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Bulletin 85/2015

Inhalt

 

Vorwort

Wer sich gerne einmal die Zeit nimmt und einen historischen Roman aufschlägt, dem sei „Die blaue Katze“ von Geneviève Lüscher wärmstens em­pfohlen. In unserem Leitartikel schildert die Autorin die Entstehungs­ge­schich­te dieses Buches, das im 1. Jahrhundert u.a. in Helvetien spielt.
Herr B. Hägeli schreibt in seiner Rezension des Buches von Mamoun Fansa (Hrsg.), Syrien: Sechs Weltkulturerbe-Stätten in den Wirren des Bürgerkriegs: „Glücklich darf sich schätzen, wer in Syrien die einstige Pracht und den im­mensen Reichtum an Kulturgütern aus Antike und Mittelalter noch mit eigenen Augen sehen durfte.“ Zu diesen Glücklichen darf auch ich mich zählen. Im Jahre 1998 nahm ich an einer Exkursion der Uni Bern teil, die uns in die Türkei und nach Syrien führte. Herr Hägeli war auch dabei und hat nun – auf mei­ne Anfrage – Bilanz gezogen. Dieses traurige Kapitel ist auf der Seite 26 nach­zulesen.
Ein Hinweis auf unsere sehr interessante Weiterbildung Von Kaisern, Bürgern und Gelehrten: Recht im (lateinischen) Mittelalter findet sich auf der Seite 21.
Zum Schluss habe ich noch die traurige Pflicht, Sie vom Tod unseres ehe­mali­gen Präsidenten Ivo Müller in Kenntnis zu setzen. Wir werden ihn als passionierten Altphilologen und Politiker in bester Erinnerung behalten! Danke für alles, Ivo!
Auf eine anregende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Ein Roman und seine Entstehung

Die blaue Katze“ ist ein Roman, der im 1. Jahrhundert in Helvetien und im römischen Imperium spielt, als Latein noch eine quicklebendige Sprache war.

Mein historischer Roman „Die blaue Katze“ hat mit Katzen wenig zu tun. Der Titel – eigentlich müsste es korrekterweise „türkisfarben“ heissen, aber dieses Wort eignet sich schlecht für einen Buchtitel – meint ein ägyptisches Amulett der Katzengöttin Bastet. Diese Amulette sind in der Regel aus Bronze, also ursprünglich goldfarben, seltener aus türkisblauer Fayence. Das Amulett spielt in der Rahmenhandlung der Geschichte eine kurze Rolle, es verbindet sowohl die Romanvergangenheit mit der Romangegenwart, als auch den geografischen Raum, der sich von Mitteleuropa bis Ägypten spannt. Die Göttin Bastet war in Ägypten zuständig für Fruchtbarkeit und Liebe, sie galt auch als Schutzgöttin der Schwangeren; verehrt wurde sie vom 3. Jahrtausend bis in die griechisch-römische Zeit.

Der Arbeitstitel, den ich in der Entstehungszeit kurz auch als Romantitel in Erwägung gezogen hatte, lautete viel prosaischer: „Das Vierkaiserjahr“. Als Journalistin weiss ich aber, dass Titel etwas zum Klingen bringen müssen, vielleicht ein Geheimnis antönen, den Leser, die Leserin irgendwie locken sollten. Das „Vierkaiserjahr“ ist bestenfalls den Althistorikern, Archäologinnen und ähnlich gelagerten Wissenschaftlern ein Begriff, nicht aber dem Lesepublikum, das ich mit meinem Buch ansprechen wollte.

Denn: Meinen Roman habe ich nicht für ein Fachpublikum geschrieben, auch wenn dieses ihn natürlich auch gerne lesen darf (und es auch fleissig getan hat, wie ich aus Rückmeldungen schliessen durfte). Im Fokus hatte ich eine Leserschaft, die zwar an historischen Themen interessiert ist, aber keinerlei Vorbildung hat. Ich habe mir vorgestellt, dass die Lesenden über die Zeit, in der der Roman spielt, also das 1. Jahrhundert n. Chr., wenig wissen, erhoffe mir aber, dass sie nach der Lektüre mehr darüber gelernt haben, ohne es beim Lesen zu merken. Das war mir wichtig. Mir ist aufgefallen, dass viele historische Romane durch die bemühte Schilderung der Zeit einen didaktischen Unterton kriegen und damit lehrerhaft wirken. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Das Zeitkolorit sollte wohldosiert und unbemerkt in den Text einfliessen.

Vieles blieb deshalb ungesagt, was von den Spezialisten sicher als Mangel empfunden wird. Man hätte doch noch dieses und jenes hineinpacken können, was nun scheinbar fehlt – aber eben nur den Fachleuten.

Von der Idee zum Buch

Die Idee zum Buch kam mir bei der Arbeit an den Ausstellungstexten im neu gestalteten Vindonissa-Museum in Brugg. 2008 hatte die Leitung beschlossen, das verstaubte Römer-Museum von Grund auf zu erneuern. Die Exponate wurden weggeräumt, der Raum renoviert, ein neues Ausstellungskonzept erarbeitet. Gesucht wurde dann ein Texter oder eine Texterin, um eine moderne und attraktive Beschriftung zu kreieren. Die Wahl fiel auf meine Person, da ich als einstige Archäologin und jetzige Wissenschaftsjournalistin dazu das optimale Rüstzeug mitbrachte.

Für die Texte erarbeiteten die zuständigen Archäologen und Archäologinnen jeweils die Grundinformationen, die ich umzuformen, vor allem „einzudampfen“ hatte. So entstanden über Monate hinweg längere Überblickstexte, kürzere Thementexte und unzählige Objektbeschriftungen.

Eine Spezialität des Fundortes Vindonissa sind die zahlreich in den Abfallhalden des Legionslagers aufgefundenen Schrifttäfelchen. Das sind handtellergrosse gerahmte Holztafeln, die mit einer dünnen Schicht Bienenwachs versehen waren, in die mit einem Griffel die Nachricht eingeritzt wurde. Manche der Schreibenden drückten dabei so stark (oder die Wachsschicht war zu dünn), dass sie die Buchstaben ins weiche Holz einritzten, weshalb diese noch heute sichtbar sind.

Diese lateinischen Briefnachrichten sind stark fragmentiert: mal ein Halbsatz, mal ein paar einzelne Wörter, hier nur die Anrede, dort eine Schlussformel. Ich hatte die Idee, diese Fragmente zu einer kurzen, fiktiven Geschichte zu ergänzen, zu einem Brief, wie er tatsächlich hätte geschrieben werden können. Entstanden sind kurze Szenen aus dem Leben der Legionäre im Lager oder der Bevölkerung in der Zivilsiedlung.

Diese ungewohnte Arbeit hat mir die Augen geöffnet. Nach vielen Jahren als Archäologin mit der Erstellung wissenschaftlicher, also streng faktischer Texte beschäftigt, und nach weiteren Jahren als Wissenschaftsjournalistin, die nur akribisch recherchierte Artikel zu schreiben hatte, war dieses Fantasieren im – fast – freien Raum wie eine Offenbarung. Ich entdeckte eine bis anhin unbekannte Fähigkeit, eine Lust auch, zu Fabulieren, Menschen und Szenen zu erfinden, zum Leben zu erwecken.

Völlig frei war ich natürlich nicht, es galt immer die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit zu respektieren. Was könnte möglich gewesen sein, was war für die römische Zeit des 1. Jahrhunderts nach Christus denkbar, was war völlig unzeitgemäss?

Nach Abschluss der Textarbeiten und der Eröffnung der neuen Dauerausstellung in Brugg Ende 2009 stellte sich mir die Frage, was ich aus diesen neuen Erkenntnissen für mich selber machen konnte. Nicht nur war meine Schreiblust geweckt, ich hatte durch die Arbeit an den Ausstellungstexten enorm viel über die römische Zeit dazugelernt. Sollte ich das alles für mich behalten? Wie könnte ich all dieses Wissen aus dem Museum, einer Institution, vor der so viele Menschen noch immer eine Schwellenangst hegen, herausholen? Der Gedanke, einen historischen Roman zu schreiben, lag auf der Hand.

Nur: Wie macht man das, wenn man es noch nie gemacht hat? Als Intellektuelle holte ich mir Rüstzeug aus ein paar Büchern, Anleitungen, zum Beispiel: „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt.“ Oder wie man an ein Drehbuch herangeht. Da lernt man neben durchaus brauchbaren Tricks auch Fallstricke zu vermeiden, wie den ständigen Perspektivenwechsel zum Beispiel. Auch ein Kurs zum Thema „Historische Romane schreiben“ wurde absolviert. Das wichtigste, so schien es mir schliesslich, war der Plot, also die Geschichte, und die Personen.

Tacitus und die Helvetier

Während meiner Arbeit in Vindonissa war ich auf Tacitus gestossen, und ein Satz aus seinen Historien hatte sich mir eingeprägt. Der römische Historiker berichtet über den Helvetieraufstand im Jahr 69 n. Chr., der von den Römern brutal niedergeschlagen worden ist (Historien, 1, 67–69). Sinngemäss schreibt er, man habe die helvetischen Männer umgebracht, während die Frauen in die Sklaverei abgeschleppt wurden. Diese Aussage ist ein Topos, der für alle Kriege der Antike gilt: Der Sieger nimmt sich die Frauen. Heute sieht die Lage zwar etwas anders aus, für Frauen in Kriegszeiten ist sie aber kaum besser geworden, auch wenn die Sklaverei offiziell als abgeschafft gilt.

Zurück nach Vindonissa. Ich habe mich gefragt, was denn da 69 n. Chr. ganz konkret passiert sein könnte. Was geschieht mit einer freigeborenen Frau, die man von einem Tag auf den andern aus ihrem Leben herausreisst und zur Sklavin macht?

Damit war der Plot geboren. Das Jahr 69, das berühmte „Vierkaiserjahr“ der römischen Geschichte, ist historisch gut unterfüttert. Nicht nur Tacitus berichtet darüber. Das gab mir ein stabiles und ziemlich detailliertes Gerüst an Fakten, die es einzuarbeiten galt.

Über die involvierten Kaiser – Otho, Galba, Vitellius und Vespasian – ist viel bekannt: Lebensdaten, Karriere, Charakter, Familie usw. Auch über die unteren Chargen wie die Oberbefehlshaber Aulus Caecina Alienus oder Lucius Verginius Rufus weiss man historisch einiges. Je weiter man jedoch die soziale Leiter absteigt, desto spärlicher wird das Wissen über die Menschen. Aus Vindonissa kennt man viele Legionäre von ihren Grabsteinen, so zum Beispiel den Kommandanten Propertianus oder den Zenturio Caeno aus Lusitanien; etliche Namen, von Männern wie von Frauen, finden sich auf den Schreibtäfelchen; aber viel mehr als Namen geben diese Schriftquellen nicht preis.

Zum Beispiel die Familie des Credanus; er und sein Sohn Crescens werden auf einer Schreibtafel in Vindonissa genannt. Den Rest der Familie, also auch die Protagonistin Anechtlomara, habe ich erfunden. Anechtlomara ist übrigens der keltische Name einer Göttin; ob der Name auch für Normalsterbliche verwendet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Freundin von Mara heisst Materiona. Sie und ihre ganze Familie habe ich auf einer Urkunde aus Bayern gefunden, die ihr Vater Cattaus bei seiner Entlassung aus der römischen Armee erhalten hat.

Marcianus, mein Protagonist, ist eine erfundene Person aus Aventicum. Er ist verwandt mit der vornehmen Familie der Camilli, die in der helvetischen Hauptstadt tatsächlich eine wichtige Rolle gespielt hat. Auch Iulius Alpinus aus Aventicum hat gelebt, ihn findet man in den Historien von Tacitus, er war in den helvetischen Aufstand involviert.

So findet sich in meinem Buch ein buntes Durcheinander von erfundenen und realen Namen und Tatsachen.

Was frei erfunden ist, ist die ganze Gefühls- und Gedankenwelt der handelnden Personen. Es wäre völlig vermessen, behaupten zu wollen, man könne sich zurückversetzen in die Menschen des 1. Jahrhunderts, beispielsweise in die Gefühlswelt einer Frau, die versklavt wird. Der Zeitgeist jener fernen Epoche wird uns immer verschlossen bleiben. Wir können uns heute ja nicht einmal in unsere Grosseltern versetzen, zu rasch ändern sich die Lebensumstände, werden uns fremd.

Aber man kann sich bemühen und eindeutig Anachronistisches vermeiden. So war es mir ein Anliegen, Mara nicht zu einer Frau auf einem Selbstfindungstrip werden zu lassen. Das Individuum, und speziell die Frau, existierte damals nur bezüglich der Familie, Selbstverwirklichung war ein Fremdwort. Und dennoch musste sich eine Person wie Mara in der neuen Umgebung, in die das Schicksal sie geworfen hatte, irgendwie zurechtfinden, wollte sie überleben.

Zeitlich habe ich den Roman auf drei Jahre beschränkt: 68–70 n. Chr. Die Handlung beginnt in Vindonissa, teilt sich in zwei Erzählstränge mit den jeweiligen Protagonisten; beide überqueren die Alpen auf dem Weg nach Rom. In Alexandria werden die beiden Stränge wieder zusammengeführt.

Was unterwegs alles passiert, sei hier nicht verraten. Es hat mich, obwohl ich über ein gutes Rüstzeug an Wissen über die römische Zeit verfüge, einiges an Recherchierarbeit gekostet. Das Internet erleichtert einem heute diese Arbeit zwar enorm, fast alles lässt sich finden, wenn man nur lange genug danach sucht, auch auf fremdsprachigen Seiten: lateinische Witze, ägyptische Vornamen, Stadtgrundrisse, zum Beispiel von Ostia oder Alexandria, Liebesgedichte von Tibull, resp. Sulpicia. Weiteres findet man in den entsprechenden Universitätsbibliotheken. Es ist für einen Roman allerdings nicht zweckmässig, allzu tief in die Fachliteratur einzusteigen, zu gross ist das Spektrum der verschiedenen Themen und die Gefahr, sich in Details zu verlieren – und das Buch soll ja auch einmal fertig werden. Vieles in meinem Roman ist also nicht à fonds erforscht und recherchiert, die Fachleute mögen mir verzeihen.

Knochenarbeit

Neben der Recherchierarbeit am Schreibtisch ist auch der Besuch der Lokalitäten zu erwähnen. Nach den römischen Fundorten in der Schweiz, Vindonissa, Grangium (wo ich aufgewachsen bin), Brenodor (in dessen Nähe ich heute wohne), Aventicum, Martigny, dem Grossen St. Bernhard, galt es auch die Gemmi zu überschreiten und dem Mons Vocetius einen Besuch abzustatten. Zu letzterem nur soviel: In der Forschung ist damit in der Regel der Bözberg gemeint, was aber nicht gesichert ist. Ich habe stattdessen den Bruggerberg gewählt, weil er dem Geschehen in Vindonissa viel näher liegt.

Schliesslich sind die Erkenntnisse aus zwei Auslandreisen miteingeflossen, ein längerer Romaufenthalt und eine Reise nach Alexandria.

Die Niederschrift, die ich neben meiner Berufsarbeit betrieben habe, dauerte etwa zwei Jahre. Ebenso lange suchte ich nach einem Verlag, zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz, rund 15 Dossiers gingen auf die Post.

Mitte 2013 kam endlich eine Zusage vom Stämpfli Verlag in Bern. Und dann ging es zügig voran. Die Lektorin sparte nicht mit dem Rotstift, der Text musste tüchtig Haare lassen. Der erste Umschlagentwurf war – gelinde gesagt – eine Katastrophe, und auch der zweite, bei dem ich mitgeholfen habe, hat noch einiges an Kritik einstecken müssen. Die „geköpfte“ Frau stammt aus dem Gemälde „In the Days of Sappho“ (1904) von John William Godward und hat immerhin den Vorteil, die Antike zu evozieren. Im Mai 2014 erschien das Buch, im Dezember des gleichen Jahres war die erste Auflage ausverkauft. Die zweite, sowie eine E-Book-Version sind in Vorbereitung.

Geneviève Lüscher

Buch:
Geneviève Lüscher: „Die blaue Katze“. Stämpfli Verlag, Bern 2014. 2. Auflage Taschenbuch und E-Book 2015.

Ausstellung:
Die geplante Ausstellung „69 – Vier Kaiser, eine Krise“ wird im Vindonissa-Museum in Brugg im Herbst 2016 eröffnet; im Frühling/Sommer 2017 soll sie in Xanten, 2018 in Rottweil zu besichtigen sein.

 

Anzeigen und Mitteilungen

Nachruf auf Ivo Müller

Es ist mir eine schmerzliche Pflicht, den Mitgliedern des Schweizerischen Altphilologenverbandes den Tod von unserem geschätzten Mitglied, ehemaligen Vorstandsmitglied und Präsidenten Ivo Müller mitzuteilen. Ivo Müller ist am 23. November 2014 im Alter von 65 Jahren gestorben.
Ivo war von 2001 bis 2010 Vorstandsmitglied und von 2007 bis 2010 Präsident des Schweizerischen Altphilologenverbandes. In dieser Funktion hat Ivo mit seinen Vorstandsmitgliedern eine neue Strategie für den SAV entwickelt. Die Alten Sprachen sollten in der Bildungslandschaft der Schweiz gestärkt werden. Mit der Sicherung des Lateins auf der Sekundarstufe 1 durch den Lehrplan 21 konnte dieses Ziel zumindest zu einem schönen Teil erreicht werden. Ferner lancierte Ivo die Idee einer grossen Veranstaltung zu einem interdisziplinären Thema. Mit der gelungenen Tagung „Elementa – Elemente - Stoicheia. Antike und moderne Naturwissenschaft zum Ursprung der Dinge“ vom 17. März 2011 in Zürich konnte auch diese Vision verwirklicht werden. Für Ivo war es ein grosses Anliegen, den SAV in der lateinischen Schweiz besser zu verankern; der SAV soll ein Verband für die gesamte Schweiz sein. Auch die Öffentlichkeitsarbeit trieb er voran. Diesem Bestreben konnte der SAV durch die Lancierung des grossen Newsletters, welcher zwei Mal jährlich an unzählige Adressen aus der Bildungspolitik, den Medien, den Kulturinstitutionen und den Bildungseinrichtungen gesendet wird, nachkommen.
Leider machten sich bei Ivo schon im Jahr 2009 die Auswirkungen einer schweren Krankheit bemerkbar. Sie zwang Ivo schliesslich, 2010 das Präsidium abzugeben und aus dem Vorstand des SAV zurückzutreten. Wir haben Ivo als initiativen, kompetenten und sehr lieben Menschen kennen und schätzen gelernt. Wir gedenken seiner mit hohem Respekt und bemühen uns nach Kräften, seine Visionen im Bereich der Alten Sprachen Wirklichkeit werden zu lassen.

Martin Müller
Präsident des Schweizerischen Altphilologenverbandes

Jahresbericht 2014

Liebe Mitglieder des SAV,

„Lateiner haben es leichter“, in der Online-Fassung sogar „Lateiner haben es an der ETH leichter“ – unter diesem sehr dankbaren Titel veröffentlichte der Tages­anzeiger am 24. September ein Interview mit mir und griff damit ein Thema auf, das am Wochenende zuvor in der NZZaS veröffentlicht worden war. Dort konnte nämlich Theo Wirth die im Vorjahr erstellte Statistik des SAV pub­li­kumswirksam vorstellen, nachdem sie bereits vorher im Gymnasium Hel­ve­ti­cum in der ausführlichen Fassung an die bildungspolitisch interessierte Leser­schaft weitergegeben worden war. In diesem Fall war unser neuer Newsletter, dessen erste Nummer dieses Frühjahr an rund 3500 Adressaten verschickt worden war, Auslöser für die Publikation. Diesem ersten Newsletter, der von Philipp Xandry mit grossem Engagement in Zusammenarbeit mit dem ganzen Vorstand verfasst wurde, soll noch dieses Jahr eine zweite Nummer folgen, die u.a. die Stellung des Lateins im Lehrplan 21 aufgreift und so deutlich macht, dass es neben Frühenglisch, Frühfranzösisch und Frühdeutsch auch noch eine andere Sprache im Lehrplan gibt, die glücklicherweise erst im dritten Zyklus an­ge­siedelt ist und deshalb von der aktuellen Debatte um die erste Fremdsprache nicht tangiert wird.

Die durchaus positive Präsenz in den Medien darf jedoch nicht darüber hin­weg­täuschen, dass die Situation der Alten Sprachen nach wie vor prekär ist. So wurde trotz unserer intensiven Anstrengungen das SPF Griechisch im Kanton Bern abgeschafft (neudeutsch: sistiert), und zugleich sollte auch noch die Stun­den­dotation im Fach Latein gekürzt werden. Unserem Mitglied Paola Calan­chi­ni, welche in eigener Regie die verschiedenen Angebote und Stundendotationen in den Kantonen zusammenstellte und im letzten Bulletin veröffentlichte, ist es zu verdanken, dass bisher der worst case ausblieb. Darüber hinaus hat die Universität Zürich auf emsiges Betreiben des zuständigen Dekans hin ent­schie­den, die generelle Lateinpflicht für die philosophische Fakultät aufzu­he­ben. Es ist leider nur eine Frage der Zeit, bis einzelne Fächer sich von dieser Pflicht be­freien, um genügend (angeblich trotz ihrer mangelnden Latein­kennt­nis­sen qua­lifizierte) Studierende und Doktorierende zu bekommen.

Der Vorstand des SAV hat im vergangenen Jahr versucht, diesen ungünstigen Ent­wicklungen durch eine Reihe von Massnahmen entgegenzutreten, u.a. mit dem bereits erwähnten Newsletter. Besonders stolz sind wir auf unsere eigene Latein-App, welche in rekordverdächtigem Tempo durch die PR-Kommission des SAV, bestehend aus Tobias Ebneter, Simon Küpfer, Daniel Rutz und mir, in Zusammenarbeit mit einer spezialisierten Firma von Schülern realisiert werden konnte. Durch die Nutzung der neuen Informationskanäle wird es uns noch besser als bisher gelingen, unsere Anliegen bei der Zielgruppe bekanntzu­ma­chen. Dass die Entwicklung der App für den SAV durch zwei grosszügige Spenden der Zürcher Altphilologen und Freunde der Alten Sprachen nur einen Bruchteil der ursprünglich veranschlagten Kosten verursachte, macht das Projekt noch attraktiver und ermöglicht insbesondere die Erstellung einer zweiten Version, welche durch die Wahl einer weiblichen Hauptperson die Mädchen noch etwas besser ansprechen soll. Diese zweite Version sollte bereits im kommenden Herbst verfügbar sein. Die App ist kostenlos, und sie darf selbst­verständlich auch von euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, genutzt wer­den – aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass man eine recht grosse Fingerfertigkeit und eine rasche Reaktionsfähigkeit mitbringen muss – und sonst kann man sich immer noch durch die korrekte Beantwortung der Fragen zu antiken Themen wieder aus einer ungemütlichen Lage befreien. Dass der SAV auch Schülerinnen und Schüler, die sich bereits für eines unserer Fächer ent­schie­den haben, unterstützen und fördern möchte, lässt sich am Ἀγὼν Ἑλβέτιος erkennen, der dieses Jahr zum zweiten Mal (erstmals im Fach Griechisch) erfolgreich durchgeführt werden konnte – die Teilnehmerzahl könnte allerdings noch etwas zunehmen, um der Jury, in der mit Rudolf Wachter und Christine Stuber gleich zwei SAV-Vorstandsmitglieder Einsitz haben, eine breitere Mög­lichkeit zur Beurteilung zu geben. Daniel Rutz hat sich mit viel Einsatz um den Wettbewerb gekümmert, und er trägt auch die Verantwortung für die aktuelle Auflage, welche die Darstellung eines antiken Mythos in Text und Bild zum Thema hat.

Erneut konnten unter der Ägide des SAV zwei Weiterbildungen durchgeführt werden, einerseits die traditionelle, von Bruno Colpi hervorragend organisierte Reise nach Pompeji, und andererseits die von unserem Vorstandsmitglied Mar­tin Müller geleitete, sehr spannende Weiterbildung zum Ilias-Kommentar an der Universität Basel. Beide Veranstaltungen zusammen wurden von fast 15% un­se­rer Mitglieder besucht, was die hohe Wertschätzung für diese Angebote deutlich macht.

Dafür, dass all diese Informationen auch rechtzeitig und in ansprechender Form an die Mitglieder gelangen, zeichnen Petra Haldemann und Barbara Cris­tian verantwortlich. Unser Bulletin, das vor kurzem in seiner 84. Ausgabe er­schie­nen ist, ist nach wie vor der wichtigste Informationskanal, und Petra ist es zu verdanken, dass es stets eine breite Palette unterschiedlichster Beiträge ent­hält. Der vereinsinterne Newsletter hat sich bereits fest etabliert, und Barbara fin­det immer wieder aktuelle Themen, auf die wir hinweisen können. Dass wir im Übrigen den Newsletter ebenso wie andere Informationen dreisprachig anbieten können, ist nicht nur Barbara, sondern auch Andrea Jahn zu verdanken.

Der Vorstand hat sich im vergangenen Vereinsjahr an drei Sitzungen in Olten, Liestal und Biel getroffen, und alle Vorstandsmitglieder haben daneben viel Zeit für die Arbeit in ihrem jeweiligen Ressort eingesetzt. An der Sitzung im Januar konnten wir uns zudem aus erster Hand über die Situation der Alten Sprachen im Kanton Glarus und in der Romandie informieren. Dieser wertvolle Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus verschiedenen Kantonen und Regionen soll auch künftig weitergeführt werden.

Die zunehmende Öffentlichkeitsarbeit hat im Vorstand den Entscheid reifen lassen, sich sowohl mit dem Namen unseres Verbands als auch mit dem Logo auseinanderzusetzen. Die Bezeichnung „Altphilologe“ vernachlässigt nicht nur das weibliche Genus, sondern wirkt auf Aussenstehende unverständlich oder sogar abschreckend. Dazu kommt, dass „filologi classici“ im italienischen Sprachraum eigentlich nicht gebräuchlich ist. Der Vorstand wird sich daher im kommenden Vereinsjahr intensiv mit dieser Frage beschäftigen und an der nächsten Jahresversammlung konkrete Vorschläge unterbreiten. Gerne nehmen wir auch Anregungen unserer Mitglieder entgegen, zum Namen ebenso wie zum Logo.

An dieser Jahresversammlung wird Andrea Jahn nach 24 Jahren seine Tä­tig­keit im Vorstand beenden. Ich möchte ihm an dieser Stelle ganz herzlich für seinen unermüdlichen Einsatz danken, und ich bin froh, dass er sich auch künftig als Schulleiter für unsere Fächer engagieren wird. Ich freue mich zudem, mit Lucia Orelli eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben, so dass die An­liegen des Tessins auch weiterhin direkt in den Vorstand eingebracht werden kön­nen.

Auch für mich persönlich endet meine Zeit als Präsident des SAV, da ich durch die heute Morgen erfolgte Wahl in den Zentralvorstand des VSG einen In­te­ressenkonflikt vermeiden möchte und meine Ressourcen eine adäquate Amtsführung nicht zulassen würden. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, mich bei den Vorstandsmitgliedern für die stets freundschaftliche und engagierte Zu­sam­menarbeit zu bedanken, durch die es überhaupt erst möglich geworden ist, eine Reihe von interessanten und zukunftsträchtigen Projekten zu realisieren. Durch unsere Vertreterinnen und Vertreter im VSG-Zentralvorstand und in der Euroclassica war es mir weiter möglich, immer auch aktuelle Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene mitzuverfolgen und die Position des SAV in geeigneter Form zum Ausdruck zu bringen; ich selbst durfte anlässlich des Kongresses des DAV in Innsbruck eine Grussbotschaft des SAV überbringen und konnte das Networking mit unseren Nachbarverbänden weiter vertiefen. Schliesslich danke ich euch, liebe Mitglieder, die ihr euch durch eure tägliche Arbeit und durch euer Engagement in zahlreichen regionalen Vereinen wie dem Lateintag, dem St. Galler Kulturmonat IXber, „Latein macht Schule“, „Forum Alte Sprachen Zürich“ dafür einsetzt, dass die Präsenz und Geltung unserer Fä­cher in der Schule und der Öffentlichkeit gestärkt wird. Getragen von eurer grossen Solidarität habe ich die vergangenen vier Jahre als grosse Bereicherung empfunden, und ich bin froh, einen lebendigen und tatkräftigen Verband in die Hände meines Nachfolgers legen zu können. Vielen Dank!

Lucius Hartmann

Protokoll der Jahresversammlung des SAV 2014

Bern, Hotel Kreuz, Freitag, 21. November 2014, von 17.30 bis 18.30 Uhr.
Anwesend: 24 TeilnehmerInnen (cf. Präsenzliste)
Entschuldigt: Petra Haldemann (Vorstandsmitglied), Andreas Külling, Johann Brülisauer, Andreas Hänni, Dominik Humbel, Antje Kolde, Dominique Pochon, Theo Wirth

1. Protokoll der Jahresversammlung / Procès-verbal de l’assemblée 2013

Das Protokoll der Jahresversammlung 2013 wird genehmigt mit Dank an Bar­ba­ra Christian

2. Jahresbericht des Präsidenten / Rapport du président

Cf. Publikation im Bulletin
Andrea Jahn tritt nach 24 Jahren im Vorstand zurück.
L. Hartmann wird Mitglied des VSG Zentralvorstands, tritt als Präsident zurück.

3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag / Rapport du caissier; cotisation des membres

Philipp Xandry präsentiert die Jahresrechnung. Ausgaben von Fr. 7044.45 ste­hen Einnahmen von Fr. 9954.80 gegenüber. Der Überschuss von Fr. 2910.35 er­klärt sich dadurch, dass die SAV-App noch nicht bezahlt ist.
Ist die SAV-App nächstes Jahr bezahlt, so ist die Rechnung ausgeglichen.
Das Vermögen beträgt am 31.7.2014 Fr. 27 981.
Der Mitgliederbeitrag bleibt, wie vom Vorstand beantragt, unverändert.

Kassarevision / Révision de la caisse
Der Kassier Philipp Xandry liest den Revisorenbericht von Urs Albrecht und Matthias Geiser vor. Ihm wird einstimmig Décharge erteilt.
Das Budget für das kommende Jahr sieht Ausgaben von Fr. 14 600 (inklusive die SAV-App von Fr. 3000.-) bei Einnahmen von Fr. 10 900 vor.
Geplant ist auch eine zweite Version der SAV-App. Sie wird mit Fr. 1500 budgetiert.
Das Budget für 2014/2015 wird einstimmig genehmigt.

4. Wahlen von Vorstand, Präsident und Delegierte

Andrea Jahn tritt aus dem Vorstand zurück.
Lucius dankt ihm für die 24jährige, engagierte Mitarbeit als Vorstandsmitglied, davon 5 Jahre als Präsident. Er würdigt ihn als profunden Kenner der Bil­dungs­po­litik, der in seiner Funktion als Schulleiter weiter für die Anliegen der alten Sprachen in seinem Kanton eintreten wird.
Andrea Jahn verabschiedet sich, er dankt dafür, dass ihm in all den Jahren im Vorstand Gelegenheit zu bereichernden Gesprächen und gemeinsamen Pro­jek­ten geboten wurden.

Als Nachfolgerin wird Lucia Orelli die Interessen des Tessins vertreten.
Sie stellt sich selber vor:
Sie studierte von 1986 bis 1991 in Zürich, schrieb eine Dissertation zu den antiken Atomisten, unterrichtete bis 2003 an der KS Freudenberg und ist seit 2003 am liceo cantonale in Bellinzona Latein- und Griechischlehrerin.
Sie wird zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Vorstands zur Wahl vor­ge­schla­gen. Die Wahl erfolgt einstimmig. Lucius Hartmann bleibt Mitglied des Vorstands, gibt aber das Amt als Präsident ab. Er schlägt Martin Müller als neuen Präsidenten vor.
Er verweist auf Martins grosse Verdienste als engagierter und erfolgreicher Vor­kämp­fer für Latein in der Funktion als ehemaliger Fachdidaktiker, als Mitbe­grün­der von &bsquo;Latein macht Schule‘ und als Mitautor des Lehrplans 21.
Martin dankt für das Vertrauen.

Ruedi Wachter würdigt den abtretenden Präsidenten Lucius Hartmann.
Er dankt Lucius für seinen immensen Einsatz und bringt seine Befriedigung zum Ausdruck, dass Lucius dem Vorstand erhalten bleibt.

Lucius dankt dem abtretenden Delegierten André Füglister für seine langjährige Mitarbeit. Er stellt seinen Nachfolger, Andreas Külling in absentia vor:
Andreas Külling studierte in Zürich und Basel, er ist Lehrer am Gymnasium am Münsterplatz und besitzt Erfahrungen als Fachdidaktiker. Andreas Külling wird als Delegierter einstimmig gewählt, Dominik Humbel als Delegierter im Amt bestätigt.
Urs Albrecht und Matthias Geiser werden als Re­vi­soren einstimmig bestätigt.

5. Anträge/Mitteilungen des Vorstands

Der Club Grand Hotel & Palace sponsert auch im nächsten Jahr den Wettbewerb Certamen helveticum / Ἀγὼν Ἑλβέτιος mit Fr. 500. Nähere Angaben zum ak­tuel­len Thema finden sich unter www.philologia.ch. Dank an Hansueli Gubser für die Vermittlung des Sponsorbeitrags!

6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder / Motions et propositions des membres

7. Varia

  • Unter www.philologia.ch/schule finden sich die Adressen der Wettbewerbe, welche vorzügliche Maturaarbeiten in den Fächern Latein und Griechisch auszeichnen.
  • Die nächste Jahresversammlung findet am 27.11.2015 in Brig, dem Her­kunfts­ort der neuen VSG-Präsidentin, statt.
  • Martin Müller stellt Vorschläge für ein neues Logo vor:
    Die Überlegungen, die zur Planung eines neuen Logos führten, sind fol­gen­de:
    Unser aktuelles Logo ist wenig aussagekräftig, im Italienischen ist die Be­zeich­nung filologi classici nicht gebräuchlich, „Altphilologen“ tönt „alt“, die Bezeichnung ist nicht genderkonform…
    Für die Bezeichnung „philologia“ sprechen:
    Die Bezeichnung „philologia“ im Sinne einer allgemeinen „Sprachliebe“ wird in Zukunft (u.a. bei der Umsetzung des LP21) ein starkes Argument fürs Latein sein. Die Bezeichnung „philologia“ ist schon im Name der Web-Adres­se vorhanden.
    Die Diskussion zeigt, dass man offen ist für ein neues Logo, allerdings gefällt die vorgeschlagene Minerva nicht unbedingt.
    Martin erklärt, dass man offen ist für Vorschläge aus dem Kollegium, kei­nes­falls möchte man die Mitglieder vor den Kopf stossen. Die Vorschläge wer­den weiterentwickelt und an der nächsten GV soll ein neues Logo vorgestellt werden.
  • Martin weist auf das Buch von Beno Meier hin: Aphrodite ungeschminkt
    Er preist es als interessante, anregende und spannende Lektüre, die bei Schü­lerInnen sehr gut ankommt.
  • André Füglister mahnt, dass in vielen Kantonen das Profilfach Latein durch die MINT Initiative unter Druck gerät.
    Das Fach Natur und Technik wirbt mit attraktiven, spielerischen Experi­men­ten, dagegen fällt das Fach Latein ab. André macht sich dafür stark, auch im Fach Latein Experimente durchzuführen.
    Er führt gleich selber ein kleines Experiment vor: den Bau einer winzigen Linse, die zum Mikroskopieren benutzt werden kann.
    (Gott sei Dank hat der Feuermelder nicht reagiert!)
    Die Anleitung beruht auf der Beschreibung Antoni van Leeuwenhoeks. André hat dazu eine kleine Werkanleitung verfasst, „Heurekamen“: Ori­gi­nal­text und Übersetzung mit Hinweisen zur praktischen Anwendung.
  • Bruno Colpi weist auf die traditionelle Bildungsreise hin.
    Sie findet statt vom 19. bis 26. September 2015 und wird nach Griechenland führen. Ziel ist es, in sieben Tagen die wichtigste Stätten (Athen, Delphi, Olympia…) kennenzulernen.
  • Christine Haller weist auf die Textsammlung Europatrida von Euro­clas­si­ca hin.

Der Versammlung voraus ging eine Führung durch die archäologische Samm­lung des Historischen Museums Bern. Prof. Dr. Felix Müller zeigte uns einige interessante Fundstücke der keltischen Sammlung, die durch ihre Inschriften für Philologen besonders interessant waren und zu Diskussionen anregten.

Meggen, 23.11.2014
Christine Stuber

Aenigma Einsteinianum

Hoc aenigma ab Alberto Einstein, physico celeberrimo, compositum esse dicitur. Qui autumavit id a 98 % hominum solvi non posse. Certe autem discipulae discipulique vestri, o carae lectrices honorabilissimique lectores, inter 2 % sunt, quibus solutio non sit difficilior!

1) Sunt quinque domus variorum colorum.
2) Unaquaeque domus incolitur ab homine varia e civitate oriundo.
3) Unicuique incolae est potus praedilectus, species cigaruli praedilecta, bestiaque domestica praedilecta.
4) Nulli horum quinque hominum est res ulla communis.

QUAESTIO: Cui horum hominum est piscis?

Indices :
a) Anglus in domo rubra habitat.
b) Sueto canis est.
c) Danus theam diligit.
d) Domus viridis sita est a sinistra parte domus albae.
e) Is, cui domus viridis est, caffeam sorbillare solet.
f) Pall Mall fumans avem habet.
g) Is, cui domus media est, lac bibere amat.
h) Domum flavam possidens Dunhill fumat.
i) Norvegus primam domum incolit.
j) Marlboro fumans iuxta eum, qui felem habet, habitat.
k) Equum habens iuxta Dunhill fumantem habitat.
l) Whinfield fumans cerevisiam bibit.
m) Norvegus iuxta domum caeruleam habitat.
n) Germanus Rothmanns fumat.
o) Marlboro fumanti vicinus aquam bibens est.

Nunc, carae lectrices carique lectores benevoli, intendite mentes vestras et similiter agite ac in vertendis sententiis Latinis!

Martin Meier

Neuauflage der „Struktur der modernen Literatur“

Jeder, der moderne Romane und Gedichte liest, nimmt, oftmals mit Bestürzung, ihren z.T. radikalen Bruch mit den überkommenen literarischen Formen und Normen wahr. Aber warum schreiben moderne Autoren anders, haben sie neue Formen und Techniken des Schreibens entwickelt? Und um was für Formen handelt es sich denn? Ausgehend vom gewaltigen geistigen Wandel seit Beginn des letzten Jahrhunderts, unternimmt Andreottis Standardwerk den Versuch, vor dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, diese neuen Formen und Techniken, vom Montageroman bis hin zur digitalen Lyrik, an vielen Textbeispielen zu beschreiben. Dabei wird die traditionelle Literatur (z.B. der Bau der Novelle im Vergleich zu dem der modernen Kurzgeschichte) stets miteinbezogen. Das leserfreundlich gestaltete Buch richtet sich an Studierende, an Lehrkräfte und Schüler höherer Schulen so gut wie an Liebhaber der Literatur und an praktizierende Autorinnen und Autoren, die nach neuen Formen des Schreibens suchen.
In der vor kurzem erschienenen 5. Auflage, die stark erweitert und auf den neuesten Stand der Literatur und des Literaturbetriebs gebracht worden ist, werden nun auch die jüngsten literarischen Genres, wie etwa Beatboxing, Handyroman und Twitter-Lyrik, behandelt.

Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Neue Formen und Techniken des Schreibens: Erzählprosa und Lyrik. Mit einem Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen. UTB Band 1127. 5., stark erw. und aktual. Aufl., 488 S., Bern, Stuttgart, Wien 2014 (Haupt). CHF 28.-- (UVP), € 19.99. ISBN 978-3-8252-4077-6.

 

Weiterbildung

Von Kaisern, Bürgern und Gelehrten: Recht im (lateinischen) Mittelalter

Leitung:Prof. Dr. Stephan Dusil, Universität Leuven (Belgien)
Datum:Samstag, 5. September, 9.30 – 17.00 Uhr
Ort:Zürich (genaue Angabe folgt)
Kosten:Fr. 190.-; Mitglieder des SAV: Fr. 170.- (inkl. Mittagessen und Kaffee)
Anmeldung:martin.mueller@sbl.ch (bis am 27. August)

Das römische Recht und seine Geschichte gehört zu den interessantesten Gegenständen des Faches Latein. Es ist allerdings auch sehr anforderungsreich. Der SAV ist sehr glücklich, dass er mit Prof. Dr. Stephan Dusil einen Kenner der Materie dafür gewinnen konnte, eine Weiterbildung zum Thema „Von Kaisern, Bürgern und Gelehrten: Recht im (lateinischen) Mittelalter“ anzubieten. Am Lateintag hat Herr Dusil mit seinem Workshop „Zwei Juristen, drei Meinungen - oder: Wann ist eine Ehe unauflöslich?“ bewiesen, dass er rechtsgeschichtliche Themen kompetent und anschaulich vermitteln kann. An der Weiterbildung vom 5. September werden wir uns drei Textgruppen widmen: 1. einer Urkunde, also einem Rechtsakt eines Kaisers oder Papstes; sie ermöglicht uns einen Blick in die Rechtspraxis. 2. einem Text des gelehrten Rechts, der Kanonistik oder des römischen Rechts; zum Beispiel eine Summe, d. i. eine Zusammenfassung für Studenten über Eherecht oder ein anderes Thema. 3. einem Text aus dem mittelalterlichen Stadtrecht; dabei handelt es sich um selbstgesetztes Recht der Bürger.
Herr Dusil wird ein Input-Referat halten und die drei Quellengruppen vorstellen. Anschliessend werden wir die Texte gemeinsam übersetzen und kontextualisieren.

Wir hoffen, Ihr Interesse geweckt zu haben und freuen uns auf eine interessante Veranstaltung.

Martin Müller
Verantwortlicher für die Weiterbildung des SAV
 

Euroclassica

Activités 2015

En 2015 aussi Euroclassica poursuivra ses efforts au service de nos disciplines. À force de persévérance, des contacts ont pu être rétablis avec les associations hongroise et polonaise qui se sont restructurées. Une nouvelle association a vu le jour au Luxembourg ; son représentant sera le relai indispensable entre la fédération et les institutions européennes. Il officiera dès la mise en place du comité qui sera élu au mois d’août prochain pour la période 2015-2019. Il n’y avait plus de représentation grecque non plus depuis plusieurs années – en Grèce, les crises ne sont pas que financières –, cette aberration se résoudra sans doute en été aussi, vu qu’une nouvelle association de philologues classiques vient de voir officiellement le jour et qu’elle a manifesté son intention de rejoindre les rangs d’Euroclassica.

Désormais bien établies, les Academiae auront lieu au mois de juillet. Réservée davantage aux élèves du secondaire (et aux enseignants), l’Academia Saguntina offrira ses ateliers autour de la vie quotidienne chez les Romains, complétés par une approche pratique du théâtre antique et des danses grecques à Sagonte (E) du 1er au 8 juillet (inscription jusqu’au 15 mai).
Notre collègue Astrid Eitel sera en charge de la session classique de l’Academia Homerica qui se tiendra à Athènes et Chios du 11 au 20 juillet (inscription jusqu’au 10 mai). Les leçons porteront sur le chant 3 de l’Iliade. Un cycle de conférences variées autour d’Homère et des cours intensifs de grec moderne seront aussi conduits en parallèle. Pour en savoir plus sur les Academiae, consulter le site d’Euroclassica www.euroclassica.eu et les entrées correspondantes, ou www.philologia.ch et le lien Euroclassica.

La Conférence annuelle suivie de l’assemblée générale se tiendra à La Valette (Malte) du 28 au 30 août.

Christine Haller
 

Rezensionen

Klaus Bringmann, Cicero, Darmstadt (Philipp von Zabern / WSB) 22014. ISBN 978-3-8053-4829-4, CHF 42.90, 336 S.

Eine schöne Erfahrung eines Rezensenten: In meinem Fächli in der Schule erwartete mich nach den Schulferien ein Paket aus Deutschland, das ein Buch in Geschenkverpackung enthielt.
Es war ein Exemplar der zweiten Auflage von Klaus Bringmanns Cicero-Biographie, das mir der Autor persönlich hatte übersenden wollen. Ein handgeschriebener Brief lag bei, in dem er sich verspätet für meine wohlwollende Rezension der ersten Auflage im Bulletin des SAV bedankte: „Der Grund der Verspätung ist, dass ich den wunden Punkt des Buches, auf den Sie zu Recht den Finger gelegt haben, die zahlreichen Druckfehler, erst geheilt sehen wollte.“
Im Vorwort zur zweiten Auflage wird denn auch explizit meine Äusserung aus der damaligen Rezension zur ersten Auflage zitiert, in der ich die zahlreichen Fehler als „Wermutstropfen“ bezeichnet hatte. Inhaltlich hingegen wurde im Buch nichts geändert. Beide Auflagen können somit nebeneinander verwendet werden.
So schliesst Klaus Bringmann in seinem Dankesschreiben an mich: „Das alte fehlerhafte (sc. Exemplar) können Sie, wenn Sie es noch nicht getan haben, getrost entsorgen.“
Was ich selbstredend nicht getan habe, denn ob erste oder zweite Auflage: Das Buch ist so oder so sehr empfehlenswert und ich setze es auch regelmässig im gymnasialen Unterricht ein.

Beat Hüppin

Geneviève Lüscher, Die Blaue Katze. Ein Frauenleben in römischer Zeit, Stämpfli Verlag

Anechtlomara oder kurz Mara, eine junge helvetische Frau aus dem Vicus des römischen Heerlagers in Vindonissa, und Marcus Iulius Marcianus, Kommandant der Ala Gemelliana verlieben sich ineinander. Marcianus stammt aus einer vornehmen Familie von Aventicum, die grosse Hoffnungen auf seine Karriere setzt. Einer Verbindung zwischen den beiden Liebenden steht sehr viel im Weg, vor allem der Umstand, dass Mara das römische Bürgerrecht nicht besitzt und deshalb gar nicht heiratsberechtigt ist. So bedarf es vieler Wendungen, Irrungen und Wirrungen, bis die beiden zueinander finden. Diese Lovestory ist das erzählerische Vehikel, mit dem Geneviève Lüscher, die vielen Leser/innen bekannte Publizistin im Bereich Kulturgeschichte und Archäologie, ein Panorama des provinzialrömischen Lebens am Ende der Regierungszeit von Kaiser Nero aufspannt. Der Leser, die Leserin durchlebt mit den Figuren viele Facetten des alltäglichen Lebens von Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen verschiedener sozialer Schichten: Baden, Essen, Opfern, Kleiden, (unglückliche) Hochzeitsfeste, schlimme Geburten usw. Und immer wieder Ereignisse aus dem Leben im Heerlager von Vindonissa. Mitreissend erzählt die Autorin die Katastrophen, welche über die Menschen damals hereinbrechen konnten: brutale Überfälle, Verlust von Hab und Gut, ja selbst der Freiheit. All dies wird geschickt mit den historischen Umwälzungen dieser Zeit verwoben: Neros Sturz und die Wirren um die drei Kaiser Galba, Otho und Vitellius, dessen grausamer Tod auf dem Forum Romanum drastisch geschildert wird. Wer sich über die historischen Ereignisse informieren möchte, findet im Anhang des Buches eine kurze Zusammenfassung. Interessant ist die Darstellung der unterschiedlichen Aspekte der Romanisierung der Helvetier. Während Marcianus’ Familie vollständig romanisiert ist, bleibt Maras Vater auf Distanz zu Rom, ohne aber auf das breite Bildungsangebot und den Komfort der römischen Lebensweise verzichten zu wollen. Andere wiederum streben danach, das römische Joch abzuwerfen; mit schlimmen Folgen, wie der grausame Rachefeldzug des Caecina zeigt. Sehr geschickt spinnt Geneviève Lüscher den Erzählfaden so, dass sowohl verschiedene Orte der römischen Schweiz (Avenches, Grenchen (villa rustica), Martigny), als auch wichtige Städte des römischen Reichs wie Rom und Alexandria Schauplätze des Geschehens werden.

So ist ein lesenswerter und lehrreicher Roman entstanden, der die grossen Härten des Lebens der Menschen in dieser Zeit eindrücklich aufzeigt. Im letzten Drittel steigern sich allerdings die Liebeswirrungen im Stile griechischer Abenteuerromane so sehr, dass ihre Entwirrung hin zum ersehnten Happyend für meinen Geschmack etwas gar viel Gewicht erhält – sogar der Kaiser persönlich muss mithelfen!

Nichts desto trotz bietet das Buch eine interessante und unterhaltsame Lektüre, auch für jugendliche Leser/innen.

Martin Müller

IOANNES PHILOPONUS DE USU ASTROLABII EIUSQUE CONSTRUCTIONE Ioannes Philoponos, Über die Anwendung des Astrolabs und seine Anfertigung, unter Mitarbeit von Heiner Rohner herausgegeben, übersetzt und erläutert von Alfred Stückelberger, Teubner BT 2016 (de Gruyter, 2015)

Der etwa 30-seitige Traktat von Philoponos, der nun in einem dezenten Teubnerbändchen vorliegt, beschreibt in griechischer Sprache im Detail den Aufbau und die Anwendung des zweidimensionalen, d.h. planisphärischen Astrolabs, das bereits über all die Merkmale verfügt, wie sie in den späteren weit verbreiteten mittelalterlichen Geräten zu sehen sind. Philoponos, der Autor, erklärt einem in Astronomie offenbar nicht sehr geübten Schüler mittels eines offensichtlich vorliegenden Instruments dessen verschiedene Teile mit ihren Einzeichnungen und instruiert die verschiedenen, vor allem auf die Zeitbestimmung ausgerichteten Anwendungen.

Beim Autor, Johannes Philoponos von Alexandria (ca. 470 –ca. 540), handelt es sich um den bekannten Aristoteles-Kommentator, der – selber ein Christ – vor allem durch seine theologisch-philosophischen Werke bekannt ist und dem man zunächst eine solch nüchtern-sachliche Abhandlung nicht zutrauen würde. Das in mehreren Handschriften überlieferte Opusculum wurde seit der Erstausgabe von Hase 1839 bis anhin nie mehr publiziert, und auch die deutsche Übersetzung von Drecker von 1928 war revisionsbedürftig. Alfred Stückelberger konnte den Text, unter Beizug einiger weiterer Handschriften, an zahlreichen Stellen verbessern und das Verständnis durch eine zeitgemässe Übersetzung fördern. Er hat umfangreiche Erläuterungen zum Text und zum heute nicht mehr allgemein bekannten Astrolabium beigefügt, und Heiner Rohners sorgfältigst ausgeführte Zeichnungen erleichtern das Verständis.

Die Bedeutung der an sich nicht sehr anspruchsvollen Schrift liegt vor allem in der für die Wissenschaftsgeschichte wichtigen Tatsache, dass es sich um die älteste erhaltene Beschreibung des planisphärischen Astrolabiums handelt. Somit ist auch hier – wie bei soviel anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch – der griechische Ursprung dieses Instruments belegt, das später vor allem im islamischen und dann auch im abendländischen Bereich eine riesige Verbreitung gefunden hat.

Beim Astrolabium handelt es sich um ein zweidimensionales Gerät, welches die Struktur und Bewegung des Himmels mit Hilfe mehrerer drehbarer Teile auf einer Metallscheibe abbildet. So lassen sich Datum und Uhrzeit, Position eines Sterns oder der Sonne und die Himmelsrichtungen, auch bei Nacht, bestimmen. Das Astrolabium geht, gemäss einer Angabe dieser Schrift (6.1), auf den grossen Astronomen Ptolemaios zurück, wahrscheinlich aber noch weiter auf Hipparch. Es fand im islamischen und europäischen Raum starke Verbreitung. Aus beiden Gebieten sind noch je rund 700 Exemplare erhalten. Man kann übrigens im Internet Nachbildungen in verschiedenen Varianten recht günstig erwerben.

Alfred Stückelbergers Arbeit ist sehr verdienstvoll. Die Rettung von antikem wissenschaftlichem Material ist dringend notwendig, aber nicht selbstverständlich. Der Autor hat sich auf diesem Gebiet grosse Verdienste erworben mit seinen Büchern, mit der Gründung und dem Betrieb der Ptolemaios-Forschungsstelle an der Universität Bern und mit dem Aufspüren und Auswerten einer Ptolemaios-Handschrift in Istanbul.

Hans Widmer

Mamoun Fansa (Hrsg.), Syrien: Sechs Weltkulturerbe-Stätten in den Wirren des Bürgerkriegs, Mainz (Nünnerich-Asmus) 2014

Glücklich darf sich schätzen, wer in Syrien die einstige Pracht und den immensen Reichtum an Kulturgütern aus Antike und Mittelalter noch mit eigenen Augen sehen durfte. Syrien wird nie mehr so sein, wie es war. Nebst den Zerstörungen durch Bomben und Artilleriebeschuss, vernichten Raubgrabungen, Museumsplünderungen sowie blindwütige Zerstörungswut im grossen Stil dieses einzigartige Volks- und Menschheitserbe.

Kommende Generationen von Forschern und Reisenden werden sich in vielen Fällen nur noch anhand archäologischer und kunsthistorischer Forschungsliteratur aus der Vorkriegszeit einen Überblick über das Gewesene verschaffen können. Einen solchen, auf die sechs syrischen UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten konzentrierten Einstieg bietet das 128 seitige Werk in einem ersten (allerdings nicht explizit abgetrennten) Buchteil. Sechs namhafte Forscher und Syrienexperten führen den Leser durch Damaskus, Palmyra, Bosra, Aleppo, zu den beiden Kreuzritterburgen Krac des Chevaliers und Qal'at Salah ad-Din sowie zu den „Toten Stätten“.

Stefan Freyberger lotst anhand guter Übersichts- und Detail-Pläne den Unkundigen durch die traditionsreiche Handelsstadt Bosra. In anderen Beiträgen vermissen wir teils solch wertvolle Orientierungshilfen und das eine oder andere Foto lässt an Schärfe zu wünschen übrig, wenngleich die Lektüre durchaus sehr empfehlenswert ist.

In einem kleineren, zweiten Teil erfolgt eine Schadensanalyse. Der gebürtige Syrer und vormalige Museumsdirektor in Oldenburg Mamoun Fansa erhebt hierbei den Anspruch, dass das Buch eine „Zwischendokumentation für die Öffentlichkeit“ biete. Diese Einschätzung ist zu hoch gegriffen, alleine schon wegen der Tatsache, dass ein Kriegsende noch nicht absehbar ist. Mamoun Fansa muss am Ende selber eingestehen, dass eine Registrierung der Zerstörungen im Norden und Nordosten Syriens „zurzeit unmöglich“ sei. Insgesamt sind die gesammelten Angaben aus Zeitungen, Zeitschriften und aus dem Internet sehr spärlich.

Gute Untergrundkontakte – wie sie beispielsweise Ulrich Tilgner im Irakkrieg hatte – fehlen den Autoren. Die derzeitige Situation in Syrien würde eine wissenschaftliche Berichterstattung und Schadensanalyse auch nicht zulassen. Einerseits ist das Internet vielerorts zusammengebrochen, andererseits ist ein reiner Augenschein vor Ort oft zu gefährlich. Der IS finanziert sich mitunter durch Entführungen. In Aleppo ist das Anstehen um Brot ein mörderisches Unterfangen. Geheimdienstpatrouillen können auch in den ruhigeren Regionen zu jeder Tages- und Nachtzeit an die Türe klopfen. Sogar das Fotografieren in der Öffentlichkeit weckt Verdacht und kann zu einer Verhaftung führen. Da jede militante und radikalisierte Gruppe absolute Herrschaft beansprucht und der Hass durch fremde Mächte geschürt wird, ist selbst eine Teilung und Teilbefriedung Syriens heute noch nicht absehbar.

Eine fundierte wissenschaftliche Schadensanalyse kann daher erst nach Beendigung des Krieges vorgenommen werden und wird Generationen von Forschern beschäftigen. Aus dieser Perspektive ist das vorliegende Werk ein erster wertvoller Anstoss und trägt dazu bei, dass wir vor dieser apokalyptischen Kultur- und Menschheitstragödie nicht die Augen verschliessen und in gänzliche Ohnmacht versinken.

Omayyadenmoschee in Aleppo in ursprünglichem und zerstörtem Zustand
Benno Hägeli

Jacobus de Voragine, Legenda Aurea, Goldene Legende. Jacopo da Va­raz­ze, Legendae Sanctorum, Legenden der Heiligen, Einleitung, Edition, Über­set­zung und Kommentar von Bruno W. Häuptli. (Fontes Christiani Sonderband Teil I und II), Freiburg 2014, 2446 S., CHF 268

Das heute unter dem Titel Legenda Aurea in den Jahren 1263–1266 vom Do­mi­nikanerpater und Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine, verfasste Werk, das auch unter den Titeln Legendae oder Legenda Sanctorum, Vitae Sanctorum und anderen Bezeichnungen überliefert wurde, gehört in die Gattung der hagiographischen Literatur. Alle Fragen, die man heute von einer wissenschaft­li­chen Ausgabe und Übersetzung eines antiken oder mittelalterlichen Werkes erwartet, werden von Bruno Häuptli in der Einleitung beantwortet: Forschungs­über­blick, Datierung, Autor und Werk, Quellen und Handschriften. Dazu kom­men In­for­mationen, die mit der Eigenart dieses Werkes zusammenhängen: Der Be­griff Legende wird erklärt und die Historizität der Texte erörtert; da es sich zum grossen Teil um Heiligenviten handelt wird gesagt, was ein Kalendarium ist und was darin erwartet werden kann. Mit einem Wort: Es werden auf 67 Sei­ten auch für jene, die mit mittelalterlicher Hagiographie und Literatur im weitesten Sinn nicht vertraut sind, die für das Verständnis der Texte notwendigen Infor­ma­tio­nen gegeben.

Der lateinische Text, die Übersetzung und die dazugehörigen Anmerkungen (glücklicherweise am unteren Rand der Seiten!) beanspruchen die folgenden beinahe 2000 Seiten. Das Werk ist nach 5 Abschnitten des Kirchenjahres und deren theologisch-spirituellen Inhalt gegliedert (Advent als Zeit der Erneuerung, Weihnachten als Versöhnung und Wanderschaft, Fastenzeit als Verirrung, Ostern / Pfingsten als Versöhnung, und die Zeit bis Advent als Wanderschaft). Am Anfang jeder der fünf Perioden wird eine spirituelle Einleitung zur Ge­stal­tung der kommenden Wochen gegeben und darauf fallen nach Datum geordnet 181 Legenden oder Viten der Heiligen, die an einzelnen Tagen gefeiert werden. Die Nummer 182 betrachtet noch die Weihe einer Kirche. Die Ausgabe schliesst erwartungsgemäss mit Literaturhinweisen und zwei Registern mit kirchlichen Festen und Heiligen und dem nach Tagen geordneten Festkalender.

Was kann einer Person unseres Fachverbandes, die sich auf das Werk weder aus explizit theologischem noch liturgischem oder streng historischem Interesse einlassen will, das Riesenwerk unseres Kollegen aus der Zunft geben? Sehr viel! Der lateinische Text, die Übersetzung und die überaus reichen und informations­gesättigten Anmerkungen erschliessen ein Werk der Literatur, das Material aus vielen Jahrhunderten versammelt. Der Erweiterung des Wortschatzes fördern unter vielen anderen selten vorkommende Ausdrücke wie pelvis (Wasch­be­cken), das mittellateinische gaudeolum oder gaudiolum, das S. 137, Anm. 35 als frühester Beleg für „Edelstein, kostbares Gerät“ erklärt wird (ital. gioiello, franz. joyaux, deutsch Juwel), oder das aus dem Arabischen stammende asub (Stern­schnup­pe), das keines der gängigen Wörterbücher anführt und nur im „Mittel­la­tei­nischen Wörterbuch bis zum ausgehenden 13. Jahrhundert“ in einem Lemma aufscheint. Dass die Höflichkeitsform (vos), mit der der heilige Nikolaus an­ge­re­det wird, in der Verärgerung über nicht gewährte Hilfe in die zweite Form Sin­gu­lar ändert und sein Bild darauf durchgeprügelt wird, zeigt etwas von der Hand­festigkeit mittelalterlicher Heiligenverehrung; denn es sind nicht nur Juden wie in diesem konkreten Beispiel, die sich über nicht gewährte Hilfe auf diese Weise an Heiligen rächen! Zusammenfassend: Neben dem lateinischen Text und der genauen, gut lesbaren Übersetzung sind die im wörtlichen Sinn unzählbaren An­merkungen eine Fundgrube philologischen, historischen, theologischen und mentalitätsgeschichtlichen Wissens.

Bruno Häuptli hat in seiner rastlosen Tätigkeit während Jahrzehnten zu­gun­sten der Präsenz der klassischen Literatur in unsrer Zeit Grosses geleistet. Auf dieses monumentale Werk zur Legenda Aurea überträgt man gerne Martials Lob auf den Erbauer des Amphitheaters: Unum pro cunctis fama loquetur opus!

Alois Kurmann
Update: 7.5.2017
© webmaster
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