateintag.ch

INTER LINGUAS

Spezielles Thema ist der Nutzen von Latein für die Mehrsprachigkeitdidaktik. Zwei Angebote werden gestaltet von Lehrenden der Fachhochschule und sind geeignet unser Versprechen konkret einzulösen, Latein nütze dem Schüler, der Sprachen lernt.

SPIEL MIR OVID!

Sieben Gruppen haben sich angemeldet und bestreiten das Abendprogramm im Theaterwettbewerb. Moderation: Bernadette Schnyder und Markus Häni
Als Überraschung des Tages wird die Landeshymne mit einen neuen lateinischen Text gesungen.

FELIX TIBI SIT ANNUS NOVUS 2011 (Lateinwerbespots für das ganze Jahr)

Der lateinische Kalender zeigt für jeden Monat eine lateinische Inschrift, angetroffen an heutigen Wegen durch die Schweiz. Preis Fr. 20.00; auf Bestellung und Versand Fr. 25.00

MINIMA NON CURAT PRAETOR

Der begehrte Knopf mit lateinischem Zitat ist wieder erhältlich.

Marie Louise Reinert

Zeitvertreib statt Sudoku oder Kreuzworträtsel: Identifikation von Zitaten

Gisela Meyer Stüssi, Bern, bittet Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, um die Mithilfe bei der Identifikation von lateinischen Zitaten. Den genauen Wortlaut der vermuteten Zitate finden Sie unter http://www.philologia.ch/zitate.php. Herzlichen Dank!

Gisela Meyer Stüssi

Vox quaestoris fortunatae

Cari magni nec minus minimi donatores, vobis gratias maximas agimus. adhuc Fr. 2395.00 accepimus. speramus diem Turicensem interdisciplinarem anno veniente vobis omnibus magno gaudio et usui fore.

Laila Straume-Zimmermann

Elemente - ΣTOIXEIA - ELEMENTA
Antike und moderne Naturwissenschaft zum Ursprung der Dinge
Interdisziplinäre Tagung

Termin: Donnerstag, 17.3.2011, 8.30-17.00 Uhr
Ort: ETH Zürich - Kantonsschule Hohe Promenade Zürich

Begegnungen schaffen!

Das ist das Ziel, welches sich der Schweizerische Altphilologenverband mit der Organisation dieser Tagung gesteckt hat. Begegnen sollen sich Vertreterinnen und Vertreter der Universitäten und der Schulen, begegnen sollen sich ebenfalls Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Mit diesem Anliegen ist der SAV überall auf offene Ohren gestossen, so dass ein spannendes Programm zustande gekommen ist; namhafte Vertreterinnen der Hochschulen aus den Bereichen Klassische Philologie, Chemie und Physik werden über verschiedene Aspekte des Tagungsthemas referieren. Die Workshops werden Gelegenheit bieten, Einzelthemen vertieft zu ergründen und vor allem ins Gespräch zu kommen. Frau Prof. Regula Kyburz wird zusammen mit Dr. Hugo Caviola über die Didaktik der Interdisziplinarität referieren und auch ihr neues Buch zum Thema Interdisziplinarität präsentieren.

Programm:

9.00Einführung durch Prof. Dr. Heidi Wunderli, Präsidentin ETH
9.30Prof. Dr. R. Kyburz-Graber, IGB (Universität Zürich)
Einblicke in die Forschung zum fächerübergreifenden Unterricht
10.00Prof. Dr. Laura Gemelli, Klass. Philologie (Universität Zürich)
Die Vier-Elemente-Lehre: Überlegungen über die Anfänge einer naturwissenschaftlichen Theorie
11.00Prof. Dr. Detlef Günther, Department für Chemie und Angewandte Biowissenschaften (ETH Zürich)
Die Bedeutung von Spurenelementen für die Rekonstruktion der Vergangenheit und Gestaltung der Zukunft
14.00Workshops zu Themen aus Mathematik, Physik, Chemie, Kosmogonie und Interdisziplinarität
16.00Prof. Dr. Bruno Binggeli, Astronomie (Universität
Basel) Quarks, Quasare, Quintessenz. Antike Reminiszenzen im Weltbild der modernen Physik und Kosmologie

Weitere Informationen und Anmeldung: www.philologia.ch/tagung2011.php

Lucius Hartmann, Martin Müller, Philipp Xandry
 

Weiterbildung

Helvètes en Érétrie - Helvetier in Eretria
28. Oktober 2010 in Basel

Avez-vous manqué l'exposition consacrée aux fouilles suisses d'Érétrie cet été à Athènes ? - Qu'à cela ne tienne, l'exposition sera à Bâle en automne. Une journée de formation continue y sera consacrée le 28 octobre, sous la direction du directeur de l'École Suisse d'Archéologie en Grèce, le professeur Karl Reber de Lausanne. Participeront également aux débats le vice-directeur du Musée des Antiquités, M. Andrea Bignasca, et M. Laurent Gorgerat, animateur pédagogique.
Tous les renseignements utiles se trouvent sur www.webpalette.ch.

Haben Sie die Ausstellung über die Schweizerischen Ausgrabungen in Eretria diesen Sommer in Athen verpasst? Zum Glück kommt die Ausstellung im Herbst nach Basel. Eine Weiterbildungstagung wird am 28. Oktober dort stattfinden, unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Reber aus Lausanne, dem Direktor der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland. An der Diskussion werden auch der Vizedirektor des Antikenmuseums, Dr. Andrea Bignasca, und Laurent Gorgerat, pädagogischer Animator, teilnehmen.
Alle nötigen Auskünfte finden Sie auf der Webpalette: www.webpalette.ch

Christine Haller

Castelen V, 12.01.2011: Latein und Mehrsprachigkeitsdidaktik

Der neue Volksschullehrplan für Französisch und Englisch ist in der Vernehmlassung (www.passepartout-sprachen.ch/de.html). Der neue Fremdsprachenunterricht wird sich an den Prinzipien der Mehrsprachigkeitsdidaktik orientieren. Dieser Entwicklung muss sich der Lateinunterricht stellen. Dass und wie er dies kann und teilweise heute schon tut, soll Castelen V am 12. Januar 2011 zeigen.

Als Dessert konnten wir Prof. Dr. Peter Blome, Direktor des Antikenmuseums Basel, gewinnen. Herr Blome ist ein glänzender und humorvoller Redner; er wird uns Highlights aus seiner Schatzkammer, dem Antikenmuseum, vorstellen.

Der Kurs richtet sich an Lateinlehrpersonen Sek. I und II und an Sprachlehrpersonen (D, F, E, I, S) Sek. I und II.

Programm

9.00Begrüssung
9.15-10.15Prof. Dr. Giuseppe Manno
Mehrsprachigkeitsdidaktik
10.45-11.45 Martin Müller
Lateinunterricht und der Lehrplan passepartout Englisch und Französisch
MittagessenRestaurant Römerhof, Augst
14.00-15.30Workshops: lernstrategische Kompetenzen, Bewusstsein für Sprache, Texterschliessung, Textlinguistik, Bewusstsein für Kultur: Kulturelle Themen
16.00-17.00Prof. Dr. Peter Blome, Direktor des Antikenmuseums Basel
Neue Highlights des Antikenmuseums

Kosten: 30.00 Fr. für das Mittagessen im Restaurant Römerhof und den Kaffee; zahlbar vor Ort.
Weitere Informationen und Anmeldung: mueller.martin@gymliestal.ch

Martin Müller
 

Euroclassica

Conférence annuelle et Assemblée Générale d'Euroclassica : Didactica Hispanica Classica
Madrid, 3-5 septembre 2010

Pour la seconde fois de son histoire - bientôt vingt ans ! -, la Conférence annuelle d'Euroclassica s'est tenue à Madrid les premiers jours de septembre. Elle a réuni une quarantaine de participants étrangers et quelques Espagnols aussi.

Après les paroles d'ouverture d'usage, la matinée du jeudi 3 septembre a vu se dérouler deux ateliers didactiques qui ont remporté un franc succès. Le premier était consacré à l'écriture. Un collègue espagnol a commencé par présenter le phénomène de l'écriture dans l'Antiquité à l'aide d'une très nombreuse documentation épigraphique certes, mais surtout matérielle. Chacun a ensuite pu s'initier à la calligraphie au moyen d'un calame et tâter de l'écriture sur papyrus. Deux autres périodes ont ensuite été consacrées, selon le même principe alliant la théorie et la pratique, aux questions de mode, d'hygiène et de cosmétique romaines, avec à la clé la confection d'un onguent parfumé... L'attention et la bonne humeur étaient remarquables et méritent d'être expérimentées en classe !

L'après-midi était réservé par le président d'Euroclassica à A European Curriculum Framework for Classical Languages. The European Certificate for Classics - Elex and Egex, dont tous les détails se trouvent sur le site du Conseil de l'Europe et celui d'Euroclassica (www.euroclassica.eu > ECCL (acronyme appelé à changer sous peu).

L'Assemblée Générale s'est déroulée en début de soirée. Outre de finances et de certificat européen, il y a été question des publications en cours, d'appels à collaboration pour étoffer la banque d'exercices et d'examens en vue de l'obtention des reconnaissances européennes. La conférence 2011 se tiendra à Paris l'avant-dernière semaine d'août. On devrait y voir, entre autres, les statues à caractère mythologique du parc de Versailles.

Si les ateliers didactiques sont une spécialité espagnole développée par la Saguntina Domus Baebia (http://domusbaebiasaguntinacast.blogspot.com/), il en est une autre qui a vu le jour en 1984 et qui culmine dans le Festival de Théâtre classique de Segóbriga : la représentation de pièces antiques par des élèves des gymnases et lycées à l'intention des élèves du secondaire (http://www.teatrogrecolatino.com/).

De Segóbriga on n'a longtemps connu que les vestiges du théâtre romain, mais aujourd'hui, grâce au travail des archéologues, ce sont les ruines de toute une ville des débuts de notre ère que l'on peut visiter à une centaine de kilomètres de Madrid (http://www.patrimoniohistoricoclm.es/parque-arqueologico-de-segobriga/). Spécialité locale à l'époque romaine : l'exportation de verre à vitre ! Nous avons assisté là, sous le soleil de midi du samedi, à une remarquable représentation de l'Électre de Sophocle (en espagnol) par la troupe d'un lycée de Madrid.

Last but non least, la visite du centre historique d'Alcalà de Henares nous a finalement permis, le dimanche matin, de pénétrer dans les murs de la plus ancienne université espagnole (fin du 15e s.) et dans ceux de la maison natale de Cervantès. Après ce fut surtout une histoire de grève des contrôleurs aériens...

Neuchâtel, septembre 2010
Christine Haller

Europäischer Tag der Sprachen vom 26. September

Am 26. September wird der europäische Tag der Sprachen gefeiert. Unter der Ägide der Euroclassica wurde "A European Curriculum Framework for Classical Languages (ECFRCL)" ausgearbeitet und steht ebenso wie Prüfungsbeispiele - bis jetzt erst zur ersten Stufe "Vestibulum" - unter www.eccl-online.eu zur Verfügung. Man kann mit seinen Klassen am 29. September, dem diesjährigen Tag des Lateins, oder später im Schuljahr am ELEX (European Latin Exam) teilnehmen. Diese Prüfung, zu deren Lösung Multiple choice-Fragen zu einem lateinischen Text beantwortet werden müssen, wird beim ersten Durchlauf dezentral durchgeführt und korrigiert, die Resultate können zentral gemeldet werden. Die Gewinner/innen erhalten ein Zertifikat von Euroclassica. Alle weiteren Informationen und Beispiele für Prüfungen findet man auf www.eccl-online.eu. Wer mit seiner Klasse am richtigen Examen teilnehmen möchte, soll sich bei Christine Haller (christine.haller@philologia.ch) melden.

Christine Haller
 

Rezensionen

Bénédicte Gandois, La Fortune de Moeris (roman historique), Cossonay-Ville (CH) 2009 (Editions de la Maison Rose), 98 pages, ISBN 978-2-940410-06-4

"Avez-vous jamais remarqué combien Virgile est actuel ? Plus de deux siècles après sa mort, c'est à nous qu'il continue de s'adresser. C'est à nous qu'il adresse ses craintes sur l'avenir de Rome aux multiples nations, mais aussi ses espoirs de paix et d'harmonie retrouvée quand il écrit..."

Ces paroles du rhéteur Quintus Duvius, pieusement répercutées à la fin du récit par son disciple Moeris, devenu professeur à son tour, résument bien le message humaniste de ce petit livre : l'actualité du monde antique est permanente, et infiniment riche d'enseignements !

Et pourtant, rien de moins pédant, ni de plus alerte et plus rafraîchissant que ce roman plein de suspense qui se lit comme un policier ! Le jeune lecteur n'aura de cesse avant de savoir si le sympathique Moeris réussit à échapper aux traquenards de ses adversaires, s'il récupère son trésor, et s'il épouse pour finir la sémillante Amaryllis...

Ouvrage tout à fait indiqué pour une lecture en classe : fasciné par l'aventure, l'adolescent assimilera sans peine, et même à son insu, nombre de connaissances précieuses sur les moeurs et la vie quotidienne des Anciens ! Pas étonnant, quand vous saurez que la romancière est également professeure de grec et de latin ! Pour la mieux connaître, faites un tour sur son blog : http://benedictegandoisecrivain.over-blog.com

Félix Tuscher

Hans Peter Syndikus, Die Elegien des Properz, Eine Interpretation, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010, 373 S., CHF 81.00 (€ 49.90), ISBN 978-3-534-23213-0

Was Hans Peter Syndikus - den meisten Kolleginnen und Kollegen durch seine Interpretationen zu Horaz (Oden) und Catull bestens bekannt - mit Jahrgang 1927 noch alles zu leisten imstande ist, wobei er sich immer noch auf der Höhe der aktuellen Forschung zeigt, ist bemerkenswert und für Lehrerinnen und Lehrer, die sich an Properz wagen, höchst erfreulich. In seiner bekannten Manier interpretiert er die 92 Elegien der vier Bücher, denen er jeweils eine kurze Einleitung voranstellt, indem er Themen, Gedankenführung und Struktur der Gedichte aufzeigt. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, was der Dichter aus seinen Vorlagen gemacht hat. Von den alexandrinischen Dichtern Philitas und Kallimachos, die er namentlich erwähnt, liess Properz sich wohl in der poetischen Gestaltung der Stoffe beeinflussen. Ein Beispiel mag genügen: In 1,3 kommt der Dichter spät in der Nacht angetrunken zur schlafenden Geliebten und will sie zur Liebe zwingen, wie es ein Epigramm des Kallimachos schildert (A.P. 12,118). Dazu kommt es aber nicht. Aus Angst vor einer Scheltrede will er den Schlaf der Geliebten nicht stören. Die Geliebte ist eine domina, also eine Person, die man achtet, kein Strassenmädchen. Wie bei seinem unmittelbaren Vorgänger Catull ist bei Properz das eigene - im Gegensatz zu den griechischen Epigrammen seelisch stark vertiefte - Liebesgefühl zentral. Der Dichter kostet jede Gefühlsbewegung extrem aus. Seine Elegien sind weder reine Fiktion noch eigentliche Erlebnisgedichte; ebenso wie Catull leidet er - in fast allen Gedichten in Ich-Form - an der Liebe, dem Verfallensein an seine Geliebte Cynthia, von der er nicht loskommt. Immer wieder kommt Syndikus auf die Schwierigkeiten des Textes zu sprechen, dessen Überlieferung oft unsicher ist. Mit kurzer Begründung bringt er seine Entscheidungen bei umstrittenen Textstellen zum Ausdruck, erfreulicherweise ohne zu werten oder gar zu verdammen. Bei seiner Arbeit waren ihm Paolo Fedelis vier Kommentarbände (entstanden zwischen 1962 und 2005) eine wertvolle Hilfe. Ein Buch wie dieses nimmt man gewöhnlich dann zur Hand, wenn man sich mit einem speziellen Gedicht befasst. Speziell sei deshalb auch auf die sehr lesenswerte literaturgeschichtliche Einleitung (Leben und Werk des Dichters, der Dichter zu seiner Zeit, Cynthia, der Charakter von Properzens Elegiendichtung, seine Geltung bei den Zeitgenossen und sein Nachruhm in der Antike) hingewiesen. Von den - erfreulich wenigen - Druckfehlern sei nur erwähnt, dass es auf S. 43 A. 56 Silentiarios heissen muss. Ein bisschen eigenartig wirkt es, wenn Syndikus von Virgil spricht, aber seine Werke mit Verg. zitiert. Fazit: Das Buch ist unverzichtbar für alle, die sich mit Properz beschäftigen, und gehört in jede Fachbibliothek. Ein Letztes: Wie schon bei den früheren Werken des Autors lautet der Untertitel: Eine Interpretation. Darin äussert sich m.E. eine grosse Bescheidenheit - eine Bescheidenheit, wie sie nur bei einem Kenner zu finden ist.

Beno Meier

Volker Reinhardt, Michael Sommer, Sizilien. Eine Geschichte von den Anfängen bis heute, Darmstadt (WBG) 2010, 212 S., 42 s/w-Abbildungen, CHF 42.90 (WBG-Preis € 19.90), ISBN 978-3-89678-675-3

Volker Reinhardt (Universität Fribourg) und Michael Sommer (Liverpool) legen eine Geschichte Siziliens vor, die - so der Klappentext - "ein Erkenntnisgewinn für den historisch Interessierten, für den Reisenden ein Muss" sei. Was die PR-Floskel verspricht, hängt wie immer von Erkenntnisstand und Erwartung des Lesers ab. Folgende zwei Präzisierungen seien erlaubt: Für den an der nachantiken Geschichte Siziliens Interessierten ist der Erkenntnisgewinn grösser als für den Antikenfreund. Und: Der Reisende wird das Buch nicht ins Tal der Tempel von Agrigent oder in den Dom von Monreale mitnehmen, denn um Informationsvermittlung zu einzelnen Schauplätzen und Ereignissen der sizilischen Geschichte geht es den beiden Autoren nicht. Vielmehr liegt ihnen daran, die grossen Linien derselben aufzuzeigen, wirtschaftliche, gesellschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Konstanten und Tiefenstrukturen sichtbar zu machen, kurz: die Geschichte Siziliens in ihrer longue durée zu verstehen.

Eindrücklich arbeiten Reinhardt/Sommer z.B. das in Sizilien besonders hartnäckige "Konstrukt des Feudalismus" (S. 119) heraus: Im 14. Jahrhundert mit ehemals königlichen Privilegien ausgestattet, besitzen und beherrschen die lokalen Adelsclans Land und Leute weit über das Ende des Ancien Régime hinaus. Im 16. Jahrhundert profitieren sie von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum (vgl. das Kapitel "Im Zeichen des Korns", S. 139-144), verstärken ihre Klientel durch die licentia populandi, arbeiten aber notfalls auch mit den berüchtigten banditi zusammen (S. 133f und 149; zu Frühformen der Mafia S. 173 und 183f). Weder eine starke Zentralmacht noch "Leitbilder erfolgreicher oder gar hegemonialer Bürgerlichkeit" konkurrenzieren "das Vorbild ungestrafter Adels-Arroganz" (S. 136), sodass schon früh Berichte über Siziliens anarchische Zustände die Runde machen: die Insel sei "ungezügelt, unbeherrscht und unbeherrschbar" (S. 149).

In den Kapiteln "Grenzen der Aufklärung" (S. 151-159) und "Revolution von oben" (S. 161-169) wird gezeigt, dass die feudalen Strukturen Siziliens selbst historischen Grosswetterlagen trotzten, die im übrigen Europa irreversible Veränderungen verursachten. Und mehr noch: "Aus dem Feudalherrn ... konnte im Laufe des 19. und 20. Jh. ... mühelos der 'Grosswähler' werden, der seinen ehemaligen Vasallen verbindliche Angaben darüber machte, wo sie bei Urnengängen ihr Kreuz zu machen hatten" (S. 169)!

Die Kapitel II bis VII sind dem prähistorischen und antiken Sizilien gewidmet (S. 11-91). Der unbefangene Leser findet hier auch allgemeine erklärende Ausführungen und Einordnungen zu Motiven und Verlauf griechischer Kolonisation, zu Demokratie und Tyrannis oder zum Begriff der Dunklen Jahrhunderte. Im Kapitel "Leben und Wohnen im spätantiken Sizilien" wird die Villa bei Piazza Armerina näher vorgestellt und durch einen Grundriss und zwei Bilder veranschaulicht. Überhaupt sind die zahlreichen Schwarzweiss-Fotografien sehr gut gewählt und illlustrieren die verschiedenen Epochen stimmungsvoll. Als weitere Beispiele seien die drei normannischen Bauten in Palermo (Palastkapelle), Monreale und Cefalù oder die 'Erdbebenbilder' aus Messina von 1908 genannt (S. 103-105 bzw. 186f). Die Zeit des Feudalismus bringen mehrere Bilder aus der Verfilmung des Gattopardo auf den Punkt. Dagegen werden etwa Übersicht suchende Schüler eine Zeittafel vermissen, der historisch tiefer interessierte Leser einen Fussnotenapparat. In der Bibliographie fällt die kurze Liste zur römischen Epoche auf (kaum Spezialliteratur).

Thomas Schär

Klaus Zimmermann, Karthago, Aufstieg und Fall einer Großmacht, Stuttgart (Konrad Theiss Verlag) 2010, 159 S., Subskriptionspreis bis 31.12.2010 CHF 54.90, ab 1.1.2011 CHF 62.90

Das neuste Werk Zimmermanns, der in Münster Alte Geschichte lehrt, setzt sich zum Ziel, von einer etwas einseitigen, von der griechisch und römisch geprägten Sichtweise der Karthager wegzukommen, die neben dem Respekt für Hannibal gerne verschlagene Händler, grausame Hinrichtungspraktiken und (umstrittene) Kinderopfer in den Vordergrund rückt. Die Zerstörung Karthagos 146 v.Chr. hatte zur Folge, daß die punischen Quellen vernichtet wurden und somit nur noch eine Sicht von außen möglich war, weswegen Zimmermann zur Skepsis gegenüber den vorhandenen Quellen (er benützt Appian, Hanno, Herodot, Livius und Polybios) mahnt, die möglicherweise auf Mißverständnissen oder gezielter Propaganda beruhen.

Von den verschiedenen Gründungsmythen der Stadt, unter denen die Dido-Legende aufgrund ihres Nachlebens besonders herausragt, geht der Autor chronologisch durch die Geschichte Karthagos, dessen Gründung er ungefähr ins neunte Jahrhundert v.Chr. datiert (die genauen Umstände bleiben unklar). Kritisch untersucht er Berichte wie Hannos teilweise fiktiv erzählten Periplus, der allerdings nur in griechischer Übersetzung überliefert ist, oder ausgewählte Stellen diverser Historiker, die auf ganzen Seiten ausführlich dargeboten werden. Dabei werden jeweils die Interessen deutlich, die die Darstellungen färben. Sehr detailliert werden die einzelnen Geschehnisse mit ihren Hintergründen geschildert, beginnend mit den Konfrontationen mit den Griechen auf Sizilien.

Zimmermann gibt sodann zu bedenken, daß die Phase der friedlichen und kooperativen Koexistenz zwischen Römern und Karthagern ungleich länger dauerte als die Zeit ihrer großen Auseinandersetzungen ab 264 v.Chr. Sorgfältig und jederzeit sehr gut verständlich analysiert und erläutert er die wenigen, aber aufschlußreichen Zeugnisse, die in Form von lediglich vier bei Polybios erwähnten Verträgen die Respektierung der jeweiligen Interessen beinhalteten. Mit dem Einbezug der historischen Situation der Römer zur Zeit des zweiten Vertrages wird deren Motivation deutlich, womit anderslautende Aussagen des Livius dazu nunmehr relativiert werden können.

Im folgenden Kapitel werden die Gründe für die Auseinandersetzungen untersucht und aufgezeigt, welche speziellen Interessen hinter der römischen Geschichtsschreibung stehen bzw. welche Darstellungen unrichtig sein müssen. Diskutiert wird die für diese Zusammenhänge wichtige Einstellung der römischen Gesellschaft gegenüber kriegerischer Expansion, weswegen nach dem Ersten Punischen Krieg auch nicht von einer folgenden Zwischenkriegszeit gesprochen werden könne; am Beispiel der Stadt Sagunt wird nun gezeigt, daß sie für die Römer nur ein Mittel zum Zweck, nicht aber eine verbündete Stadt gewesen sei, die man hätte schützen wollen. Zimmermann analysiert alsdann nicht die (umstrittenen) Details von Hannibals Zug mit den Elefanten über die Alpen, sondern erläutert die Gründe für das karthagische Vorgehen und die verheerenden Folgen für die Römer. Der Zweite Punische Krieg sei auch nicht als Höhepunkt der karthagischen Geschichte zu betrachten, denn der Verzicht Hannibals auf eine Belagerung Roms sei kein strategischer Fehler, sondern wohlkalkuliert gewesen, da es ihm nicht um die totale Zerstörung des römischen Imperiums gegangen sei - letzteres wird von vielen bis heute bei einer Belagerung Roms fälschlicherweise als zwangsläufige Folge angenommen -, was auch in Hannibals anschließendem Freundschaftsvertrag mit dem Makedonenkönig Philipp V. deutlich werde. In den letzten Kapiteln folgt die Behandlung des wechselhaften Kriegsverlaufs in Spanien bis zur Schlacht bei Zama, des Exils und Todes Hannibals und der Auseinandersetzungen Karthagos mit dem Numiderkönig Massinissa, die schließlich zur vollständigen Zerstörung Karthagos und damit zu dessen Ausschaltung als Großmacht führten (die Rolle Catos mit seinem bekannten Leitsatz fehlt dabei natürlich nicht). Zimmermann zieht den Schluß, daß das römische Motiv dabei nicht die Beseitigung einer militärischen Bedrohung, sondern die Statuierung eines Exempels war, wie ein Vergleich mit der im selben Jahr zerstörten Stadt Korinth zeigt.

Das Werk ist durchaus ausgewogen ausgeführt und hochinteressant zu lesen. Es ist sehr reich mit Karten, Gemälden, Buchmalereien, heutigen Ansichten der wichtigen Schauplätze, Schlachtskizzen usw. illustriert.

Iwan Durrer

Alkuin, Propositiones ad acuendos iuvenes, Aufgaben zur Schärfung des Geistes der Jugend, hrsg. von Sven Günther und Michael Pahlke, München (J. Lindauer Verlag), Lindauers lateinische Lektüren 2009, 96 S., ISBN 978-3-87488-222-4

Zurzeit wo manche als römische Soldaten bekleidet im Takt marschieren, macht es anderen sicher auch Spass, mit römischen Zahlzeichen und Mass- und Gewichtssystemen umzugehen. So haben S. Günther und M. Pahlke aus den dreiundfünfzig überlieferten Propositiones ad acuendos iuvenes Alkuins eine Auswahl von fünfundzwanzig Aufgaben als Anregung zum fachübergreifenden und fachverbindenden Unterricht, und zwar zwischen Mathematik und Latein, ausgewählt. Eine Mitarbeit der Latein- und Mathematiklehrer ist dabei sehr erwünscht. Denn auch wenn die verschiedenen Propositiones nicht nur mit Wortschatz, sondern auch mit Übersetzung und Lösung versehen sind, werden komplementäre historische Kenntnisse und Fachkompetenzen der Lehrer den Schülern das Erlebnis interessanter, lebendiger, lustiger und sicher auch leichter machen. Das Büchlein enthält zuerst eine Einführung in die Persönlichkeit, das Leben und das Werk des angelsächsischen Lehrers und Gelehrten Alkuin (735-804), der 781 vom Kaiser Karl dem Grossen selbst an dessen Hof eingeladen wurde. Dort organisierte er bekanntlich unter anderen die Hofschule und baute später noch als Abt des Klosters St. Martin in Tours die "Schule von Tours". Alkuin behandelte fast alle Bereiche der septem artes liberales und zeigte grosses Interesse am Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie). In diesem Kontext entstanden die (manchmal noch umstrittenen) Propositiones ad acuendos iuvenes.

In einigermassen leichtem und flüssigem Mittellatein geschrieben gehören die Aufgaben aus mathematischer Sicht eher in den Bereich der sogenannten Unterhaltungsmathematik als in tiefere Auseinandersetzungen mit mathematischen Problemen. Dort spiegelt sich die antike Mathematik vielfältig und zeigt das Fortwirken antiker Tradition und deren Wiederentdeckung in der "Karolingischen Renaissance".

Die Autoren erinnern in ihrer Einführung an alle nötigen Elementen: römische Zahlzeichen, Zahlwörter, Mass- und Gewichtssysteme und geben einige Literaturhinweise. Im Lehrerkommentar befinden sich die Übersetzungen und Lösungen der Aufgaben mit zusätzlichen didaktischen Vorschlägen.

Christine Haller

Klaus Bringmann, Cicero, Darmstadt (Primus-Verlag/WBG) 2010, 336 S., CHF 48.90, ISBN 978-3-89678-677-7

Eine wirklich hervorragende neue Biographie über Cicero hat Klaus Bringmann, emeritierter Althistoriker der Uni Frankfurt a.M., mit diesem Band erarbeitet. Bringmann habilitierte sich ursprünglich mit den "Untersuchungen zum späten Cicero" für Klassische Philologie, war aber nachher hauptsächlich Dozent für Alte Geschichte. Es handelt sich also bei dem zu besprechenden Band nicht etwa um das Werk eines reinen Historikers, der in Philologie höchstens zweifelhafte Kompetenzen mitbringt. Sein eigener Anspruch lautet denn auch, eine Biographie zu bringen, die "ganz aus den Quellen gearbeitet ist" (S. 9). Und genau das leistet er auch in vorbildlicher Weise.

Cicero ist bekanntermassen eine von wenigen Persönlichkeiten der römischen Antike, zu denen eine solche Arbeit überhaupt zu leisten ist, und die Möglichkeiten und Grenzen der vorhandenen Quellen lotet Bringmann auf das Genaueste aus. Vor allem stützt er sich dafür naturgemäss auf die Briefe und Reden Ciceros.

Was die Tiefe und Präzision der Ausführungen angeht, so wage ich es, das vorliegende Buch mit Christian Meiers Standardwerk zu Caesar auf eine Ebene zu stellen. In ungemeiner Detailliertheit schildert Bringmann die teilweise sehr komplexen politischen Verhältnisse und Beziehungsgeflechte, in denen sich Cicero zeitlebens bewegte. Die Gerichtsprozesse, von denen Ciceros Reden erhalten sind, werden dargelegt und in die historische Situation eingebettet. Etliche Briefstellen werden zitiert und in den richtigen Zusammenhang gestellt, wobei wir vieles über die Selbsteinschätzung Ciceros und die Beweggründe zu seinem politischen Handeln erfahren. Ganz nebenbei könnte dieses Buch auch ein Standardwerk über die späte Republik und die Bürgerkriegswirren sein - kein Wunder, war doch Ciceros Leben und Karriere auf das Engste mit diesen Entwicklungen verknüpft.

Bringmann begeht zum Glück nicht den Fehler, bei der Beurteilung von Ciceros Rolle und Stellenwert in eine Extremposition zu verfallen, wenngleich er etwa Mommsens oder Matthias Gelzers abfällige Urteile natürlich darlegen muss. Er scheint eher zu versuchen, Ciceros Beweggründe vor dem Hintergrund der historischen Verhältnisse verständlich oder nachvollziehbar zu machen. Natürlich kann er nicht umhin, unsympathische bis abstossende Charakterzüge Ciceros auch beim Namen zu nennen - doch auch sein bekannter pathetischer Geltungsdrang wird in der Gesamtsicht irgendwie verständlich.

Schon ein eindeutigeres Urteil gibt Bringmann über Catilina ab (S. 94). Entgegen manchen moderneren Interpreten sieht er in ihm nicht den idealistisch agierenden Sozialrevolutionär, sondern einen machtgierigen Menschen, der sich der Sache des notleidenden Volkes in erster Linie als Mittel zum Zweck annahm, um die Stellung zu bekommen, von der er meinte, dass sie ihm zustehe.

Ein ärgerlicher Wermutstropfen sind die doch relativ vielen Druckfehler und Versehen in dem inhaltlich hervorragenden Buch. Ceyx/Keyx aus dem Halcyone-Mythos wird "Klix" genannt (S. 30), sodann "peripateisch" (S. 235) und etwa noch "Musestunden" (S. 237), um nur diese drei Beispiele zu nennen.

Beat Hüppin

Kai Brodersen (Hrsg.), "I have a dream". Grosse Reden von Perikles bis Barack Obama, Darmstadt (Primus Verlag) 2009, CHF 29.90

Das gesprochene Wort ist flüchtig. Wie können wir da Reden lesen, die älter als Tonaufzeichnungen sind oder bei denen man sich nicht auf spätere Verschriftlichungen der Redner stützen kann. Thukydides ist sich dieses Problems durchaus bewusst, wenn er den Begriff des "Gesamtsinns" im Gegensatz zum genauen Wortlaut einführt. In seinem Werk lässt er Perikles die Rede "Athen, die Schule von Hellas" während der öffentlichen Leichenfeier für die ersten Gefallenen im Peloponnesischen Krieg halten. Diese berühmten Worte wurde zwischen 1938 und 1944 in 45'000 Exemplaren gedruckt - die Verzweiflung, mit der mancher junge Mensch sich mit dieser Lektüre auf Sinn- und damit Trostsuche begeben haben möge, möchte man sich nicht vorstellen. Schön, dass die römische Antike Einzug in das Bändchen gehalten hat, amüsant, welche Rede für das Imperium Romanum, dessen Macht und Ruhm sich auf die militärische Schlagkraft und rhetorische Schlagfertigkeit ihrer Männer gründete, der Herausgeber und Professor für Antike Kultur Kai Brodersen ausgesucht hat, denn hier ergreift weder der brillante Cicero auf den rostra oder in der curia das Wort, noch richtet ein Feldherr wie Caesar geschickt die Moral seiner Truppen auf. Nein, eine Frau darf reden: die britische Königin Boudicca, die im Jahr 61 zum Kampf gegen Rom vor ihrem Heer von 120'000 Mann aufruft. Auch wenn wir wissen, unsere "Quotenfrau" wird verlieren, so ist die Ansprache, die Cassius Dio ihr in den Mund legte, lesenswert.

Die Einleitungen der 15 Reden - in chronologischer Reihenfolge treten u.a. Luther, Robespierre, Napoleon, Metternich, Churchill und King auf - sind nicht explizit an ein Fachpublikum gerichtet. Gleichwohl fundiert, beleuchten ihre Verfasser, allesamt sind es entweder noch aktive oder bereits emeritierte Professoren, die historische Situation, in denen die Visionen und Träume entstanden, sowie die politische Position der Redner, wenn nötig, auch die Provenienz der Texte, die Tradierung sowie die Wirkung bzw. Rezeption der Texte.

Karl-Friedrich Krieger, Emeritus für Mittelalterliche Geschichte, gelingt es, mit leichtem Strich auf nicht ganz zwölf Seiten die Geschichte der Kreuzzüge zu zeichnen, um so das Verständnis der Lesenden für die Argumente in den zwei der vier überlieferten Rede-Fassungen zu wecken, wie der Aufruf Papst Urbans II. 1095 in Chartres zur Unterstützung von Byzanz gegen die Seldschuken theologisch eingeordnet werden kann.

Eine Auswahl bleibt immer nur ein Ausschnitt einer Fülle, über den sich diskutieren liesse. Der Vorwurf an die deutschen Professoren, ihre Geschichte zu sehr zu gewichtet zu haben, wäre sicher fehl am Platze.

Barack Obamas Rede bei der Amtseinführung wirkt in dieser Selektion etwas zu aktuell - gewollt.

Einzig Goethes "Zum Schäkespears Tag" wird rhetorisch untersucht, doch tut das dem Buch keinen Abbruch, da die Grösse der Reden, auch wenn man auf die Präsenz der Redner, ihre Persönlichkeit, ihre pronuntiatio bzw. actio verzichten muss, ihre mitreissende Wirkung auch beim Lesen nicht verfehlen.

Bettina Hoppe

Tom Holland, Millennium. Die Geburt Europas aus dem Mittelalter, Stuttgart (Klett-Cotta) 2009, 502 S., CHF 43.50

Vor einem Jahr wurde an dieser Stelle das "Persische Feuer" von Tom Holland besprochen (SAV-Bulletin September 2009, S. 39), eine Darstellung der griechischen Selbstbehauptung gegen die persische Übermacht im 5. Jahrhundert. Der nun anzuzeigende Band von demselben Autor behandelt eine Epoche rund 15 Jahrhunderte später und ist um einige Akteure - an denen schon die Ereignisse rund um die Perserkriege nicht arm waren - reicher. Doch nicht nur das Personal ist vielseitiger, auch der geographische Fokus der Erzählung ist viel weiter gefasst und als Leser befindet man sich bald in Rom, bald in Konstantinopel, bald in Zentraleuropa, Skandinavien, England, in der Normandie, auf Sizilien, in Nordafrika, Spanien, Island. Liess sich das "Persische Feuer" um die Höhepunkte der bekannten Schlachten anlegen, so ist das Verbindende in "Millennium" die Zeitenwende und die europa- und mittelmeerweite Unruhe und das Reformstreben, das damit einher ging.

Der tour d'horizon beginnt mit dem Zerfall des Römischen Reiches im Westen und seiner Behauptung im Osten. Während die byzantinische Kirche bald imperiale Züge annahm und zu einer Art Staatsbetrieb wurde, überlebte die Kirche im chaotischen Westen wohl nur durch ihre stark regional ausgerichteten Strukturen und ihre zum Synkretismus neigende Frömmigkeit. Es folgt der Aufstieg des Ordnung bringenden Karl des Grossen und bald nach ihm ein erneutes Untergehen Europas in Gewalt, diesmal durch marodierende Banden. Durch den als Reaktion darauf konzipierten, gewissermassen "von unten" durchgesetzten Gottesfrieden wurde dem unkontrollierten Rauben und Morden Einhalt geboten, gleichzeitig allerdings die sozialen Unterschiede festgeschrieben und zu gottgewollten, ständischen Unterschieden erklärt. Ein weiterer Erzählstrang verfolgt die Ausbreitung der Araber und ihr nicht immer sehr tolerantes Wirken in Andalusien. Ein Gemisch aus numerisch bedingter Millenniumsangst, Berichten über die Schändung von Santiago de Compostela, Gerüchten über die gewaltsame Islamisierung Jerusalems und immer wieder auftretenden Hungersnöten erwies sich als überaus explosiv und förderte die "Entdeckung" und Verfolgung der Juden (als vermeintliche Verbündete der Muslime) und der Häretiker, sowie die Mobilisierung zu den Kreuzzügen. In einer gewissen Weise war aber auch der Reformgedanke, der vom Kloster Cluny ausging, mit diesen Entwicklungen verbunden. Durch das Pontifikat Gregors VII. konnten sich die kirchlichen Reformkräfte durchsetzen und die katholische Kirche wurde - so paradox es klingen mag - zum ersten grossen europäischen Staatswesen, mit (fast) allen Merkmalen eines modernen Staates, inklusive Beamtenapparat und Steuersystem. Durch die von Gregor VII. durchgesetzte Emanzipation der Kirche vom Staat (eindrücklich demonstriert in Canossa) konnte der Flickenteppich Europas geistlich geeint, lokale Unterschiede überwunden werden. Es ist dieser Reformgedanke, der gemäss Holland das bleibende Vermächtnis der vorletzten Jahrtausendwende bildet. Das Gefühl, "dass etwas geschehen müsse" bestimmt bis heute unser Weltbild und unsere Politik, man denke nur an Menschenrechte und Umweltschutz.

All die verschiedenen Themen behandelt Holland leicht verständlich und gut lesbar. Die leichte Lesbarkeit muss man allerdings mit einer teilweise ins Geschwätzige hinüberschwappenden Weitschweifigkeit bezahlen. Nicht immer lassen sich kolloquiale Ausdrücke und witzige Wortspiele übersetzen. Europa bleibt eben immer noch ein kultureller Flickenteppich mit regionalen Unterschieden. Da muss etwas geschehen ...

Sundar Henny

Das Bulletin veröffentlicht eine zweite Rezension zu dem folgenden Buch. Der Autor hat die Redaktion darum gebeten.

Mario Andreotti, Die Struktur der modernen Literatur. Neue Wege in der Textinterpretation: Erzählprosa und Lyrik. Mit einem Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen, 4., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Bern/Stuttgart/Wien (Haupt Verlag) 2009

Antike Seelenzersplitterung - moderne Seelendissoziationen

Wie zerfasert, zerklüftet und zerfetzt die menschliche Seele auseinanderfahren kann! Das weiss schon die Antike. Wäre die Bändigung der Seelenstrebungen kein Problem, so müsste sich Odysseus auf seiner langen Fahrt nicht an den Mast der Vernunft binden lassen, um sich gegen den süss erotisierenden Gesang der Sirenen und so gegen seine eigene Triebwelt zu feien. Bei Plato wäre das Wagenlenkergleichnis unnötig. Und bei den Römern ohnehin: Für sie war in den gesellschaftlich-literarischen Beziehungen nicht ein durchgehaltenes klares begriffliches Konzept für das "Selbst" dominant, also auch nicht ein festes Subjekt - sondern: das Prinzip der Maskerade, der "persona". So treibt zum Beispiel Catull in seinen Gedichten ironische Spiele der Selbstverhüllung und Selbstentblössung. Im Carmen 49 erweist er in der Maske des schlechtesten Dichters dem besten Advokaten Cicero eine ironische Reverenz, um ihn, ausgerechnet den anscheinend Besten ironischerweise, zu desavouieren.

Das literarische Verfahren, das ist's! Aus der Struktur, aus dem Widerspiel von Inhalt und Form, daraus springt ein Mehr, das gewisse Etwas.

Die moderne Literatur scheint von da her wie eine letzte Steigerungsform dessen, was schon in der Antike angelegt war. In neuen Text- und Sprachverfahren wie gestischen Schreibweisen, Montage- oder Collagetechniken macht sie ihrem Lesepublikum die skizzierte Zersplitterung und Zerfaserung des Subjekts nicht nur einsichtig, sondern auch erlebbar. Darum fährt oft etwas Verstörendes, Ausschweifendes, Unordentliches in moderne Texte. Nicht zufällig hatte ausgerechnet der für modernes Denken und Schreiben so wichtige Nietzsche seine berühmte Sympathie für den unbändig ausschweifenden und zerreissenden Rauschgott Dionysos mitsamt dessen Widersprüchen ...

Nietzsche hat denn auch - neben Freud - stark die moderne Vorstellung der Ich-Auflösung, mithin der modernen Subjektkrise geprägt. Solche Zusammenhänge aus der europäischen Geistesgeschichte zeigt der St. Galler Germanist Mario Andreotti in seinem Buch "Die Struktur der modernen Literatur" auf, das nun in einer 4. und zugleich aktualisierten Ausgabe erschienen ist. Neben geistesgeschichtlichen geht er auch auf naturwissenschaftliche, politische, theologische und linguistische Zusammenhänge ein, die durch die moderne Literatur vibrieren.

Daraus entwickelt er seine Deutungen unter konsequent strukturellem Blickwinkel. Gut so! Gerade weil sie schräg und konfus daherkommt, möchten wir der modernen Literatur ja wo möglich mit klaren Strukturbegriffen beikommen.

Die Tradition versinkt so nicht in ein verstaubtes Nirgendwo. Im Gegenteil: Andreotti geht immer wieder von traditionellen Schreibweisen aus; die dienen als Hintergrundfolie. Von ihr aus können die spezifischen Merkmale der modernen Literatur deutlich und didaktisch einprägsam konturiert werden. Sich auflösend, verlieren zum Beispiel moderne Figuren ihre Festigkeit, nicht selten unter dem Druck von Kollektivmächten. Das ergibt auch einen neuen, vielfach gebrochenen Weltbezug. Moderne Figuren sehen sich, wie Andreotti trefflich auf den Punkt bringt, nicht mehr einer "Wirklichkeitskohärenz" gegenüber, wie sie in bürgerlicher Literatur noch gestaltbar war.

In ihren Verfremdungs- und Auflösungstendenzen ist die Moderne unermüdlich, sie überbietet sich gleichsam fortwährend selber - bis dieses Überbieten in der Spätmoderne immer schwieriger wird, sich gleichsam selbst überschlägt und in der Postmoderne bis zum Überschlag radikalisiert ist, derart die vorherige Entwicklungsteleologie ausser Kraft setzt. Das führt auch zur Überschreitung überlieferter Gattungs- und Instanzengrenzen.

Diese jüngeren Tendenzen berücksichtigt die vierte Auflage von Andreottis "Struktur der modernen Literatur" ebenfalls. So werden beispielsweise Grenzüberschreitungen zum Populären hin wie die Slam Poetry oder die Pop-Literatur erläutert. Oder Grenzöffnungen aufgrund neuer technischer Möglichkeiten kommen in den Blick, etwa Hypertexte oder Handy-Romane, dann folgerichtig auch Link- und Ergänzungsoptionen, schliesslich Ahnungen weltweiter Digitalcollagen ...

Das ergibt eine grosse Vielfalt. Wie die Übersicht wahren? Wir sind Andreotti dankbar, dass er für die vierte Auflage seines Buches über die moderne Literatur das Glossar hinten erweitert hat, sodass neben älteren nun auch ganz junge Begriffe erklärt sind. Das erlaubt schnelle Orientierung.

Dankbar sind wir im Hinblick auf unsere Orientierungsbedürfnisse ferner für die ordnende Darstellung im Buch selber. Die moderne Literatur wird relativ schnell übersichtlich, dank klugen graphischen Darstellungen auch visuell. So wird denn das Buch zu einem gut handhabbaren Kompendium für Schule, Studium und interessierte Laien.

Daniel Annen

Heike Grieser / Andreas Merkt (Hrsg.), Volksglaube im antiken Christentum, Darmstadt 2009, 552 S., CHF 135.00

Der von den Herausgebern dem Professor für Kirchengeschichte der Antike der Katholischen Universität Mainz, Theofried Baumeister, zur Emeritierung gewidmete Band ist eine Fundgrube für alle, die sich für christliche Volksfrömmigkeit in der Antike interessieren, ein Gebiet, auf dem sich Antike und Christentum, Theologie, Archäologie und Frömmigkeitsgeschichte treffen. Vier Aufsätze zur Bestimmung dessen, was "Volksglaube" ist, eröffnen den Band. Diese Arbeiten sind nötig, weil diese speziellen Glaubensformen zwar für das Mittelalter und die Neuzeit schon länger erforscht werden, aber für das antike Christentum bis jetzt nur sporadisch gemacht wurden. Darauf folgen Arbeiten zu fünf Bereichen: Religiöse Popularliteratur, Alltagsfrömmigkeit, Synkretistische Frömmigkeit, Tod-Bestattung-Heiligenverehrung und zur Auseinandersetzung der offiziellen Kirche und Theologie mit dem Volksglauben. Das ausführliche Quellenregister (S. 525-548) lässt erahnen, welche Fülle an Material in den Artikeln vorhanden ist. In den Anmerkungen und reichen bibliographischen Angaben am Ende der meisten Artikel findet man Spezialliteratur zu Themen, die man weiter verfolgen möchte.

Die Lust auf Lektüre wecken sollen Hinweise auf zwei Artikel zu typischen Phänomenen des Volksglaubens. W. Wischmeyer, Ein Kreuz gegen Diebe (S. 354-363) interpretiert eine Inschrift aus Alexandria Troas (Türkei), in der das Kreuz Christi gebeten wird, Kirchendieben die Augen und das Herz zugrunde zu richten und sie zu Kannibalen werden zu lassen, die ihre Kinder und Frauen auffressen. Das Kreuz wird zur magischen Kraft, die Gewalt mit Gewalt bekämpft; "und doch bilden dieses wie andere Christentümer die eine, komplexe Kirchengeschichte", wie der Autor realistisch sagt (363). Dieter Zeller behandelt S. 393-406 die "Taufe für die Toten", die Paulus im 1. Korintherbrief (15,29) erwähnt. Nach der Prüfung der vorgeschlagenen Lösungen aufgrund jüdischer, orphischer und inschriftlicher Quellen muss festgestellt werden, dass für diesen Ritus typischer "Volksfrömmigkeit" wohl das Umfeld aus religionsgeschichtlichen Analogien gefunden, aber nicht eine wirkliche Erklärung gegeben werden kann.

Was die Herausgeber hoffen, wird uns mit diesem Band in die Hand gegeben: "ein farbenfroher und zugleich nützlicher Teppich".

Alois Kurmann

Lucius Annaeus Cornutus, Einführung in die griechische Götterlehre, herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Peter Busch und Jürgen K. Zangenberg, Texte zur Forschung Band 95, Darmstadt (WBG) 2010, 171 S., CHF 84.00

"Wahrlich nicht klein ist das Verlangen, zu erfahren, inwiefern sich Okeanos und Tethys, da ja der Welt im Falle ihrer vorübergehenden Enthaltsamkeit Gefahr drohen würde, durch Vermittlung der nach Dirnenart geschmückten Hera versöhnen wird. Musste sich Trockenheit und Feuchtigkeit versöhnen, damit die Welt nicht durch die Übermacht des einen Teiles zusammenbreche, oder ist an etwas noch Dümmeres zu denken?" Der Spott des christlichen Theologen Gregor von Nazianz über eine allegorische Auslegung von Il. 14,205ff. in or. 4,116 und die vielen anderen gehässigen Beispiele ähnlicher Art, mit denen er die seit Jahrhunderten erarbeitete und gepflegte Methode der Mytheninterpretation lächerlich zu machen glaubt, wird in ihrer Boshaftigkeit greifbar, wenn man Cornutus liest. Es ist sehr zu begrüssen, dass die WBG das Werk des Cornutus in der Reihe der Texte zur Forschung herausbringt.

Die Epidrome ("Zusammenfassung") des zur Zeit des Kaisers Nero wirkenden Cornutus ist eines der wenigen erhaltenen Werke, das uns die Methode der von den Stoikern gepflegten allegorischen Mythenerklärung anschaulich erleben lässt. Der äusserst spröde, mit vielen Etymologien arbeitende Text, der eine Art Lehrbuch oder Handbuch ist, wird von den beiden Herausgebern sehr ausführlich mit grosser Sachkenntnis eingeleitet. Das wenige, das man vom Leben des Cornutus weiss, die Zielsetzung seiner Epidrome, die Tradition, in der er steht und die stoische Physik, die er seiner Mythenauslegung zugrunde legt, kommen ausführlich zur Sprache, sodass Text und Übersetzung des Werkes in ihrer Bedeutung erfasst werden können.

An einem Beispiel soll spürbar werden, wie der Autor arbeitet. Zu Eros sagt er unter anderem: "Auch heisst er (scil. Eros) Verlangen (πόθος) von der Nachahmung der Küsse her, woher auch die Bezeichnung "Papa" kommt: Oder davon, dass Liebende von ihren Geliebten (nicht 'Geblieben' wie Druckfehler der Übersetzung S. 123) viel wissen wollen (πολλὰ πυνθάνεσθαι) sowie jene über sie: woher (πόθεν) sie kämen, oder wo (ποῦ) sie seien." Wenn man Cornutus liest, hat man sowohl eine gute Grundlage, um Gregors und christliche Polemik insgesamt gegen "heidnische" Mythenauslegung zu verstehen als auch, um die allegorische Bibelauslegung der christlichen Theologen, die uns oft nicht weniger verwirrend erscheint, richtig in die literarische Tradition einzuordnen.

Alois Kurmann
Binding Stiftung
Update: 2.5.2012
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