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Bulletin 72/2008

Inhalt

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Lector benevole

Wird es Kreisen, die sich für höhere Bildung interessieren, allmählich bewusst, dass mit dem Rückgang, beziehungsweise der an gewissen Orten fast ganz vollzogenen Aufgabe der Alten Sprachen in den Gymnasien, Grundlagen unserer Kultur verloren gehen? Die grossen Besucherzahlen der Homerausstellung in Basel, der Medienaufwand um Schrotts Thesen zu Homer und seiner Übersetzung der Ilias und mehrere Artikel in Zeitungen in den letzten Wochen könnten darauf hindeuten, dass die steigende Schülerzahl in Lateinkursen in Deutschland auch auf die Schweiz Einfluss haben. Auch wenn die Anzeichen für ein Umdenken noch schwach sind, können wir für unseren Verband doch die sehr erfreuliche Zunahme von Mitgliederzahlen vermelden: Seit dem letzten Bulletin haben sich 15 Neumitglieder angemeldet. Im Namen des Vorstandes möchte ich sie alle auch an dieser Stelle herzlich begrüssen. Ebenfalls sind nun alle Kantone wieder durch einen Korrespondenten / eine Korrespondentin im Verband vertreten.

Der Hauptartikel dieser Nummer befasst sich mit der Vielfalt der lateinischen Sprache, die sich je nach Zeit, Ort, sozialer Schicht und Sprechsituation verschieden äussern kann, sodass die sog. Geschlossenheit der Grammatik, oft als "Logik des Lateins" gepriesen, fraglich wird, dafür aber die "Lebensnähe" des "toten Lateins" besser aufscheint. Ein wichtiger Beitrag ist die Einladung zur Jahresversammlung, mit der der Vorstand die Hoffnung und Freude ausdrückt, am 14. November in Fribourg eine grosse Zahl von Kolleginnen und Kollegen zum reichhaltigen Programm begrüssen zu können.

Mehrere kleine Beiträge und Hinweise zeugen von einer aktiven Phase der Arbeit des Vorstandes und einzelner Verbandsmitglieder, sei es in der Bildungspolitik (Deutschschweizer Lehrplan), der Erarbeitung von modernen Lehrmitteln (Latinum electronicum) oder der Initiierung eines grösseren Anlasses im Jahr 2010. Auch die Rezensionen dürften wieder Anstoss zu persönlicher Weiterbildung geben.

Ein wichtiges Ziel des Verbandes ist es, den Vorstand zu verjüngen. Das scheint zum jetzigen Zeitpunkt besonders günstig zu sein, da der Mitgliederzuwachs zeigt, dass entgegen allen gegenteiligen Prognosen auch heute ein Verein jüngere Kolleginnen und Kollegen anzusprechen vermag, wenn er sich aktiv und konsequent für wichtige Anliegen einsetzt.

Alois Kurmann
 

Thematischer Artikel

Eine Sprache ist kein Monolith

1. Einleitung

Wer in die traditionelle Schulgrammatik einer Sprache blickt - sei es eine lateinische oder die irgendeiner modernen Sprache -, bekommt üblicherweise den Eindruck von starker Einheitlichkeit vermittelt: Es scheint, als ob jede Sprache nur aus einem einzigen System mit einer einzigen festgelegten Standardgrammatik bestünde, aus der sich immer ablesen lässt, was richtig ist, während alle Abweichungen von dieser Norm als "falsch" zu beurteilen sind. Diese Sicht ist grob vereinfachend, künstlich, und das Lernen nur dieser Grammatik im Unterricht führt keineswegs zu einer guten, "korrekten" Sprachbeherrschung. Einem, der eine solche Standardgrammatik perfekt beherrscht, wird es so ergehen wie Eliza Doolittle in George Bernard Shaws Pygmalion: Diese Person wird zwar scheinbar korrekt sprechen - und dennoch ständig Fehler produzieren.
Woher kommt dieses Paradox?
Es liegt daran, dass jede sprachliche Äußerung nicht in einem gleichsam luftleeren Raum erfolgt, sondern stets in Abhängigkeit von mehreren außersprachlichen Gegebenheiten steht. Die moderne Sprachwissenschaft unterscheidet vier Varianzen, die nach folgenden Fragen unterschieden werden können:

  1. "Diachronische" Varianz der Sprache: Wann, in welcher Zeit, haben die Sprecher eine Äußerung getan?
  2. "Diatopische" Varianz: Woher stammen die Sprecher?
  3. "Diastratische" Varianz: Zu welcher sozialen Schicht gehören die Sprecher?
  4. "Diaphasische" Varianz: In welcher kommunikativen Situation verwenden die Sprecher die Sprache?

Diese Varianzen manifestieren sich in jeder Äußerung in einer natürlichen Sprache, im Latein genauso wie in jeder modernen Sprache. Mit der Erforschung der Frage, wie die genannten Varianzen eine sprachliche Äußerung beeinflussen, befasst sich die sog. "Varietätenlinguistik". Ihre Ergebnisse ermöglichen einen viel realistischeren Blick auf das Phänomen Sprache und insbesondere auf die Frage, worin sich gewisse, anscheinend synonyme Ausdrucksweisen voneinander unterscheiden. Da es unsere tiefe Überzeugung ist, dass gymnasialer Sprachunterricht nicht auf der Ebene der Grammatik und des Wortschatzes sowie - in den modernen Sprachen - der Kommunikationsfähigkeit stehen bleiben darf,1 werden die Resultate der Varietätenlinguistik auch für den Unterricht in jedem beliebigen Sprachfach relevant.

Die folgenden Ausführungen haben zum Ziel, diese Unterrichtsrelevanz aufzuzeigen. Dazu werden die vier genannten Varianzen einzeln vorgestellt (Kap. 2 bis 5); nach einer allgemeinen Einführung (Kap. 2.1, 3.1 usw.) wird jeweils auch gezeigt, worin sich die betreffende Varianz speziell im Latein manifestiert (Kap. 2.2, 3.2 usw.). Anschließend werden die Varianzen in ihrem Zusammenspiel und ihrer gegenseitigen Beeinflussung gezeigt (Kap. 6). Zum Schluss folgen Ausführungen über den didaktischen Nutzen dieser Erkenntnisse und es werden konkrete Unterrichtsziele formuliert (Kap. 7).

2. Die diachronische Varianz

2.1. Allgemeines

Jede Sprache verändert sich mit der Zeit. Selbst wenn sich in einer Sprache eine standardisierte Form herausbildet, ist dieser allgemein verbindliche Standard immer für Veränderungen offen. Das gilt auch für die deutsche Sprache, deren Standardform am Beginn des 21. Jahrhunderts anders aussieht als 200 Jahre zuvor. Man erkennt das daran, dass Wörter, Wortformen und -bedeutungen sowie syntaktische Konstruktionen, die zur Zeit Goethes und Schillers üblich waren, heute selbst in einem durchaus entsprechenden literarischen Umfeld - diese Einschränkung ist wesentlich - nicht mehr gebräuchlich sind. Dass diese Unterschiede bestehen, ist unbestritten; strittig ist nur, wie und ob überhaupt dieser Sprachwandel auch qualitativ zu werten ist.

Bemerkenswerterweise kann ein Sprachwandel auch nur eine Teilmenge aller eigentlich "gefährdeten" Formen bzw. Funktionen erfassen. Das wird deutlich am Beispiel des Genitivs, der in der deutschen Sprachkritik als vom Aussterben bedroht gilt, was sich sogar im Titel eines einschlägigen Werkleins von Bastian Sick niedergeschlagen hat: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Bei näherer Betrachtung der verschiedenen Genitivfunktionen zeigt sich in der heutigen Standardsprache jedoch eine ganz andere Situation, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:

Es zeigt sich also, dass nicht einfach "der" Genitiv ausstirbt. Gerade in der Funktion, die Sick zu seinem Pamphlet den Titel geliefert hat und die zu unserer obigen Kategorie "nachgestellt, sonstige Fälle" gehört, ist der Genitiv in der Standardsprache nach wie vor ungefährdet. Nur in bestimmten Funktionen und kommunikativen Situationen wird der Genitiv durch verschiedene andere morphologische Verfahren ersetzt (Näheres hierzu folgt in Kap. 5.1); andererseits kann der Genitiv sogar in neuen Funktionen verwendet werden, in denen er früher nicht gebräuchlich war.

2.2. Im Latein

Auch das Latein hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Selbst in Texten, die heute im Schulunterricht durchgenommen werden, sind Veränderungen der Sprache zwischen dem Altlatein des frühen 2. Jahrhunderts - bei Plautus und Terenz - und der Klassik zur Zeit Caesars und Ciceros gut erkennbar. Dies zeigt sich beispielsweise an den Formen des Konjunktiv Präsens von esse, der im Altlatein noch so lautet, wie man ihn von der indogermanischen Ursprache her erwartet, nämlich s-iē-m, s-iē-s, s-iē-t, s-ī-mus, s-ī-tis, s-i-ent. 100 Jahre später jedoch hat sich das Konjunktivzeichen -ī- in sämtlichen Personen analogisch durchgesetzt.

In der Zeit nach der Klassik passiert dann ein merkwürdiges Phänomen: Die uns vor allem überlieferte geschriebene lateinische Standardsprache wird - ohne Eingriffe von irgendwelchen Akademien oder staatlichen Stellen - zum Modell für alle späteren Zeiten, und zwar so stark, dass von nun an in dieser Schriftsprache nur noch marginale Veränderungen eintreten, wie z.B. das nunmehr durchgängig nach der 3. Konjugation flektierte Verb ēsse/edere. Sonst jedoch blieben die lateinische Orthographie2 und die gesamte Formenlehre sowie die Syntax im Wesentlichen unverändert; allenfalls sind Formen seltener geworden oder ganz ausgestorben (z.B. das Supinum I) bzw. syntaktische Konstruktionen haben an Häufigkeit zugenommen (das Gerundium auf Kosten des Partizips der Gleichzeitigkeit). Diese Versteinerung der Schriftsprache hat zur Folge, dass jemand mit seinen Kenntnissen der Formen und Syntax des klassischen Lateins ohne Probleme auch Texte lesen und verstehen kann, die ein halbes Jahrtausend nach Cicero entstanden sind; man muss also nicht eigens eine "spätlateinische Grammatik" neu lernen.

Die rigide Standardisierung der Sprache mit dem Festhalten an der Grammatik des 1. Jahrhunderts hatte jedoch eine gravierende Auswirkung: Neben der uns greifbaren geschriebenen Sprachform existierte ja immer auch eine gesprochene Sprache. Diese Sprachform ist unter dem unglücklichen Namen "Vulgärlatein" bekannt geworden und gehört, da ursprünglich nur im mündlichen Gespräch verwendet, eigentlich zur Diaphasie (vgl. Kap. 5). Während die geschriebene Sprache erstarrte, entwickelte sich die gesprochene Sprache des Alltags ungehindert weiter und entfernte sich Schritt für Schritt vom Schreibstandard. Deshalb wurde der Aufwand, sich den Schreibstandard anzueignen, mit der Zeit immer größer. Als dann im Gefolge der Völkerwanderungszeit auch das Schulsystem weit gehend zusammenbrach, blieb kaum jemand übrig, der die klassische Schreibsprache noch beherrschte; wer überhaupt noch schreiben konnte, schrieb, von formelhaften Versatzstücken abgesehen, meist so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, so dass also die analphabetische Gesellschaft des Jahres 700 einen zeitgenössischen geschriebenen lateinischen Text, der vorgelesen wurde, recht gut verstehen konnte.3 Einzig in Irland, wo das Latein neben der einheimischen keltischen Sprache stets eine zu lernende Fremdsprache geblieben war, blieb, von den Wirren der Völkerwanderungszeit unbeschadet, der klassische lateinische Schreibstandard erhalten. Dann aber versuchte auf dem Kontinent Karl der Große, unterstützt von seinem "Bildungsdirektor", dem Iren Alkuin, den christlichen Glauben wieder zu heben. Ein Mittel dazu waren verbesserte Lateinkenntnisse des Klerus; dieser wurde angehalten, den Gläubigen Predigten aus der Zeit Augustins zu halten - mit dem Erfolg, dass niemand mehr verstand, was gepredigt wurde. Die Kirche reagierte schnell: 814 fand in Tours ein Konzil statt, das verfügte, die Priester sollten künftig danach trachten, die Predigten "in rusticam romanam linguam aut thiotiscam" zu übersetzen: das erste Zeugnis für das mittlerweile entstandene Bewusstsein, dass die Alltagssprache kein Latein mehr war, sondern eben eine andere Sprache. Erst damals ist Latein endgültig zur toten Sprache geworden, die von niemandem mehr als Erstsprache gesprochen wurde.

3. Die diatopische Varianz

3.1. Allgemeines

Alle modernen Sprachen weisen in mehr oder minder ausgeprägtem Maße eine räumliche Gliederung in Dialekte auf, wobei diese unterschiedlich lebenskräftig sind: Recht vital sind sie im Italienischen, fast völlig verschwunden sind sie in Frankreich, in der französischen Schweiz sowie im nord- oder niederdeutschen Raum; in der deutschen Schweiz sind sie lebendiger denn je.

Weniger bekannt ist, dass selbst die heutigen eigentlich stark normierten, zur Vereinheitlichung tendierenden Standardsprachen meist ebenfalls, wenn auch schwach, räumlich gegliedert sind. Die räumlichen Unterschiede haben - worauf hier ausdrücklich hingewiesen sei - nichts mit "dialektnaher" Sprache oder gar "Umgangssprache" zu tun (vgl. Kap. 5), sondern sie stellen in ihren Verbreitungsgebieten zum Teil den ganz normalen, unauffälligen Standard dar, der denn auch in den Schulen als solcher gelehrt wird. Aus diesem Grund gibt es zwischen den verschiedenen diatopischen Ausprägungen der Standardsprachen auch keine qualitativen Unterschiede; in der modernen Forschung spricht man in diesem Fall von "plurizentrischen Sprachen". Ein Musterbeispiel für eine solche plurizentrische Sprache ist neben dem Spanischen und dem Englischen auch das Neuhochdeutsche, wo es beträchtliche Unterschiede nicht allein zwischen den Standardsprachen der verschiedenen, mehrheitlich deutschsprachigen Länder gibt. Hierzu vergleiche man Helvetismen wie das seit dem frühen 20. Jahrhundert zugunsten von <ss> gänzlich aufgegebene <ß> (<Strasse>) bzw. Strukturen des Typs gut, seid ihr gekommen (statt gut, dass ihr gekommen seid), Austriazismen wie Jänner für sonst übliches Januar sowie sog. "Teutonismen" wie Geldautomat (in Österreich: Bankomat, in der Schweiz: Bancomat). Auch innerhalb Deutschlands finden sich bemerkenswerte Unterschiede wie im Norden übliches Sonnabend bzw. Apfelsine (im Süden sowie in Österreich und der Schweiz: Samstag bzw. Orange).

3.2. Im Latein

Im Gegensatz zum Altgriechischen sind im Latein - jedenfalls, was potenzielle Schultexte betrifft - kaum diatopische Differenzen auszumachen. Allenfalls findet man in altlateinischen Inschriften noch (wenige) derartige Unterschiede.4 Schon bald aber kommt es zu einer schließlich offenbar vollständigen Entdialektalisierung.

Im Gefolge der Ausbreitung des lateinischen Sprachgebiets über weite Teile Westeuropas und des Maghreb ist mit Sicherheit damit zu rechnen, dass neuerliche Dialektunterschiede entstanden sein müssen, denn es ist schlechterdings unvorstellbar, dass auf einem Gebiet von annähernd 3.000.000 km2 überall dieselbe Sprache gesprochen worden sein soll. Zwar sind Zehntausende von gut lokalisierbaren Inschriften erhalten und diese strotzen zum Teil vor Abweichungen vom Standardlatein, doch lassen sich auch in diesen "Fehlern" keine räumlichen Unterschiede feststellen. Entsprechende Anzeichen sind erst nach der großen politischen und ökonomischen Krise, die das Römische Reich im 3. Jahrhundert n.Chr. durchmachen musste, zu erkennen: Die ersten unzweifelhaften diatopischen Unterschiede stammen aus der Zeit des ausgehenden 4. Jahrhunderts. Von da an werden Dialektalismen - aber nur bei Autoren, die den Schreibstandard nicht mehr so gut beherrschen (vgl. oben 2.2), nicht jedoch bei "Klassikern" wie Augustin und Boethius - immer häufiger und es ist deutlich zu erkennen, dass das lateinische Sprachgebiet schon um 500 n.Chr. in verschiedene, ganz kleinräumige Dialektgebiete zerfallen war.

4. Die diastratische Varianz

4.1. Allgemeines

Die Sprecher einer Sprache bilden kein einförmiges Ganzes, sondern lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien in verschiedene Gruppen einteilen. Mitunter wirkt sich die Gruppenbildung auch sprachlich aus.

Erkennbar ist dieser Umstand zunächst einmal daran, dass sich schon auf Grund von gemeinsamen Beschäftigungen und Interessen ein gruppenspezifischer Wortschatz herausbildet. Wenn sich die betreffende soziale Gruppe als Fachleute mit einer bestimmten Materie beschäftigt, kann ihr Wortschatz differenzierter sein als der Allgemeinwortschatz. Beispiele finden sich massenhaft, so etwa in der Landwirtschaft für die fein differenzierten Altersstufen von Nutzvieh oder auch in der Graffiti-Szene (z.B. der Anglizismus Tag "Unterschrift in Kürzelform"). Andererseits existieren manchmal für gewisse, allgemein bekannte Konzepte auch gruppenspezifische Synonyme: Dabei kann es sich um Wortkürzungen handeln wie Ex (aus Examen für "Prüfung" an Mittelschulen) oder ganz anders verwendete Ausdrücke wie bei Schweizer Jugendlichen easy als Antwort auf eine Entschuldigung. Dieser Spezialwortschatz, der Außenstehenden zum Teil unverständlich ist, erhält dadurch eine wichtige sekundäre Funktion: Er wirkt innerhalb der Gruppe identitätsstiftend und gegen außen hin abgrenzend. Die genannten Phänomene beschränken sich aber gewöhnlich nur auf den Wortschatz, und - was wichtiger ist - sie werden oftmals von den Gruppenangehörigen nur gruppenintern verwendet, ihr Gebrauch ist also situationsabhängig und gehört deshalb in die Diaphasie (vgl. unten Kap. 5).

Wichtiger sind die Unterschiede, die sich in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit der Sprecher zu einer sozio-ökonomischen Schicht manifestieren: So ist es ein Faktum, dass besonders Angehörige der Unterschicht sich sprachlich anders ausdrücken als Angehörige von Mittel- und Oberschicht. Dies liegt unter anderem an der unterschiedlichen Dauer und Intensität auch der sprachlichen Ausbildung sowie am sprachlichen Umfeld in der Familie.

Über diese unterschiedliche Verfügbarkeit verschiedener sprachlicher Register - die wiederum in die Diaphasie von Kapitel 5 gehören - hinaus ist oftmals zu beobachten, dass die Angehörigen bestimmter sozio-ökonomischer Schichten dadurch, dass sie fast ständig nur mit Ihresgleichen Kontakte haben, einen speziellen Wortschatz bzw. eine eigene Aussprache aufweisen. Bekannt sind etwa bei der Pariser Oberschicht der "accent du XVIe" oder in Bern die Sprache der Patrizier bzw. der alteingesessenen Burger-Geschlechter. In solchen Fällen verraten die Sprecher mittels ihrer Sprache automatisch, dass sie aus einer bestimmten sozialen Schicht stammen. Dies hat zwei Folgen: Erstens schließen die Hörer von der Sprachform eines Sprechers auf dessen Prestige und zweitens werden die Sprecher der weniger prestigeträchtigen Varietät versuchen, dieses Stigma abzulegen; die Sprachform der Oberschicht gilt als nachahmenswertes Beispiel.

4.2. Im Latein

Auch im Latein sind natürlich Ausdrücke bekannt, die zumindest ursprünglich nur in bestimmten Berufsgruppen verbreitet waren. Darüber hinaus muss es auch sprachliche Unterschiede zwischen den verschiedenen sozio-ökonomischen Schichten gegeben haben. Bei der Deutung der Befunde ist jedoch zu berücksichtigen, dass die uns erhaltenen Textzeugnisse fast ausnahmslos in der Standardform überliefert sind, wie sie von Angehörigen der Oberschicht geprägt worden ist. Wir wissen also praktisch nur, wie die Oberschicht schrieb, aber nicht sehr gut, wie sie allenfalls gesprochen hat. Auf der anderen Seite sind - in Inschriften (man denke vor allem an die Wandinschriften aus Pompeii) und erhaltenen Briefen (etwa des Soldaten Claudius Terentianus) - auch schriftliche Äußerungen von Leuten aus der Unterschicht überliefert. Darin treten zwar zahlreiche Abweichungen vom sonst üblichen Standard auf, ihren Grund haben diese aber eben darin, dass bildungsferne Schichten mit wenig Übung im Verfassen von schriftlichen Texten Elemente ihrer Alltagssprache durchscheinen lassen. Es lässt sich also erkennen, wie die Unterschicht gesprochen hat, doch wissen wir meistens nicht, ob diese Aussprache auch für Angehörige der Oberschicht gegolten hat. Immerhin gibt es ein paar Ausnahmen: So wissen wir aus mehreren Quellen, dass die Aussprache des Diphthongs /au/ als langes /ō/ typisch für die römische Unterschicht war; populistische Anbiederung an diese Schicht veranlasste Ciceros Gegner, den hochadligen Publius Claudius Pulcher dazu, sein Nomen gentile in die plebeiischere Form Clodius abzuändern. - Eine Fundgrube sind die "Satyrica" des Petron mit den (fiktiven) Reden der handelnden Personen, in denen auch an der Sprache gut zu erkennen ist, dass hier Leute mit sehr unterschiedlichem Bildungsgrad sprechen: Während die Äußerungen der Hauptpersonen (vor allem diejenigen von Encolpius und Eumolpus) den Gesprächston gebildeter Römer aus gutem Haus zeigen, sind in den Freigelassenengesprächen mehrere Anzeichen dafür vorhanden, dass wir es mit Leuten zu tun haben, die trotz ihres Reichtums Angehörige der Unterschicht geblieben sind. Dafür sind weniger die allgemein bekannten Abweichungen von der lateinischen Standardsprache typisch - denn diese sind in vielen Fällen situationsbedingt, also diaphasisch zu erklären (vgl. unten 5.2) -, sondern andere Eigenheiten wie der häufige Rückgriff auf Phrasen mangels eigener Formulierungskünste (z.B. bei Seleucus [Kap. 42]: aqua dentes habet; antiquus amor cancer est), das monotone Vokabular (vgl. die Geschichte vom Werwolf in Kap. 61 ff.)5 oder die vulgäre Ausdrucksweise (vgl. Seleucus: frigori laecasin dico [gr. λαικάζειν; vgl. engl. fuck off! "hau ab"]; der Gastgeber Trimalchio drückt sich zunächst noch vornehm verhüllend aus, vgl. Kap. 47 sua re causa facere bzw. facere, quod se iuvet, während er später, immer betrunkener, die Dinge beim Namen nennt, vgl. Kap. 71 ne in monumentum meum populus cacatum currat; vgl. auch den wüsten Streit mit seiner Frau Fortunata in Kap. 74).

5. Die diaphasische Varianz

5.1. Allgemeines

Von zentraler Wichtigkeit für den sprachlichen Ausdruck ist die Situation, in der eine bestimmte sprachliche Äußerung erfolgt. Um die mannigfaltigen kommunikativen Situationen in einleuchtender Weise zu klassifizieren, sind verschiedene Modelle vorgeschlagen worden. Als auch für didaktische Zwecke nützlich erweist sich das folgende: Verschiedene denkbare Situationen werden als auf einem Kontinuum liegend aufgefasst: Am einen Pol liegt eine besonders intime Sprachform (genannt "Nähesprache"), am anderen eine hochoffizielle (genannt "Distanzsprache"):

Kommentar:
Je nach Situation drücken wir uns also unterschiedlich aus: Im vertrauten Gespräch mit einem guten, persönlich anwesenden Freund über ein beiden bekanntes, emotional in hohem Maße geladenes Thema sprechen Angehörige aller Sprachen und Schichten anders als in einem Vortrag, in dem man einem fremden Publikum ein unbekanntes Thema nahe bringen soll. Auch im schriftlichen Ausdruck gibt es deutliche Unterschiede: Ein SMS wird anders formuliert als ein Bewerbungsbrief. Insgesamt besteht eine Abhängigkeit vom gewählten Medium (Schallwellen bzw. Schrift), indem nähesprachliche Äußerungen üblicherweise meist gesprochen sind, während distanzsprachliche eher schriftlich niedergelegt werden.
Die gestrichelten Pfeile zeigen, wie sich bei ein und derselben Situation die Lage auf dem Kontinuum verschiebt, je nachdem, ob die Situation vom mündlichen ins schriftliche Medium übertragen wird oder umgekehrt. Dies liegt daran, dass für die mündliche Kommunikation typische Eigenheiten wie (1) Gesprächsübernahmesignale (als engl. Fachausdruck: "turn-taking signals"), die die Funktion haben, dem Gesprächspartner anzuzeigen, dass man die Sprecherrolle übernimmt (vgl. Schweizerdeutsch aso oder engl. well), (2) Überbrückungssignale ähh (mit der Bedeutung: "ich möchte weitersprechen, doch suche ich gerade nach einem Ausdruck"), (3) Beendigungssignale wie Schweizerdeutsch oder? (zeigt an, dass man mit seiner Botschaft zu Ende ist), (4) Wortwiederholungen wie die ... die ... die ... Desoxyribonukleinsäure usw. bei der Übertragung in das jeweils andere Medium herausgefiltert werden oder (im Falle des verlesenen, zuvor schriftlich formulierten Vortrags bzw. Urteils) neu dazukommen.

In dieser Kategorie von situativ bestimmter Sprache haben auch die Begriffe Standardsprache und Umgangssprache ihren Platz:

  • Die Standardsprache hat eigentlich den Zweck, vor allem die schriftliche Kommunikation für ein größeres, fremdes Publikum auch über unbekannte Themen, ohne direkten Kontakt über weite Distanzen zu gewährleisten. Dagegen gehört die Verwendung der Standardsprache in intimen Situationen, also am anderen Ende des Kontinuums, nicht zu deren ursprünglichem Aufgabenbereich, ja sie kann dort sogar gespreizt und deplatziert wirken.
  • Die Umgangssprache dient hauptsächlich der direkten mündlichen Kommunikation unter einander Bekannten über vertraute Themen des Alltags. Damit liegt ihr typischer Anwendungsbereich vor allem am nähesprachlichen Pol des mündlichen Mediums.

Mit Hilfe dieses Kontinuums lassen sich nunmehr verschiedene oben aufgeworfene Fragen klären:

  • Das angebliche Aussterben des Genitivs (vgl. oben Kap. 2.1), das laut Sprachschützern ein deutliches Zeichen für den Verfall der deutschen Sprache darstellt, macht sich im heutigen Deutsch vor allem als mehr oder weniger vollständiges Fehlen dieses Kasus in der gesprochenen Nähesprache - also in der Umgangssprache - bemerkbar, die jedoch einen ganz anderen Anwendungsbereich hat als die geschriebene Distanzsprache.
    Analog verhält es sich mit anderen Phänomenen, die von der Sprachkritik ebenfalls als Zeichen einer "Sprachverhunzung" gedeutet werden, so, wenn Wolf Schneider unlängst6 das in Chats übliche "Kindergelalle" (megaknuddel) mit einer Ballade von Goethe vergleicht: Dieser Vergleich zwischen spontaner Nähesprache und artifizieller, in langer Planung entstandener Poesie ist schlechterdings unzulässig; wenn schon, hätte Schneider Goethes Götz-Zitat mit heutigen Beschimpfungen vergleichen müssen.
  • Auch die unterschiedliche Verwendung des Standarddeutschen bzw. der Schweizerdeutschen Dialekte wird jetzt klarer: Die distanzsprachliche Kommunikation erfolgt in Standarddeutsch, für die nähesprachliche ist grundsätzlich Dialekt vorgesehen.

5.2. Im Latein

Im Gegensatz zu den recht spärlichen Spuren von diachronischer, diatopischer und diastratischer Varianz finden sich selbst im geschriebenen Standardlatein zahlreiche Textzeugnisse, die im erwähnten Kontinuum an unterschiedlichen Stellen lokalisiert und damit eher als distanz- bzw. eher als nähesprachlich bezeichnet werden können.

Sammelbegriff für die eher nähesprachlichen Ausdrucksformen ist das berühmt-berüchtigte "Vulgärlatein": Im Gegensatz zum ersten Anschein handelt es sich hierbei aber nicht nur um die Sprache des römischen vulgus, sondern um die allgemein gebräuchliche Sprache des täglichen Gebrauchs und damit um das Analogon zur heutigen deutschen "Umgangssprache". Diese täglich verwendete Sprachform war es, die langsam, im Laufe der Jahrhunderte, in die romanischen Sprachen überging. Für distanzsprachliche Situationen - vor allem des schriftlichen Mediums - bildete sich bis in die Zeit des Klassischen oder Goldenen Lateins die oben in Kap. 2.2 erwähnte Standardvariante heraus, das in allen Grammatiken kodifizierte "Klassische Latein". Deutlicher ausgedrückt:

Das sog. "Vulgärlatein" ist nicht, wie manche Philologen immer noch wähnen, eine minderwertige Verfallserscheinung, die obendrein aus dem klassischen Latein hervorgegangen sein soll, sondern die neben der Standardform für andere kommunikative Zwecke geeignete, stets präsente Umgangssprache, aus der sich die Standardvariante erst in (vor-)klassischer Zeit entwickelt hat.

Da schon von der Themenwahl her viele nähesprachliche Situationen nicht zu einer Verewigung in schriftlicher Form bestimmt sind, gibt es nicht viele Zeugnisse dieser lateinischen Umgangssprache, die auf uns gekommen sind. Zu den bekanntesten gehören - im Rahmen der Schullektüre - private Briefe Ciceros (etwa an seine Kinder und an seinen Bruder), (fiktive) Dialogpartien in der altlateinischen Komödie bzw. in den Satiren des Horaz (zumal die berühmte Schwätzersatire) sowie die schon erwähnten Unterhaltungen der Freigelassenen in Petrons "Satyrica".

Diese lateinische Umgangssprache hat man sich nicht als völlig andere Sprachform vorzustellen; viele ihrer Eigenschaften stimmen mit dem geschriebenen Standard überein, doch gibt es einige charakteristische Unterschiede, die sich auch in jeder anderen Sprache finden:7

  • Kurzformen: si ante venisses, saltem nobis adiutasses.
  • Präzisierungs- und Korrektursignale: medici eum perdiderunt, immo vero malus fatus.
  • Antwortsignale, die zeigen, dass man aufmerksam zuhört: hem; hui (in Komödien).
  • Viele stark betonte Demonstrativpronomina und -Partikeln: etiam videte, quam porcus ille [statt erwartetem hic] silvaticus lotam comederit glandem!
  • Interjektionen: heu, eheu! utres inflati ambulamus.
  • Wenig ausgefeilter Wortschatz (monoton, "Passe-partout-Wörter"): venimus inter monimenta. homo (= comes, amicus) meus coepit ad stelas facere (= mingere/cacare). sedeo ego cantabundus et stelas numero.
  • Kurze Sätze; wenige Nebensätze; die logische Beziehung zwischen Aussagen wird durch Adverbien oder überhaupt nicht ausgedrückt: (vgl. die Asyndesen im vorhergehenden Beispiel).
  • Spezieller umgangssprachlicher Wortschatz: et thesaurum invenit (statt distanzsprachlichem: ... repperit)8.

6. Das Zusammenspiel der vier Varianzen

Die vier Varianzen kommen nicht isoliert vor, sondern hängen zusammen:

  • Das heißt, dass etwa die Nähesprache (Diaphasie) unter Jugendlichen (Diastratie) in der Schweiz (Diatopie) heute (Diachronie) anders aussieht als etwa die Nähesprache der heutigen Jugendlichen in Deutschland. Dies war schön am oben in Kap. 4.1 genannten easy zu erkennen, das derzeit unter deutschen Jugendlichen nicht als Antwort auf eine Entschuldigung verwendet wird.
  • Zudem ist es möglich, dass Charakteristika ihre Zugehörigkeit zu einer der Varietäten im Laufe der Zeit ändern. Besonders gut sichtbar wird dies an den deutschen Dialekten: In weiten Teilen des deutschen Sprachgebiets ist der jeweilige, von der Standardsprache gleichsam "überdachte" Dialekt zu einer Sprachform der Unterschicht mit entsprechend geringem Prestige geworden, ein diatopisches Charakteristikum hat sich also zu einem diastratischen entwickelt. Dem entsprechend bemühen sich viele Leute, aus ihrer eigenen Sprache möglichst alles auszumerzen, was auch nur anflugsweise regional (und damit: nach Unterschicht) klingt, bzw. es achten Eltern darauf, dass ihre Kinder nur ein möglichst "unauffälliges" Standarddeutsch beherrschen. Dies führt zu einem "sprachlichen Klima", das großenteils von der Angst der Sprecher geprägt ist, durch Abweichungen vom Standard sofort als Angehörige der Unterschicht auf- und damit abzufallen. Vollkommen anders ist die Situation in der Deutschschweiz sowie in Vorarlberg, wo der jeweilige Ortsdialekt überhaupt nicht mit einer sozialen Schicht assoziiert wird, sondern von jedermann in jeder Situation verwendet wird und deshalb auch nicht stigmatisierend wirkt.
  • Das in Kap. 5.1 geschilderte Kontinuum von Nähe- und Distanzsprache steht nicht allen gesellschaftlichen Schichten in vollem Umfang zur Verfügung, es gibt also diastratische Unterschiede: Das graphische Medium fehlt (funktionalen) Analphabeten ganz und vom phonischen Medium beherrschen viele Leute aus der Unterschicht nur die Bereiche am nähesprachlichen Pol. Dadurch erhalten viele Charakteristika der Nähesprache für Angehörige der oberen Schichten wiederum ein niedriges Prestige und sie versuchen, sich möglichst nur distanzsprachlich auszudrücken.

Durch die unterschiedlichen Variations- und Beeinflussungsmöglichkeiten ergibt sich also ein äußerst facettenreiches Bild, ein Bild, das der Vielgestaltigkeit einer Sprache viel besser gerecht wird als die einförmige, nur vom Duden geprägte "Schwundstufe" einer Sprache, die von den Sprachschützern propagiert wird.

7. Die vier Varianzen der Sprache im Unterricht

Die obigen Ausführungen haben Konsequenzen für den Unterricht: Philologen beschweren sich, die Jugendlichen seien sprachlich unkultiviert. Angesichts dessen sehen sie ihre Aufgabe darin, das "Deutsch" der Schüler zu verbessern, damit diese - ohne Rücksicht auf die kommunikative Situation - eine möglichst gepflegte Standardsprache verwenden. Es geht jedoch um etwas anderes: Bei den Gymnasiasten soll erstens das Bewusstsein für die vier Varianzen - insbesondere für die diaphasische - geweckt und zweitens soll ihnen die Fähigkeit vermittelt werden, sich den jeweiligen situativen Anforderungen entsprechend auszudrücken. Es geht also nicht darum, den Jugendlichen die von ihnen bereits beherrschten nähesprachlichen Register auszutreiben und sie durch ein einheitliches distanzsprachliches zu ersetzen.

Damit dies möglich wird, muss zunächst die Lehrkraft selber ihr Verhältnis zur Sprache und zu den vier Varianzen überdenken. Was die Diaphasie betrifft, so gelingt das am besten, wenn man den eigenen Sprachgebrauch überprüft: Wie habe ich gerade mit einem Kollegen im Einzelgespräch gesprochen - und wie in der Lehrerkonferenz? Wie habe ich letzthin ein SMS an meinen Partner formuliert - und wie einen Leserbrief?

Wie kommt das Thema im Unterricht vor? Im Lateinunterricht ist das Übersetzen der Ort, und zwar schon bei den Lehrbuchtexten. Das Ziel besteht ja darin, dass die Schüler textgerecht übersetzen. Eine Möglichkeit ist: Man beobachtet die Schüler, wie sie übersetzen, korrigiert und erläutert, aber zunächst noch ohne theoretischen Hintergrund. Bei den Wörterangaben in den Lehrbüchern ist die deutsche Wiedergabe zu überprüfen: Sind die Lernwörter nicht auf eine unpassende (z.B. altertümliche) Weise übersetzt (gratia = "Anmut")? Dasselbe gilt für die Grammatik: Optativischer Konjunktiv im Hauptsatz ist im Deutschen nicht durch "möge...!", sondern z.B. durch "hoffentlich ..." wiederzugeben.

Irgendwann ist es dann Zeit, in der nötigen Knappheit auch den sprachtheoretischen Hintergrund zu liefern. Hier ist die Absprache mit der Deutschlehrkraft der sinnvollste Weg. Davon werden auch die modernen Fremdsprachen profitieren.9 Später, im Lektüreunterricht, kann das Thema zentral werden. Und wenn dann in einer schriftlichen Arbeit zu Petron ein Schüler den Satz eines Freigelassenen abiit ad multos durch "er guckt die Radieschen von unten an" übersetzt (selbstverständlich mit grammatischer Kommentierung, so wie er es gelernt hat), dann hat sicher dieser Schüler das Unterrichtsziel erreicht.

Zum Schluss seien die Lernziele aufgelistet:

  • Die Schüler wissen, dass jede Sprache nicht ein einförmiges Ganzes ist, sondern von den erwähnten vier Varianzen geprägt wird, und sie kennen für jede schlagende Beispiele.
  • Die Schüler können scheinbar synonyme sprachliche Erscheinungen in die erwähnten Varianzen einordnen.
  • Insbesondere wissen sie, dass die diaphasische Varianz in der Sprachbeherrschung zentral ist; sie kennen die Situationen, in denen Nähe- bzw. Distanzsprache verwendet wird und lernen in einem ständigen Prozess, in ihrer eigenen mündlichen und schriftlichen Kommunikation situationsgemäße nähe- bzw. distanzsprachliche Ausdrucksformen zu verwenden.
Christian Seidl und Theo Wirth

1 Vgl. Th. Wirth/Ch. Seidl/Ch. Utzinger, Sprache und Allgemeinbildung, Zürich 2006, passim. (> Text)

2 Abgesehen von der Tatsache, dass noch Cicero auch nach Langvokal und Diphthong ein Doppel-s schrieb (divissio, caussa), das erst später vereinfacht wurde; somit ist auch unsere angeblich "klassische" Orthographie des Lateins eigentlich erst in nachklassischer Zeit entstanden. (> Text)

3 Dies führte dazu, dass selbst der Klerus miserable Lateinkenntnisse hatte; berühmt geworden ist der arme Pfarrer aus der Gegend von Salzburg um 746, der Täuflinge mit der Formel taufte: Baptizo te in nomine patria et filia et spiritus sancti. (> Text)

4 Die Endung des Dativ Singular der 1. Deklination ist in der Stadt Rom immer -ai bzw. jünger -ae, in den Landstädten Latiums findet man auch -a. (> Text)

5 Niceros hat die Geschichte offensichtlich schon oft erzählt; er hätte also nicht mehr auf die Strukturierung des Inhalts achten müssen und stattdessen seine Worte etwas differenzierter wählen können. (> Text)

6 Die Weltwoche, 34, 2008 http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=20744&CategoryID=95 (7.9.2008). (> Text)

7 Für Details vgl. den ausgezeichneten Aufsatz von Peter Koch, "Latin vulgaire et traits universels de l'oral" in: Louis Callebat (Hsg.), Latin vulgaire - latin tardif IV, Hildesheim/Zürich/New York 1995, 125-144. (> Text)

8 Dass der Unterschied zwischen reperire und invenire in der unterschiedlichen Bedeutung liege, ist eine unter klassischen Philologen unausrottbare Erklärung; ein Blick in den "Thesaurus Linguae Latinae" zeigt indessen, dass der Unterschied bloß diaphasisch ist. (> Text)

9 Vgl. im Englischen die Bildungsweisen des Futurs bzw. die Kurzformen à la I won't, im Französischen die Setzung bzw. Weglassung von ne usw. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Convocation à l'assemblée annuelle de l'ASPC
Einladung zur Jahresversammlung des SAV

Chères et chers collègues, care colleghe e cari colleghi, liebe Kolleginnen und Kollegen
Le comité de l'ASPC se donne l'honneur de vous inviter à l'assemblée annuelle 2008 et à une conférence du professeur Michel Fuchs de l'université de Lausanne.
Der Vorstand des SAV freut sich, Sie zur Jahresversammlung und vorgängig zu einem Vortrag von Prof. Michel Fuchs, Universität Lausanne, einladen zu können.

Vendredi 14 novembre 2008, 15:45 h

Collège St. Michel, Rue Saint-Pierre-Canisius 10 (le lieu exact sera communiqué au collège), Fribourg

Programme:

15:45Conférence du Prof Dr Michel Fuchs, Université de Lausanne:
Les établissements romains de Vallon (FR) et de Colombier (NE) : une histoire continue sous une église et un château.

17:00

Assemblée 2008 / Jahresversammlung 2008

Ordre du jour / Tagesordnung

  1. Procès-verbal de l'assemblée / Protokoll der Jahresversammlung 2007
  2. Rapport du président / Jahresbericht des Präsidenten
  3. Rapport de la caissière / Kassabericht ; cotisation des membres/Mitgliederbeitrag
  4. Révision de la caisse / Kassarevision
  5. Élections / Wahlen
  6. Motions et propositions des membres / Anträge und Vorschläge der Mitglieder
  7. Varia
18:30Apéro et dîner au restaurant Bindella, rue de Lausanne 38, Fribourg

Pour le repas, prière de s'annoncer jusqu'au 9 novembre à l'une des adresses suivantes: ivo.mueller@kst.ch ou 079 365 64 38

Ivo Müller, président

Nachleben der Antike, einmal anders: Die Nemeaden 2008

Im Altertum standen die Spiele von Nemea, die alle 2 Jahre stattfanden, auf der Prestigeskala an dritter Stelle, nach denen von Olympia und Delphi. Im Corpus Pindaricum ist ein Buch den Siegern von Nemea gewidmet. Die Ausgräber aus Berkeley haben es verstanden, genug Geld aufzutreiben, um den Besuchern mit dem teilweisen Wiederaufbau des Zeus-Tempels und einem sehr schön gestalteten Museum den Geist von Nemea nahezubringen. In dieser Absicht wurde auch eine Society For The Revival Of The Nemean Games gegründet, in deren Honorary Comitte sich neben Sportgrössen wie Sergey Bubka und Kipchoge Keino auch Prominenz aus dem Kulturleben befindet (u.a. Mikis Theodorakis und Umberto Eco). Seit 1996 werden jeweils im Jahr der Sommerolympiade die Spiele der Neuzeit organisiert.

Folgende Wettkämpfe werden ausgetragen:
1. Ein Stadionlauf im teilweise ausgegrabenen antiken Stadion, ca. 100m. Gestartet wird in altershomogenen Gruppen von Männern und Frauen. 2008 waren dies etwa 500 aus verschiedenen Ländern, vor allem aus der Argolis und den USA. Der Älteste war 84 (ein Grieche), der Jüngste 4 (ein Albaner). 3 Teilnehmende (darunter der Schreibende) kamen aus der Schweiz, einer aus Japan.
2. Der Lauf "Auf den Spuren des Herakles" von Kleonai nach Nemea, 7.5 km. Hier haben etwa 400 Personen teilgenommen. Ältester war ein Grieche (77), der Jüngste 6 (wieder ein Grieche), 4 kamen aus der Schweiz.

Dazu kam 2008 noch erstmals als eine Art Show-Einlage ein Hoplitodromos. Dieser war 520 v.Chr. als letzte Neuerung bei den Nemeaden eingeführt worden. Ausgetragen wurde er von einer aus 12 Mann bestehenden Gruppe aus (wen wunderts) Sparta.

Eröffnet wird der Anlass, indem man auf einem Altar ein "heiliges" Feuer, überbracht durch den Dhimarchen von Nemea, entzündet.

Als ich* 2004 diese Spiele mit ihrer unvergleichlichen Stimmung (eine Art Bezirksturnfest mit internationaler Beteiligung) sah, war für mich als alten Pindariker klar: 2008 bin ich dabei. Und so kam es dazu, dass ich im zarten Alter von 66 Jahren erstmals in meinem Erwachsenenleben freiwillig an einem sportlichen Wettkampf teilgenommen habe.

Am 21. Juni musste mich bereits um 0820 in Nemea melden. Die Organisation war ungriechisch, hervorragend geplant (an der Spitze stand Stephen G. Miller, der emeritierte Grabungsleiter von Nemea, aus Berkeley), mit dem Aufgebot wurden auch Busfahrpläne verschickt. Offenbar wollte man den alten Herren die Möglichkeit geben, am Morgen in der "Kühle" zu starten. Auf dem Parkplatz mehrere drahtig wirkende Grauköpfe, die meine Zuversicht, ich könnte mein Ziel ("Nicht letzter werden in meiner Serie") auch wirklich erreichen, ernsthaft ins Wanken bringen.

Nach der Anmeldung geht es ab ins Apodyterion (hier ein Zelt, an der Stelle, wo auch das antike Apodyterion stand), wo man Kleider und Schuhe (das Rennen findet barfuss statt) abliefert und dafür einen Chiton mit einem Strick als Gurt fasst. An einem Balken hängen nach antikem Vorbild Ölkrüglein, wo man sich bedienen kann, um sich etwas einzusalben, was tatsächlich belebend auf die Muskeln wirkt. Warten (ziemlich lang), ein wenig Stretching (scheu, fast versteckt, weil fast niemand das macht, aber ich denke an die Ermahnungen, die ich neben ironischen Bemerkungen auch noch aus der Schweiz mitgenommen habe). - Manchmal komme ich mir, obwohl barfuss, vor wie in einem billigen Sandalenfilm.

Nun wird meine Gruppe (Alter 65-68) aufgerufen. Und es wird doch noch griechisch: Grosses Gezeter von einem, der sich schon vor 3 Monaten angemeldet hat. Er reklamiert lauthals, weil er von einem, der sich eben erst angemeldet hat, aus der Gruppe verdrängt wird. Er vermutet wohl Bestechung. Die Erklärung, man starte eben nach Altersgruppen, nützt nichts. Schliesslich schreitet man dennoch zur Vereidigung; "Schwört Ihr, dass Ihr den Regeln der Nemeischen Spielen gehorcht und nichts tut, was Euch, Eurer Familie oder dem Geist der Nemeischen Spiele schadet?" - "Ich schwöre!". Abmarsch durch den antiken Tunnel ins Stadion. Wenn man hinauskommt, ruft der Herold den Namen. Ein wirklich grossartiger Moment, darauf habe ich 4 Jahre gewartet!

Die Startbahn wird ausgelost, indem man eine Marke aus einem Helm zieht. Man bezieht die Startposition auf den antiken Startschwellen: Zehen in den Rillen, Start im Stehen mit nach vorne gestreckten Armen, wie man das von den Vasenbildern kennt. Die Hellanodiken kontrollieren pingelig, ob man die Zehen vorschriftsgemäss in den Rillen hat. Der Start ist nach antikem Vorbild durch ein Seil abgesperrt, das hinunterfällt, wenn es losgeht. "Poda para poda" - "apite!" Der erste Gedanke: Mein Gott, wie die losrennen! Dann: Gas geben und mindestens einen hinter mir lassen!

Am Schluss sind es sogar zwei. Der nächste Gedanke: Schon vorbei? Vier Jahre lang hast Du jedem erzählt, dass Du hier rennen willst, und jetzt schon ist alles aus! Dann: Gegenseitiges Schulterklopfen. Ein wirklich überwältigendes Glücksgefühl!

Der Gruppensieger bekommt zunächst eine Tänie und einen Palmwedel, am Abend bei der Siegerehrung nach antikem Vorbild einen Kranz aus Sellerie. Alle Teilnehmenden bekommen ein T-Shirt "Nemea 2008" und einen Pin, der sie beim Nachtessen zu Gästen der Society For The Revival Of The Nemean Games macht. Die begleitenden Familienmitglieder und Freunde sind Gäste des Dhimos von Nemea.

Klar ist: In vier Jahren bin ich wieder dabei.

Heinz Schmitz

* Man möge die persönliche Färbung dieses Berichts entschuldigen, aber die Atmosphäre dieser Spiele lässt sich nur auf diese Weise vermitteln.

Aktivitäten des Vorstandes

Unter dem neuen Präsidenten, Ivo Müller, hat der Vorstand an den Sitzungen vom 6. Juni und 12. September 2008 in einer Strategie-Diskussion überlegt, was in nächster Zeit Ziele und Strategien unserer Arbeit sein sollen, um die Alten Sprachen in der schweizerischen Bildungslandschaft zu stärken.

Darunter erscheinen folgende Ziele als besonders wichtig: Entwicklung von Vorstellungen zu einer grossen Revision der MAR, Teilnahme an den Gesprächen um den Deutschschweizer Lehrplan, um darin das Latein zu sichern, Kontakte zu Gremien und Personen suchen, die bei bestimmten Fragen zu Vorstandssitzungen eingeladen werden können, gelegentlich eine Veranstaltung mit grenzüberschreitendem Charakter. In strategischer Hinsicht haben die Verjüngung des Vorstandes und die Mitgliederwerbung Vorrang.

Als nächstes grosses Ziel wurde die Organisierung einer Veranstaltung zum Thema "Alte Sprachen und Naturwissenschaften" ins Auge gefasst, die im Jahr 2010 stattfinden soll. Eine erste ausführliche Diskussion darüber wird der Vorstand in der Januarsitzung aufgrund der Ideen der Vorstands- und Verbandsmitgliedermitglieder führen. Alle Mitglieder des Verbandes sind darum eingeladen, diesbezügliche Ideen und Vorschläge an den Präsidenten oder an Mitglieder des Vorstandes einzureichen.

Namens des Vorstandes
Alois Kurmann

Treffen mit Altphilologen aus Rheinland-Pfalz

Im Juni 2007 luden Professor Dr. Ulrich Eigler von der Universität Zürich und das Forum Alte Sprachen Zürich (FASZ) Herrn Dr. Sundermann, Ministerialrat des Bildungsministeriums in Mainz, und Herrn Dr. Loos, Landesvorsitzender des DAV Rheinland-Pfalz und stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband des DAV, mit einer Gruppe Altphilologinnen und Altphilologen nach Zürich ein. Ziel war es, über die Stellung der Alten Sprachen in der Schweiz, unser Schulsystem und die fachdidaktische Ausbildung zu informieren. Im Gegenzug wurden Vertreterinnen und Vertreter des FASZ sowie weitere interessierte Lehrpersonen diesen April nach Trier eingeladen. Zehn Personen nahmen das Angebot wahr und verbrachten zweieinhalb anregende Tage in der ehemaligen Kaiserstadt an der Mosel.

Am ersten Tag standen nach einem Empfang durch den Leiter der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, Dr. Mertes, Schulbesuche in Latein- und Griechischklassen im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium auf dem Programm. In der anschliessenden Diskussion erhielten wir viele Informationen über das Schulsystem in Rheinland-Pfalz und die Werbung für die Alten Sprachen. So wird an 22 von 141 Gymnasien Latein ab der 5. Klasse (Primarschule) angeboten, in 7 davon als Pflichtfach (jeweils mit dem Modell L+, d.h. neben Latein wird auch Englisch unterrichtet). Total besuchen im Schuljahr 2007/2008 29.2% aller Schülerinnen und Schüler am Gymnasium Latein (L1, L2, L3 oder L4). Die Anzahl der Griechischschülerinnen und -schüler beträgt rund 1000. Die Abiturprüfungen können von jeder Lehrperson selbst erstellt werden, werden aber von einer zentralen Kommission geprüft und allenfalls zur Überarbeitung zurückgewiesen.

Am zweiten Tag folgten Informationen zur Ausbildung der Lehrpersonen (Anpassungen ans Bologna-System) und konkret zur Integration von Lernzirkeln (eine Art Werkstattunterricht) und Projekten in den Unterricht. Zudem wurde über die Gründe für die Zunahme der Lateinschülerzahlen in Deutschland diskutiert. Dr. H. Loos, Landesvorsitzender des DAV, sieht v.a. folgende Ursachen: den Wandel des altsprachlichen Unterrichts vom blossen Sprach- und Übersetzungsfach zum umfassenden Bildungsfach mit einer Vielfalt von Methoden, die positive Darstellung des Faches im Kontext mit den anderen Sprachen und Fächern (z.B. im Rahmen des Modells L+), motivierende Lehrbücher und Lektüren sowie das geänderte Bewusstsein in der Bevölkerung. Auch Vermeidungsstrategien ("Latein ist einfacher als Französisch") und der Wandel vom Auslese- zum Integrationsfach mögen den Zuwachs begünstigt haben.

Ein abwechslungs- und lehrreiches Rahmenprogramm rundete das Treffen ab. Die gemeinsamen Mittag- und Abendessen gaben die Möglichkeit, die Diskussionen auch in kleiner Runde weiterzuführen. Alle Beteiligten äusserten den Wunsch, dass der Austausch damit nicht abgeschlossen sei, sondern gleichsam als Tradition weitergeführt werde.

Lucius Hartmann

Ein Deutschschweizer Lehrplan (DLP) für die Sekundarstufe I?

HarmoS ist im Moment in der Schweiz politisch in aller Munde. Die meisten verbinden damit die politische Diskussion zum Schuleintrittsalter und zum Beginn des Fremdsprachenunterrichts. Die wenigsten wissen, dass es mit HarmoS auch eine Harmonisierung der Lehrpläne der Volksschule geben wird.

Das Schweizer Stimmvolk hat bekanntlich am 21. Mai 2006 dem Bildungsartikel in der Bundesverfassung zugestimmt und damit die Kantone beauftragt, die Volksschule landesweit zu harmonisieren. Im Jahre 2007 hat dann die EDK das HarmoS-Konkordat abgeschlossen, über welches bald in verschiedenen Kantonen abgestimmt wird. Auch wenn jetzt Volksabstimmungen stattfinden, ist doch mit einer Inkraftsetzung des Konkordates zu rechnen. In diesem Konkordat ist auch das Projekt eines Deutschschweizer Lehrplans (DLP) verbindlich erwähnt (für die französische Schweiz das entsprechende PECARO: plan d' études cadre romand). Eine erste Konsultation zu diesem Lehrplan hat unter den Kantonen bereits stattgefunden.

Wie wird Latein in diesem DLP erwähnt werden? Mit dieser Frage hat sich der Vorstand schon verschiedene Male befasst, verschiedene Mitglieder des Vorstandes des SAV sind in diesem Zusammenhang an die Projektgruppe und an Behörden in ihren Kantonen gelangt; ebenso hat der Vorstand an einer internen Vernehmlassung des VSG zum DLP teilgenommen.

Im November wird eine breite Vernehmlassung zu diesem Projekt der Kantone eröffnet werden; da mit dem DLP auch eine gewisse Gefahr für den Lateinunterricht auf der Volksschulstufe besteht, wird der Vorstand des SAV mit gewichtigen Argumenten an der Vernehmlassung teilnehmen und sein Beziehungsnetz spielen lassen, um dem Lateinunterricht im DLP eine starke Position zu verleihen.

Ivo Müller, Präsident SAV

Für eine vielfältige Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Sekundarstufe I

Wie mein kleiner Artikel zum Deutschweizer Lehrplan zeigt, dürfte die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Sekundarstufe I in der nächsten Zeit an Wichtigkeit zunehmen.

In der föderalen Bildungsvielfalt der Schweiz gibt es im Lateinunterricht neben den Untergymnasien (wie z.B. im Kanton Zürich) Kantone mit Progymnasien und - horribile dictu - auch Kantone, die den Lateinunterricht auf der Sek I-Stufe abgeschafft haben. Ein anderes, verbreitetes Modell besteht darin, dass Sekundarlehrkräfte den Lateinunterricht auf der Sek I-Stufe übernehmen. Das Gymnasium setzt dann anschliessend den Lateinunterricht bis zur Maturität fort.

Der Vorstand des SAV erachtet es als überaus wichtig, dass wir die Zusammenarbeit mit diesen Kolleginnen und Kollegen der Sekundarschulen suchen. Diese Zusammenarbeit kann in ganz verschiedenen Bereichen stattfinden: So können Veranstaltungen wie (exempli gratia) der Lateintag vom 15. November in Brugg mit Vorteil zusammen mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener Stufen durchgeführt werden. Auf der anderen Seite ist gerade in der politischen Auseinandersetzung um Latein an der Sekundarstufe I der Kontakt und die Vernetzung äusserst wertvoll, wenn es darum geht, Latein an der Sek I zu verteidigen. Förderlich in verschiedenster Hinsicht scheinen dem Vorstand auch Weiterbildungskurse, die wir für unsere Kolleginnen und Kollegen an der Sekundarschule durchführen können. So führen wir an der Kantonsschule Trogen seit Jahr und Tag Kurse zu Themen wie griechischer Mythologie, Philosophie, römischem Recht, Humanismus u.v.a. durch. Es hat sich mit diesen Kursen und Tagungen ein kollegialer Austausch und eine wertvolle Vernetzung ergeben, die auch in der politischen Auseinandersetzung ihre Auswirkungen zeitigt.

Im Übrigen möchte ich auch darauf aufmerksam machen, dass wir neuerdings auf Anfrage auch gerne Kolleginnen und Kollegen der Sekundarschule als Mitglieder des SAV aufgenommen haben und weiterhin gerne aufnehmen werden.

Ivo Müller, Präsident SAV

Latinum electronicum

Das Latinum electronicum ist bei Mouton De Gruyter als CD-ROM erschienen. Eine online-Version wird folgen.

Latinum electronicum
 

Concours de Grec ancien

Le Ministère hellénique de l'éducation nationale a désigné le travail d'une élève du Collège St-Michel de Fribourg comme la meilleure copie suisse qui lui avait été adressée. Elisabeth Guenin et son professeur, M. François Zingg, ont été invités, ainsi que les autres lauréats, à séjourner six jours à Athènes au début du mois de septembre. Outre la cérémonie de remise des prix, le programme comprenait des excursions à caractère archéologique, ainsi qu'une représentation du Prométhée enchaîné d'Eschyle au théâtre d'Hérode Atticus.

remise du prix

La version 2009 du concours se déroulera en mars et portera sur un passage des Mémorables de Xénophon.

Renseignements: christine_haller@hotmail.com

Christine Haller

Der St. Galler Lateinische Kulturmonat (IXber) wird fortgesetzt - dieses Jahr in kleinerem Massstab

29. Oktober, 18.15 Uhr (Prof. Dr. Klaus Bartels; Migros Clubschule)
Der julianische Kalender und die Erfindung des Schaltjahrs

31. Oktober, 13.00 Uhr (Prof. Dr. Clemens Müller; Vadiana)
Eklat bei der Doktorprüfung: Die beiden medizinischen Disputationen Vadians an der Universität Wien

11. November, 18.30 Uhr (Hans Eberhard und Prof. Ivo Müller)
Lateinische Choralvesper im Chorraum der Kathedrale St. Gallen

13. November, 19.30 (Peter Müller; Aula KS am Burggraben)
Platon in der AFG-Arena: Eine Podiumsdiskussion über Werte

3., 10., 17. und 24. November, 19.30 Uhr (Clemens Müller, Stefan Stirnemann)
St. Gallen lernt Latein / Latinum instantaneum Sangallense (St. Katharinen)

Weitere Informationen auf www.philologia.ch.

Stefan Stirnemann

Weiterbildung

20.-21. November 2008, Basel

Viel mehr als nur Scherben - Neues über griechische Vasen

Referenten: Prof. Dr. H. Isler, Prof. Dr. R. Wachter und Dr. M. Seifert

Anmeldung: www.webpalette.ch

23. Oktober 2008, Zürich

Tagung des Forums Alte Sprachen Zürich: "Sprachliche Allgemeinbildung - Eine neue Zusammenarbeit der gymnasialen Sprachfächer". Die Tagung richtet sich nicht nur an Altphilologen, sondern auch an Germanisten, Romanisten und Anglisten. Die Teilnahme ist kostenlos.

Referenten: Prof. Dr. S. Kipf (Präsident des DAV), Dr. Ch. Utzinger, Ch. Seidl

Anmeldung: www.fasz.ch/fasz/aktuell/tagung_2008.php

6. Mai 2009, Zürich

Roms sprechende Steine

Referent: Dr. K. Bartels

Anmeldung: www.webpalette.ch

Septembre 2009

Voyage en Grèce du Nord. En raison principalement de la situation agitée que connaissent les compagnies aériennes en ce début d'automne, nous ne sommes pas encore en mesure de donner des détails précis quant au déroulement et au prix du voyage. Quelques places sont encore disponibles.

Préinscription: christine_haller@hotmail.com

Christine Haller
 

Rezensionen

Christos Karvounis, Aussprache und Phonologie im Altgriechischen, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2008, 120 S., CHF 83.30

Dass das Lateinische zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten verschieden ausgesprochen wurde und wird, kann schon Anfängern im Lateinunterricht klargemacht werden, wenn sie beim Wörterlernen das Wort caelum in der k-Aussprache (und ohne -ae als Umlaut) einüben, aber dann - was in einem katholischen Privatgymnasium passieren kann - mit der c-Aussprache singen: "pater noster, qui es in caelis". Dass auch das Griechische verschieden ausgesprochen wird, kann mit einem Hinweis auf das Neugriechische gezeigt werden oder mit modernen Versuchen, das Altgriechische eben "altgriechisch" auszusprechen (etwa mit den von Stephen G. Daitz realisierten Hilfsmitteln). Dass das Problem der Aussprache des Altgriechischen aber viel weiter und auch trotz langer philologischer Arbeit in vielem unsicher ist und bleiben wird, kann man nun in dieser, die Forschung seit F. Blass zusammenfassenden und gut lesbaren Arbeit von Karvounis nachvollziehen.

Das Buch gibt im ersten Teil einen geschichtlichen Abriss über das Problem der "richtigen" Aussprache und behandelt im zweiten die gesicherten und erschliessbaren Aussprachemöglichkeiten der Diphthonge, Vokale und Konsonanten. Dabei wird die Vorstellung, "das Altgriechische sei in seiner natürlichen Entwicklung eine im Grossen und Ganzen homogene Sprache" (S. 46), die von Homer bis Nonnos ungefähr gleich gesprochen wurde, zerstört. Schon die Vielfalt der Dialekte machte es unmöglich, dass homerische Epen, Gedichte Sapphos und eine klassische Tragödie gleich "getönt" haben. Dass das Lautsystem spätestens in hellenistischer Zeit tief greifend verändert wurde und griechische Texte um die Zeit von Christi Geburt schon fast wie "neugriechisch" tönten, wird klar herausgestellt. Um das Ziel der Untersuchung zu erreichen, nämlich das Altgriechisch der klassischen Zeit zu erfassen, werden die Beispiele (vor allem natürlich von Inschriften und Fluchtafeln) aus dem 5. u. 4. Jahrhundert genommen. Dabei liest man vieles, von dem man während des Studiums kaum etwas gehört hat, z.B. dass jegliches ει-Graphem schon vor dem 5. Jh. als ε ausgesprochen wurde, und schon im 5. Jh. der Wechsel von ει zu ι einsetzt; auch der Verlust der Kenntnis der Quantität der Silben wird zurückdatiert, weil feststeht, dass es um 350 v.Chr. im Attischen Beispiele von Isochronie von ε und η, ο und ω gibt.

Gemäss dem jetzigen Stand der Forschung muss gesagt werden, dass weder das Rekonstruktionsmodell der erasmischen Aussprache und das davon abgeleitete "pseudoerasmische" (in unseren Gymnasien verwendete) noch die neugriechische Aussprache der Vielfalt der Aussprache des Altgriechischen gerecht wird. Da die altgriechische Sprache zwischen dem 7. und 3. Jh. v.Chr. weder Einheitlichkeit noch Stabilität in den Lauten besass, wird es nie ein endgültiges Ergebnis über die korrekte Aussprache des Altgriechischen geben (S. 119).

Für alle, die sich noch nie oder kaum mit dem Problem der Aussprache des Griechischen befasst haben, ist das Buch eine informative, klar geschriebene und verständliche Lektüre.

Alois Kurmann

Stephan Flaucher, Lateinische Metrik: eine Einführung (Reclams Universal-Bibliothek 17671), Ditzingen (Philipp Reclam) 2008, Brosch. 90 S., CHF 5.20 (€ 2.80), ISBN 978-3-15-017671-9
Hans-Joachim Glücklich, Compendium zur lateinischen Metrik: wie lateinische Verse klingen und gelesen werden, unter Mitarbeit von Annette Hirt, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007, Kt. 48 S., CHF 16.90 (€ 8.90), ISBN 978-3-525-25321-2

Gleich zwei preiswerte Metriken sind neu auf dem Markt, beide als kurze Einführung konzipiert, beide mit didaktischen Tipps und Übungen. Was taugen sie? In seinem Reclam-Büchlein beschränkt sich Flaucher auf die "wichtigsten Versmasse", was ihn veranlasst, auf die gesamte Strophenmetrik zu verzichten - und damit auch auf einen Benutzerkreis, der allenfalls Horaz lesen möchte. Entsprechend knapp sind die Literaturhinweise: Aufgeführt sind lediglich die beiden ausführlichen Titel von Crusius-Rubenbauer und Drexler (dieser mit falschem Vornamen "Martin" zitiert) und die knappe Übersicht von Halporn und Ostwald. Der prosodische Teil behandelt allgemein die Quantität der Silben, doch da finden sich schon die ersten Irrtümer und Irreführungen ("auslautendes e ist lang" - ohne Hinweis auf Ablative und Verbalendungen, bei denen das nicht der Fall ist!). Entsprechend unsicher sind die metrischen Konsequenzen der Prosodie, auf die es hier in erster Linie ankäme, behandelt: Die Definition von Muta cum liquida ist unvollständig, ein Mangel, den allerdings die meisten Metriken aufweisen (Drexler definiert überhaupt nicht, Crusius und Halporn geben fälschlich m und n als Liquida an und vergessen wie Flaucher f als Muta); als Beispiel für Muta cum liquida ist cas-tra eine Fehlanzeige; die Behauptung, Positionslänge wirke auch nach auslautendem Kurzvokal über die Wortgrenze hinweg, trifft, in markantem Gegensatz zur griechischen Prosodie (vgl. Ovid, Liebesbriefe, Reihe Tusculum, S. 266-271), so wenig zu wie die Verwendung des Ausdrucks Syllaba anceps für ein prosodisches (statt für ein metrisches) Phänomen. Genau dies war dem Autor nicht klar, wie seine Behandlung des Versendes zeigt, wo er zwar das Anceps-Zeichen x in den Schemata verwendet, aber seine Funktion missversteht und mit einem falschen Beispiel erläutert (S. 30: "sororum | o" - als Kürze gedeutet statt als Hiat). Richtigzustellen ist ferner die Silbentrennung bei Synizese von Halbkonsonanten (richtig: Lavin-ja, gen-va); beim Iambenkürzungsgesetz, gewiss nichts für Anfänger, fehlt der Hinweis auf die beschränkte Gültigkeit für altlateinische Texte. Angesichts dieser Bilanz wundert es nicht mehr, wenn Senecas Sprechverse als Senare statt als jambische Trimeter behandelt werden und die Analyse eines plautinischen Senars völlig danebengerät (Miles 86: Alazon ist nicht anapästisch, huic nicht spondeisch zu messen, sondern monosyllabisch, S. 46). Anfängern mag das Büchlein als brüchige Krücke dienen, Studienanfängern in Latinistik ist, anders als der Autor meint, von dieser vereinfachenden und überholungsbedürftigen Darstellung abzuraten. Mit dieser Metrik wird also niemand glücklich.

Wird man es mit der zweiten? Der Mainzer Fachdidaktiker nimmt es gemütlich: "Silben vom Ende des Wortes aus zählen. Zur vorletzten Silbe gehen... Lange Silben deutlich aussprechen - sich dabei Zeit nehmen." Die Aussprache der einzelnen Wörter wird überdeutlich eingeübt: "conclamare sprich: konnklaahmáahre, rex sprich: reehg-s, crux sprich kruuhk-s" (phonetischer Unterschied zwischen gs und ks?). Erklärungsbedarf besteht für die Aussprache der Mutae. Unzutreffend ist jedenfalls der Hinweis bei p "wie im Deutschen" (d.h. aspiriert). Nach diesen für die Metrik weitgehend belanglosen Ausführungen zur Prosodie sollten wir bereits imstande sein (S. 13), "die spezifisch lateinischen Erscheinungen wie AcI, Abl. abs. oder -nd-Fügungen als eine Einheit mit kurzer Pause davor und danach" zu sprechen - doch diese sind bekanntlich in Versen oft genug durch Hyperbata auseinandergerissen und Gerundia/-iva fehlen in Versen überhaupt fast gänzlich! Doch wenden wir uns dem Kerngeschäft zu, dem Lesen der Verse. Der Autor sieht sein Hauptanliegen darin, "Normalbetonung" (gemeint ist Wortakzent in Prosa) und "unterstellte Versbetonung" unter einen Hut zu bringen: "Wenn dabei der Normalakzent mit dem hypothetischen Versakzent übereinstimmt, gibt es keinerlei Schwierigkeiten." Im gegenteiligen Fall, was ja das eigentliche Problem darstellt, wie in Prosa lesen: "árrma virúmmque cánooo, Tróiae quiii príimus ab óoriiis Iiitáliammm Lavíiinaque véeenit líiitora". Unbeantwortet bleibt die Hauptfrage, wie man sich den Wortakzent (z.B. durch unterschiedliche Tonhöhe) und die Versbetonung im Gegensatz zum verpönten Skandieren zu denken hat. Für die Transkribierung der "wichtigsten Versmasse" (die strophischen Verse sind berücksichtigt) entwickelt G. ein eigentümliches System: Akut bedeutet Wortakzent, Gravis Versakzent, Zirkumflex das Zusammenfallen beider Akzente, was einen langen Vokal vortäuscht: cûm tántùm scíat êsse basiôrum. Unnötiger Aufwand wird für die Erklärung der Anceps am Versende betrieben, indem unterschieden werden soll zwischen abschliessender Länge und vermeintlich unbetonter Kürze. Quintilian (9,4,93) hat das einst auf die einfache Formel gebracht: indifferens ultima. Mangelhaft werden Aphaerese und Synizese erklärt (dein soll man als djin aussprechen!), Iambenkürzung wird falsch definiert, was die falsche Analyse von Ter. Ad. 160 zur Folge hat (3 Fehler im gleichen Vers, S. 30), ebenso Muta cum liquida (Nasale werden fälschlich zu den Liquidae gerechnet, bei den Mutae fehlt auch hier f), ausserdem ist deren Behandlung im Verszusammenhang unterblieben (klare Regelung an Wortgrenze und Kompositionsfuge, z.B. ab-rumpo, ad rem immer positionslang, re-flexit nie usw.). Auf schwachen Füssen stehen lautmalerische Deutungen wie die der s-Laute auf das Summen der Bienen, ist doch s im Lateinischen stimmlos. Kurz: auch dies ein missglückter Versuch, der die Lernwilligen verwirren muss und von den Feinheiten der lateinischen Metrik keine rechte Vorstellung vermittelt.

Bruno W. Häuptli

Wolfram Kautzky/Oliver Hissek, Medias in res! Latein für den Anfangsunterricht, Linz (Veritas-Verlag) 42007, ISBN 978-3-7058-6683-6 - Oliver Hissek/Wolfram Kautzky, Durchstarten Lateingrammatik. Übungsbuch. Für alle Lernjahre, Linz (Veritas-Verlag) 2007, ISBN 978-37058-7416-9 - Wolfram Kautzky, Durchstarten. Lateingrammatik. Erklärung und Training. Für alle Lernjahre, Linz (Veritas-Verlag) 2007, ISBN 978-3-7058-7575-3 - Wolfram Kautzky/Bruno Haberzettl, Durchstarten mit Nuntii Latini. Übersetzungsvergnügen mit lateinischen News, Teil 2, Linz (Veritas-Verlag) 22006, ISBN 978-3-7058-6570-9

In 40 Lektionen wird durch "Medias in res" die Grundlage für die Lektüre lateinischer Originaltexte gelegt. In eineinhalb Jahren soll in die lateinische Sprache "so kompakt wie möglich, aber zugleich so ausführlich wie nötig" (S. 7) eingeführt werden. Jede Lektion hat vier Seiten (im Format A4) und enthält einen lateinischen Text von beachtlicher Länge, darunter in Deutsch Informationen, die sich auf diesen Text beziehen, ein Lernvokabular mit 20-30 neuen Wörtern, eine Seite Grammatik und eine Seite mit Übungsmaterial. Die lateinischen Texte beziehen sich, aufgeteilt auf je 5 Lektionen, auf die Bereiche römischer Alltag, römische Geschichte, griechische Mythologie, trojanischer Krieg und Anekdoten. Die grammatikalischen Erklärungen sind klar strukturiert, terminologisch präzis und lerntechnisch mit verschieden Druckarten und Farben visualisiert; das Übungsmaterial ist ausführlich und abwechslungsreich. Neben diesem Grundlagenmaterial enthält dieses Lehrbuch noch zahlreiches Zusatzmaterial: auf der Grammatikseite oft Zusammenstellung von leicht Verwechselbarem oder Ähnlichem, Übersetzungsbeispiele von Ausdrücken oder Lerntipps, auf der Vokabelseite neusprachliche Äquivalente der lateinischen Wörter und Beispiele aus dem lateinischen Alltag oder Sprichwörter, oft auch "Vokabellern-Tipps", auf der Übungsseite häufig einen zweiten lateinischen Text, oft geschichtlichen oder mythologischen Inhalts. Am Schluss des Buches stehen Repetitionsübungen über je 5 Lektionen, die Stammformen der unregelmässigen Verben in alphabetischer Reihenfolge, das alphabetische Vokabelverzeichnis und eine Übersicht der griechisch-römischen Götter mit Namen, Zuständigkeit und Attributen. Das ganze Buch ist mit Bildmaterial von der Antike bis zu modernen Comics reich illustriert, mehrfarbig und wirkt heiter und leicht. Ob in eineinhalb Jahren so viel Material verarbeitet und angeeignet werden kann, wage ich nicht zu beurteilen. An Druckfehlern, in Lehrbüchern besonders störend, habe ich ausser "cunda" statt "cuncta" auf S. 76 nichts bemerkt.
Die beiden "Durchstarten"-Bände, z.T. von den gleichen Autoren realisiert, bieten Zusammenfassungen und Systematisierung des grammatischen Stoffes und dazugehöriges Übungsmaterial in reicher Fülle, auch Übersetzungsaufgaben vom Deutschen ins Lateinische. Sie sind Lernenden, die ein grammatikalisches Kapitel repetieren müssen, sehr zu empfehlen, da sie nicht nur von Schülern, die mit dem oben vorgestellten Lehrbuch gearbeitet haben, benutzt werden können. Ein Lösungsheft, das alle Übungen enthält, ermöglicht die Selbstkontrolle.
Die Publikation "Durchstarten mit Nuntii Latini" bringt dreissig von W. Kautzky im KURIER veröffentlichte neulateinische Kolumnen zu Themen wie Babynahrung, Kebap, Tour de France etc. Der Anhang gibt vier Seiten Wendungen aus "Latein im Alltag", ein lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Wörterverzeichnis, eine Liste geographischer Eigennamen, die Übersetzung der lateinischen Texte und Literaturangaben zu Neulatein.

Dieses reiche Material aus unserem östlichen Nachbarland bietet eine erfreuliche Fülle von gut durchdachtem, wissenschaftlich begründetem und didaktisch gut aufbereitetem Material, das ich uns allen empfehlen möchte.

Alois Kurmann

Jörg Fündling, Marc Aurel, Darmstadt (Primus Verlag) 2008 (Gestalten der Antike, hrsg. von Manfred Clauss), 240 S., 16 s/w-Abb., CHF 49.90 (WBG-Preis € 24.90), ISBN 978-3-89678-609-8

"Hüte dich, dass du nicht verkaiserst!" ermahnt der Protagonist der vorliegenden Biographie sich selbst in den Selbstbetrachtungen (6, 30, 1). Ein erstaunlicher Vorsatz für einen, der zu diesem Zeitpunkt schon ein gutes Jahrzehnt auf dem Thron sass und zuvor während der gesamten 23 Regierungsjahre des Vorgängers dessen designierter Nachfolger gewesen war (durch die Adoption von 138), ja letztlich seit seiner Geburt im Jahr 121 als potentieller Purpurträger gegolten hatte (weil mit dem kinderlosen Hadrian verwandt). Wie sollte ausgerechnet der nicht gänzlich von der Herrscherrolle vereinnahmt sein?

Jörg Fündlings sorgsam aufgearbeitete Biographie zeigt in vielen Facetten Werdegang und Persönlichkeit des Philosophenkaisers Marc Aurel. Hinter der "römischen Idealtugend der gravitas" ortet er "frühe Zeichen einer an Selbstzerfleischung grenzenden Sicht auf die eigenen Taten" (S. 18ff). Aus den überlieferten Essgewohnheiten des Kaisers und dem "Dilemma, wie wichtig Marcus es nahm, dass alle Belange seines Körpers unwichtig seien", schliesst er, man dürfe ihn "im modernen Sinne chronisch essgestört nennen" (S. 49). Letztlich habe er sich gegen "die Identifikation mit dem Amt" gewehrt, "seine schwindelerregende Stellung buchstäblich als Rolle" begriffen und "um ein Mindestmass an Distanz zu dieser Rolle" gekämpft (S. 120).

Damit mag angedeutet sein, worin sich unser Bild von Marc Aurel wohltuend von dem vieler antiker Herrschergestalten unterscheidet: Die besondere Quellenlage (philosophische Selbstbetrachtung statt propagandistische Selbstdarstellung, möchte man sagen) erlaubt bei kluger Interpretation (und die leistet Fündling!) mehr als das Eruieren oder blosse Vermuten weniger Charakterzüge; etwas vom Menschen hinter dem Regenten Marc Aurel wird sichtbar, zu greifen sind Konstanten und Veränderungen einer Persönlichkeitsstruktur, ein mit sich und seiner Aufgabe ringendes, zuweilen leidendes, fast resignierendes Individuum. So gesehen hat sich Marc Aurel tatsächlich erfolgreich dem üblichen 'Verkaisern' entziehen können.

Die Lektüre von Fündlings Buch ist aber noch in anderer Hinsicht lesenswert: Sie gewährt tiefen und abwechslungsreichen Einblick ins Panorama der römischen Welt des zweiten Jahrhunderts. Das Denken der vornehmsten Familien wird am Beispiel der Annii veranschaulicht (S. 13ff), der Schock der Germaneneinfälle ab ca. 166 als "Hannibal-Gefühl" charakterisiert (S. 99). Von Antoninus Pius, Lucius Verus (dem Mitkaiser der ersten Jahre) und Commodus entstehen ebenfalls prägnante Charakterprofile, ebenso von vielen Emporkömmlingen aus dem Ritterstand, die Marc Aurel aus Personalnot heranzog (S. 135ff und 156f). Dabei wird deutlich, wie sehr seine Regierungszeit eine Umbruchzeit war, die wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen der folgenden Jahrhunderte einleitete.

Die Selbstbetrachtungen würdigt Fündling eingehend (v.a. S. 115-129), ihre Nachwirkung bis heute ebenfalls (S. 180f; erwähnenswert: die "Frontausgabe in den Tornistern Zehntausender Deutscher" im Ersten Weltkrieg). Der Leser wird Fündlings oft lakonischen Stil schätzen, so zum Tod Hadrians (S. 32ff): "Am 10. Juli 138 war es überstanden. ... Aus dem Scheiterhaufen ... stieg der symbolische Adler gen Himmel, die Urne wanderte zügig in Hadrians gewaltiges Grab, und mit dem schnellen Abschluss der vergangenen Aera konnten alle gut leben." Nicht besser erging es später Marc Aurel, den während des zweiten Markomannenkrieges die Lebenskräfte verliessen: "Es war der 17. März des Jahres 180. Nur Marcus' Asche kehrte nach Rom zurück" (S. 171).

Thomas Schär

Alexandra Trachsel, La Troade: un paysage et son héritage littéraire. Les commentaires antiques sur la Troade, leur genèse et leur influence, Bibliotheca Helvetica Romana XXVIII, Bâle (Schwabe) 2007, XX + 501 S., CHF 58.00, ISBN 978-3-7965-2254-3

Aboutissement de la thèse de doctorat soutenue par l'auteure en 2005, cet ouvrage tout inspiré d'Homère ne porte cependant ni sur ce poète ni sur la question homérique en soi. L'étude part du texte de l'Iliade mais se fixe davantage sur son contenu que sur sa création ou sa transmission, encore que ces aspects ne puissent être entièrement passés sous silence. Elle se focalise en premier lieu sur la Troade, ensemble d'éléments topographiques divers décrits dans le poème, qui définissent un espace littéraire ou imaginaire dans lequel le poète situe concrètement les événements : la citadelle de Troie, ses alentours, l'intérieur de la ville ; en face sont dépeints le camp des Achéens, la plaine de Troie, puis d'autres villes encore de la Troade.

À cette Troade littéraire ou imaginaire s'oppose la Troade réelle que les Anciens connaissaient, qu'ils habitaient ou visitaient et qu'ils identifiaient avec celle de l'Iliade. Il n'est pas du propos d'A. Trachsel de vouloir faire coïncider sur le terrain Troade littéraire et Troade réelle, mais d'en examiner les paysages et de voir comment ils ont été traités et interprétés par les auteurs anciens au cours des siècles. Elle s'attache à décortiquer leurs arguments et leurs hypothèses en cherchant pourquoi et comment ils ont pu les soutenir : intéressante démarche de Quellenforschung dans laquelle l'influence des changements politiques le dispute aux enjeux purement littéraires ; l'arrivée des Romains en Asie Mineure, puis l'imposition du récit d'Énée par la propagande julio-claudienne ne peuvent évidemment pas être sous-estimées.

Ainsi, faisant suite à la première partie consacrée à l'espace homérique - celui que tout lecteur pouvait et peut encore se figurer à la lecture du texte -, comportant souvent les mêmes éléments relevés et commentés depuis l'Antiquité, la seconde fait intervenir la Troade réelle, susceptible de changer d'aspect au cours du temps : il suffit de s'en remettre aux résultats des fouilles archéologiques. Cependant les auteurs en tiraient leur connaissance plus souvent des livres que du terrain même.

A. Trachsel avance l'hypothèse que les premières tentatives d'interprétation de l'espace homérique ont pu prendre naissance dès l'existence du poème ; on en trouve des traces avant l'époque hellénistique. Toutefois le plus grand nombre des textes pris en considération par elle sont d'époque hellénistique et romaine et, quoique des auteurs tardifs et jusqu'à l'époque byzantine aient continué à interpréter l'espace homérique, ils s'arrêtent à l'époque de la Seconde Sophistique. Ilion s'identifie alors indubitablement à la Troie homérique, mais la famille impériale n'est plus qu'indirectement liée au personnage d'Énée, ce qui laisse plus de place à d'autres versions et commentaires du récit. La façon de traiter le paysage a aussi tendance à se transformer. D'"homéro-centrique" qu'il était, le paysage va s'inspirer de la réalité topographique au point que certains auteurs ressentiront le besoin d'adapter ou de corriger la version des poèmes homériques eux-mêmes !

Christine Haller

Ernst Baltrusch, Aussenpolitik, Bünde und Reichsbildung in der Antike, Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike (hrsg. von Aloys Winterling), Band 7, München (R. Oldenbourg) 2008, XII und 219 S., € 19.80, ISBN (brosch.) 978-3-486-58401-1

Die auf 13 Bände konzipierte Lehrbuchreihe "Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike" des R. Oldenbourg Verlags ist den Themen Gesellschaft, Familie, Geschlechterverhältnisse, Politik, Wirtschaft, Religion und Militär gewidmet. Die einzelnen Bände orientieren sich an der Konzeption der Reihe "Grundriss der Geschichte" des gleichen Verlags. In einem ersten Teil wird jeweils eine einführende Überblicksdarstellung des Gegenstandes gegeben. In einem zweiten Teil folgt "eine Analyse der wissenschaftsgeschichtlich wichtigsten sowie der aktuellen Probleme, Diskussionen und Kontroversen der Forschung" (S. V). Den Abschluss bildet die themenbezogene Bibliographie, die im Wesentlichen im zweiten Teil besprochen wurde. Die Titel und Nummerierungen der Kapitel der drei Teile stimmen überein. Dadurch wird der Zugang zum Werk sehr erleichtert, zumal die einzelnen Kapitel (und Unterkapitel) in der Regel in sich geschlossen sind.

Erschienen sind bis anhin Band 1 von Winfried Schmitz zum Thema "Haus und Familie im antiken Griechenland" sowie das vorliegend zu besprechende Werk. Der Verfasser, Professor Ernst Baltrusch, lehrt am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin Alte Geschichte. Die einzelnen Teile hat er in fünf Kapitel gegliedert. In den "Vorbemerkungen" - aber auch in den anderen Kapiteln - versteht es E. Baltrusch hervorragend, die Problematik des Transfers der weitestgehend vom heutigen politischen Verständnis geprägten Terminologie auf die antiken Verhältnisse aufzuzeigen und gleichzeitig darzulegen, dass und weshalb eine Anwendung von Begriffen wie "Aussenpolitik" auch auf antike Verhältnisse gerechtfertigt sein kann (S. 3). Das zweite Kapitel (griechische und römische Frühzeit) steht "unter dem Vorbehalt einer gänzlich unsicheren Quellenlage" (S. 5; vgl. S. 85). Im dritten Kapitel gelingt es dem Autor, der sich 1992 zum Thema "Griechisches Völkerrecht" habilitierte, in verständlicher und nachvollziehbarer Sprache auf wenigen Seiten Begriffe wie Autonomie, Souveränität, Diplomatie etc. aus römischer und griechischer Sicht wie auch im Kontrast zum modernen Verständnis zu erklären. Dies gilt auch für die Ausführungen zur Koine Eirene und zum Bellum Iustum (S. 34 ff. u. S. 126 ff.) als "reichs- und polisübergreifende Konzeptionen". Der Autor weist an dieser Stelle auf die heutigen Formen internationaler Zusammenarbeit und Integration hin, verbietet indes Vergleiche mit dem Völkerbund und den Vereinten Nationen, "da jeweils Genese, Struktur und Hintergrund der Institutionen zu sehr differieren" (S. 126). Immer wieder wird auch auf sprachgeschichtliche Erklärungsansätze zurückgegriffen. Beispielhaft sei auf die Erläuterung der griechischen Vertragstypen (Symmachie, Spondai, Philia, Ekecheiria, Syntheke etc.) hingewiesen (S. 114 ff.).

Im vierten Kapitel werden neben der Symmachie als wichtigster Form zwischenstaatlicher Zusammenarbeit in der griechischen Welt und der schwer fassbaren Amphiktyonie (vgl. S. 130 f.) insbesondere die grossen Bünde wie die athenischen Bünde und das römische Bundesgenossensystem dargestellt. Das fünfte Kapitel ist der Reichsbildung (Alexanderreich, hellenistische Reiche, römischer Imperialismus und Imperium der Kaiserzeit) gewidmet. Im Teil zur Forschungsgeschichte werden in prägnanter und umfassender Weise die bisherigen Forschungsergebnisse, divergierende Interpretationsansätze und die Forschungsmethoden zusammengefasst und vor allem nach wie vor offene Fragestellungen dargelegt. Das Werkverzeichnis der in diesem Teil besprochenen Autoren bildet den dritten Teil.

Einmal mehr gilt: das genaue Hinsehen auf die (aussen-)politischen Strukturen der Antike schärft auch das Auge für unsere eigene Welt. Auch auf dem Hintergrund einer globalisierten Welt erweist sich das Werk von E. Baltrusch deshalb insgesamt als unentbehrlich.

Achilles Humbel, Gerichtsschreiber Steuerrekursgericht Kanton Aargau

Demosthenes, Reden zur Finanzierung der Kriegsflotte. Gegen Euergos und Mnesibulos - Gegen Polykles - Über den trierarchischen Kranz, eingeleitet, herausgegeben und übersetzt von Christos Karvounis, Darmstadt (WBG, Texte zur Forschung Bd. 90) 2008, 143 S., CHF 67.00, ISBN 978-3-534-19347-9

In der kontinuierlich wachsenden Reihe "Texte zur Forschung" (TzF) werden erfreulicherweise viele Texte leicht zugänglich gemacht, die gewöhnlich eine Gymnasiallehrperson der klassischen Sprachen kaum kennt oder gar gelesen hat. Diese Bände bieten gerade deshalb eine willkommene Ergänzung des Lektürehorizontes, weil es sich meistens um Texte handelt, die man nicht unbedingt im Schulunterricht einsetzen muss.

Der vorliegende Band bringt die Reden Nr. 47, 50 und 51 des Corpus Demosthenicum, von denen nur die letzte von Demosthenes selber stammt. Es handelt sich um drei Privatreden, die sich auf Probleme im Zusammenhang mit der Finanzierung von Kriegsschiffen beziehen. Weil sowohl die Sache, um die es geht, nämlich die athenische Trierarchie, wie auch die Einzelheiten der attischen Rechtssprechung den wenigsten im Detail bekannt sind, werden die für das Verständnis der Texte notwendigen Realia sowie Fachausdrücke in einer ausführlichen Einleitung gegeben (S. 11-47). Der Textteil selber bringt neben dem griechischen Text der Oxford Ausgabe eine deutsche Übersetzung. Der Übersetzer, Dozent am Münchner Institut für Byzantinistik und Neogräzistik, bietet einen gut lesbaren Text, der die oft langen griechischen Perioden in mehrere Sätze aufteilt und in Klammern den Wortlaut durch notwendige Ergänzungen verständlich macht. Da die Reihe TzF keinen oder nur wenig Kommentar zum Text vorsieht, ist man bei der Lektüre immer wieder auf die Einleitung angewiesen, in der man anhand des Sachverzeichnisses die verwendeten Fachausdrücke leicht finden kann. Die Übersetzung lässt den sprachlichen Unterschied zwischen den zwei pseudodemosthenischen und der echten Rede des jungen Demosthenes gut wahrnehmen. Inhaltlich bieten die Reden viele interessante Details aus einem Bereich des athenischen Lebens des 4. Jahrhunderts, mit dem man sonst kaum in Berührung kommt.

Alois Kurmann

Philip Matyszak, Rom für 5 Denar am Tag. Ein Reiseführer in die Antike, München (Sanssouci) 2008, 176 S., € 14.90

Dieses Büchlein liefert in übersichtlichen, relativ kurzen Kapiteln Informationen zu allen Gebieten, die den Lateinschüler im Anfangsstadium über das römische Leben interessieren könnten. Neben den gängigen Themen kulturgeschichtlicher Hintergrundbücher sind dies hier auch Artikel über "Kriminalität", "Strafvollzug", "Marktgesetze", "was sich zu kaufen lohnt", "Abendeinladungen", "medizinische Versorgung" oder auch einfach "Spaziergänge". Der originelle Ansatz des Reiseführers für einen römischen Reisenden um 200 n.Chr. (mit Ausblick in spätere Zeiten) erlaubt Matyszak einen ganz anderen Blickwinkel auf die Phänomene der damaligen Zeit. Zu Beginn des Buches fühlt man sich denn auch wirklich vom Autor an die Hand genommen und in die Antike entführt. Jedoch gelingt ihm der zeitliche Sprung nicht in allen Kapiteln gleich gut.

Dennoch: Jedes Kapitel ist gespickt von Anekdoten zum Staunen und Schmunzeln, Zitaten aus der römischen Literatur, passenden Inschriften in Übersetzung, einfarbigem skizzenhaftem Illustrationsmaterial. Und unter der Rubrik "Rom in Kürze" findet sich Ende jeden Kapitels interessantes Detailwissen, welches beim blossen Durchblättern ins Auge fällt.

Farbige Rekonstruktionsbilder verschiedener Gebäude in der Mitte des Buches verhelfen zu einer besseren Vorstellung dessen, wovon das Buch handelt, auch wenn es die gängigen sind, die wir aus anderer Literatur oder von DVD's schon kennen.

Am Ende des Buches finden sich drei Seiten Sprachführer für den Alltag in Latein. Die Übersetzungsvarianten dürften Jugendliche ansprechen: "noli me tangere" - "Pfoten weg"; "vade retro" - "hau ab"... Und drei Seiten schafft auch jeder.

In der Kürze geschrieben, dass man auch mit Schmökern schon etwas daraus mitnehmen kann, stellt das Büchlein einen wertvollen Beitrag dar, die römische Antike unserer Jugend etwas näher zu bringen. Es steht bei mir seit Kurzem im Apparat für die ersten Klassen im Lateinzimmer und wird genutzt.

Christa Omlin

Wolfgang Will, Veni, vidi, vici. Caesar und die Kunst der Selbstdarstellung, Darmstadt (Primus Verlag) 2008, 152 S., CHF 29.90, ISBN 978-3-89678-333-2

In der Reihe "Geschichte erzählt" erscheint dieses Buch von W. Will (PD an der Uni Bonn). Wie der Titel der Reihe nahelegt, geht es weniger um eine streng wissenschaftliche Abhandlung als vielmehr um unterhaltsames Erzählen. Am Beispiel verschiedener Anekdoten und Episoden zeigt Will typische Strukturen in der Selbstdarstellung Caesars auf: z.B. Caesars Entführung durch Seeräuber; die Nervierschlacht; Vercingetorix; Alea iacta est; Veni, vidi, vici. Dies gelingt über weite Strecken ansprechend und fachlich kompetent.

Dass Will aber kein Philologe, sondern Althistoriker ist, zeigt sich darin, dass antike Quellentexte von Caesar selbst, aber auch von Cicero, Plutarch und einigen weiteren nur in deutscher Übersetzung gegeben werden. Direkt bei den Quellentexten steht meist nicht einmal die genaue Fundstelle; man muss erst im Anhang nachschlagen. Im Abschnitt über die Nervierschlacht ist Will sprachlich an einer Stelle (S. 47) ausserdem in einer solchen Weise ungenau, dass man sich fragen kann, ob der Fehler zustande gekommen ist, weil er sich nur auf eine (fremde) Übersetzung gestützt hat. Hätte er seine Analyse direkt am Originaltext vorgeführt, wäre ihm die Ungenauigkeit wohl nicht unterlaufen. DBG 2.20 beginnt wie folgt: Caesari omnia uno tempore erant agenda. Will übersetzt: "Caesar hätte alle Massnahmen gleichzeitig treffen müssen." Natürlich kann ein so gebrauchtes Imperfekt eine irreale Bedeutungsnuance haben und folglich so übersetzt werden - muss aber nicht! Will kommentiert jedoch ohne nähere Erklärung: "Caesar spricht (...) im Irrealis."

Auffällig ist ferner noch ein an gewissen Stellen unpräziser oder unpassender Gebrauch von Fremdwörtern: S. 7 "gäbe es keinen Nimbus Caesar" (ebenso S. 131), oder S. 37 "das Epos von dem Einen (...) stammt von ihm und seinen Anhängern" (es geht um Caesars Darstellung seiner Rolle im Prozess gegen die Catilinarier). Kleinere Versehen wie S. 118 "Sybillinische Bücher" oder in der Überschrift auf dem Rückdeckel "genialer Selstdarsteller" sind eher mangelndem Korrektorat zuzuschreiben.

Was hingegen wirklich seltsam anmutet, sind mehrere apodiktische Aussagen, die in doch sehr fragwürdiger Weise formuliert sind. So etwa S. 25: "Es gibt keinen anderen antiken Autor, der so spannend und pointiert zu erzählen weiss wie Plutarch." Oder S. 28, wo von der tatsächlichen Gefährlichkeit der Catilinarischen Verschwörung gesagt wird: "Sie ist eine Erfindung Ciceros." Wohl der Gipfel derartiger apodiktischen Aussagen ist aber auf S. 16, wo über den Wahrheitsgehalt von Caesars Schriften gesprochen wird, den in der Antike schon Asinius Pollio in Frage gestellt hat (cf. Sueton, Caes. 56.4): "Die Vorwürfe, Caesar habe die Ereignisse grob entstellt, (...) sind nicht zu belegen." Nehmen wir z.B. die teils höchst problematische Darstellung des Helvetierzugs in DGB 1 (nur schon die Person des Divico, der zum Zeitpunkt seines angeblichen Treffens mit Caesar über 80 Jahre alt gewesen wäre). Es wäre interessant zu erfahren, wie Will sich zu solchen Einzelproblemen stellt. So aber bleiben trotz der insgesamt angenehmen Lektüre einige unklare Punkte offen.

Beat Hüppin

Stephan Elbern, Caesar: Staatsmann, Feldherr, Schriftsteller, Mainz (Philipp von Zabern) 2008, 143 S., CHF 44.00, ISBN 978-3-8053-3826-4

In Zaberns Reihe "Sonderbände der Antiken Welt" ist dieser Bildband über C. Iulius Caesar erschienen. Meist eher knapp gehaltene Textabschnitte stellen Caesars Leben und Wirken (auch das literarische Werk) in groben Zügen vor, beginnend bei den Entwicklungen in Gesellschaft und Politik der späten Republik, die das Auftreten und den Aufstieg Caesars zum Alleinherrscher überhaupt möglich machten, endend bei der Ermordung Caesars und den bekannten unmittelbaren Folgen dieses Attentats. Zum Thema Nachwirkung und Rezeption wird die Entwicklung des Caesar-Bilds von der Antike über Mittelalter, Renaissance, Barock, 19. Jh. bis in die Moderne umrissen. Abgerundet wird der Band schliesslich mit einer Auflistung antiker Quellen zu Caesar, einem Glossar, einem Literaturverzeichnis und dem Bildnachweis.

Der Textteil bietet für den einigermassen informierten Altphilologen kaum Neues, was erklärtermassen auch nicht das Ziel des Bandes ist. Das Interessante an dem Buch ist vielmehr das Bildmaterial, bestehend aus 68 Farb- und 19 Schwarzweissabbildungen. Münzbilder, Architektonisches, Buchminiaturen, Plastiken und Gemälde von der Antike bis ins 19. Jh., Schlachtpläne von Actium und Alesia machen diverse Stationen aus Caesars bewegtem Leben und Wirken sowie das Umfeld, in dem sich das alles abgespielt hat, erlebbar. Die Abbildungen sind ausnahmslos präzise kommentiert und geben dank der sorgfältigen Bildauswahl einen wirklich informativen Überblick über die Thematik. Wer Caesar zum Beispiel im altsprachlichen Unterricht behandelt und gutes Bildmaterial zur Illustration sucht, dürfte mit diesem Bildband bestens bedient sein.

Beat Hüppin

Barry Strauss, Der Trojanische Krieg - Mythos und Wahrheit, Stuttgart (Theiss Verlag) 2008, aus dem Engl. übersetzt von Karin Schuler, 208 S., CHF 44.90

Barry Strauss, ein profunder Kenner der orientalen Kulturen und ihrer Dichtungen, betrachtet den von Homer beschriebenen Trojanischen Krieg nicht wie frühere Forscher als erfundene Erzählung, sondern als realen Teil der Geschichte der schon lange zuvor bedeutenden Stadt Troja bzw. Wilusa, die zu dieser Zeit 5000 bis 7500 Einwohner zählte und aufgrund ihrer strategisch bedeutsamen Lage oft Aggressionen aus dem Westen und Osten ausgesetzt war (neben dem Luwischen oder Palaischen war Griechisch in der Stadt wegen der Bedeutung des Handels wohl verbreitet).

Dabei geht Strauss von Homers Aussagen aus, die er häufig zitiert, aber natürlich kritisch unter die Lupe nimmt, ohne jedoch einen wahren Kern anzuzweifeln. So nimmt er für den Krieg einen Zeitraum zwischen 1230 und 1180 v.Chr. an, wobei er die Angabe der Kriegsdauer von zehn Jahren als Redensart für einen längeren Zeitraum versteht. Dem Einwand, daß die wichtigsten Paläste auf dem griechischen Festland zu dieser Zeit schon zerstört waren, begegnet er mit Hinweisen auf Bürgerkriege und Chaos in Griechenland wegen des Trojanischen Krieges und dem Vergleich ähnlicher Verhältnisse im Zweiten Weltkrieg. Gelegentlich räumt er ein, daß manche Dinge nicht beweisbar sind (wie das Trojanische Pferd, dessen Existenz er jedoch nicht grundsätzlich ausschließt), führt aber zahlreiche Belege als Indizien auf und stellt öfters Überlegungen an, inwiefern antike Gegebenheiten mit neuzeitlichen Situationen vergleichbar sein könnten.

Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage des Krieges untersucht. Gestützt u.a. auf hethitische Quellen wird dargelegt, welche Gründe eine Frau wie Helena zum Verlassen ihres königlichen Gatten bewogen haben könnten; dazu gehörte möglicherweise die Aussicht auf eine machtvollere Stellung im bronzezeitlichen Anatolien, während Paris seine eigene Position festigen wollte - wegen dieses wohlkalkulierten Vorgehens vergleicht der Autor das Paar eher mit Juan und Evita Perón als mit Romeo und Julia. Er beleuchtet auch die politische Ausgangssituation wie z.B. ein Bündnis Trojas mit den Hethitern um 1280 und den Druck Griechenlands auf Troja wegen Gebietsansprüchen und vergleicht homerische mit hethitischen Eigennamen, um mögliche Entsprechungen zu finden. Wenn es auch klar scheint, daß Homer nichtgriechische Sitten kennen mußte, weist Strauss übrigens Raoul Schrotts neue Thesen unzweideutig zurück.

Im zweiten Kapitel untersucht er den organisatorischen Aufbau Griechenlands, um homerische Aussagen plausibel zu machen, wenn er z.B. darlegt, wie der wanax (König) auf die Unterstützung seiner lokalen Machthaber (basileis) mit ihren eigenen bewaffneten Gefolgsleuten angewiesen war und diese bei Bedarf mobilisierte, wie Agamemnon es bei Homer tut. Weiter betrachtet er dessen Kinderopfer (Iphigenie) mit Hinweis auf entsprechende Bräuche im Vorderen Orient als historisch denkbar.

In den folgenden Kapiteln kommen weitere einzelne Ereignisse des Krieges zur Sprache; Helden werden vorgestellt - da und dort wären etymologische Ergänzungen durchaus hilfreich gewesen -, die Bedeutung von Einzelduellen mit Schlachten verglichen, wobei der Autor eher beiläufig Probleme der Forschung erwähnt, ob etwa bestimmte auffällige Passagen der Ilias von einem anderen Dichter stammen könnten.

Das sehr flüssig verfaßte und lesenswerte Werk beinhaltet auch einige Karten, eine Zeittafel und ein Glossar.

Iwan Durrer

Hans-Joachim Glücklich, Pompeji lebt, 2000 Jahre Texte, Bilder, Opern und Filme, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 112 S., CHF 23.70, ISBN 978-3-525-25758-6

Mit diesem praktischen Büchlein über die Geschichte und Rezeption des Untergangs von Pompeji will sich H.-J. Glücklich zwar an Philologen, an Filmfreunde und Lehrer wenden, aber auch an Philosophen und manche andere.

Die acht kürzeren Kapitel umfassen 'Pompejis Untergang aus heutiger Sicht', 'Pompejis Untergang und die Begründer der literarischen Tradition', von Martial bis Plutarch - wobei er Plinius fast zwanzig Seiten widmet (Glücklich hat 2003 Plinius' Briefe publiziert und dazu auch einen Lehrerkommentar verfasst). Es folgen dann Kapitel über 'Pompeji und die Christen', 'Pompeji: Mythos und Wissenschaft' und 'Erinnerungen an Pompeji in der Neuzeit', die sich, über das Erdbeben von Lissabon, die Ausgrabungen, über Mozart und andere, von Ludwig Holberg bis zu Schauerromanen und Wilhelm Jensens Gradiva erstrecken. Weiter betrachtet der Verfasser das Bild Pompejis in der Oper - bei Briulhoff und Bulwer-Lytton - und im Film (was meiner Meinung nach am interessantesten ist).

Das Buch schliesst mit 'Pompeji heute - Ertrag und Aussicht' und einem nützlichen Anhang von 20 Seiten über die Chronologie der Ereignisse und ihrer Datenrezeption von 63 p.C.n. bis 2009, der Filmgeschichte, Literaturangaben und Websites (beachtliche Hilfe für ein fachübergreifendes Projekt) enthält und diese Reise durch zwei Jahrtausende Leben und Fortleben des Vesuvsausbruches zu Ende bringt.

Christine Haller

Christian Mueller-Goldingen, Xenophon. Philosophie und Geschichte, Darmstadt (WBG) 2007, VIII + 135 S., CHF 66.70, ISBN 978-3-534-20485-4

C. M. will in seiner Xenophon-Monographie drei Ziele erreichen: Erstens will er Xenophon in den grösseren Zusammenhang der sokratischen Philosophie einbetten, zweitens ihn als Historiker untersuchen und drittens die Vielfalt seiner philosophischen Interessen hervorheben (Vorwort S. VII). Die Ziele erreicht C. M. in 14 Kapiteln mit den folgenden Überschriften: I. Xenophon über das Wesen von Macht; II. Xenophons Sokrates über die Götter; III. Sokrates und die Naturphilosophie; IV. Sokrates auf der Suche nach Fixpunkten; V. Die Funktion und Bedeutung philosophischer Traditionen; VI. Sparta - ein Vorbild? VII. Innovation und Tradition; VIII. Theorie und Praxis; IX. Selbstbeherrschung - ein Schlüsselbegriff in der sokratischen Tugendtheorie; X. Ideale in der sokratischen Philosophie; XI. Die hellenistische Herrschertheorie; XII. Xenophon in der Römischen Republik und Kaiserzeit; XIII Xenophon heute; XIV. Ergebnisse.

Beispielshalber gehe ich zunächst auf das zweite Kapitel ein, das Xenophons Theologie gewidmet ist. C. M. beschränkt sich dabei auf die Untersuchung der "Memorabilien". Er betont, dass Xenophon Sokrates' Frömmigkeit in apologetischer Absicht herausstreicht (Memorabilien 1,3,1ff.). Hauptsächlich geht C. M. auf den Gottesbeweis in Memorabilien 1,4 ein. Xenophon habe dort besonders die Sorge der Götter um die Menschen hervorgehoben. C. M. vermutet, dass Xenophon mit der Betonung dieser Eigenschaft der Götter eine Theologie vermitteln wollte, die dem Leser in der Bewältigung der Alltagssorgen dienlich sein sollte.

Das dritte Kapitel untersucht Xenophons Stellung gegenüber der Naturphilosophie und den Wissenschaften, besonders anhand Memorabilien 4.7. Auch hier sieht C. M. das Interesse Xenophons wirksam, Sokrates zu verteidigen. In diesem Fall sollte Sokrates aus der Nähe einer religionskritischen Naturphilosophie gerückt werden. Wissenschaften sollen nach Xenophons Sokrates dem Einzelnen und seinem Leben dienen. Reiner Theorie kann er nichts abgewinnen.

C. M.'s Monographie bietet einen anregenden Überblick über Xenophons Denken. Vermissen mag man gelegentlich die Stringenz der Argumentation.

Der Band ist ausgestattet mit einem Literaturverzeichnis (S. 131) und einem Index (S. 133).

Hansueli Flückiger

Ulrich Fellmeth, Pecunia non olet. Die Wirtschaft der antiken Welt, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2008, CHF 67.00, ISBN 978-3-534-20840-1

Ulrich Fellmeth gibt eine gute, übersichtliche Einführung ins Thema "Antike Wirtschaft" vom archaischen Griechenland bis zur Spätantike. Eine recht ausführliche Bibliographie ermöglicht die Vertiefung ins Thema.

Die These des Autors, dass trotz fehlender ökonomischer Theorie in der Antike planvolles und rationales wirtschaftliches Handeln vorhanden gewesen sei, wird mit bekannten Beispielen wie Xenophon und Cato, aber auch mit weniger bekannten wie dem Vater des Demosthenes oder Rabirius Postumus untermauert.

Spannend zu lesen die Überlegungen zum Einsatz von Sklaven in der Polis wie in den römischen Latifundien, die Berechnungen antiker Transportkosten, das Funktionieren des Bankenwesens im ptolemäischen Staat, die Intensivierungsbemühungen in der kaiserzeitlichen Landwirtschaft, dem Aufbau von überregionalen Märkten für Keramik, den spätantiken Bemühungen, die Inflation zu bremsen, etc. Das Buch ist eine Fundgrube, leider fehlt ein ausführliches Register, was die Suche nach ökonomischen Begriffen erheblich erschwert.

Interessant im Schlusskapitel der Versuch, die antike Konsummentalität mit unserer heutigen zu vergleichen: Fellmeth kommt zum Schluss, dass in der Antike häufig eine Rentenmentalität vorherrschte, die auffällig mit dem heute als "satisfyer-Mentalität" bezeichneten Verhalten übereinstimme.

Alles in allem ein lesenswertes Buch.

Christine Stuber

Homer, Ilias, übertragen von Raoul Schrott, kommentiert von Peter Mauritsch, München (Carl Hanser) 2008, Kt. 631 S., CHF 62.00, ISBN 3-446-23046-7

Vorspiele

Die Übersetzung, Bearbeitung oder, wie er es gerne nennt, Fassung, Neufassung oder Metaversion der homerischen Ilias, die der österreichische Schriftsteller Schrott jetzt vollständig vorlegt, hat eine lange Vor- und Nebengeschichte. Seit 2005 bereitete der Hessische Rundfunk auf S.s Anregung eine Hörspielproduktion vor, die die gesamte Ilias "ungekürzt in moderner Prosa für ein zeitgenössisches Publikum" umfassen sollte. Fachmännischer Rat wurde bei zahlreichen Experten eingeholt, gerade auch für die phonetische Betreuung (u.a. der eingelegten griechischen Passagen). Die philologische Beratung lag zu Beginn bei Joachim Latacz, mit dem sich S. aber bald zerstritt, dann bei Edzard Visser, schliesslich bei Peter Mauritsch, dem Verfasser einer Studie über Sexualität in den homerischen Epen und sachkundigen Mitarbeiter der sporthistorischen Quellendokumentationen zu Gymnastik und Agonistik (Boxen, Pankration, Speerwurf, Weitsprung). Als Nebenergebnis seiner Beschäftigung mit Homer legte S. im Frühjahr ein Buch von über 400 Seiten vor (Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe), in dem er den Schauplatz Troja und die Biographie des Dichters nach Kilikien verlegt, verfocht in den Medien und in Dutzenden von Lesungen seine in der Folge äusserst umstrittenen Thesen und gab Kostproben seiner Übersetzertätigkeit. Von welchen Grundvoraussetzungen S. ausging, legte er selber ausführlich dar (Sieben Prämissen einer neuen Übersetzung der Ilias, in: Akzente 53/3, 2006, 193-201) und publizierte die ersten vier Gesänge (Ilias 1: Akzente 53/3, 2006, 202-218; Ilias 2: Akzente 53/4, 2006, 333-356; Ilias 3: Akzente 53/5, 2006, 453-465; Ilias 4: Akzente 54/1, 2007, 58-72), so dass man sich ein Bild machen konnte, wohin die Reise gehen würde. Über die grundsätzlichen Differenzen und das Scheitern der Zusammenarbeit äusserte sich Latacz, der nach zwei Gesängen das Handtuch warf (Homer übersetzen. Zu Raoul Schrotts neuer Ilias-Fassung, in: Akzente 53/4, 2006, 357-383), was S. mit einer gewissen Beratungsmüdigkeit replizierte (Replik auf den Kommentar von Joachim Latacz in Heft 4, in: Akzente 53/5, 2006, 466-479), der die nachfolgenden Berater jedoch entgegensteuern konnten. Die gleiche, sonst ganz anders ausgerichtete Zeitschrift, machte zudem zwei wertvolle Studien über Homer zugänglich (Barbara Patzek, Warum Paris kein Feigling war, oder: Was die Götter in der Ilias sollen, in: Akzente 54/1, 2007, 73-81, über die Rolle der Götter für die Erzählstruktur; Edzard Visser, Der zweite Gesang der Ilias, in: Akzente 54/1, 2007, 82-95, über die Götter als personalisierte "Impulsverstärker" eigener Wünsche und Vorstellungen). Inzwischen wurde eine aufgekratzte, auf die Dauer aber etwas ermüdend pathetische Hörspielfassung (Sprecher: Manfred Zapatka) erstellt, in 24 Sendungen während des ganzen Monats September ausgestrahlt (demnächst greifbar auf 20 CDs) und mit einem anspruchsvollen Begleitprogramm von Gesprächen, Features, Konzerten und Opern zum Mythos Troja erweitert.

Ilias für die Spassgesellschaft?

In seinen Prolegomena, die grosso modo als Vorwort mitsamt einer Zusammenfassung der Thesen aus dem Homer-Buch in die in einem stattlichen Band vereinigte Gesamtausgabe übernommen wurden, bedauert S., dass kaum jemand von der Ilias mehr als ein paar Verse kenne, denn seit Voss befleissigten sich "alle unsere Übersetzungen eines Deutschs, das wieder zurück ans homerische Ufer will.......Vielleicht ändert sich das, wenn man nicht mehr hin zu Homer will, sondern ihn unter geänderten Vorzeichen her zu uns holt: ihn lesbar zu machen, ist das Anliegen dieser Fassung". Den Vorgängern wird gesamthaft Vergewaltigung des deutschen Satzbaus nach dem Vorbild griechischer Syntax (angesichts der bei Homer überwiegenden Parataxe kein haltbarer Vorwurf) und antiquiertes Vokabular angekreidet und von einer Übersetzung Klarheit und Eleganz unter Verzicht auf die (zugegebenermassen seit je problematische) Versform gefordert. Was für ein Homer mit welchen Mitteln hergeholt wird, zeigt ein erster Blick auf das lockere, spassige bis vulgäre, gern provozierende und respektlose, gewiss nicht als vorwiegend elegant zu bezeichnende Vokabular aus der (mit Austriazismen angereicherten) Medientrivialsprache (mit durchgehender Kleinschreibung): echt geil, den marsch blasen, der alte kämpe, grosskotzigkeit, sich ins fäustchen lachen, im griff haben, himmelfahrtskommando, die beine in die hand nehmen, in der klemme stecken, reiss dich zusammen mann, da haut's einen glatt um, hera ist mir wurscht, sie kann ja gar nicht anders als immer sperenzchen zu machen (so 8,407). Da wird mit dem angelagerten Staub zweifellos auch Substanz weggeblasen, ist doch der sprachliche Glanz Homers und der griechischen Sprache überhaupt hinter dem ordinären Jargon schwer zu erahnen. Man darf aber nicht übersehen, dass S., aus den Reaktionen zu schliessen, damit eine "heutige" Leserschaft, darunter auch Literaten (Sendung Literaturclub auf SF1) für einen Ur-Autor zu begeistern vermag, der aufgrund des allgemeinen Bildungswandels ins völlige Abseits zu verschwinden drohte.

Performance

"Man ist stets bemüht, genauer zu sein...... Mit Gewalt originell sein oder sich selbst einbringen will man dabei nicht; man dient vielmehr dem Text", rechtfertigt S. sein Vorgehen und bekennt sich statt zur freien Bearbeitung zur Texttreue (Replik 467), denkt aber nicht daran, diesen Anspruch im streng philologischen Sinn zu erfüllen. In Anbetracht der 15693 Verse der Ilias wäre Kleinlichkeit auch fehl am Platz, zudem hat S. seine Erstfassung für die Buchausgabe gründlich überarbeitet und vieles verändert (die schönwangige Chryseis bekommt, immer noch missverständlich, statt dralle jetzt runde Backen), vieles berichtigt, einzelnes, man muss sagen leider, abgeschwächt (3,399 Hera zu Aphrodite: statt "du hexe" jetzt "du liebesdienerin"). Einige Ungereimtheiten oder Ungenauigkeiten, die das Original entstellen, muss man in Kauf nehmen. So zu Beginn, wo ein Epos nicht von Troja, sondern vom Zorn oder Groll des Achilleus angekündigt wird. Dieser Groll, in der Zweitfassung jetzt mit dem etwas altmodischen Zusatz "Bitternis" ergänzt, ist nicht "verflucht", wie S. die Stelle wiedergibt, was die Verärgerung des Autors oder des imaginären Publikums zum Ausdruck brächte, sondern "verhängnisvoll", also unheilvoll, folgenreich. Da S. Stereotypie, wie sie nun einmal zum Epos gehört, vermeiden will, erscheint dieselbe Wendung proteusartig verwandelt bald als: himmelherrgottnocheinmal (1,518), bald als: was für ein schwarzer tag (1,573). Bei so viel Freiheit, würde man denken, hätte sich die genaue Kenntnis des griechischen Originaltextes, der stellenweise in (völlig missglückter) Transkription zitiert wird, eigentlich erübrigt. Aber S. geht es, er kann das nicht genug betonen, um "Performance" und darin ist er in seinem Element: Mit grosser Anschaulichkeit wird das Schlachtgetümmel, werden die Landschaften, die Wortgefechte geschildert, genüsslich wird das Entsetzliche, wird das Groteske unterstrichen (Bestrafung der Hera, 15,17ff) oder die Ungeniertheit von Liebesszenen herausmodelliert, besonders kontrastreich in Buch 14, wo Hera auf dem Ida mit Hilfe Aphrodites Zeus bezirzt, während bei den griechischen Schiffen die blutrünstigste Schlacht tobt. Die Ilias ist auch die Tragödie Hektors und Andromaches: Hier findet S. bei der berühmten Abschiedsszene mit dem kleinen Astyanax (Buch 6) ebenso den angemessenen, würdigen Ton wie bei der Auslösung von Hektors Leichnam im Finale des Epos.

Kampf um Epitheta

Als heftigster Streitpunkt erwies sich die seit den antiken Kommentatoren gültige Lehrmeinung, dass die homerischen Epitheta keine aktuelle Funktion haben, sondern unablösbare Wesenseigenschaften darstellen, was bekanntlich oft zu scheinbar paradoxen Situationen führt, eine Erkenntnis, die seit je für den Schulunterricht als Binsenweisheit galt. S. bestreitet diese Funktion vehement, obwohl er selbst auf die entsprechenden Erklärungen der Scholiasten hinweist (Replik 475-479), und zieht daraus die übersetzerischen Konsequenzen, indem er die stereotypen Epitheta jeweils dem Zusammenhang entsprechend situativ umsetzt: Der schnellfüssige Achilleus tritt mit schnellem Schritt in die Mitte oder ist schnell von Begriff; die helläugige Athene nickt blauäugig zu (wohl als Scherz gemeint); die kuhäugige Hera ist bald grossäugig, bald spricht sie kalten Augs, reisst ihre Kuhaugen auf, macht Zeus ihre berühmten Kuhaugen, ihre Kuhaugen weiten sich vor Angst; symptomatisch, dass sie später von Zeus als dumme Kuh tituliert wird statt wie im Original als freche Hündin (8,483)! Hier hätte also Korrekturbedarf bestanden.

Erfreuliche Bilanz

Der schlichten archaischen Kargheit, wie sie in Schadewaldts Prosafassung zum Tragen kommt, werden die Fachleute den Vorzug geben, doch überschätzen wir uns nicht: Es ist ein reizvolles und nicht ganz einfaches Spiel, sich selber zu prüfen, wo man den echten, wo den neu drapierten Homer vermutet, eine Selbstprüfung, die Anstoss zu intensiverer Lektüre bietet. Womit wir bei der Frage angelangt wären, die schon in der Homer-Ausstellung unter den Tisch fiel, als ob es sie nie gegeben hätte: der Einheit des Dichters Homer; so ist die Authentizität der Dolonie (Buch 10) aus inhaltlichen wie stilistischen Gründen schon lange als spätere Einlage ausgesondert worden. Die neue Fassung, die wir als eine Art vergängliche Performance verstehen sollen, entpuppt sich so in doppeltem Sinn als Stein des Anstosses für Philologen. Angesichts ihrer aufsehenerregenden Breitenwirkung muss man die "neue" Ilias und die damit verbundenen Aktivitäten als höchst lobenswerte Unternehmungen bezeichnen, die gerade auch dem Schulunterricht, nicht nur in den altphilologischen Fächern, wünschenswerte Impulse verleihen dürften. - Mauritschs knapp 100 Seiten starker Kommentar stellt Zusammenhänge her, löst Anspielungen auf, erläutert Sachfragen, präzisiert Einzelstellen.

Bruno W. Häuptli
Binding Stiftung
Update: 25.10.2011
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