SAV/ASPC/ASFC
 
 

Bulletin 89/2017

Inhalt

 

Vorwort

Chères lectrices, chers lecteurs,
Dans son article passionnant « Klaus’ Knochen küssen », Daniel Sidler nous emmène dans le catholicisme baroque à la découverte d’un manuscrit de 1732, rédigé en latin, qui retrace la vie de Nicolas de Flue (dont nous fêtons cette année le 600ème anniversaire de la naissance) ainsi que le déroulement de l’élévation de ses reliques. Ce manuscrit témoigne de la popularité du culte des saints et de l’adoration dont leurs reliques font l’objet au XVIIe et au XVIIIe siècle dans les régions catholiques de Suisse.
Dans ce numéro, le lecteur trouvera aussi matière à réflexion sur l’enseignement du latin dans le Playdoyer pour la langue latine de Giulia Jacober tout comme dans les 10 conseils que prodigue Patrick Kuntschnik.
Signalons encore diverses manifestations : la lecture des 24 chants de l’Odyssée dans le cadre du Festival Européen Latin Grec, l’allocution en latin de Martin Meier, sans manquer le rapport d’activités d’EUROCLASSICA qui a fêté l’an dernier ses 25 ans d’existence.
Pour terminer, nous souhaitons un prompt rétablissement à notre rédactrice, Petra Haldemann, dont nous assurons le remplacement pour cet éditorial et que nous remercions pour son travail.
Bonne lecture !

Barbara Cristian et Lucius Hartmann
 

Thematischer Artikel

Klaus’ Knochen küssen
Von der «Magie» der Dinge in lateinischen Handschriften des Barockzeitalters

Ob wertvolle Textilien oder alltägliche Werkzeuge, ob weinende Heiligenbilder oder geküsste Knochen: Die Erforschung der Dinge erfreut sich seit einigen Jahren in verschiedenen akademischen Disziplinen wachsender Beliebtheit.1 So hat neben den traditionell an der materiellen Kultur interessierten Fächern wie der Kunstgeschichte, der Archäologie, der religiösen Volkskunde oder der Museologie auch die Geschichtswissenschaft das Potential der Erforschung von Dingen (wieder) entdeckt, wie zahlreiche Studien zur Herstellung, zum Handel oder Gebrauch unterschiedlicher Gegenstände beweisen. Die Dinge werden dabei jedoch nicht bloss als Objekte untersucht, die benutzt, betrachtet oder weitergereicht wurden. Die diesen Studien zugrunde liegenden Ansätze fordern, die Dinge in ihrer Materialität und Sinnhaftigkeit im spezifischen Kontext ernst zu nehmen, und sie als relevante Bestandteile eines bestimmten Aktionszusammenhangs zu verstehen, die menschliche Handlungen und Wahrnehmungen hervorriefen oder gar einforderten.2

Für frühneuzeitliche Gesellschaften sind diese Beobachtungen insofern treffend, als Dinge häufig mit dem Glauben an Wunder und an «magische» Kräfte in Verbindung standen. In den Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten, die Fürsten seit dem 16. Jahrhundert zur Selbstinszenierung und zu repräsentativen Zwecken, aber auch als Räume für Forschungen und gelehrte Diskussionen anlegten, brachten Exotica oder Mirabilia die Menschen zum Staunen und Sich-Wundern.3 Noch stärker war die Verbindung zwischen Dingen und Wunderglaube im katholischen Heiligenkult: Heiligenbilder weinten, bluteten oder zeigten andere menschliche Handlungsweisen, die, von Theologen und Laien als Wunder interpretiert, häufig am Ursprung eines Gnadenkults standen.4 An die so oder auf andere Weise entstandenen Wallfahrtsorte pilgerten die Gläubigen zwar häufig aufgrund eines Gelübdes (ex voto), hofften jedoch nicht selten auch, durch das Betrachten oder Berühren von Gnadenbildern oder Heiligenreliquien von ihren seelischen oder körperlichen Leiden geheilt zu werden.5 Diese materiellen Formen der Religiosität erlebten ihre Blütezeit im Barockkatholizismus, also im 17. und 18. Jahrhundert, als sich weltliche und geistliche Medizin als nahezu gleichwertige Angebote gegenüberstanden.6

Trotz dieser Wirkmacht der Dinge und der Bedeutung, die ihnen die Geschichtswissenschaft zuschreibt, werden Historikerinnen und Historiker in ihren Forschungen zur materiellen Kultur in musealen Sammlungen oder in Sakralräumen, in denen diese Zeugnisse aufbewahrt oder ausgestellt sind, nur teilweise fündig. Für gewisse Fragestellungen, etwa jene nach der Funktionsweise historischer Instrumente oder der Beschaffenheit von Stoffen, sind materielle Kulturgüter zwar nützliche oder sogar notwendige Quellen. Um Aussagen zu religiösen Praktiken, zu sozialen Handlungsgefügen oder allgemein zu Mensch-Ding-Beziehungen zu treffen, reichen sie jedoch in der Regel nicht aus. Denn die Dinge sind stumm und es wird uns nicht gelingen, sie zum Sprechen zu bringen.

Schriftquellen sind deshalb auch für Forschungen zur materiellen Kultur unabdingbar. Dass die Frühneuzeitforschung, gerade jene zum Barockkatholizismus, in lateinischen Druck- und Handschriften besonders häufig fündig wird, mag kaum überraschen, war Latein doch noch immer die lingua franca der europäischen Gelehrtenrepublik und die Sprache der katholischen Geistlichkeit, die beispielsweise in Briefen oder protokollartigen Berichten Ereignisse im Zusammenhang mit wundersamen oder wunderwirkenden Dingen niederschrieb und Traktate zu diesen Themen verfasste. Aus der Fülle solcher Handschriften wird im Folgenden exemplarisch ein Text herausgegriffen, der – die diesjährigen Feierlichkeiten zum 600. Geburtstag legen es nahe – von der «Wundertätigkeit» des in der Schweiz als Heiliger und Landespatron verehrten Bruder Klaus von Flüe (1417–1487) berichtet. Dieses Manuskript entstand 1732 im Umfeld der Luzerner Geistlichkeit und trägt den Titel Relatio Elevationis Sacri Corporis Beati Nicolai de Flue Eremitae Helvetii factae die 23tio Mensis MaŘ Anno 1732 in Ecclesia Parochiali Saxlensi (vgl. Abb. 1).7

Handschrift

Abb. 1

Zu jenem Zeitpunkt hatte Niklaus von Flüe bereits eine beachtliche «Karriere» hingelegt, die über seine irdische Lebenszeit hinausging und mit der auch der Verfasser der Relatio Elevationis einsetzte. 1467 hatte sich Bruder Klaus von seiner Familie verabschiedet und ins Ranft oberhalb seines Heimatdorfes Sachseln zurückgezogen, wo er fortan als Eremit lebte. Da er keine Speisen mehr zu sich nahm – per viginti circiter Annos sola san[cta] Eucharistia refectum – und seinen Landsleuten als weiser Ratgeber in politischen und spirituellen Fragen diente – bekannt und vielfach überhöht ist insbesondere seine Vermittlertätigkeit auf der Tagsatzung von Stans (1481) – stand er alsbald im Ruf der Heiligkeit.8 Diese fama sanctitatis, die über die Eidgenossenschaft hinaushallte, verstummte auch nach seinem Tod nicht. Bereits im Jahr 1488 lassen sich erste Versuche nachweisen, dem Papst die Heiligsprechung des Eremiten nahezulegen. Diese Bemühungen wurden nach den Wirren der Reformationszeit und dem Tauziehen um die Deutungshoheit über Bruder Klaus, der als Erinnerungsfigur von beiden konfessionellen Blöcken beansprucht wurde, im späten 16. Jahrhundert von den katholischen Orten unter der Führung Obwaldens und Luzerns wieder aufgegriffen. Sie kamen Mitte des 17. Jahrhunderts mit der Anerkennung des Kultes, die später mit der Seligsprechung gleichgesetzt wurde, zu einem vorläufigen Abschluss. Trotz der vorerst ausbleibenden Kanonisation, auf die Bruder Klaus bis ins 20. Jahrhundert warten musste, verehrten die katholischen Orte Bruder Klaus bereits im Barockzeitalter als ihren Schutzpatron. So wird er auch in besagter Handschrift als vere Pater Patriae bezeichnet, der der ganzen Kirche ein speculum sanctitatis sei. Katholische Gläubige pilgerten deshalb zur ehemaligen Eremitage im Ranft oder zur Grabstätte in der Pfarrkirche von Sachseln, wo sie Bruder Klaus als ihren Helfer in allen Notlagen verehrten. Wegen dieser grossen Verehrung und der zahlreichen Pilger wurde die Grabstätte im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts mehrmals umgestaltet, sodass Bruder Klaus einen immer prominenteren Platz innerhalb des Sakralraums erhielt. 1732 lag der Eremit schliesslich in einem Sarkophag begraben, der sich im Zentrum der Pfarrkirche befand.

Nach diesem kurzen Blick auf Leben und Verehrung des Eremiten kommt der Verfasser auf den eigentlichen Anlass zu sprechen und beschreibt, wie Bruder Klaus 1732 erneut aus seiner nur vermeintlich ewigen Ruhe geweckt wurde. Zunächst erfahren wir aus einem abgeschriebenen Briefwechsel zwischen den katholischen Orten und der päpstlichen Kurie, dass Graböffnung und Elevation mit Erlaubnis der dafür zuständigen Ritenkongregation, der Vorläuferin der heutigen Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen, stattfanden, wobei die facultas, den Körper des Seligen zu erkennen – recognoscendi Corpus Beati Nicolai de Rupe – dem in Luzern stationierten päpstlichen Nuntius Giovanni Battista Barni vorbehalten wurde. Die darauffolgende Schilderung der Elevation lässt erahnen, dass ein solch ausserordentliches Ereignis zugleich ein Volksfest und ein kirchlich bedeutsames Ereignis war. In seiner Inszenierung glich es geradezu einem Theaterstück, in dem Bruder Klaus selber in einer Hauptrolle auftreten sollte.

Der erste Akt des Stücks wurde bereits am Vorabend der eigentlichen elevatio gespielt. Es begann mit dem Eintreffen des Nuntius in loco Alpnach, wo Giovanni Battista Barni von Anton Franz Bucher, dem Landammanno von Obwalden, begrüsst wurde, ehe er unter dem Applaus des Volkes seinen Weg zur Kirche von Sachseln fortsetzte – iter suum inter festivos exultantis Populi applausus ad Saxlensem Ecclesiam prosecutus. Sobald er die Grenze der Pfarrei Sachseln erreicht hatte – vix fines Saxlensis Parochiae attigit –, wurde er von den lokalen Geistlichen mit einem Kreuz empfangen und zur Kirche geführt, wo er – ad sepulchri altare accedens – dem Seligen eine feierliche benedictio hielt. Um fünf Uhr nachmittags wurde der Nuntius wiederum zur Kirche geführt – stabilita hora quinta pomeridiana iterum ad Ecclesiam deductus –, wo sich nun auch ein Chor von Musikern und zahlreiche Gläubige versammelt hatten. Im Beisein des Nuntius und seines Gefolges wurde das Grab geöffnet und der Schrein, der die heiligen Gebeine enthielt, erhoben – capsa elevata fuit. Der Behälter wurde geöffnet – aperta fuit capsa –, wobei alle Anwesenden feststellten, dass die heiligen Knochen auf wunderbare Weise in gutem Zustand erhalten waren – sacra ossa […] mirabiliter conservata –, was nach katholischem Verständnis ein deutliches Zeichen für die fama sanctitatis des Eremiten war. Nachdem der heilige Körper zweifellos als jener von Bruder Klaus erkannt war – facta demum sacri corporis recognitione – und die Musiker gespielt hatten, wurden die Knochen wieder in der capsa versorgt und auf den Altar gestellt, wo sie von eigens aufgestellten Wächtern während der Nacht aufmerksam bewacht wurden – per noctem vigiliis attentissime custodita.

Am nächsten Tag war der Aufmarsch der Pilger besonders gross – infinitus iam videbatur Populi affluxus – und, wie die Liste im Anhang des Manuskripts belegt, liessen sich auch Vertreter der weltlichen Obrigkeit von Ob- und Nidwalden sowie zahlreiche Welt- und Ordenskleriker das Ereignis nicht entgehen. Denn das Theaterstück, das in der Pfarrkirche von Sachseln gespielt wurde, näherte sich seinem dramaturgischen Höhepunkt. Es begann mit dem heiligen Offizium und dem Evangelium, das der Kanzler der Nuntiatur respektive der lokale Pfarrherr von der Kanzel verkündete. Darauf liess der Nuntius ein Dekret vorlesen, mit dem er im Fall unerlaubten Entfernens der Reliquien die Exkommunikation – sub poena excommunicationis latae sententiae – androhte. Schliesslich wurde die capsa erneut geöffnet, die Knochen wurden entnommen und mit dem Siegel des Nuntius versehen – Nuntii Ap[osto]lici sigillo fuere obsignata –, was die Knochenpartikeln als authentische Reliquien kennzeichnete.

Sodann griffen auch die Gläubigen, die bislang bloss Zuschauer gewesen waren, in das Schauspiel ein, wobei ihnen eine Rolle zukam, in der sie in besonderem Masse mit Bruder Klaus interagierten. Denn die Geistlichen reichten ihnen eine Reliquienpartikel, bei der es sich um einen Wirbel vom Rückgrat handelte, zum Abküssen dar – vertebra de spina dorsi ad deosculandum exhibebatur. Auf diese Küsse für seine Knochen reagierte nun auch Bruder Klaus. Er griff in das Schauspiel ein und stellte seine Heiligkeit unter Beweis, indem er bewirkte, was nach katholischem Verständnis als Wunder galt: Ungefähr um die Mittagszeit – circa meridiem – wurde eine Maria Catharina Fanger aus der Pfarrei Sarnen, die von einem unreinen Geist grausam erschüttert war – ab immundo spiritu crudelissime vexata –, allein durch die Interzession des Seligen von ihrer Besessenheit befreit, worauf sie Bruder Klaus vor den versammelten Gläubigen als Patron und Anwalt der Gnade pries – per solam Beati Intercessionem gratiam liberationis obtinuit, et tantum Patronum tamquam unicum gratiae Advocatum, publice toto audiente populo clamavit.

Die Wundertätigkeit, die Bruder Klaus mittels seiner Reliquien ausübte, setzte sich in den nächsten Tagen fort, während derer die Knochen, insbesondere jene des Schädels, weiterhin auf dem Altar ausgestellt blieben. Zwar werden wir vom Schreiber unserer Handschrift nicht über konkrete Heilungserfolge informiert, doch berichtet er, wie der Altar mit Votivgaben als Zeichen für erfolgreiche Gelübde geschmückt wurde – sacrum S. Beati caput incenso adhibito solemniter veneratus est. Die erfahrenen «Wunder» mussten dabei keinesfalls so spektakulär sein wie die Teufelsaustreibung bei Maria Catharina Fanger, sondern konnten auch Heilungen von aus heutiger Sicht eher banal anmutenden Verletzungen oder Schmerzen sein, von denen barocke Mirakelbücher berichten.9

Solche Fälle, in denen Gläubige durch das Küssen oder anderweitiges Berühren heiliger Dinge geheilt wurden, liessen sich beliebig mehren, auch wenn es in der Regel nicht die Knochenreliquien oder die Gnadenbilder – also die hauptsächlich an den Wallfahrtsorten verehrten Objekte – waren, zu denen die Gläubigen direkten Zugang hatten. Mirakelbücher und Kanonisationsakten – erstere in der Regel auf Deutsch, letztere auf Latein abgefasst – berichten vielmehr davon, wie Gegenstände aus dem Besitz eines Heiligen als wunderwirkende Gegenstände verehrt wurden. Im Falle von Bruder Klaus wurden etwa das steinerne Kopfkissen in seiner Eremitenzelle oder die beiden Eremitenröcke, die in der Pfarrkirche von Sachseln und der Luzerner Jesuitenkirche ausgestellt waren, als heilungsbringende Reliquien verehrt. Vor allem an marianischen Wallfahrtsorten verteilten die Promotoren kleinformatige Heiligenbilder, die in alltäglichen Notsituationen verehrt wurden. Zudem liessen sich profane Dinge durch die Berührung mit Reliquien oder Heiligenbildern in sakrale Gegenstände transformieren. An zahlreichen Wallfahrtsorten – beispielsweise in Werthenstein oder Einsiedeln – tranken die Pilger Brunn- und Quellwasser in der Hoffnung, dadurch die Wirkmacht der an jenem Ort verehrten Heiligen zu erfahren.

Materielle Formen katholischer Religiosität propagierten auch die nach der Reformation neu entstandenen Orden, im schweizerischen Raum vor allem die Jesuiten und die Kapuziner, die als Missionare, Seelsorger und Lehrer den frühneuzeitlichen Katholizismus massgeblich prägten.10 Da die Gesellschaft Jesu eine für frühneuzeitliche Verhältnisse sehr ausgeprägte Verwaltungskultur pflegte, die das regelmässige Verfassen von Historiae der einzelnen Kollegien und von Litterae annuae, die an die Ordenszentrale nach Rom geschickt wurden, mit sich brachte, bieten gerade ihre Schriften reichhaltiges Material, um solche Praktiken zu untersuchen. Einige dieser Berichte wurden gedruckt, die meisten sind jedoch nur als Manuskripte im Zentralarchiv in Rom oder den Archiven der Kollegien erhalten.11

Aus diesen Schriften erfahren wir, dass die Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert neben den lokal verankerten Kulten insbesondere ihre Ordensheiligen propagierten, allen voran den Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491–1556) und den Asienmissionar Franz Xaver (1506–1552), die beide 1622 kanonisiert worden waren. An den Altären, die zu ihren Ehren in den Jesuitenkirchen und in anderen Kapellen errichtet wurden, hatten beide Heiligen ihre clientes. Franz Xaver beispielsweise brachte, wie die Litterae annuae immer wieder berichten, Personen nach langer und schwerer Krankheit die ersehnte Gesundheit zurück – Sanctus Xaverius in vota vocatus personae cuidam diu et graviter laboranti optatam reddidit sanitatem –, was diese durch das Deponieren von Votivgaben öffentlich kundtaten.12 Auf den Missionen, die die Jesuiten ausgehend von den Kollegien ins Umland der Städte, etwa auf die Landschaft Luzerns oder in die übrigen Inneren Orte unternahmen, führten sie Heilsgüter in Form von Wasser – aqua Ignatiana oder aqua Xaveriana – mit, das durch Berührung mit einer Reliquie gesegnet und dadurch mit der Heilkraft des jeweiligen Heiligen versehen worden war.13 Auch aus Sicht der Laien waren Segnung und Einsatz dieses Heilwassers die spektakulären und besonders nachgefragten Momente der Jesuitenmissionen. So berichtet der Nidwaldner Landammann Johann Laurentz Bünti in seiner Chronik, dass der Jesuit Fulvio Fontana auf seiner Missionsreise durch die katholische Eidgenossenschaft am 22. August 1705, «morgens bey guotter Zeit vill Standen voll Wasser benediciert […] mit Reliquien vom heyligen Francisi Xaveri, welches anderen Orthen gantz nutzlich zue Mentschen und Vych gebrucht und auch alhier grosse Würckhung verspürth worden».14

Heiligenverehrung im Allgemeinen und materielle Formen katholischer Religiosität im Besonderen waren also, dies zeigen die beschriebenen Beispiele, im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur Teil einer «Volkskultur». Der Heiligenkult war vielmehr ein wichtiger Unterscheidungsritus zwischen den Konfessionskirchen, der als solcher auch von den katholischen Geistlichen gepflegt und propagiert wurde. Die Heiligen waren dabei sowohl aus der Sicht der Laien als auch aus jener der Geistlichen nicht bloss tugendhafte Vorbilder, sondern in erster Linie Heils- und Heilungsbringer in alltäglichen Notlagen. Welt- und Ordensgeistliche setzten die Heiligen gezielt als Wundertäter ein, um so die Gläubigen von Wahrsagern, Gesundbetern und anderen, von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit als illegitim eingestuften Heilspraktikern abzubringen und sie enger an die Kirche zu binden.15 Die Grenzen zwischen legitimer kirchlich-sakramentaler «Magie» und der als illegitim eingestuften «Volksmagie» waren allerdings fliessend. Die Praktiken der Geistlichen glichen jenen der Laien und dürften von den Gläubigen – einem Marktmodell nicht unähnlich – vorwiegend aufgrund des konkreten Nutzens beurteilt worden sein.16

Die Bedeutung und die Funktion der Knochen von Heiligen und anderer Gegenstände, die sie zu Lebzeiten benutzt hatten oder die mit ihren Reliquien berührt worden waren, als heilige Gegenstände stand in der katholischen Kirche ausser Frage, lebte doch die virtus des Heiligen in diesen Reliquien fort. Auch das Küssen von Reliquien oder das Niederknien vor Gnadenbildern waren Praktiken, deren Legitimität und Wirksamkeit unbestritten waren. Dennoch war dem Heiligenkult die stete Gefahr inhärent, dass die Gläubigen die Wirkung der erfahrenen Heilungen fälschlicherweise den Reliquien oder Heiligenbildern selber zuschrieben und nicht, wie dies die katholische Theologie vorsah, den Heiligen im Himmel. In umfangreichen bild- und dingtheoretischen Traktaten legten führende Theologen wie die Kardinäle Gabriele Paleotti (1522–1597) oder Roberto Bellarmin (1542–1621) auf der Grundlage des am Konzil von Trient (1545–1563) verabschiedeten Bilderdekrets deshalb die katholische Position dar, gemäss der den Bildern und Reliquien bloss eine Erinnerungs- und auf die himmlischen Fürbitter hinweisende Funktion zukomme. Die heiligen Dinge würden zwar verehrt, die Anbetung gelte jedoch einzig den Heiligen, auf deren Interzession bei Gott die Gläubigen hoffen durften.17 Der Festcharakter der Reliquientranslationen und -elevationen und die «magischen» Kräfte, die Geistliche wie Laien dem Berühren geheiligter Gegenstände oder dem Trinken gesegneten Wassers zuschrieben, verweist dennoch darauf, wie bedeutend die materielle Kultur im Barockkatholizismus war: Heiligenverehrung und damit verbundene wundersame Heils- und Heilungserfolge waren aus der Sicht frühneuzeitlicher Katholiken eng an die Wirkmacht von Dingen gekoppelt.

Die geschilderten religiösen Praktiken und der ihnen zugrunde liegende Glaube erscheinen nicht erst aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts fremdartig und sonderbar. Bereits im Zeitalter der Aufklärung gerieten Wunderglaube, Heiligenverehrung und die damit verbundenen Praktiken sowohl von Seiten der Anhänger anderer Konfessionen wie auch innerhalb der katholischen Kirche zunehmend in die Kritik. Damit veränderten sich auch der Umgang mit und die Wahrnehmung von Reliquien und anderen heiligen Dingen, wie sich abschliessend wiederum am Beispiel von Bruder Klaus zeigen lässt. Kehren wir zunächst nochmals in den Mai des Jahres 1732 zurück, als in der Pfarrkirche von Sachseln nach dem Küssen der Knochen und deren Verehrung auf dem Altar der letzte Akt des Elevationstheaters gespielt wurde. Die heiligen Reliquien wurden nach dem Ende der Feierlichkeiten nicht mehr vollständig in den Sarkophag verschlossen, sondern blieben weiterhin sichtbar und damit potentiell wirkmächtig. Denn zum einen nutzten der Pfarrer von Sachseln und der Rat von Obwalden einige Partikeln als «diplomatische» Geschenke, die sie den in den Heiligsprechungsprozess involvierten Akteuren – darunter dem Sekretär der in Rom für die Vorbereitung der letztlich vom Papst ausgesprochenen Kanonisationen zuständigen Ritenkongregation – zukommen liessen. Zum anderen wurde ein Teil der Knochen in eine Reliquienfigur integriert, die, reich verziert und geschmückt, in einer Nische des Chors der Pfarrkirche von Sachseln aufgestellt wurde.18 Die Knochenreliquien wurden damit fortan in einer für einen Schweizer Heiligen singulären Form präsentiert, die ansonsten vor allem für Katakombenheilige bekannt ist, also für jene als frühchristliche Märtyrer verehrten Heiligen, deren Reliquien im 16. Jahrhundert in römischen Katakomben entdeckt und massenhaft in den Alpenraum transportiert worden waren.19 Diese Figur bot bereits im späten 18. Jahrhundert eine willkommene Angriffsfläche für Kritiker des Reliquienkults. So wähnten sich aufgeklärte protestantische Reisende beim Anblick dieser Figur eher in einem Gruselkabinett und ekelten sich vor den «lächerlich travestiert» geschmückten Knochen.20

Bruder Klaus

Abb. 2

Endgültig aus der katholischen Religiosität verschwand dieses Zeugnis barocker Frömmigkeit allerdings erst im frühen 20. Jahrhundert, als die Reliquienfigur aus der Kirche entfernt wurde. Seither ist die illustre Figur weitgehend den Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Letztmals konnte sie im Jahr 2014 im Rahmen der Ausstellung «Vielselige Eremiten. Kult im Innerschweizer Barock» im Museum Bruder Klaus Sachseln öffentlich gezeigt werden (vgl. Abb. 2).21 Bruder Klaus’ Knochen hingegen sind seit 1932 wiederum im Sarkophag verschlossen, der zugleich den Altar der Pfarrkirche von Sachseln bildet. Wenngleich der Glaube an deren Wunderkraft in der modernen Gesellschaft kaum mehr verankert ist, wird der Heilige hier noch immer verehrt, wie nicht zuletzt die umfangreichen Festlichkeiten zeigen, die in diesem Jubiläumsjahr zu seinen Ehren veranstaltet werden. Die Verehrung gilt dabei längst nicht nur dem katholischen Heiligen, sondern auch der überkonfessionellen, seit jeher auch politisch instrumentalisierten Erinnerungsfigur, als die sich der Schlichter, Mahner und weise Ratgeber der alten Eidgenossen im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat.

Daniel Sidler

1 Dieser Aufsatz basiert auf meiner Dissertation Heiligkeit aushandeln. Pilger, Priester, Heilige und Vielselige an Gnadenorten der katholischen Eidgenossenschaft (16.–18. Jahrhundert) (erscheint im Herbst 2017 im Campus Verlag) sowie auf einem Referat, das ich am 5. Schweizerischen Lateintag 2016 in Brugg gehalten habe. Den DiskutantInnen danke ich für ihre Hinweise und die konstruktive Kritik. Ich verzichte in diesem Aufsatz auf ausführ­liche Literatur- und Quellennachweise, die in meiner Dissertationsschrift nachzulesen sind. (> Text)

2 Zum Forschungsstand und zu verschiedenen Ansätzen vgl. für die Frühneuzeitforschung Kim Siebenhüner: Things That Matter. Zur Geschichte der materiellen Kultur in der Frühneuzeitforschung, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42/3 (2015), 373–409. (> Text)

3 Zu den Kunstkammern und deren Wandel zu Museen vgl. Stefan Laube: Von der Reliquie zum Ding. Heiliger Ort – Wunderkammer – Museum, Berlin 2011. (> Text)

4 Zum Wandel christlicher Materialität im Spätmittelalter vgl. Caroline Walker Bynum: Christian Materiality. An Essay on Religion in Late Medieval Europe, Brooklyn 2011. (> Text)

5 Zum Wunderglauben und dessen Wandel im frühneuzeitlichen Katholizismus vgl. grundlegend Rebekka Habermas: Wunder, Wunderliches, Wunderbares. Zur Profanisierung eines Deutungsmusters in der frühen Neuzeit, in: Richard Van Dülmen (Hg.): Armut, Liebe, Ehre. Studien zur historischen Kulturforschung, Frankfurt a. M. 1988, 38–66. (> Text)

6 Grundlegend zum Barockkatholizismus in Abgrenzung zu anderen Forschungsansätzen vgl. Peter Hersche: Musse und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter, Freiburg i. Br. 2006; zur Parallelität unterschiedlicher Heilsangebote in der Frühen Neuzeit vgl. Peter Assion: Geistliche und weltliche Heilkunst in Konkurrenz. Zur Interpretation der Heilslehren in der älteren Medizin- und Mirakelliteratur, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1976/77, 7–23. (> Text)

7 Die Handschrift befindet sich heute in der Sondersammlung der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHBLU, Ms.38.2Â:1.26). Die folgenden, kursiv gedruckten lateinischen Zitate stammen aus diesem Manuskript. (> Text)

8 Zur Biographie von Bruder Klaus vgl. Roland Gröbli: Die Sehnsucht nach dem «einig Wesen». Leben und Lehre des Bruder Klaus von Flüe, Luzern 2006. (> Text)

9 Einen Einblick gewähren etwa die Mirakelbücher der Pfarr- und Wallfahrtskirchen in Haslen und Gonten (AI), die im Innerrhoder Geschichtsfreund 2016 ediert sind. (> Text)

10 Vgl. am Beispiel Luzerns die Studie von Dominik Sieber: Jesuitische Missionierung, priesterliche Liebe, sakramentale Magie. Volkskulturen in Luzern 1563 bis 1614, Basel 2005. (> Text)

11 Zur Verwaltungskultur der Jesuiten vgl. Markus Friedrich: Der lange Arm Roms? Globale Verwaltung und Kommunikation im Jesuitenorden 1540–1773, Frankfurt/New York 2011. (> Text)

12 So beispielsweise in: Archivum Romanum Societatis Iesu (ARSI), G. Sup. 81, fol. 420v–422v, Litterae annuae Luzern 1711, fol. 421v. (> Text)

13 Vgl. allgemein Trevor Johnson: Blood, Tears and Xavier-Water: Jesuit Missionaries and Popular Religion in the Eighteenth-Century Upper Palatinate, in: Bob Scribner/ders. (Hg.): Popular Religion in Germany and Central Europe, 1400–1800, New York 1996, 183–202. (> Text)

14 Historischer Verein Nidwalden (Hg.), Chronik des Johann Laurentz Bünti, Landammann, 1661–1736, Stans 1973, 152. (> Text)

15 Vgl. auch hierzu Sieber, Jesuitische Missionierung (wie Anm. 10). Auch in den in meiner Dissertation untersuchten Mirakelbüchern wird dieser Aspekt oftmals thematisiert. (> Text)

16 Zur Nähe von Religion und Magie vgl. Kaspar von Greyerz: Grenzen zwischen Religion, Magie und Konfession aus der Sicht der frühneuzeitlichen Mentalitätsgeschichte, in: Guy Marchal (Hg.): Grenzen und Raumvorstellungen (11.–20. Jh.), Zürich 1996, 329–343. (> Text)

17 Zu diesen Traktaten vgl. Christian Hecht: Katholische Bildertheologie im Zeitalter von Gegenreformation und Barock. Studien zu Traktaten von Johannes Molanus, Gabriele Paleotti und anderen Autoren, Berlin 1997. (> Text)

18 Eine Abbildung dieser Reliquienfigur im Originalzustand findet sich in Ignaz Britschgi: Bruder Klaus. Bild und Geheimnis, Freiburg i. Br. 2008, 74. (> Text)

19 Reliquienfiguren von Katakombenheiligen sind noch heute in Kirchen und Kapellen zu sehen, so etwa in der Klosterkirche Muri (Heiliger Leontius) oder in der Wallfahrtskapelle Hergiswald (Heiliger Felix). Zum Transfer und zur Verehrung der Katakombenheiligen vgl. Hansjakob Achermann: Die Katakombenheiligen und ihre Translationen in der schweizerischen Quart des Bistums Konstanz, Stans 1979. (> Text)

20 Für einen entsprechenden Quellenbeleg aus einem Reisebericht vgl. bereits Daniel Sidler: Der «vielselige» Wundertäter in der katholischen Frömmigkeitskultur des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Roland Gröbli et al. (Hg.): Mystiker – Mittler – Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe 1417–1487, Zürich 2016, 332–342, hier: 340f. (> Text)

21 Abbildungsnachweis: Reliquienfigur von Bruder Klaus, Museum Bruder Klaus Sachseln, Fotografie von Daniel Reinhard. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Jahresbericht des Präsidenten 2016

Geschätzte Mitglieder,

Ich begrüsse Euch herzlich zur diesjährigen Jahresversammlung des SAV.

Ich danke Euch für Euer zahlreiches Kommen. Es zeigt, dass der SAV ein lebendiger und gut funktionierender Verband ist.

Wir blicken auf ein interessantes Verbandsjahr zurück.

Ein Highlight war gewiss die Lancierung des neuen Logos. Die verschiedenen positiven Reaktionen nach dem Erscheinen des Herbst-Bulletins haben uns in der Richtigkeit unseres Ansinnens bestätigt, dem SAV ein zeitgemässeres äusseres Erscheinungsbild zu geben. Gleichzeitig hat der Entwicklungsprozess, die Entwicklung, den Einbezug der Mitglieder an der letzten Jahresversammlung sowie die Abstimmung im April gezeigt, dass der SAV ein Verband ist, der sich durch das Zusammenwirken vieler Mitglieder weiterentwickelt.

Der Vorstand hat sich drei Mal getroffen: Im Januar in Olten, im Mai in Biel und im September in Zürich. Im Zentrum der Arbeit standen die laufenden Geschäfte sowie die Neukonstitution des Vorstandes nach den Rücktritten von Christine Stuber und mir.

Im April und im September erschienen die beiden Bulletins 87 und 88, wie immer hervorragend betreut von Petra Haldemann. Die Leitartikel, Berichte und Rezensionen fanden eine dankbare Leserschaft. Herzlichen Dank an Petra Haldemann für die hervorragende Arbeit.

Mitte Jahr erschien der 4. Newsletter an die breite Öffentlichkeit. Der Leitartikel steht unter dem Titel &bsquo;Latein als Brückensprache’. Stefan Kipf aus Berlin und Katharina Wesselmann aus Basel berichten darin von Projekten, in denen Latein erfolgreich einer breiteren Schülerschaft vermittelt wird. Als Brückensprache soll Latein die Sprachkompetenzen in der Schul- und den Fremdsprachen erweitern. Die redaktionelle Verantwortung trug wie immer Philipp Xandry. Herzlichen Dank an Philipp Xandry für die tolle Arbeit.

Barbara Cristian betreute die Publikation der verbandsinternen Newsletter 8 und 9. Beide enthalten wichtige Informationen zu Anlässen und Ereignissen. Barbara leitet die Newsletter jeweils mit sehr guten Gedanken ein. Merci beaucoup, Barbara!

Nach einem Jahr Pause hat Daniel Rutz eine weitere Ausgabe des Certamen Helveticum lanciert. Thema ist dieses Mal &bsquo;Flucht’. Es kann sowohl im Fach Griechisch (Odyssee, 6. Buch) als auch im Fach Latein (Vergil Aeneis 1. Buch) behandelt werden. Das Thema ist aktuell und geeignet, Schüler/innen zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den antiken Texten und der gegenwärtigen Problemstellungen anzuregen. Einsendeschluss ist der 31. März 2017. Wir hoffen auf rege Teilnahme.

Auch in dieser Ausgabe des Certamen werden Ruedi Wachter, Beno Meier und Christine Stuber als Juroren walten. Herzlichen Dank an Daniel Rutz und auch an die Juror/innen.

Lucia Orelli trägt an den Vorstandssitzungen jeweils viel bei. Dazu hat sie einen interessanten Artikel zum 2000jährigen Augustus-Jubiläum im aktuellen Bulletin 88 verfasst. Wir sind sehr dankbar für ihre Präsenz, die Perspektive der italienischen Schweiz im Vorstand. Grazie mille!

Ruedi Wachter hat einen wunderbaren Artikel als Beilage des aktuellen Bulletins verfasst. Ich empfehle ihn allen, die ihn noch nicht kennen, wärmstens. An allen Vorstandssitzungen können wir auf Ruedis Mitarbeit zählen. Das ist unschätzbar. Gratias maximas agimus!

Last but not least sind wir Lucius zu Dank verpflichtet, der auf allen Ebenen zuverlässige und hochstehende Arbeit leistet: Auf der Website, beim Bulletin, bei der Organisation des Kongresses Gymnasium–Universität und so weiter. Herzlichen Dank, Lucius.

Als Präsident habe ich an den beiden Präsidentenkonferenzen des VSG und am Präsidententreffen in Schaffhausen teilgenommen und die Stimme des Verbandes eingebracht.

In mehreren Sitzungen habe ich an der Erstellung eines Kompetenzrahmens für Latinumskurse an den Universitäten teilgenommen. Die Arbeitsgruppe entstand auf Initiative der Schweizerischen Akademiefür Geistes- und Sozialwissenschaften und wurde von Herrn Beat Immenhauser geleitet. Frau Prof. Chappuis und Frau Prof. Huber-Rebenich haben zusammen mit mir den Referenzrahmen erstellt. Ziel ist es, die Anerkennung von erbrachten Latinumsleistungen von Studierenden zu erleichtern und somit die Mobilität zu fördern.

Leider war es nötig, im Namen unseres Fachverbandes gegen sehr bedenkliche Entwicklungen im Fächerangebot des Kantons Luzern zu intervenieren. Auch gegen die Aufhebung des Lateinobligatoriums am Deutschen Seminar der Uni Zürich habe ich interveniert.

Leider und erwartungsgemäss blieben die Briefe unbeantwortet, was nicht von politischem Respekt zeugt.

Vor wenigen Wochen hat uns die Nachricht vom Tod des früheren Präsidenten der Euroclassica, Alfred Reitermayer erreicht und mit grosser Trauer erfüllt.

Bemerkenswerte Veranstaltungen:

Auch in diesem Jahr haben verschiedene ausgezeichnete Veranstaltungen stattgefunden, die ich besonders erwähnen möchte:

Im Juli hat Astrid Eitel zusammen mit ihrem Mann die 1. Ausgabe der Akademia Epika in Kreta durchgeführt. Dahinter steckte eine riesige Arbeit und ein enormes Engagement. Dies wird aus dem Bericht im aktuellen Bulletin 88 ersichtlich. Wir freuen uns mit Astrid für den Erfolg dieses Anlasses.

Im November fand die fünfte Ausgabe des Schweizerischen Lateintages statt. Das Programm erfüllte jeden, der an Latein und der römischen Kultur interessiert ist, mit grosser Freude. Der Lateintag ist von unschätzbarem Wert. Trägt er doch das Latein über den Fachkreis hinaus zu einem breiten Publikum. Angesicht der Tatsache, dass immer weniger Menschen auf ihrem Bildungsweg mit den Alten Sprachen in Kontakt kommen, ist das ausserordentlich wichtig. Herzlichen Dank dem Organisationskomitee und den vielen Helfer/innen für die grosse und grossartige Arbeit.

Ich möchte das OK namentlich nennen und damit würdigen: Pius Meier, Judith Ehrensperger, Hedi Muntwiler, Sabine Bruggisser, Rebecca Schenkel, Ursula Beerbohm, Beat Zehnder, Eva Oliveira, Iris Karahusić und René Hänggi.

Ebenfalls im November und in gleicher Hinsicht unschätzbar ist der Kulturnovember unserer St. Galler Kolleginnen und Kollegen. Die Ausgabe 2016 steht unter dem Motto im Olymp.

Ende August hat André Füglister einen spannenden und lehrreichen Weiterbildungstag abgehalten, der nicht nur Lateinlehrer/innen, sondern auch Physiker begeisterte.

Im April habe ich am DAV-Kongress in Berlin teilgenommen. Ich wurde eingeladen, zur Situation der Alten Sprachen in der Schweiz zu referieren. Dies war – was den Inhalt meiner Ausführungen betraf - nicht sonderlich erfreulich. Umso schöner war es, so viele Kolleginnen und Kollegen zu treffen und die internationalen Beziehungen zu festigen. Ich habe es genossen, wieder einmal ausgiebig interessante und lehrreiche Fachreferate zu hören. Es hat auch gut getan zu erfahren, dass in Deutschland und Österreich die Alten Sprachen weiterhin hohe Akzeptanz in der Gesellschaft und der Politik geniessen. Ich breche die Ausführungen hier ab. Es gäbe noch viel aufzuzählen: FASZ, die Institutionen Antikenmuseum, Augst, Legionärspfad usw. Die Schweiz ist reich an Menschen, die mit grossem inneren Feuer die antike Kultur und Sprache pflegen und vermitteln.

Ich erachte es als eine wichtige Aufgabe unseres Verbandes, all diesen Akteuren eine Plattform und ein Netzwerk zu bieten.

Bilanz und Aussicht:

Ich blicke auf zwei Jahre Präsidium zurück, die mich bereichert und beglückt haben. Die Kontakte mit vielen Menschen, die Zusammenarbeit im Vorstand und im VSG waren eine schöne Erfahrung. Unser Verband und die Alten Sprachen leben von und durch die Menschen, die sich mit viel innerem Feuer engagieren. Das Engagement und die qualitativ hochstehende Arbeit sind, was zählt.

Die Alten Sprachen stehen zur Zeit im Abseits des gesellschaftlichen Interesses. Dies am eigenen Leib zu erfahren, ist sehr hart. Aber es ist ein Faktum, an dem sich nicht viel ändern lässt. Dennoch gilt es weder zu verzweifeln noch zu hadern. Wir setzen uns für die Alten Sprachen ein, weil wir darin Erfüllung finden. Wir sind es auch, die diesen reichen Schatz hüten. Das darf uns mit Stolz erfüllen und ein Gefühl der Verantwortung geben. Die Alten Sprachen und ihre Kulturen leben mit und durch unsere Arbeit. Durch gute Kooperation können wir die Wirkung unserer Bemühungen erheblich steigern. Ich bin überzeugt, dass sich immer Menschen aller Altersklassen finden werden, die sich für die Alten Sprachen begeistern lassen und qualitativ hochstehende Arbeit schätzen.

Ich persönlich freue mich, mehr Zeit für meine zwar wenigen, aber tollen Schüler/innen zur Verfügung zu haben. Ich freue mich auch darauf, den dritten Band Aurea Bulla zu schreiben. Bin ich doch ganz im Sinne des Kulturnovembers und des Lateintags fest davon überzeugt, dass unsere Anstrengungen darauf zielen müssen, die breite Bevölkerung in einen positiven Kontakt mit den alten Sprachen zu bringen. Dies ist ein Hauptziel des Lehrmittels. Ich wünsche dem Vorstand des SAV weiterhin viel Freude an der Arbeit mit und für die alten Sprachen, den Mut und die Kraft, die es dazu braucht. Ich danke den Vorstandsmitgliedern für die stets ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Den Mitgliedern des SAV danke ich für die Treue verbunden mit dem Wunsch, weiterhin soviel Engagement zu bewahren, damit der Verband lebendig bleibt.

Martin Müller

Protokoll der Jahresversammlung des SAV 2015

Brig, Kollegium Sanctus Spiritus, 27. November 2015, von 17.30 bis 18.30 Uhr.
Anwesend: 20 TeilnehmerInnen (cf. Präsenzliste)
Entschuldigt: Christine Stuber (Vorstandsmitglied), Philipp Xandry (Vorstandsmitglied), Theo Wirth, Christine Haller, Giancarlo Reggi, Alois Kurmann, Marie Louise Reinert, Alfred Baumgartner, Ivan Durrer, Bärbel Schnegg, Rebecca Graf, Toni Grüther, Ursula Fiechter, Rosetta Matteo

1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l'assemblée 2014

Das Protokoll der Jahresversammlung 2014 wird genehmigt mit Dank an Christine Stuber.

2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président

Cf. Publikation im Bulletin.

3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag / Rapport du caissier; cotisation des membres

Lucius Hartmann präsentiert den Kassaberich (cf. Jahresrechnung), da der Kassier Philipp Xandry sich kurzfristig hat entschuldigen müssen.
Die Jahresrechnung liegt unter dem Budget, weil die App Mythic runner weniger gekostet hat als budgetiert. Ausgaben von Fr. 11’696.00 stehen Einnahmen von Fr. 11’790.00 gegenüber.
Das Vermögen beträgt am 31.07.2015 Fr. 28’075.
Der Mitgliederbeitrag bleibt, wie vom Vorstand beantragt, unverändert.
Philipp Xandry legt sein Amt nieder. Das Amt übernimmt Daniel Rutz.

4. Kassarevision / Révision de la caisse

Lucius Hartmann legt den Revisorenbericht von Urs Albrecht und Matthias Geiser vor (cf. Jahresrechnung). Der Bericht der Revisoren enthält drei Vorbehalte. Die Revisoren beantragen der Generalversammlun,g die Jahresrechung 2014/2015 unter dem Vorbehalt der Bereinigung resp. Erklärung der Vorbehalte zu genehmigen. Unter Vorbehalt (ausstehende Kontrolle des Kassastands) und einstimmig wird die Jahresrechnung angenommen. Philipp Xandry wird in absentia unter erwähntem Vorbehalt einstimmig Décharge erteilt.
Das Budget für das kommende Jahr sieht Ausgaben von Fr. 11’000.00 bei Einnahmen von Fr. 9’070.00 vor.
Das Budget für 2015/2016 wird einstimmig genehmigt.

5. Anträge/Mitteilungen des Vorstands / Motions et propositions du comité

Vorschlag für einen neuen Auftritt des SAV/ASPC/ASFC
Ausführungen des Präsidenten zum neuen Logoentwurf und Namen (cf. Hinweis im Bulletin 86). In der anschliessenden Diskussion wird schnell klar, dass eine Mehrheit der TeilnehmerInnen der GV und die schriftlich eingegangen Rückmeldungen/Anträge die Neugestaltung des Logos begrüssen, den neuen Namen LATIN-SUISSE, LATEIN-SCHWEIZ, LATINO-SVIZZERA jedoch ablehnen. Da auch Anträge zur Ablehnung des Vorschlages des Vorstandes beim Präsidenten eingegangen sind und die Diskussion zu keinem Ergebnis führte, stellt Gisela Meyer Stüssi den Antrag, das Geschäft zurückzuziehen. Dieser Antrag wird einstimmig angenommen. Der Vorstand wird dieses Thema in der nächsten Vorstandssitzung aufgreifen und die Mitglieder über das weitere Vorgehen informieren.

6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres

a) Martin Müller stellt das Buch von Peter Glatz und Andreas Thiel (Hg.), European Symbols. A joint Schoolbook for European Students, 2015 vor. In diesem Buch wollen die Autoren aufzeigen, dass die Antike nach wie vor die prägende Kraft Europas ist und die nationalen Kulturen verbindet.
b) André Füglister stellt sein Unterrichtsprojekt EXPERIMENTA CIRCA EFFECTUM CONFLICTUS ELECTRICI IN ACUM MAGNETICAM vor und legt dar, dass auch im Fach Latein geeignete Text aus der Frühen Neuzeit vorliegen, die es erlauben, den Lateinunterricht mit naturwissenschaftlichen Experimenten zu bereichern.

7. Varia

a) nächste GV: 25.11.2016 Kantonsschule Wettingen
b) Bruno Colpi weist auf die traditionelle Weiterbildungsreise hin. Sie findet vom 10. bis 18. September 2016 statt und wird nach Kreta führen. (Bereits ausgebucht).

30.11.2015 / Daniel Rutz

Protokoll der Jahresversammlung des SAV vom 25.11.2016, 16:15 bis 17:15 Uhr in Wettingen

Anwesend: 23 Mitglieder

0. Begrüssung

M. Müller begrüsst die Teilnehmenden und entschuldigt eine Reihe von Mitgliedern.

1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l’assemblée 2015

Da das Protokoll noch nicht publiziert worden ist, wird es erst 2017 zur Genehmigung vorge­legt.

2. Jahresbericht des Präsidenten

Der Vorstand hat sich dreimal getroffen (Olten, Biel, Zürich). Martin Müller dankt den Vorstandsmitgliedern für ihre ausgezeichneten Arbeiten in den verschiedenen Ressorts. Er hat an der Aus­ar­beitung eines Kompetenzrahmens für Latinumskurse unter Federführung der SAGW mitge­wirkt (Publikation auf der Website). Der Verband intervenierte gegen den Ab­bau der Alten Sprachen im Kanton Luzern, ebenso gegen die Aufhebung der Latinumspflicht an der Univer­sität Zürich. Martin Müller erinnert an den Präsidenten der Euroclassica, Alfred Reitermayer, der vor eini­gen Wochen verstorben ist.
Im Juli fand die erste Ausgabe der Akademia Epika in Kreta unter der Leitung von Astrid Eitel statt, im November der fünfte Lateintag in Brugg, ebenfalls im November der IXber in St. Gallen. Im August hielt André Füglister einen sehr anregenden Weiterbildungstag. Martin Müller vertrat den SAV am DAV-Kongress in Berlin und referierte über den Stand der Alten Sprachen in der Schweiz.
Der Bericht wird mit Akklamation angenommen.
Der Bericht wird im Bulletin publiziert.

3. Finanzen / Finances

P. Xandry präsentiert den Kassabericht 2015/16. Die Rechnung schliesst bei Einnahmen von 10178.35 Fr. und Ausgaben von 9393.21 Fr. mit einem Gewinn von 785.14 Fr.
M. Müller verliest den Revisorenbericht. Der Bericht wird einstimmig ohne Enthaltungen ge­nehmigt, und dem Kassier wird die Décharge erteilt. D. Rutz präsentiert das Budget 2016/17. Es schliesst bei Einnahmen von 8110.00 Fr. und Aus­gaben von 8700.00 Fr. mit einem Verlust von 590 Fr. ab. Das Budget wird einstimmig ohne Enthaltungen genehmigt.
H.-U. Gubser stellt in Aussicht, dass der „Club Grand Hôtel & Palace“ das Certamen Hel­ve­ti­cum sponsern wird. Dieser Beitrag wird mit Akklamation verdankt.
Der Mitgliederbeitrag soll bei 45 Fr. belassen werden. Der Versammlung genehmigt dies ein­stimmig ohne Enthaltungen.
Der Kassastand vom 31.7.2015 ist noch nicht geprüft. Dies wird 2017 nachgeholt.

4. Wahlen / Élections

Christine Stuber und Martin Müller treten aus dem Vorstand zurück. Als Nachfolger werden Martin Stüssi (KS Glarus) und Antje Kolde (Pädagogische Hochschule Lausanne) einstim­mig gewählt (Martin Stüssi: 1 Enthaltung, Antje Kolde: keine Enthaltung).
Als Präsident wird Lucius Hartmann einstimmig mit einer Enthaltung gewählt.
Dominik Humbel ist als Delegierter zurückgetreten. Als Nachfolgerin wird Melanie Kissling (KS Limmattal) einstimmig mit einer Enthaltung gewählt.
Mathias Geiser ist als Revisor zurückgetreten. Als Nachfolger wird Thomas Dewes (KS Chur) einstimmig ohne Enthaltungen gewählt.

5. Anträge/Mitteilungen des Vorstands / Motions et propositions du comité

L. Hartmann informiert über die Konferenz Übergang Gymnasium–Universität zum Thema „Wissenschaftspropädeutik“ vom 11./12. September 2017 in Bern. Vertreten sind die Fächer Deutsch, Englisch, Italienisch, Biologie, Mathematik, Physik, Alte Sprachen. Das Vor­be­rei­tungs­team der Alten Sprachen wird gebildet von Katharina Wesselmann (BS, PH FHNW) und Rudolf Wachter (Universität Basel und Lausanne). Interessent/innen sollen sich direkt bei ih­nen melden.
M. Müller schildert die Problematik der immer schlechter besuchten Weiterbildungen des SAV. G. Meyer Stüssi regt an, die Weiterbildungen der verschiedenen Anbieter (z.B. FASZ, SAV) zu koordi­nie­ren. A. Kurmann erwähnt, dass regionale Weiterbildungen erfolgreicher sind. Die anwesenden Mitglieder sprechen sich für eine Weiterführung der SAV-Weiter­bil­dun­gen aus.

6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres

Es sind keine Anträge eingegangen.

7. Varia

T. Wirth verweist auf die Materialsammlung auf Swisseduc. Leider sind in den letzten Jahren nur noch vereinzelt Beiträge eingetroffen. Er bittet darum, Materialien zur Publikation zur Verfügung zu stellen.
L. Hartmann erwähnt das Datum der nächsten Jahresversammlung: 24.11.2017, KS Zug.
L. Hartmann verdankt M. Müller. Der SAV schenkt ihm für die geleisteten Dienste neben Gut­scheinen eine bulla aurea.

Im Anschluss an die Jahresversammlung hielt Dr. M. Aberson (Universität Lausanne) ein Re­ferat zum Thema „Neueres in der epigraphischen Forschung auf dem Gebiet der heutigen Schweiz“.

25.11.2016 / L. Hartmann

Quo vadis, lingua Latina? Ein Plädoyer für die lateinische Sprache

Die Lehre der lateinischen Sprache sei zwecklos, da diese ohnehin eine tote Sprache sei und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis das Latein gänzlich vom Schweizer Bildungswesen verschwinden werde. Den Schweizer Medien zufolge ist der Niedergang des Lateins als Bildungs- und Kulturgut bereits besiegelt. Das Lateinobligatorium fällt für zahlreiche Studienfächer, die Universitäten selbst üben damit unweigerlich eine klare Signalwirkung auf Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus.
Angesichts der vielen Rückschläge, welche die lateinische Sprache in den letzten Jahren erlitt, formte sich meine Maturaarbeit mit dem Titel „Quo vadis, lingua Latina?“. Eine Frage nach dem Überdauern der lingua Latina mit äusserst besorgtem und ungewissem Unterton. Sie widerspiegelt Befürchtungen im Hinblick auf das Weiterleben der lingua Latina zu einer Zeit, da die Schlagworte Wirtschaftlichkeit und Nutzbarkeit die Prioritäten unseres Handelns definieren.

Im Zentrum dieser Maturaarbeit steht die Auseinandersetzung mit der lateinischen Sprache an Schweizer Gymnasien. Im theoretischen Teil wird einerseits durch die Analyse gesammelter Daten und Zahlen ein Standpunkt erstellt, wie es de facto um die Stellung des Lateins an Schweizer Gymnasien steht. Andererseits wird nach möglichen Gründen für den Bedeutungsverlust der lingua Latina geforscht und Strategien zu ihrer Rettung ausgearbeitet. Diese Recherchen und Erklärungsansätze werden von aussagekräftigen Statistiken, unter anderem des Schweizerischen Altphilologenverbandes (SAV), unterstützt. Angesichts der vielen Stimmen, welche nur noch das Todesurteil für die lateinische Sprache zu erklären wissen, habe ich mich zusätzlich in die Welt der Linguistik begeben. Auf diese Weise wurde mein Plädoyer für die lateinische Sprache mit stichfesten Erklärungen dieser Wissenschaft untermauert und bereichert.

Die lateinische Sprache ist nicht nur eine komplexe Sprache, deren Verständnis lediglich mittels mühsamen und langwierigen Büffelns möglich ist, sondern Latein ermöglicht uns den Zugang zu einer neuartigen Kultur und somit die Erweiterung unseres Wissens. Antike Texte enthalten oftmals ein Repertoire an wertvollstem Gedankengut aus dem den Gebieten der Medizin, der Philosophie, des Rechts, der Botanik und vielen weiteren. Beispielsweise sind auf diese Weise Informationen über Pflanzen, die giftig sind oder mit denen gewisse Krankheiten kurierbar sind, zugänglich. Die Entzifferung von Sprachen und somit die Aneignung neuen Wissens ist einer der Gründe, warum die Menschheit dieselbe Entwicklung nicht wiederholt durchmacht und auf bestimmten Ansichten beharrt. Es liegt in unseren Händen, ob wir erfahren wollen, wer und in welcher Weise den Grundstein für unser Leben gelegt hat.

Contra mortem:
Die aktuelle Lateinwerbung verklärt die lateinische Sprache oftmals zum Allheilmittel. Dank dem Erwerb der lateinischen Sprache würden Schülerinnen und Schüler unweigerlich besser in der Schule und die romanischen Sprachen könnten in Windeseile gelernt werden, so heisst es oftmals. Die Devise vieler, die für die lateinische Sprache werben, versichert bessere Noten und einfacheres Lernen. Doch das ist der falsche Ansatz, so gut er auch gemeint ist. Es gilt, kritisch zu hinterfragen, inwiefern die lateinische Sprache leistungsstärkere Schüler schafft. Das einflussreichste Kriterium für eine junge Schülerin oder einen jungen Schüler ist das Interesse an einem Fach, nicht die rosigen Zukunftsaussichten, welche das Latein scheinbar ermöglicht. Weder soll die lateinische Sprache von passionierten Linguisten glorifiziert, noch soll sie von ihren Gegnern als nutzlos diffamiert werden. Latein sollte keinesfalls Mittel zum Zweck oder gar Zwang sein.âAus diesen Gründen lässt sich die Notwendigkeit folgern, die Neugier zu wecken, Schüler und Schülerinnen mit der Kultur der Römer vertraut zu machen und sie in den Bann der lateinischen Sprache zu ziehen. Dabei soll weder die Rede von Universitäten oder der beruflichen Zukunft noch von allfälligen Vorteilen beim Erwerb von Fremdsprachen mithilfe der lateinischen Sprache sein.

Im Rahmen meiner Maturaarbeit fragte ich mich, wie ich mit meinen Ressourcen als 4. Klässlerin eines Gymnasiums selbst die Initiative ergreifen und so einer rückläufigen Entwicklung entgegensteuern kann. Grundidee war es, selbst diverse Klassen zu besuchen, den Schülerinnen und Schülern die lateinische Sprache auf eine spielerische Art und Weise näher zu bringen und dabei nicht ihr Nutzendenken zu provozieren. Unsere jüngste Generation sollte angesprochen und sie in den Bann der lateinischen Sprache gezogen werden. Durch ein kompaktes Programm, so mein Ziel, in kurzer Zeit möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen, dabei trotzdem genug Informationen über Kultur und Sprache der Römer zur Verfügung zu stellen. Im Verlaufe der 6. Primarklasse wird die Entscheidung für das Latein als Freifach in der Oberstufe gefällt. In Anbetracht dessen erfolgte die Realisierung dieses Projektes in Klassen der 5. und 6. Primarstufe. Auf diese Weise hoffte ich, dem Untergang der lingua Latina die Stirn bieten zu können.

„Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst.“ (Bieri, Peter, 2005. Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri. HRW Berlin.)

Diese Worte des Schweizer Philosophen und Schriftstellers Peter Bieri widerspiegeln mein persönliches Anliegen und die Motivation für diese Arbeit. Bildung ist seiner Auffassung nach ein selbstständiger Prozess, der seinen Anfang durch kritisches Denken nimmt. Kritisches Denken ist von Neugier und individueller Begeisterung geleitet, nicht von konkreten beruflichen Aussichten und Sachzwängen, welche die persönliche Entscheidungsfreiheit gefährden. In diesem Sinne möchte ich junge Leute mit der Schönheit, der Einzigartigkeit und dem ungebrochenen Glanz der lingua Latina bezaubern. Denn nur ihre Begeisterung wird später Früchte tragen können.

Zeitstrahl

Das Programm gliederte sich in zwei Teile. Die Schülerinnen und Schüler sollten sowohl Einblick in den Aufbau der lateinischen Sprache erhalten als auch die Kultur und Geschichte der antiken Römer kennen lernen. Den linguistischen Aspekt des Projekts realisierte ich mithilfe eines Auszugs aus dem wohl berühmtesten Werk von Caesar, nämlich den „Commentarii de Bello Gallico“. Diesen Text teilte ich den besuchten Klassen aus und las ihn laut vor. Die einzelnen Schülerinnen und Schüler reagierten, wie anfangs erwartet, mit perplexen und amüsierten Blicken, zeigten jedoch von Anfang an erstaunliches Interesse und gaben sich erst zufrieden, als ich den Auszug Wort für Wort übersetzt hatte. Ausserdem waren die bereits erlangten Sprachkenntnisse der Schüler selbst gefragt. Ich übersetzte mit ihnen bereits aus dem Französisch- und Englischunterricht bekannte Wörter, dessen Ursprünge in der lateinischen Sprache liegen. Dazu gehören „difficilis, schola“ oder auch „amicus“. Die Schülerinnen und Schüler wurden sich so der Bedeutsamkeit der lateinischen Sprache als Ursprung aller romanischen Sprachen bewusst.
Um den Schülerinnen und Schülern die Geschichte der antiken Römern näherzubringen, erstellte ich einen Zeitstrahl mit den wichtigsten Etappen der Geschichte. Auf diese Weise sollten die Schülerinnen und Schüler die Geschehnisse zur Zeit der einstigen Weltmacht einordnen lernen. Auch wurde eine Karte mit den Grenzen des römischen Reiches zur Zeit seiner grössten Ausdehnung verteilt. Dass sich das römische Reich über beinahe drei Kontinente erstreckte, das schien angesichts des heutzutage winzig wirkenden Stiefels Italien kaum vorstellbar. In der Folge wurde die berühmte Gründungssage „Romulus und Remus“ vorgelesen und Einblick in das Leben der berühmtesten Figuren des antiken Roms gewährt. Über Caesar vermochte ich kaum Neues zu berichten. Offenbar hat insbesondere die Person von Caesar durch Astelix und Obelix seine Spuren in der heutigen Welt hinterlassen.
Ein letzter Aspekt war es, den Schülerinnen und Schülern die Auswirkungen dieser vergangenen Kultur näherzubringen und sie von der Gegenwärtigkeit des Latein zu überzeugen. Dies realisierte ich mittels vieler Bilder, welche ich eigenhändig in Rom aufgenommen hatte und im Unterricht präsentierte. Des Weiteren suchte ich nach „lateinischen Einflüssen“ im Alltag. So hat beispielsweise der Name des Katzenfutters „felix“ seine Ursprünge im Latein, denn „felix“ bedeutet so viel wie „glücklich“ auf Latein. Ebenfalls lässt sich die Herkunft des Namens des Transportmittels „Bus“ auf das Latein zurückführen. Der Bus als öffentliches Verkehrsmittel ist für alle gedacht, was auf Lateinisch mit „omnibus“ übersetzt wird. Mit der Zeit erstand daraus das heute geläufige Wort „Bus“.

Solche Informationen faszinierten die Schüler und ermöglichen ihnen den Zugang zur lateinischen Sprache auf eine neue Art und Weise. So soll auch diese Maturaarbeit als Plädoyer für die lateinische Sprache verstanden werden.
Während der theoretische Teil mit (er-)nüchtern(d)en Fakten belastet ist, zeugt der praktische Teil von unzerstörbarem Optimismus, Hingabe, aber auch von Mut, den Jüngsten unserer Generation diese einzigartige Sprache zu vererben.

Giulia Jacober, Maturandin KS Wattwil
Cantica tragicorum

Cantica tragicorum

Unter www.canticatragicorum.ch ist eine Analyse der Metrik aller Chorlieder der erhaltenen Tragödien erschienen. Es wird versucht, den metrischen Aufbau der Strophen so einfach und übersichtlich als mög­lich darzustellen und auch die Rhythmen erahn­bar zu machen, die gesungen wurden. Dazu ist eine musika­lische Rekonstruktion beigefügt.
Die Arbeit kann im gymnasialen Unterricht und für Stu­dierende einen leichten Zugang zur Metrik der Stro­phen ermöglichen.
Auf Wunsch auch in Buchform erhältlich. Bestel­lun­gen an:
Konrad Eugster (Gymnasiallehrer i.R.)
Bündackerstrasse 106
3047 Bremgarten
info@canticatragicorum.ch

De lingua Raetoromanica

(Allocutio semihorae in seminario Latino Morsacensi die 27º mensis Quinctilis anno 1999º a Martino Meier Palaeopolitano [= ex Altendorf] Helvetio habita, sed et nunc, anno 2017º, haud parvi momenti)

Charas partecipontas e chars parteciponts da quist seminari Latin, eu sun fich cuntaint dad esser hoz cun vus e da discuorrer cun vus sülla problematica da la quarta lingua da nos pajais Svizzer!1

Taliter sonat lingua, de qua hodie pauca vobis sum propositurus.

Helvetia, ut bene scitis, linguistice divisa est in partes quattuor, quarum unam incolunt Theodisce loquentes, alteram Francogallice, tertiam Italice, quartam autem ii, qui ipsorum lingua Grisones, nostra autem Raeti appellantur.

Lingua Raetoromanica tantummodo a quinquaginta milibus hominum sermo cottidianus adhibetur. Hi omnes in pago Grisonum vivunt, nisi forte e patria in urbaniores Helvetiae regiones laborem et lucrum quaesitantes emigraverunt.

Non exstat autem unus Raetoromanus, qui solum Raetoromanice scit. Omnes sunt bilingues, nonnulli immo trilingues. Pagus Grisonum enim ipse divisus est in partes linguisticas tres. Plerique Grisonum Theodisce loquuntur, aliquot Raetoromanice, pauci Italice.

Sed, quam si conturbatio nondum nimia esset, Raetoromania ipsa dilabitur in quinque partes, ut vobis hic demonstrabo:

Exstant lingua Suprasilvanica (Sursilvan), lingua Subsilvanica (Sutsilvan), lingua Supramirana (Surmiran), lingua Putéra (Putér), lingua Valládra (Valláder). Quae omnes inter se maxime differunt, ut e.g. incolae Vallis Oeni (Engadin) cum incolis regionis Suprasilvanicae Theodisce quam Raetoromanice loqui malint, quamvis utrique domi linguam Raetoromanicam familiariter adhibeant. Homines scientifici quidem linguam communem Raetoromanicam, quam Rumantsch Grischun appellant, creaverunt, sed ea, cum sit artificiosa, a multis Raetoromanis recusatur.

Germanizatio, quae dicitur, magnum periculum est, quod Raetoromani cottidie Theodiscas televisorias et radiophonicas emissiones percipiunt, Theodiscos commentarios et libros legunt, cum hospitibus periegetis Theodisce loquuntur.

Nunc autem pauca ad ipsam linguam: Raetia anno 15º ante Christum natum Caesare Augusto dominante a Romanis Druso Tiberioque ducibus occupata est. Ex quo tempore cultus et lingua Romanorum Raetis illata sunt. Indigenarum lingua Raetica pedetemptim lingua advenarum Romanorum propulsa est, sed fragmenta quaedam usque ad nostram aetatem superstitia remanserunt.

Latinitas in lingua Raetoromanica saepe melius conservata est quam in ceteris linguis Romanicis. Quod in his vocabulis bene cognosci potest:

LatineRaetoromanice (Valladre)aliis linguis Romanicis
albus/a/umalv/alvablanc, blanco, bianco
coccinus/a/umcotschen/cotschnarouge, rosso
arderearderbrûler
caseus, -i (m)il chaschölle fromage, il formaggio
caro, carnis (f)la charnla viande

Sed etiam lingua Theodisca linguam Raetoromanicam valde pervasit:

rusticus, -i (m)il paur
proprius/a/umaigen/aigna
autobirotarius, -i (m)il töffist2

Magis autem quam vocabula structurae syntacticae „Germanizatae“ sunt. Sic e.g. inversio non modo fit in quaestionibus, sed etiam, sicut in lingua Theodisca, cum sententia non subiecto, sed alio verbo incipit:

Latine:Hodie Bernam eo.
Theodisce:Ich gehe heute nach Bern.
Raetoromanice (Valladre):Eu vegn hoz a Berna.

Sed:

Theodisce:Heute gehe ich nach Bern.
Raetoromanice (Valladre):Hoz vegn eu a Berna.

Etiam locutiones saepe verbatim e lingua Theodisca in linguam Raetoromanicam transponuntur:

Latine:Magistrum exspectamus.
Theodisce:Wir warten auf den Lehrer.
Raetoromanice (Valladre):Nus spettain sül magister.
Francogallice:Nous attendons le maître.

Fit interdum, ut Raetoromani vocabulum quoddam Raetoromanicum nescientes vocabulum Theodiscum inserunt. Audiri possunt exempla velut haec:

las telefonstangas, il kinderwägeli, il schwimmbad, las rüeblas 3

Sed talia et similia linguam Raetoromanicam vere curantibus perosa sunt, quod demonstrant, quam longe lingua Theodisca iam linguam Raetoromanicam invaserit.

Ut ad finem perveniam: Lingua Raetoromanica est lingua pulcherrima, vera Latinitatis filia, digna, quae posteris tradatur incolumis. Sed summo in periculo est, ne emoriatur, quod eam colere ad vitam cottidianam gerendam non omnino necessarium est, ne Raetoromanis ipsis quidem, quippe qui omnes Theodisce quoque plus minusve perfecte sciant. Attamen multos fautores et intra et extra pagum Grisonum habet, qui, quantum possunt, provident, ne quid detrimenti capiat.

Nobis Latinitatis vivae amatricibus amatoribusque incepta illorum exemplo sint. Sicut illis filia, nobis mater servanda est. Dixi.

Martin Meier

1 Latine: Carae et cari hoc seminarium Latinum participantes, contentissimus sum, quod hodie apud vos esse et vobiscum de quartae linguae patriae nostrae Helvetiae problematibus colloqui mihi licet. (> Text)

2 Töff in dialectu Theodisca Helvetica autobirotam significat. (> Text)

3 recte dicendum est: las püttas da telefon, la chargöla, il bagn da nodar, las rischgelguas. (> Text)

Odyssée 24 !

Le vendredi 24 mars 2017, peu après 10 h du matin, près de soixante personnes sont assises sur les marches qui descendent du bâtiment principal de la Haute École Pédagogique du Canton de Vaud dans le parc, surplombant le lac Léman. Elles écoutent une dizaine de personnes face à elles, qui lisent un texte. De quoi s’agit-il ?

Festival Lausanne

Ces lecteurs et lectrices constituent un des 180 groupes qui participent au projet Odyssée 24 !, lancé depuis Lyon par le festival européen latin grec (www.festival-latingrec.eu). Fondé en 2005, le festival européen « se déroule à la fin du mois de mars et se décline selon deux formules : les années paires, trois journées proposant des événements variés autour d’un thème lié au monde contemporain ; les années impaires, une journée entièrement consacrée à une œuvre de la littérature antique, comprenant une lecture publique organisée simultanément dans plusieurs pays de l’espace euro-méditerranéen » (http://festival-latingrec.eu/presentation/). Odyssée 24 !, le projet de cette année, consiste dans la lecture simultanée et mondiale de l’Odyssée.

Alors que les groupes lyonnais lisent les 24 chants dans leur ville, de nombreux autres groupes présentent un chant de leur choix dans leur propre ville, aussi bien en Europe qu’en Afrique, Australie, Asie, Amérique du nord, Amérique latine et Amérique du sud. Les chants retenus tout comme les lieux choisis pour leur présentation varient : cour d’école, gare, parc, parvis d’une église, musée, plage, cour de mairie, etc. En tout, plus de 5000 lecteurs dans 27 pays et dans plus de 150 villes sont impliqués, présentant le texte dans 43 langues ; de cette façon originale, ils contribuent à promouvoir le latin et le grec et à partager les textes antiques avec monsieur et madame tout-le-monde dans les rues et sur les places publiques.

En Suisse, la lecture publique d’un chant de l’Odyssée a lieu à plusieurs endroits : à l’école Moser et au collège Candolle à Genève, à la Haute École Pédagogique du Canton de Vaud à Lausanne, à l’Université de Fribourg et à l’Université de Zurich.

La lecture lausannoise, coorganisée par l’unité d’enseignement et de recherches Didactiques des langues et cultures de la HEP Vaud et par l’unité Archéologie et sciences de l’Antiquité de l’Université de Lausanne, présente le chant 17 en 13 langues ; alors que le narrateur s’exprime en français, les propos des personnages sont lus en grec ancien avec la prononciation homérique et avec la prononciation de la koinè, en grec moderne, latin, allemand, anglais, italien, espagnol, turc, roumain, suédois et polonais. Après chaque intervention en langue étrangère, classique ou moderne, un bref résumé en français permet à tout le monde de suivre aisément le récit, ce récit qui montre le retour d’Ulysse dans son palais, méconnu de tous, et qui met en lumière une thématique d’une actualité brûlante : l’accueil d’un étranger – ou plutôt l’hostilité envers lui.

Dans deux ans, une autre œuvre littéraire antique sera au centre d’une telle journée. Laquelle ? On ne le sait pas encore – mais le rendez-vous est pris !

Antje Kolde

Denkzettel

Seit zehn Jahren vermittle ich Menschen Latein. Nach sechs Jahren an englischen Schulen und Universitäten, Abschlüssen in Latinist- und Informatik und der Rückkehr in die Schweiz ist es Zeit für einen Denkzettel von mir, dem Latein- und Informatiklehrer von 2017, an mich, den Lateinlehrbeauftragten von 2007. Was hätte ich wissen sollen? Zehn Ratschläge ad me ipsum.

#1 Beziehung

Alles Fachwissen nützt nichts, wenn offene Kommunikation und gelebtes Mitgefühl fehlen. Die Gespräche, die du mit Lernenden in Pausen und auf dem Gang führst, sind wichtiger als so einiges des cleveren Geredes, mit dem du dir in der Lektion so gefällst. Zeig Interesse an jeder Schülerin und jedem Schüler und begegne ihnen mit positiver Offenheit. Bemühe dich, in jeder Stunde bei möglichst allen Bänken vorbeizuschauen. Da dies nicht immer gelingen kann, notiere dir für jede Lektion einen anderen Namen oder zwei und stell sicher, dass du bei allem Trubel mit diesen Lernenden arbeitest, und wenn es nur für zwei Minuten ist. So entgleiten dir gerade auch die Stillsten nicht.

Einigen allerdings wirst du weder Zeit noch Mitgefühl schenken wollen. Vielleicht ist Deborah desinteressiert oder provokant und stellt sich quer. Wenn die Beziehung zu Deborah schwierig ist, gibt es nur den Weg nach vorn: Geh auf sie besonders offen zu. Frag sie nach ihrem Wochenende, bitte sie um Hilfe, gib ihr eine wichtige Rolle, frag sie um Rat, mach Komplimente und anerkenne, wenn sie eine richtige Entscheidung fällt und sich angemessen verhält. Das Ziel ist, mit jedem Schüler eine positive Beziehung zu pflegen.

Dazu gehört auch begründetes Lob. Sag deinen Schülerinnen, was sie sehr gut machen und warum es exzellent ist. Sei dir bewusst, dass du als Schweizer mit Lob zu geizig bist. Warum nicht eine rühmende Postkarte nach Hause schicken, wenn Fernandos Vortrag besonders detailliert gewesen ist?

#2 Fheler

Du hast Klassische Philologie studiert und nimmst die Dinge genau. Du begründest deine Identität als Philologe zum Teil darauf, dass du sprachliche Fehler vermeiden kannst. Stolz bist du auf deine fehlerfreien Texte und Vorträge. Du willst deine Schülerinnen das Fehlervermeiden lehren, genauso wie du es von anderen Gräzisten und Latinisten gelernt hast. Lieber überlegst du dir die Dinge lang und länger, als dir einen Patzer zu leisten.

Feigling. Mit deiner Angst vor einem Gesichtsverlust lebst du Schülern vor, wie man bleibt, wo man steht. Ohne Scheitern gibt es keine Fortschritte. Schüler sind, wie alle Menschen, an sich schon risikoscheu genug, ohne dass du Ihnen mit besserwisserischem Sprachfimmel noch die letzte spielerische Risikofreude raubst. Wie oft hast du Gian schon mit einem Ablativ blossgestellt, den er nicht versteht? Was kostet in deinem Schulzimmer ein Fehler? Wie fühlt man sich dabei? Fordere deine Schülerinnen auf, Fehler zu machen. Halt das Risiko im Unterricht tief. Das bedeutet nicht, dass alles richtig ist, im Gegenteil. Was richtig ist, verlierst du nie aus den Augen, und Fehler geben dir und deinen Schülern einen Massstab für nötige Anpassungen. Umfallen und Wiederaufstehen müssen in deinem Unterricht tausendfach erlebt werden. Geh als Beispiel voran. Führ vor, was du nicht kannst, frag nach dem, was du nicht weisst, zeig, dass auch du mitwächst.

#3 Feedback

Du weisst, wie wir über Prüfungen den Schülern Rückmeldungen erteilen, wie gut sie den gegebenen Stoff bewältigt haben. Du selbst bist viele Male in dieser Art summativ bewertet worden. Wenn es dir um den Fortschritt deiner Schülerinnen, z.B. Jonathans, ernst ist, bewertest du auch formativ und weist ihn auf eine Auswahl von Fehlern in seiner Prüfung hin, aus denen Jonathan besonders viel lernen kann. Das ist das Feedback, das du als Lehrperson deinem Schüler Jonathan gibst, drei- oder viermal pro Semester.

Prüfungen bergen für Jonathan jedoch ein hohes Risiko. Er wird sich nicht aus dem Fenster lehnen wollen, insbesondere nicht, wenn er sich der Materie unsicher ist. Zwischen den Prüfungen kannst du Jonathans Fortschritte nur erahnen – genauso wie er selbst.

Um mehr über Jonathans Lernen und deiner anderen Schüler zu erfahren, zieh öfters – wenn es geht, wöchentlich – Hausaufgaben deiner Schülerinnen ein. Lies sie selektiv auf Fehler hin, die den aktuellen Stoff betreffen, denn mit dem springenden Punkt im Auge sind die Hausaufgaben, so hoffe ich, gegeben worden. Die Arbeiten stellen eine wichtige Form von Feedback dar, welches die Schülerinnen dir geben: Inwiefern sind Begehrsätze verstanden worden? Von wem dachte ich, alles sei klar, wenn dem überhaupt nicht so ist? Wieviel ist einfach abgeschrieben? Weshalb? Fühl deinen Schülern regelmässig den Puls und ergreife demgemäss Massnahmen. Erhebe Daten über den Lernpuls deiner Klasse.

Dein Aufwand beim Durchlesen der Arbeiten muss geringer sein als derjenige der Schüler bei der darauf folgenden Verbesserung. Plane Zeit dafür in der Stunde ein, in der die Schülerinnen individuelle Fortschritte machen können. Wenn einige Schülerinnen die Zeitenfolge verstanden haben und andere nicht, sind ein paar Einzelgespräche in der Lektion wahrscheinlich weitaus effektiver als ein erneuter Vortrag über die Tempora.

Daten über das Lernen lassen sich ständig erheben. Stelle im Unterricht Prüfsteinfragen, z.B.“Ist A oder B richtig?” oder “Wer findet, dass Satz C so korrekt ist?”, lass dir die richtige Antwort niemals sofort ablesen und halte die Schüler zunächst im Ungewissen. Mit wieviel Sicherheit wird geantwortet? Was ergibt eine Abstimmung? Lässt sich Andrina verunsichern, obwohl sie recht hat? Das Antwortverhalten deiner Schülerinnen ist Feedback an dich.

Eine weitere Möglichkeit, Daten über den Lernfortschritt deiner Schüler zu sammeln, besteht beispielsweise darin, ihnen am Ende der Lektion auf einem kleinen Zettel eine Kürzestaufgabe zu erteilen, die das Verständnis testet, ein exit ticket, z.B. ein kurzer Satz zur Übersetzung. Sammle die Zettel ein: Wer hat überhaupt etwas verstanden? Was nun?

#4 Üben

Übe reichlich mit deinen Schülern, auch wenn es wenig modisch und nicht immer nur ein Spass ist. Ein Ziel jeden Lernens ist es, Automatismen zu entwickeln: Konjugationen, Akkorde und Eckbälle wollen alle gleichermassen geübt werden, so dass sie automatisch, das heisst ohne steuernde Anstrengung, geleistet werden können. Man mag Üben als stupiden Drill sehen. Doch was für Hexameter, Soli und Torangriffe brächten wir zustande, wenn wir stets noch mit den Grundfertigkeiten kämpften?

Regelmässigkeiten und Regeln müssen geübt sein, damit wir mit ihnen spielen und sie kunstfertig brechen können. Üben macht den Kopf frei.

#5 Disziplin

Liebes jüngeres Selbst, beachte auch Folgendes: Standpauken nützen nichts und Wut ist unprofessionell. Wenn Thomas und Jana nicht zu schwatzen aufhören und den Unterricht stören, ist es dein erstes Ziel, die Störung aufzuheben, und nicht den Unterricht mit einer öffentlichen und namentlichen Anklage der beiden völlig zum Stopp zu bringen. Wem ist damit geholfen? Wie steht es nach dem Anprangern um Thomas und Janas Motivation? Deine Intervention darf den Unterricht niemals mehr stören als das Fehlverhalten eines Schülers selbst.

Tadel ist Privatsache, also sei diskret. Frag die beiden im Stillen in neutralem Ton, was sie gerade tun sollten. Biete Ihnen eine Wahl an, entweder weiterzuarbeiten oder sich auseinanderzusetzen.

Statt im Plenum mit schwierigem Verhalten abzurechnen, bitte einen Thomas oder eine Jana, nach der Lektion zurückzubleiben. Klärende Gespräche nach der Stunde werden einerseits durchaus als Strafe empfunden (sie kosten Pausenzeit und sind unangenehm), und bieten andererseits einen fruchtbaren Weg, Verhalten zu ändern. Begegne gerade schwierigen Schülerinnen mit Wertschätzung und einer offenen Haltung: “Sie wissen, ich kann Sie sehr gut leiden. Ihr Verhalten heute ist unangebracht gewesen. Was hätten Sie besser machen können?” Ein ernsthaftes Gespräch von einer Minute kann tiefergreifende Wirkung zeigen als eine gedankenlose Strafaufgabe. Das ist kein Aufruf, gefühlsduselig und lasch zu sein. Dein Ziel ist es, dass die ganze Klasse sich während der Lektion sicher fühlt und in Ruhe lernen kann. Jedes Verhalten, welches diesem Ziel im Wege steht, ist inakzeptabel. Dass du diesbezüglich hart sein musst, bedeutet nicht, dass du dich Schülerinnen gegenüber grob oder respektlos verhalten sollst. Sei hart in der Sache, weich im Umgang.

#6 Quality, Mastery & Modelling

Wie sieht Qualität aus? Deine Schülerinnen müssen sich klar darüber sein, was qualitätvolle Arbeit ist und woran man sie erkennt. Was zeichnet eine gelungene Ablabs-Übersetzung aus? Wie sticht ein exakt übertragener Konjunktiv-Nebensatz hervor? Definiere für dich, was Qualität bedeutet, kommuniziere deine Kriterien und setze deine Erwartungen hoch an. Du bist entweder eine Lehrperson mit hohen Erwartungen oder eine mit gar keinen. Wohin kommen wir mit durchschnittlichen Erwartungen?

Natürlich sollst du den Schwierigkeitsgrad gegebenenfalls anpassen – doch erinnere dich stets daran, dass tiefe Erwartungen immer langweilen. Dein Auftrag ist nicht, den Unterricht so leicht wie möglich zu gestalten, sondern so, dass jede Schülerin mit deiner Hilfe eine Hürde nehmen muss. Wenn Schüler an deinen Erwartungen nicht scheitern können, sind diese zu tief. Lernen soll schwierig sein.

Deine Schülerinnen sollen mastery, das heisst Beherrschung des Stoffs anstreben. Dazu benötigen sie Lernziele und Erfolgskriterien, an denen sie sich messen können. Einem Lernziel nicht zu genügen, ist nichts Schlimmes. Die Lücke ist bekannt und muss mit oder ohne deine Unterstützung geschlossen werden.

Damit Lernende am Beispiel erkennen können, wie Qualität aussieht, musst du Qualität vormachen. Immerhin bist du der Experte. Modelling kann bedeuten, dass du ein Beispiel vorübersetzt, mit allen Zwischenschritten. Zeig deinen Schülern explizit, was im Kopf des Kenners und Könners vorgeht. Sie können nicht Gedanken lesen. Introspektive und entdeckendes Lernen haben ihren Platz, doch sind sie im Unterricht zuweilen genauso wenig zielführend wie im Tangokurs: “Überlegen sie sich mit Ihrem Partner, wie die Schritte gehen könnten. Tanzen Sie die von Ihnen gefundenen Schritte ein wenig und entdecken sie so den Tango aus sich selbst heraus. Am Schluss machen wir eine Vortragsrunde.”

#7 Zeit & Schweigen

Verlier keine Minute. Rede so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Drei Viertel der Lektion sind dazu da, dass die Schülerinnen üben, Fehler und Fortschritte machen. Geh davon aus, dass von deinen Erklärungen nichts verstanden worden ist. Verschwende nicht Zeit damit, Theorie eins zu eins zu wiederholen. Erkläre anders oder in kleineren Gruppen. Wenn dein Lektionsziel einen Vortrag erfordert, der länger ist als fünf oder zehn Minuten, ist der geplante Lernschritt wahrscheinlich ohnehin zu komplex.

Nutze Routinen für häufige Abläufe: kurze Anweisungen müssen für Alltägliches genügen (“Heft”, “Partner”, “Hausaufgaben”, gar eine blosse Geste, deine Position im Raum). Bei wievielen routinemässigen Anweisungen kommst du ins Schwafeln, wenn eine Silbe oder ein Fingerzeig genügte?

Verlier am Anfang der Lektion keine Zeit. Gib der Klasse zum Beispiel regelmässig eine kurze Wiederholungsaufgabe zum Einstieg, damit die Arbeit beginnt, sobald es läutet. Schreib die Aufgabe an die Tafel, so dass schon dieser Hinweis als Aufforderung genügt, wenn die Routine sitzt.

Überzieh nie und gib Hausaufgaben am Anfang oder während der Lektion. Wenn du dir Hausaufgaben spontan während der Stunde überlegst, läufst du Gefahr, einen Auftrag zu vergeben, der Schülerinnen nicht hilft, sondern sie einfach beschäftigt und ihnen unnötig Freizeit raubt. Die Leitfrage ist: Worüber sollen Schüler bei den Hausaufgaben nachdenken?

#8 Das Gehirn

Mach dich über das menschliche Gehirn schlau. Als Lehrer musst du dir bewusst sein, dass unsere Intuition dazu, was effektive Lernstrategien sind, oft falsch liegt. Beispielsweise bleibt Stoff besser haften, wenn er nicht blockweise nach dem Muster AAABBBCCC, sondern durchmischt, ABCABCABC, wiederholt wird (interleaving). Spacing hilft dem Gehirn, Information im Langzeitgedächtnis zu verankern, indem Inhalte nicht en masse innert kurzer Zeit verarbeitet werden, sondern in bewusst gewählten zeitlichen Abständen, in denen man das Gelernte völlig vergisst. Der testing effect besteht darin, dass risikofreies Testen von Wissen oder Können dem Gedächtnis immer mehr hilft als wiederholtes Durchgehen – kleine, unbenotete Tests sind weitaus effektiver als erneuter Input.

Diese und weitere Gedächtnisstrategien müssen genauso zu deinem Repertoire als Lehrer gehören wie auch zu demjenigen deiner Schüler.

#9 Shut Up

Ich meine es ernst: Halt den Mund. Du glaubst gar nicht, wieviel zu viel du vor der gesamten Klasse redest.

#10 Lesen

Keiner von all diesen Ratschlägen ist mein ureigener, zumal andere sie auch noch besser erklären. Lies:

Brown, Peter C. et al.: Make It Stick.
Didau, David: What If Everything You Knew About Education Was Wrong?
Didau, David and Nick Rose: What Every Teacher Needs to Know About Psychology.
Brown et al., Didau und Rose beschäftigen sich vor allem mit den kognitiven Grundlagen des Lernens und gängigen Missverständnissen. Auf die Bildungswissenschaft ist mehr Verlass als auf unser Bauchgefühl. Unsere Erfahrungen sind nie allgemeingültig, anekdotische Beweise haben keine Kraft.

Griffith, Andy and Mark Burns: Outstanding Teaching.
Griffith, Andy and Mark Burns: Teaching Backwards.
Griffith und Burns setzen sich für zielorientiertes Unterrichten ein: ein Kurs soll vom Ende her geplant werden.

Hattie, John: Visible Learning for Teachers.
Salles, Dominic: The Slightly Awesome Teacher.
Um Hattie führt kein Weg herum. Er soll hier dafür stehen, dass wir unseren Unterricht nicht einfach völlig beliebig und nach eigenem Gusto gestalten dürfen. Salles setzt die Forschungsergebnisse an seiner Schule um.

Lemov, Doug: Teach Like a Champion 2.0.
Lemov sammelt in seinem flapsig betitelten Ratgeber die Strategien der besten Lehrpersonen, die er in den USA finden konnte.

Plevin, Rob: Take Control of the Noisy Class.
Plevin gibt nützliche Tipps zum classroom management und spricht sich für aktive Beziehungsarbeit aus.

Geschätztes Ich des Jahres 2007, ich hoffe, mein Rat wird dir nützen, oder zumindest nicht schaden. Ich wünsche viel Erfolg!

Patrick Kuntschnik

Pourquoi et comment faire lire des textes latins et grecs aujourd’hui ? Pédagogie et didactique de la lecture en langues anciennes : problématiques spécifiques et solutions de remédiation

Workshop international, 16-17 novembre 2017, Université Paul Valéry, Montpellier, France

Quels problèmes les élèves, du secondaire I à l’université, rencontrent-ils lorsqu’ils abordent des textes latins ou grecs en langue originale ? Quelles contraintes structurelles entravent également l’accès à la lecture ? Quels liens existent entre la lecture de textes anciens et la lecture de textes littéraires en général ?

Le wokshop se propose de réfléchir à ces questions dans un cadre tant théorique que pratique et de produire des ressources qui nourrissent la réflexion générale. Il s’adresse aux enseignants de latin et de grec de tous les niveaux.

Organisatrices du workshop :
Aline Estèves, aline.esteves@univ-montp3.fr
Flore Kimmel-Clauzet, flore.kimmel@univ-montp3.fr

Antje Kolde
 

Euroclassica

L’année écoulée n’aurait dû être principalement marquée que par le souvenir de la célébration des vingt-cinq ans d’existence d’EUROCLASSICA qui a vu le jour le 2 septembre 1991 à Nîmes. La nouvelle association membre grecque, Helleniki Philologiki Etaireia Klasikôn Spoudôn, s’était proposée d’emblée pour organiser cet événement à Athènes même dans les règles de la plus pure philoxenia. C’est ainsi que plusieurs dizaines de participants se sont retrouvés du 22 au 25 août 2016 pour marquer l’événement. L’assemblée générale a occupé la fin d’après-midi du lundi. Comme il se doit des souvenirs ont été évoqués et échangés, les membres des comités successifs ont été mentionnés et honorés. L’ordre du jour lui-même ne contenait rien que de très traditionnel et n’a pas entraîné de chauds débats. Le mardi était le jour des associations, comme l’avait voulu le comité précédent. Réunis dans la splendide aula de style néoclassique du bâtiment historique de l’Université d’Athènes, les auditeurs ont entendu les discours d’usage en pareille occasion, puis quatorze orateurs qui avaient ré­pon­du positivement à l’invitation faite aux associations de présenter un bref exposé en lien direct avec l’enseignement ou plus généralement avec l’humanisme. Une publication devrait prochainement rendre compte de la diversité des sujets abordés. La journée a été également animée par une excellente représentation d’extraits d’Antigone de Sophocle par des élèves de l’Helleniki Paideia, ainsi que par un récital de musique grecque antique, mais pas seulement, exécuté par l’ensemble Lyravlos sur des instruments reconstitués. Un énorme succès ! Les deux jours suivants ont été dédiés à la culture sur le terrain. D’abord à Athènes : visites du site du Lycée d’Aristote et de celui de l’Académie de Platon avec son petit musée interactif, ainsi que du nouveau Musée de l’Acropole et de l’Acro­pole elle-même. Le dernier jour était consacré à l’excursion en île d’Eubée (Érétrie) imaginée par José Navarro, avec visite en route du site hautement romantique de l’Amphiaraion d’Oropos et une halte à Chalcis, sur les bords de l’Euripe.

Chacun était encore empreint des souvenirs athéniens quand est survenue, en octobre, l’annonce foudroyante du décès d’Alfred Reitermayer, non seulement représentant depuis 2003 de Sodalitas, l’association autrichienne, et ancien président d’Euroclassica (2007-2011), mais surtout concepteur et cheville ouvri­ère des curricula européens pour le latin et le grec (ECCL) et des tests de grec (EGEX) et de latin (ELEX) qu’il avait réussi à intégrer au programme de la Journée européenne des Langues grâce à ses nombreux contacts avec les in­sti­tutions. Il laisse un vide immense. Le comité a décidé de maintenir les tests de 2016 auxquels A. Reitermayer avait apporté la dernière main avant de nous quitter ; ils se sont déroulés normalement pendant l’automne. L’avenir est à repenser et à remettre sur pied – bien des choses doivent être recréées : le travail est en cours.

Pour les activités de l’année 2017, on se référera aux annonces du site www.euroclassica.eu. Les Academia Saguntina et Academia Homerica sont prévues du 2 au 9 juillet pour la première et du 14 au 24 juillet pour la seconde. La Conférence annuelle se tiendra quant à elle à Leyde, aux Pays-Bas, du 24 au 27 août.

Christine Haller
 

Rezensionen

Holger Sonnabend, Nero. Inszenierung der Macht, Darmstadt 2016, 248 S., CHF 39.90, ISBN 978-3-8053-4953-6

Holger Sonnabend, Extraordinarius für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart, legt mit diesem Band eine übersichtlich gestaltete Monographie über Nero vor. Dazu beschäftigt er sich intensiv mit den antiken Quellen, vor allem Tacitus, Cassius Dio und natürlich Sueton, wobei er auch immer wieder klar aufzeigt, wie man die Glaubwürdigkeit der Quellen einzuordnen hat. Es wird deutlich, dass bereits diese antiken Autoren die Absicht hatten, ein Bild von Nero zu schaffen, welches in vielen Aspekten nicht unbedingt dem historischen Nero entsprach. Nur zu gerne hat die Nachwelt die Mär vom Brandstifter, Exzentriker und dekadenten Willkürherrscher Nero übernommen und weiter tradiert, bis hin zu entsprechenden Darstellungen in der Populärkultur, allen voran natürlich Peter Ustinovs Nero in «Quo vadis».

Vieles wird dank Sonnabends Ausführungen verständlicher, aber wenn man sich anderswo in der modernen Forschung umsieht, ist eben einiges doch nicht so eindeutig. Fiel Nero nun der damnatio memoriae anheim oder nicht? Sonnabend meint, dies sei nicht der Fall, stützt seine Behauptung aber nicht argumentativ, sondern verweist lediglich auf Champlins Nero-Studie von 2003. Beispielsweise geht Sonnabend auch nicht auf den Sachverhalt ein, dass die Kolossalstatue Neros, die dem Kolosseum seinen Namen gab, später zu einer Statue für Sol umgedeutet werden musste.

Ausführlich behandelt Sonnabend Neros Ambitionen als Sänger, Schauspieler und als Wagenlenker (!), insbesondere auch im Kontext seiner Griechenlandreise. Hier wird besonders deutlich, inwiefern Nero diese Aktionen letztlich als «Inszenierung der Macht» verstand. Bei der Frage nach dem Brand Roms verneint Sonnabend klar, dass Nero ein Brandstifter war. Bei der nachfolgenden Aktion gegen die Christen schreibt er, dass es sich – ebenfalls im Gegensatz zur gängigen Auffassung – nicht um eine Christenverfolgung gehandelt habe. Aus der plastischen Schilderung der Verhaftungen und Schauhinrichtungen der Christen gewinnt aber der Leser durchaus diesen Eindruck. Daher wären einige klärende Worte des Autors hilfreich gewesen, warum seiner Meinung nach bei Neros Aktion nicht von einer Christenverfolgung gesprochen werden kann.

Sonnabend bemüht sich sichtlich um eine lebendige, angenehm zu lesende Sprache. Dazu verwendet er auch gerne Bilder und Redensarten, wobei er sich in der Hitze des Gefechts gelegentlich vertut, etwa S. 187: «So brach Nero (…) keine Kriege vom Zaum.» – Weiter fragt es sich, ob es nicht ein Anachronismus ist, wenn man feststellt, dass sich Nero «im grellen Scheinwerferlicht» wohl fühlte (S. 180), selbst wenn man zugeben mag, dass das Scheinwerferlicht in diesem Fall nur metaphorisch gemeint ist.

Die recht zahlreichen Ungenauigkeiten in Rechtschreibung und Grammatik wären mit etwas sorgfältigerem Lektorat/Korrektorat vermeidbar. Auf S. 90 hat einer dieser Fehler sogar das bemerkenswerte Phänomen zur Folge, dass, nachdem man Nero Gift verabreicht hat, nicht etwa dieser selbst stirbt, sondern Burrus!
Trotzdem ist Sonnabends Monographie alles in allem sehr hilfreich, um das Phänomen Nero besser nachvollziehen zu können und um sich hinsichtlich gewisser falscher Vorstellungen eines Besseren belehren zu lassen.

Beat Hüppin

Clemens Müller, Götter – Musen – Fabelwesen. Gestalten der griechischen Mythologie in der Stadt St. Gallen, mit 6 Fenstern in die Stadtgeschichte von Peter Müller, Kantonsbibliothek Vadiana 2016, 132 S., 18 CHF, ISBN 978-3-906794-18-1

Es ist nicht einfach, mit Worten einen Eindruck von dieser bibliophilen Kost­barkeit zu vermit­teln. Mit rund 40 Strichzeichnungen und über 100 farbigen Abbildungen handelt es sich um ein kleines Bilderbuch, dessen schlichte, aber sehr ansprechende Aufmachung die lesende Betrach­terin und den betrachtenden Leser sofort einnimmt.

Das Büchlein hat die überzeugende Gestaltung durch einen Grafiker und die Unterstü­tzung der Sponsoren mehr als verdient, ist es doch über rund 20 Jahre ge­reift. Das Unter­neh­men begann 1995, als sich eine Griechischklasse der hiesigen Kantonsschule mit ih­rem Lehrer auf die Suche nach Gestalten der antiken Mytho­logie im Stadtbild von St. Gal­len machte. Es entstand eine Aus­stel­lung, später eine Broschüre; letztere wurde nun neu herausgegeben.

Der Text gliedert sich in 25 Abschnitte, welche den einzelnen Gottheiten gewidmet sind. Den An­fang machen Athene-Minerva bzw. ihre Eulen und Hermes-Merkur, welche „Charakter und Bestim­mung von St. Gal­len vielleicht am besten ausdrücken“. Diese An­la­ge bietet den Vorteil einer quasi systematischen My­thologie. Die knappen, aber sehr präzisen Einleitungen zu den kleinen Kapiteln ge­hören denn auch zum Bes­ten, was der Rezen­sent auf diesem Gebiet kennt. Die Kehrseite ist, dass das gleiche Gebäude, wenn auf ihm verschie­dene Figuren abgebil­det sind, an ver­schie­de­nen Or­ten im Buch erscheint. Dieser Nachteil wird aber wettgemacht durch den Stadt­plan auf dem hinteren Klapp­deckel. Dieser lädt zu einem mytho­lo­gischen Spaziergang durch St. Gallen ein, und wer vor einem bestimmten Objekt steht, braucht nur die im Plan exakt eingetrage­nen Num­mern nachzuschlagen, um über alle Informationen zum betreffenden Gebäude zu verfügen.

Der Führer besticht auch durch die heitere Leichtigkeit der Texte. Schon die Dop­peltitel lassen schmun­zeln: „Zwei Vulkane in St. Gal­len“ (Hephais­tos), „Der Mensch lebt nicht vom Wasser allein“ (Dionysos), „Schwangere Männer an der Marktgasse“ (Hermaphroditos). Aber auch die Präsen­tation der einzelnen Ob­jekte hält den Leser mit köstlichen Formulie­run­gen und augen­zwin­kernden Bemer­kungen bei Laune.

Eine originelle zusätzliche Auflockerung bieten die von Peter Müller verfassten 6 Fenster in die Stadtge­schichte. Darin spürt er den griechischen Göttern und ihren amoureusen Abenteuern in der Ge­schich­te des lokalen Kinos („Athene als Filmstar“) und Theaters („Göttlicher Besuch im Stadttheater“) nach, begibt sich in die Schaubuden und mechanischen Theater des 19. Jahrhunderts, wo vor der Erfin­dung des Ki­nos „lebende Bilder aus der Mythologie“ den Jahrmarkt be­rei­cher­ten, oder zeigt, welche Spuren die antike Götterwelt in den Namen des heutigen Strassennetzes hin­ter­las­sen hat.

Ein nicht unwesentlicher Aspekt der Publikation ist die Einbettung der Bauten in die Kunstgeschichte einerseits und die Stadtgeschichte anderseits. Wer also mit Müller/Müller die Stadt er­kun­det, entwickelt auch einen Sinn für St. Gallens Baugeschichte, in der Klassizismus und Jugendstil eine be­son­dere Rolle spielen.

Das kleine, preiswerte Juwel ist also nicht nur ein Geschenk für die Einheimischen, sondern für alle Freun­de der Antike. Es lässt kaum Wünsche offen. An ein paar wenigen Stellen hätte man der Lekto­rin eine etwas strengere Hand gewünscht, um Über­gänge zu glätten. Inhaltlich gibt es ohnehin nichts auszu­setzen. Die Fach­kom­pe­tenz des Verfas­sers ist unbestritten und auch die Dokumentation (SS. 117–132) vorbildlich. Dem Büchlein sind viele interessierte Leserinnen zu wün­schen, die schönste Frucht aber wäre, wenn sich an­dernorts Lehrpersonen und Klassen anstecken und zu einem vergleich­ba­ren Unternehmen ermutigen liessen!

PS: Da ein Rezensent immer auch seine eigene Kompetenz beweisen muss, noch eine Präzisierung: Auf S. 68 ist vom „nie versiegenden Wein­fässchen aus der be­kann­ten Legende um Otmar“ die Rede. Dieses Wunder anlässlich der Translatio der Gebeine Ot­mars von der Insel Werd über den Bodensee wird von den meisten Einheimischen ungenau er­zählt. Walahfrid Stra­bo schreibt ausdrück­lich: „Sobald die Mönche sich (nach der Mittagsrast auf dem See) zur Weiter­fahrt wandten, hörte der Trank im Gefäss auf.“ (statimque ut iter coeptum itidem aggressi sunt, in vasculo potus cessavit) – womit auch die fast sprichwörtliche Nüchternheit der St. Galler erklärt wäre.

Hans Haselbach
Update: 7.5.2017
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