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Bulletin 75/2010

Inhalt

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Vorwort

Als ich angefragt wurde, die Redaktion des Bulletins zu übernehmen, war ich sehr erfreut und dankbar über das grosse Vertrauen, das mir mit dieser Aufgabe entgegengebracht wurde.

Die Arbeit bereitet mir viel Freude und die Unterstützung, die ich von allen Seiten erfahren durfte, hat mir bei meinem Einstieg sehr geholfen. Das Bulletin lebt von all den verschiedenen Beiträgen, die ich erhalte.

So sehe ich dann auch meine Arbeit darin, all die Texte, die einen faszinierenden Einblick in die Welt der Altphilologie geben, zusammenzutragen und zu veröffentlichen.

Das Büchlein lädt uns dieses Mal ein, über den Stellenwert des Wissens nachzudenken, nimmt uns auf eine Reise in die Alte Welt mit und regt an, bei Gelegenheit in eines der besprochenen Bücher zu schauen.

In dem Sinne wünsche ich uns allen eine spannende Lektüre!

Petra Haldemann
 

Thematischer Artikel

Der Weg zum Wissen - Die Geltung der Alten Sprachen

'halb leer' oder 'halb voll'?*

Am halb gefüllten Glas scheidet sich der Optimist vom Pessimisten. Vom halb vollen Glas zu sprechen scheint den meisten von uns sympathischer, steht doch noch Genuss in Aussicht und wird nicht über das, was verflossen ist, lamentiert. Ganz anders beim Wissen: Mit Halbwissen ist man ein Dilettant, blamiert man sich. Halbwissen hat nichts zu suchen in unserer Welt, die auf Fakten und ganzem Wissen gebaut ist. Von Humboldts Theorie der Bildung des Menschens 1793 über Adornos Theorie der Halbbildung 1959 zu Liessmanns Theorie der Unbildung 2006 geht es steil bergab. Man braucht indessen keineswegs Pessimist zu sein, um am halbleeren Glas des Wissens - dem Halbwissen - keinen Gefallen zu finden. Wer wäre zufrieden, wenn er unter Zahnschmerzen leidet, zum Zahnarzt geht und dieser ihm, anstatt ihm eine fundierte Zahnbehandlung aufgrund einer gründlichen Untersuchung angedeihen zu lassen, einfach den Zahn zieht, da er nicht weiss, was er genau machen soll? Hier ist solides Fachwissen Pflicht. Wenn das nicht der Fall ist, hat das Glas, um im Bild zu bleiben, einen Sprung. Und wenn ein solcher Kurpfuscher scheinbar beschämt nach Art des Sokrates beteuert: "Ich weiss, dass ich nichts weiss.", so meint er damit wohl nichts Anderes als: "Ich weiss das nicht, was ich wissen muss."

Dabei gibt es doch berechtigten Anlass zu Optimismus: Seit wenigen Dezennien spinnt sich unter dem Kürzel www ein virtuelles Netz immer dichter um die Welt, welches das Wissen revolutioniert hat. Wissen steht nun überall allen zur Verfügung. Wissen kann sich universell vernetzen und weiter spinnen. Wikipedia, die Enzyklopädie von allen für alle, hat den - im eigentlichen Wortsinn - aristokratischen Brockhaus beseitigt. Das revolutionäre Ziel der égalité scheint in der modernen Wissensgesellschaft erreicht. Heute informiert sich der Patient im Internet und argumentiert mit dem Arzt über die richtige Behandlung. Abend für Abend ergötzen sich tausende Fernsehzuschauer an Wissensshows, in denen das egalitäre Prinzip, wie Liessmann bemerkt hat, zur Vollendung gelangt. Auf die Frage "Auf wen geht die Wendung: 'Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf' zurück? a) Hobbes, b) Plautus c) Freud, d) Schopenhauer"1 folgt nahtlos die Frage: "Wie vielen Schweizer Fussballmannschaften ist es gelungen, drei Mal hintereinander Schweizer Meister zu werden? a) 3, b) 5, c) keiner, d) 1."2 Das Wissen selbst ist egalitär geworden; oder sollen wir sagen: egal? Wissen kann schnell gewonnen, angewendet und wieder in der unergründlichen Wissensdeponie entsorgt werden. Die Menschen erlernen heute Lebensabschnittsberufe. Die wirtschaftliche Entwicklung kann das mühsam erworbene Berufswissen schlagartig zu 'Ladenhüter-Wissen' degradieren. Den Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als es unter Umschulungsmühen durch nachgefragtes Wissen zu ersetzen. Auch von den Schulen wird verlangt, dass sie nachfrageorientiertes Wissen vermitteln. Und weil sich die Nachfrage so rasch wandelt, reicht es, den Schülern das so genannte lebenslange Lernen - zeitge-mässer lifelong learning - beizubringen, die Inhalte sind sekundär, eben egal. Dieses Prinzip hat vor Urzeiten schon der Athener Solon erkannt und prägnant formuliert: Alternd lerne ich täglich Neues hinzu.

Wissen ist heute ein von jeglicher Hierarchie befreites, beliebig variierbares Netz, in dem sich postmoderne Menschen orientierungslos herumbewegen, bis die einen durch die Maschen fallen, anderen der Faden reisst.

Kürzlich äusserte ein Bildungsexperte an einer Debatte zur künftigen Ausgestaltung der Volksschulbildung, die Schüler müssten künftig Chinesisch lernen, weil China die wirtschaftliche Zukunft gehöre, oder Suahelisch, diese Sprache sei so verschieden, dass sie ihre Muttersprache dadurch besser verstehen könnten. Wissen wird entweder von der Wirtschaft instrumentalisiert oder treibt im Meer der Beliebigkeit. Der aufklärerische Imperativ sapere aude - habe Mut, deinen Verstand zu gebrauchen verhallt unerhört im Lärm unserer Zeit.

Etwas Entscheidendes darf hingegen nicht übersehen werden. Schon die Bibel hat das deutlich gezeigt: Der Mensch ist von seinem Wesen her darauf angelegt, erkennen, d.h. wissen zu wollen. So kommt es - notgedrungen! - zu Adams und Evas Sündenfall. Sie essen die Frucht vom Baum der Erkenntnis - das Glas ist übervoll geworden, das Wasser quillt über. Die Folgen sind bekannt. Trotzdem - (oder deshalb?): Das Wissenwollen tut sich schwer. Ohne Zwang geht das normalerweise nicht, wie Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis gezeigt hat. Da sitzen in einer abfallenden Höhle gefesselte Menschen. Sie können ihren Kopf nicht bewegen und nur die Rückwand der Höhle sehen. In ihrem Rücken verläuft eine Strasse, gesäumt von einer niedrigen Mauer, hinter der Leute vorübergehen. Diese tragen auf ihren Schultern Gegenstände aller Art und unterhalten sich dabei. Ihre Stimmen widerhallen in der Höhle. Dahinter beleuchtet ein Feuer die Szenerie und wirft die Schatten der Vorübergehenden an die Rückwand der Höhle. Die Gefesselten sind der festen Überzeugung, dass die Schatten und die Geräusche die einzig bestehende Wirklichkeit sind. Einer dieser Gefesselten wird nun befreit, dreht sich unter Schmerzen, da alle seine Glieder versteift sind, um und folgt mit grosser Mühe und ziemlich widerwillig seinem Führer zum Ausgang der Höhle hinauf. Auf dem Weg nach oben bricht sein Weltbild zusammen: er erkennt die Wahrheit der Schatten. Sie sind Abbilder, verursacht vom Feuer. Oben angekommen, ist er zunächst vom Tageslicht geblendet und kann nichts sehen, erkennt aber nach einiger Zeit eine ihm bisher verschlossene wunderbare Welt. Da möchte er bleiben und das Leben geniessen. Er muss aber zurück. Voller Begeisterung erzählt er unten seinen Gefährten von seinem Erlebnis. Diese glauben ihm kein Wort, ja sind sogar bereit, ihn, diesen Besserwisser, der sie aus ihrem wohl vertrauten und bequemen Alltagstrott reissen will, zu töten. Sie wollen in ihrer Welt des Scheins und der Vorurteile bleiben. Sie wollen die Dinge nicht sehen, wie sie wirklich sind. Sie leiden an Dummheit, aber leiden nicht darunter. Das Höhlengleichnis zeigt uns mit aller Deutlichkeit, dass der - anstrengende! - Weg zum Wissen, zur Erkenntnis dem, der ihn zu gehen gewillt ist, eine neue Welt auftut, die ihm immer reicher und interessanter erscheint und ihn immer reicher und interessanter macht. Und in diesem Zusammenhang bedeutet nun Halbwissen schon erfreulich viel, nämlich die Gewissheit, dass man auf dem scheinbar wenigen Wissen, das man erworben hat, aufbauen kann. So ist beispielsweise derjenige, der Latein, das uns kulturell natürlich viel näher steht als Suahelisch, gelernt hat, mit Hilfe eines lateinischen Wörterbuchs ohne weiteres in der Lage, den Verfassungstext der EU auf Portugiesisch zu lesen, ohne Portugiesisch zu können. Oder um es mit Ludwig Hasler zu sagen: "Die Beschäftigung mit dem angeblich Nutzlosen ist das Allernützlichste für erfinderische Köpfe."

Beno Meier und Martin Müller

* Vollständige Fassung des redaktionell gekürzten Artikels in "Schweizer Monatshefte" Sonderthema 7, Oktober 2009, S. 4 (> Text)

1 Die Lösung b stimmt; die Wendung geht auf das Plautus-Stück Asinaria zurück. Hobbes hat ihn in seiner lateinischen Fassung 'homo homini lupus' berühmt gemacht. Sowohl Schopenhauer als auch Freud zitieren Hobbes. (> Text)

2 Die Lösung a stimmt. Es handelt ich um die Clubs BSC Young Boys (1909-1911 und 1957-1960), FC Zürich (1974-1976), Grasshopper-Club Zürich (1982-1984). (> Text)

Zum Weiterlesen:
Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006
Annemarie Pieper, Selber Denken, Leipzig 1997
www.lateinmachtschule.ch

Überall, wo Rom war...
Der Einfluss des Lateins auf die deutsche Sprachgeschichte*

Während meiner Mittelschulzeit hatte ich im Biologieunterricht zu lernen, dass die Haut des Menschen aus drei Schichten bestehe: aus einer Oberhaut, der Epidermis, einer Lederhaut, dem Corium, und aus einer Unterhaut, der Subcutis. Keine Angst, ich halte hier keine Biologievorlesung. Aber warum sage ich das? Weil es sich mit unserer deutschen Sprache ganz ähnlich verhält. Nur sind es da nicht drei, sondern gar vier historische Schichten, die wir zu unterscheiden haben: eine älteste, keltische Schicht, die bis ins erste Jahrhundert v.Chr. reicht; eine zweite, römisch-lateinische Schicht, die von der Mitte des ersten Jahrhunderts bis ins 4. Jahrhundert dauert und die dann mit der einsetzenden Völkerwanderung von einer germanischen Schicht überlagert wird. Schliesslich die jüngste, die deutsche Schicht, die, wie man weiss, als Ergebnis der germanischen Völkerwanderung im 6. und 7. Jahrhundert entsteht. Sprachliche Prozesse wie die zweite Lautverschiebung, die althochdeutsche Diphthongierung und Monophthongierung und der sog. Primärumlaut sind uns aus dem Sprachgeschichtsunterricht noch geläufig.

Vier historische Schichten, von denen die römisch-lateinische für die Entstehung und Entwicklung der deutschen Sprache ein besonderes Gewicht erhalten hat. Wie erklärt sich das? Ich würde meinen, dass es für die Vorherrschaft der römisch-lateinischen Sprachkultur im Abendland vor allem drei Gründe gibt, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte:

Ein erster Grund, den wir gerne vergessen, dürfte in der Idee der Pax Romana liegen, also in jenem vor allem von Kaiser Augustus konzipierten Friedensprogramm des Römischen Reiches im 1. nachchristlichen Jahrhundert, das Sicherheit und Schutz für den Einzelnen und Wohlfahrt für die Gesamtheit garantierte. In einer alten Chronik aus dem Saar-Gebiet habe ich folgenden Satz gelesen: "Und dann kamen die Römer und es herrschte dreihundert Jahre lang Friede." Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, was das für die damaligen Menschen bedeutete. Sicher ist, dass sich diese für das Imperium Romanum typische lange Friedenszeit auf die Festigung der römischen Sprache und Kultur in Westeuropa, in grossen Teilen Mitteleuropas, auf dem gesamten Balkan bis hinunter nach Griechenland, in Kleinasien bis zum Euphrat usw. positiv ausgewirkt hat.

Soweit ein erster Grund für die Vorherrschaft der lateinischen Sprachkultur im Abendland. Ein zweiter Grund dürfte in der kulturellen Überlegenheit der Römer gegenüber den unterworfenen Völkern, den Kelten, den Germanen, den Illyrern, den Karthagern usw. liegen. Dabei meint hier kulturelle Überlegenheit weniger die Überlegenheit in Philosophie, Wissenschaft und Kunst - darin waren die Griechen den Römern bekanntlich weit voraus -, als vielmehr ihre Überlegenheit im Bereich der Sachkultur und des Institutionellen, also des Staates, des Rechts und der Politik. Ganz anders als etwa die Griechen, die es in ihrer antiken Geschichte nie zu einem gesamtgriechischen Staat, ja nicht einmal zu einer losen Föderation gebracht hatten, haben die Römer in grandioser Weise gezeigt, wie man einen Staat regiert, verwaltet, wie man für eine relative Ewigkeit geschaffene Institutionen und Gesetze hervorbringt. Das hat zweifellos auch auf die Sprache der umliegenden Völker, vor allem auf die der Germanen gewirkt, die durch Handel, Hilfsdienst oder Ansiedlung im römischen Besatzungsgebiet Germaniens stets in enger Berührung mit den Römern waren. Man hat das Lehngut der deutschen Sprache aus dem römischen Latein auf etwa 550 Wörter geschätzt. Die meisten dieser erhaltenen Lehnwörter beziehen sich auf verschiedene Gebiete des friedlichen Verkehrs. Aus dem Handel stammen etwa Lehnwörter wie kaufen (aus lat. caupo der 'Gastwirt'), Pfund (pondo), Münze (moneta), Markt (mercatus), eichen (aequare), Kiste (cista), Karren (carrus); aus dem vorbildlichen römischen Garten- und Weinbau stammen Wörter wie pflanzen, pfropfen, impfen, pflücken, Birne, Kirsche, Pflaume, Pfirsich, Kohl, Zwiebel, Rettich, Kümmel, Wein, Becher, Kelter, Bottich u.v.a. Da die Römer den steinernen Hausbau in Deutschland eingeführt haben, verdanken wir ihnen auch Wörter wie Mauer, Ziegel, Kalk, Mörser, Pfeiler, Pforte, Fenster, Kamin, Kammer, Keller, Küche und viele andere, wie auch Bezeichnungen der römischen Bequemlichkeit im Innern des Hauses: Tisch, Schrein, Spiegel, Pfanne, Trichter, Kerze, Kissen usw.

Schliesslich noch ein dritter Grund, der deutlich macht, warum das römische Erbe zum zentralen Element der europäischen und damit auch der deutschen Kultur geworden ist. Das Lateinische, also die Sprache der Römer, wurde zur Sprache der abendländischen Kirche und ihrer Liturgie, und das in der römisch-katholischen Kirche bekanntlich bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil in den Jahren 1962 bis 1965, ja z.T. bis heute, wenn wir etwa an den Gregorianischen Choral denken, der seit dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI geradezu eine Renaissance feiert. Und wenn wir schon dabei sind: Das Lateinische war bis ins 19. Jahrhundert hinein auch die Sprache der Juristen, der Gelehrten und Diplomaten, und wir wissen, dass etwa in Ungarn, ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert hinein, alle öffentlichen Schriften der Behörden und der Gerichte in lateinischer Sprache verfasst wurden. Und um diesen Exkurs abzurunden, füge ich noch bei, dass einige der romanischen Sprachen, also der Töchter des Lateins, vor allem das Spanische und das Portugiesische, heute in Weltteilen verbreitet sind, die kein Römer jemals betreten hat, von deren Existenz kein Caesar etwas wusste, weil sie zur Zeit des Imperiums Romanum noch völlig unbekannt waren. Aber trotzdem sprechen wir mit völliger Selbstverständlichkeit von einem Lateinamerika. Wir anerkennen damit, fast unbewusst, dass der Einfluss Roms, des Römertums und seiner Sprache, zumindest mittelbar, weiter reicht, als das Gebiet, das römische Feldherren, römische Kaiser, Beamte und Legionäre vor zweitausend Jahren erobert, zivilisiert und verwaltet haben.

Kehren wir damit zur Sprache der abendländischen Kirche zurück. Die Entstehung der deutschen Sprache, vor allem die Anfänge einer deutschen Schreibsprache im 8. und 9. Jahrhundert, hängen bekanntlich ganz wesentlich mit der Christianisierung zusammen. Sie, die Christianisierung, dürfte sogar die Voraussetzung für den Beginn einer deutschen Schreibkultur gewesen sein. Vor allem in zwei sprachlichen Bereichen bringt die christliche Missionierung einen neuen Wortschatz in die deutsche Sprache: im Bereich der Lehnwörter und der Lehnübersetzungen.

Zunächst ein paar Worte zu den lateinisch-christlichen Lehnwörtern in der deutschen Sprache. Als Lehnwörter bezeichnen wir Germanisten Wörter, die sprachgeschichtlich zwei Bedingungen erfüllen: die zum einen, meist aus dem Lateinischen oder Vulgärgriechischen, früh, d.h. zur Zeit der 2. Lautverschiebung oder kurz danach, ins Deutsche übernommen und die damit zum andern weitgehend germanisiert, also der Lautgestalt des Deutschen, angepasst worden sind. Es sind dies - wie könnte es anders sein - vor allem Wörter aus den verschiedenen Sachbereichen des kirchlichen Lebens: z.B. Bischof aus lat. episcopus; Mönch aus spätlat. monicus, neben monachus; Pfründe aus lat. praebenda; Engel aus lat. angelus; Münster aus lat. monasterium; segnen aus lat. signare; Zelle aus lat. cella; Kloster aus lat. clausa oder claustrum, Altar aus lat. altare; Abt aus lat. abbatem. Die letzten drei Wörter (Kloster, Altar und Abt) sind übrigens ohne zweite Lautverschiebung übernommen worden, was darauf hinweist, dass ihre Übernahme nach dem Abschluss der zweiten Lautverschiebung, also nach dem 9. Jahrhundert, erfolgt ist.

Interessant dürfte dabei sein, dass für die Begriffe der christlichen Heilslehre und des Glaubenslebens in der Regel nicht Lehnwörter aus dem Lateinischen, sondern heimische Wörter verwendet oder neu gebildet worden sind. Geben wir dafür auch ein paar Beispiele: So sind Wörter wie Gott, Schöpfer, Heiland, Gnade, Glaube, beten, Seele, Demut, Busse usw. - wir spüren es sofort - nicht lateinischen, sondern germanischen, d.h. entweder angelsächsischen oder gotischen Ursprungs. Und so geht etwa ein Wortgruppenlexem wie "Heiliger Geist" nicht, wie man meinen könnte, auf lateinisches "spiritus sanctus", sondern auf das im süddeutschen Raum entstandene althochdeutsche "wiho atum", also "heiliger Atem", zurück.

Soviel zum Lehnwortgut aus dem Lateinischen. Man gestatte mir noch ein paar Bemerkungen zu den Lehnübersetzungen. Von Lehnübersetzungen sprechen wir dann, wenn fremdsprachliche Morpheme durch deutsche ersetzt werden, wenn wir also beispielsweise die beiden Morpheme /foot/ und /ball/ im englischen Wort "football" durch die beiden analogen deutschen Morpheme /Fuss/ und /ball/ ersetzen: football/Fussball. Rund 10% der etwa 30'000 althochdeutschen Wörter dürften Lehnübersetzungen aus dem Lateinischen sein. Die meisten dieser Wörter stammen - wie könnte es auch da anders sein - aus dem Bereich des christlichen Glaubens und der Kirche. Nennen wir einige: Unser neuhochdeutsches Wort "Barmherzigkeit", althochdeutsches "armaherzi", leitet sich aus dem lateinischen "misericordia", einer Zusammensetzung aus "miser" und "cor", ab; ähnlich steht es mit Lehnübersetzungen wie Gewissen (aus lat. "conscientia"), Heiligtum (aus "sanctuarium"), Gemeinde (aus "communio"), Wohltat (aus "beneficium"), Gevatter (aus "compater"), Frohbotschaft, althochdeutsch noch "guotspel", die "gute Erzählung" (aus gr. "euvangelion") usw. All diese Lehnübersetzungen, in denen eigene, deutsche Morpheme verwendet werden, hängen wohl mit einem erwachenden deutschen Sprachbewusstsein zur Zeit Karls des Grossen, kurz vor und nach 800, zusammen, mit einem Sachverhalt also, auf den ich gleich zu sprechen komme. Wir nehmen heute an, dass fast die Hälfte aller rund 500'000 deutschen Wörter Lehnwörter oder Lehnübersetzungen griechisch-lateinischer Herkunft sind, die in alt- und mittelhochdeutscher Zeit in die deutsche Sprache kamen. Ähnlich verhält es sich bekanntlich mit dem Englischen: Auch da sind rund 50% aller Wörter nicht angelsächsisch-germanischen, sondern lateinischen Ursprungs. Einmal abgesehen von der Eroberung Englands durch den römischen Kaiser Claudius im Jahre 43 n.Chr. haben die französisch sprechenden Normannen, zwar germanischen Stammes, viele dieser Wörter im 11. Jahrhundert nach England gebracht. Daran müssen gerade junge Leute ab und zu wieder erinnert werden, wenn sie glauben, 'neudeutsche' Modewörter wie Event, Supermarkt, Center, Story, TV, Publicity, Master usw. würden aus dem Englischen bzw. aus dem Angloamerikanischen stammen. Sie stammen ursprünglich alle aus dem Latein.

Damit aber wieder zurück zur deutschen Sprache. Ich habe in diesem Aufsatz immer wieder den Begriff "deutsch" verwendet. Falls damit eine bestimmte Sprache gemeint sein sollte, war der Begriff sprachgeschichtlich nicht korrekt. "deutsch" als Bezeichnung einer bestimmten, relativ einheitlichen und geographisch klar eingrenzbaren Sprache - eine solche Bezeichnung gibt es nicht vor dem 11. Jahrhundert, gibt es in einem engeren Sinne eigentlich erst seit der Zeit der Stauffer, also seit der Mitte des 12. Jahrhunderts, wo dann, wenn man das Deutsche Reich meint, erstmals von den "diutschen lanten" die Rede ist. In althochdeutscher Zeit taucht der Begriff "diutesk" gegen Ende des 8. Jahrhunderts in der Bedeutung von "volkssprachlich" auf, meint hier also noch keine bestimmte Sprache, sondern als "lingua theodisca" den Gegensatz zur Sprache der Gelehrten, der Kirche, der "lingua latina" nämlich.

Machen wir uns bewusst, dass bis weit in die mittelhochdeutsche Zeit hinein und teilweise darüber hinaus im mitteleuropäischen Raum das Lateinische, genauer gesagt, das Mittellateinische, die übernationale Verkehrssprache war. Wenn ein Mönch aus dem Kloster St. Gallen mit einem Kollegen aus Reichenau in Kontakt stand - und das stand man sehr häufig -, dann geschah das stets in lateinischer und keineswegs in deutscher Sprache. Noch 1570, also nach Martin Luther, waren 70% der deutschen Buchproduktion lateinisch geschrieben und im Jahre 1740, in der Zeit der Aufklärung, waren es immerhin noch 14%. Erst um 1800, als zur Zeit der Klassik die deutsche Literatursprache zur Standardsprache wird, geht die Produktion der lateinisch gedruckten Bücher auf 4% zurück. Wie sehr sich die deutsche Sprache aber noch im 18. Jahrhundert im Gängelband des Lateinischen befand, so dass wir es mit einer lateinisch-deutschen Mischsprache zu tun hatten, mag ein kurzes Textbeispiel aus einem um 1746 erschienenen Lexikon zeigen:

Virginius war ein Römer, der zwar nur ein Plebejus war, der aber doch ein Detachement wider die Aequos commandirte. Seine Tochter wurde zu ihrer Zeit für die schönste Virgo zu Rom gehalten, daher denn, ob sie wohl bereits an den Icelium, des Icelii, so zu Rom zuerst die Tribunos militum consulari potestate einführen helfen, Sohn, einem Mann, so auch bereits seine Ehren-Chargen verwaltet, versprochen war, dennoch liess sich der damalige Decemvir, Appius Claudius, ihre Schönheit so ferne blenden, dass er erstlich suchte sie durch Geschenke zu seinem Willen zu bringen, und als solches nicht angehen wollte, endlich den M.Claudium, einen seiner Clienten anstellete, der sich der Virginis mit Gewalt zu bemächtigen suchte.

In die Hörsäle der Universitäten drang das Deutsche erst seit 1687 durch Christian Thomasius in Leipzig. Und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mussten in einigen Fächern Doktorarbeiten lateinisch verfasst werden. Ich selber erinnere mich noch an unsere Doktoratsfeier an der Universität Zürich im Jahre 1975, als mir der Dekan der Fakultät die Ergebnisse meiner Doktorprüfung in klassischem Latein vortrug und ich zunächst im Unklaren war, ob ich nun bestanden hatte oder nicht.

Diese weit über das Ende des Mittelalters hinaus andauernde kulturelle Vorherrschaft des Lateins musste ihre Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Sie hat dies zunächst einmal und wohl am deutlichsten in den althochdeutschen Schreibsprachen getan. Man bedenke, dass das Althochdeutsche nicht nur keine einheitliche Rechtschreibung besass - Wörter konnten bis zu sieben und mehr Schreibvarianten aufweisen -, sondern darüber hinaus auch noch nicht über eine eigene Syntax verfügte. Nur so lässt sich die Verwendung der Interlinearversion in zahlreichen althochdeutschen Texten erklären. Eine Interlinearversion - um diesen sprachgeschichtlichen Begriff noch zu definieren - entsteht, wenn über den lateinischen Text eine Wort-für-Wortübersetzung ins Althochdeutsche geschrieben wird, wie z.B. in der St. Galler Benediktinerregel aus dem frühen 9. Jahrhundert oder im apostolischen Glaubensbekenntnis aus dem "Weissenburger Katechismus" Ende des 8. Jahrhunderts. Der lateinische Text beginnt bekanntlich mit folgendem Satz: Credo in deum patrem omnipotentem, creatorem caeli et terrae. Über diesem lateinischen Text befindet sich Wort für Wort in deutlich kleinerer Schrift der althochdeutsche Text, der wie folgt lautet: Gilaubiu in got fater almahtigon scepphion himiles enti erda. Übrigens diente das Latein nicht etwa dem Althochdeutschen, sondern umgekehrt: Der über dem lateinischen geschriebene althochdeutsche Text half den Klosterschülern bei der Bewältigung des offenbar schon damals als schwierig empfundenen Lateins. Im "Vater unser" - lat. "pater noster" -, wie es in der katholischen Kirche heute noch gebetet wird, sind Überreste der althochdeutschen Interlinearversion erhalten geblieben.

Aber nicht nur in althochdeutscher Zeit, auch später hat die Vorherrschaft des Lateins ihre Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Wenn wir im Deutschen heute Satzgefüge mit abhängigen Nebensätzen, Partizipial- und Infinitivkonstruktrionen machen, so spiegelt sich darin der Einfluss des Lateins, wie er sich in der deutschen Syntax seit frühneuhochdeutscher Zeit nachweisen lässt. War in mittelhochdeutscher Zeit der Satzbau noch hauptsächlich parataktisch, bestanden die Texte also aus einfachen Hauptsatzreihen, so kommt, durch das lateinische Vorbild bedingt, seit etwa 1400 zunehmend die Hypotaxe, also der unterordnende Satzbau aus Haupt- und Nebensätzen, vor. Wir sprechen in der deutschen Sprachgeschichte daher von einer eigentlichen Lehnsyntax. Wenn also beispielsweise der lateinische Infinitivsatz "Caesar flumen transire non dubitavit" sich deutsch ebenfalls als Infinitivkonstruktion, nämlich als "Caesar zögerte nicht, den Fluss zu überschreiten" wiedergeben lässt, dann ist das schönster Ausdruck dieser Lehnsyntax.

Latein hat die deutsche Sprache, wie ich mehrfach betont habe, über Jahrhunderte dominiert. Als ein wichtiges Indiz dafür gilt die heute noch vorherrschende normative Schulgrammatik, die sich aus vorgegebenen, vor allem lateinischen Regeln ableitet. So bildet, um nur ein Beispiel zu nennen, die letztlich aus dem Lateinischen stammende Unterscheidung von Adjektiv und Adverb heute noch einen wichtigen Bestandteil vieler deutscher Grammatiken, obwohl diese Unterscheidung der Struktur des Deutschen nicht entspricht. Doch trotz solcher Abhängigkeiten hat sich das Deutsche im Verlaufe seiner Geschichte vom Latein immer wieder zu emanzipieren versucht. Das beginnt schon in mittelhochdeutscher Zeit mit dem Zurückdrängen des kirchlichen Einflusses, als die verschiedenen deutschen Volkssprachen auf Kosten des Lateins nun häufiger auch geschrieben werden. Schönstes Beispiel dafür ist für uns Schweizer der Bundesbrief von 1315, der im Gegensatz zum Vertrag von 1291 nicht mehr lateinisch, sondern deutsch geschrieben war. Und das setzt sich während der Reformation bei Martin Luther fort, der in seiner Bibelübersetzung nicht mehr den vom Latein abhängigen Satzbau übernimmt. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang auch Luthers "Sendbrief vom Dolmetschen" aus dem Jahre 1530, in der die Eigengesetzlichkeit und damit Ebenbürtigkeit der deutschen Sprache gegenüber dem Griechischen und dem Lateinischen erstmals festgehalten ist. Zu erwähnen wären da auch die Humanisten, die zwar selbst weitgehend noch lateinisch schrieben, die anderseits aber zahlreiche Werke aus dem Latein und dem Griechischen ins Deutsche übersetzten, um die antike Kultur an Nicht-Lateinkundige zu vermitteln. Lateinisch-deutsche Wörterbücher wurden gedruckt, und zwischen 1573 und 1578 erschienen gar drei deutsche Grammatiken - allerdings in lateinischer Sprache.

So wie sich im ehemaligen römischen Herrschaftsgebiet aus dem provinzialrömischen Vulgärlatein seit dem 6. Jahrhundert die romanischen Sprachen entwickelt haben, so wäre auch die deutsche Sprache ohne den gewaltigen Einfluss des Lateins nicht zu dem geworden, was sie heute ist. Latein ist in diesem Sinne keine tote Sprache. Man mag es höchstens eine soziologisch unvollständige Sprache nennen, weil nicht alle Bevölkerungsschichten, heute leider immer weniger, an ihr teilhaben. Und dies, obwohl es gar nicht so lange her ist, dass im Quartier Latin in Paris auch die Bäckersfrau lateinisch verstand und dass im Goms, im Oberwallis, die Bauern sich mit einem Theologiestudenten auf Latein unterhalten konnten. Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

Mario Andreotti

* Der vorliegende Text ist die leicht modifizierte Fassung eines Referats, das der Autor am 14. November 2009 im Rahmen des Lateinischen Kulturmonats in St. Gallen gehalten hat. (> Text)

 

Anzeigen und Mitteilungen

Protokoll der Jahresversammlung des SAV
vom 13. November 2009 an der Kantonsschule Büelrain in Winterthur

Vorsitz: Ivo Müller
Teilnehmer: 33 Mitglieder
Entschuldigt: 5 Mitglieder

1. Protokoll der Jahresversammlung 2008

Das Protokoll wird angenommen und verdankt.

2. Jahresbericht des Präsidenten (wird im Bulletin abgedruckt)

Die Entwicklung von Latein / Griechisch an den Gymnasien wird laufend beobachtet.

Strategische Ziele des Vorstands:
1. Vernehmlassung zum Lehrplan 21 der Volksschule, der SAV ist mit dabei. Latein soll auf den LP erscheinen, wird nur als Kann-Fach erwähnt. Etwa gleich viele Kantone sprechen sich für wie gegen Latein aus.
2. Kongress 2011: Es fehlt an personellen und finanziellen Ressourcen, um Mitarbeit wird gebeten.

Rückblick auf die Weiterbildungs- und andere Angebote im vergangenen Jahr. (Weiterbildung: November in Basel, 'Mehr als Scherben' + im September Reise durch Nordgriechenland / Lateintag in Brugg / St. Galler Kulturmonat / Römertage in Augst)

Dank an den Vorstand.
Freude über 13 neue Mitglieder.

Ivo Müller stellt die Möglichkeit seines Rücktritts aus gesundheitlichen Gründen in Aussicht.

Der Bericht wird mit Applaus angenommen.

G. Meyer weist darauf hin, dass Latein nur dank der Intervention des SAV im LP 21 erwähnt ist. Ihr Tipp: direkt einen Brief schicken an die Verantwortlichen mit unseren Argumenten. Das Nein einzelner Kantone sei differenziert zu betrachten.

3. Kassabericht; Mitgliederbeitrag

Sparsimonia est scientia vitandi sumptus supervacuos aut ars re familiari moderate uti - Wer seinen Seneca verinnerlicht hat, kann beim Rechnungsabschluss lachen.

Die Jahresrechnung schliesst mit einem Einnahmenüberschuss von 4'347.68 Fr. und einem Vermögen von 25'448.56 Fr. ab.

Der Mitgliederbeitrag wird belassen bei 45.- Fr.

Der VSG verlangt neu 10.- Fr. für die Adressverwaltung der Pensionierten. Es scheint opportun, alle 2 Jahre einen Spendenaufruf an die Pensionierten zu erlassen.

4. Kassarevision

Die (abwesenden) Revisoren lassen uns wissen, dass ihr Job mit dem neuen Computerprogramm ein Zuckerlecken sei.

Der Kassa- + Revisorenbericht wird mit Applaus genehmigt.

5. Wahlen

Verabschiedung der scheidenden Vorstandsmitglieder:

- Flavia Löpfe verlässt den Vorstand, sie konnte an der GV nicht teilnehmen.

- R. Wachter würdigt das Wirken von Alois Kurmann, der nach mehr als 20 Jahren den Vorstand verlässt. Er hat als Pater im Kloster Einsiedeln das Studium der Altphilologie aufgenommen und mit einer Arbeit zu Gregor von Nazianz abgeschlossen. Mit viel Freude und grossem Einsatz hat er sich für die Alten Sprachen eingesetzt, im Unterricht, im Vorstand, wo er nach Durchlaufen des cursus honoris schliesslich die Redaktion des Bulletins übernahm, und auch in verschiedenen Kommissionen und Arbeitsgruppen. Dem Vorstand bleiben besonders auch die wunderbaren Bewirtungen in Einsiedeln in Erinnerung.
A. Kurmann bedankt sich seinerseits.

- Ch. Haller verabschiedet sich von A. Kriebel (Protokoll) mit der Erinnerung an vergnügte Stunden im Vorstand und auf Reisen und mit einer Flasche (Neuenburger) Wein Cuvée Pénélope - war ein Genuss, konnte ihn unmöglich 20 Jahre reifen lassen!

Zwei neue Vorstandsmitglieder stellen sich vor und werden mit Applaus gewählt:
- Petra Haldemann, Kantonsschule Olten.
- Philipp Xandry, Kantonsschule Freudenberg, der schon als Kantonskorrespondent, als Mitglied der PR-Kommission und im FASZ tätig war.
Es besteht die Hoffnung, dass im nächsten Jahr noch ein Vorstandsmitglied aus der Westschweiz dazu stossen wird.

G. Meyer tritt als Delegierte zurück, André Füglister erklärt sich spontan bereit, die Aufgabe an ihrer Stelle zu übernehmen. Er wird mit Applaus gewählt.

6. Anträge und Vorschläge der Mitglieder

Keine

7. Varia

Die Arbeitsgruppe 'Latein macht Schule' aus 4 Kantonen ist aktiv, es entstand eine Broschüre und eine Website, einige Broschüren wurden mitgebracht.

Th. Wirth teilt mit:
- swisseduc ist zur Zeit in Gesamterneuerung, wird neu formatiert für neuere Wordfassungen. Bringt Vereinfachung vor allem für die griechische Schrift.
- Er möchte eine Übersicht über Lehrbücher erstellen, welche Schule welche Lehrbücher verwendet. Bitte um Meldungen, wenn ein Lehrbuch zu empfehlen ist.
- Bitte um Beiträge, Unterlagen.
- swisseduc > altphilo > news (oder bei philologia): Viele Meldungen sind eingetroffen von Kollegen, besonders auch aus Deutschland.
swisseduc > news bietet Einleitung + Kommentare, philologia nur den Grundtext. Auch dazu Bitte um Beiträge.

Im Anschluss an die Jahresversammlung konnten wir unter kundiger Führung von Herrn B. Zäch das Münzkabinett Winterthur besuchen und dort als krönenden Abschluss einen gaumenschmeichlerischen Aperitiv geniessen.

für das Protokoll:
Agnes Kriebel

Rapport annuel/Rapporto annuale/Jahresbericht
Pour l'assemblée annuelle à Winterthur 13 november 2009

Chères et chers collègues
Collegae maxime honorabiles

"Latein und Griechisch auch in der Schweiz im Aufwärtstrend"
(NZZ vom 8. September, Theo Wirth)

Mit diesen Worten habe ich meinen Jahresbericht 08 begonnen; Es sind in der Folge noch weitere Artikel erschienen, die diesen Trend begleiteten und vielleicht auch etwas herbeiredeten. Wir alle arbeiten daran, dass dieser Trend sich verwirklicht, dass die Positionierung der Alten Sprachen sich festigt.

Es boten sich im Berichtsjahr verschiedene Gelegenheiten, die Positionierung der Alten Sprachen und des Verbandes zu verbessern.

Gemäss der Strategie 2008/2010 des Vorstandes wollen wir versuchen, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu verändern und allgemein die alten Sprachen in der Öffentlichkeit besser zu stellen.

Dabei spielte im abgelaufenen Vereinsjahr die Vernehmlassung zum Deutschschweizer Lehrplan, DLP oder Lehrplan 21 eine wichtige Rolle.

An der Vernehmlassung haben der VSG und verschiedene regionale Komitees und Einzelpersonen aus unserem Umkreis teilgenommen; dabei ging es für uns vor allem um die Frage

1b: Sind Sie der Meinung, dass im Lehrplanprojekt zusätzlich der Fachbereich Latein ausgearbeitet werden soll?

Nach der Medienmitteilung der EDK vom 5. November 09 hat die Die Plenarversammlung der Deutschschweizer Erziehungsdirektorinnen und -direktoren aufgrund der Stellungnahmen u.a. folgende Entscheide getroffen:

- Die Gliederung des Lehrplans nach Fachbereichen anstelle einzelner Fächer wird grundsätzlich beibehalten. Auf der Sekundarstufe I werden aber klare Bezugspunkte zu den Fächern Chemie, Physik, Biologie, Geografie und Geschichte ausgearbeitet, die im Lehrplan ausgewiesen werden.
- Latein als Teil der gymnasialen Vorbildung ist an sich nicht Gegenstand des Lehrplans 21. Wenn mehrere Kantone einen Latein-Lehrplan wünschen und finanzieren, kann ein solcher erarbeitet werden.

Wie sah das Vernehmlassungsergebnis aus?

Die Hälfte aller Vernehmlassungsteilnehmenden enthält sich in dieser Frage der Stellungnahme (52). Etwa ein Drittel der Vernehmlassungsteilnehmenden stimmt der Ausarbeitung des Fachbereichs Latein zu (31), etwas weniger als ein Fünftel lehnt sie ab (19). Bei den Kantonen halten sich die Zustimmung bzw. Ablehnung praktisch die Waage (9:8), 3 Kantone enthalten sich der Stellungnahme. Bei den Lehrerverbänden zeigt sich ein ähnliches Bild (2:1).

Dabei haben wir sicher einigen, aber nicht genügenden Einfluss darauf ausüben können, wie die Kantone an der VL teilgenommen haben. Man spürt leider aus der EDK, bzw. ihren Bildungstechnokraten wenig Unterstützung, bzw. eine unterschwellige Abneigung.

Was heisst das nun für uns? Zunächst muss man sagen, dass die Kantone weiterhin frei sind in der Ausgestaltung des Lateinunterrichtes. Und: die Kantone, die den Lateinunterricht in den Lehrplan ihrer Sek-I- Stufe integriert haben, werden dabei bleiben: nur: wie sieht das aus, wenn der Lehrplan 21 dann wirklich kommt? Der SAV und der VSG werden daran weiterarbeiten müssen. Bitte sehen Sie sich die Ergebnisse im Einzelnen unter www.lehrplan.ch an.

Eine weitere Aktivität im Rahmen unserer Strategie ist die Organisation einer speziellen Tagung für Naturwissenschaftler und Philologen, die wir für 2011 vorsehen. Die Vorarbeiten dazu sind von einer Arbeitsgruppe des Vorstandes unter der Leitung von Alois Kurmann gemacht worden. Wir sehen uns heute in der Situation, dass der Vorstand alleine nicht genügend Ressourcen hat, um diese Aufgabe zu erfüllen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Alois Kurmann aus dem Vorstand zurücktritt und für diese Aufgabe nicht mehr oder nur noch am Rande zur Verfügung stehen wird und dass der Präsident mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert ist, die ihm eine normale Amtsführung im Moment nicht erlauben. Dazu noch mehr am Ende meines Jahresberichtes. Es ergeht deshalb der Aufruf an die Mitlieder des SAV: wir brauchen eine Gruppe von 4 Kolleginnen und Kollegen, die bereit sind, an dieser Tagung mitzuarbeiten, andernfalls sehen wir uns wahrscheinlich gezwungen, diese Idee fallen zu lassen.

Am 20. Und 21. Mai 2008 konnten wir wieder an einer Weiterbildungstagung des SAV teilnehmen: "Viel mehr als nur Scherben", wieder mustergültig organisiert von unserer Vorstandskollegin Christine Haller. An dieser Tagung am Antikenmuseum in Basel referierte u.a. unser Vorstandsmitglied Prof. Ruedi Wachter.

Und im September 2009 fand unter der wissenschaftlich kundigen Leitung unseres sehr erfahrenen Kollegen Bruno Colpi eine Reise nach Nordgriechenland statt, in einen Teil Griechenlands, der von den Altphilologen oft etwas vernachlässigt wird.

Erfreulicheres lässt sich auch berichten von den Anlässen, die in verschiedenen Regionen von Mitgliedern und Lateinliebhabern organisiert worden sind: ich erinnere mich mit grosser Freude an den Lateintag vom 15. November 08 in Brugg, den St. Galler Kulturmonat November (er läuft inzwischen schon wieder), an die Römertage in Augst und vieles mehr. Das sind Lichtblicke, für die wir unendlich dankbar sind.

Mein persönlicher Dank geht an meine Kollegen im Vorstand, die mich in meiner nicht leicht zu ertragenden krankheitsbedingten Behinderung unterstützen, die einfach eine phantastische Arbeit leisten, ich möchte wie jedes Jahr alle erwähnen, vor allem auch Alois Kurmann, Lucius Hartmann und ausserhalb des Vorstandes Theo Wirth.

Im Vorstand wird sich personell eine grosse Veränderung ergeben, da mit dem heutigen Tag drei Mitglieder zum Teil nach jahrelanger Tätigkeit aus dem Vorstand ausscheiden werden: Alois Kurmann, Agnes Kriebel und Flavia Löpfe Müller. Dazu unter dem Traktandum Wahlen mehr.

Die Mitgliederzahlen sind für einen Verband immer auch ein wichtiges Element, weil sie den Trend angeben, unter dem der Verband steht. Wir haben im Berichtsjahr 13 neue Mitglieder gewinnen können.

Ich muss am Ende des Jahresberichtes noch auf meinen Gesundheitszustand zu sprechen kommen. Vor zwei Jahren haben Sie mich zum Präsidenten des SAV gewählt, eine Ehre, die mich bis heute begleitet und verpflichtet. Ich bin allerdings schon im ersten Jahr von einer Krankheit überrascht worden, die mich hindert, die Arbeit so auszuüben, wie ich mir das vorstelle.

Ich muss einen Rücktritt ins Auge fassen, allerdings würde ich andererseits meine politische Leidenschaft gerne zum Wohl des Verbandes, bzw. unserer geliebten Sprachen einbringen. Es wird das beste sein, wenn der Vorstand im Frühjahr die Lage bespricht. Er würde dann im nächsten Bulletin einen entsprechenden Hinweis veröffentlichen.

Ivo Müller

Rücktritt von Ivo Müller

Leider haben sich die anlässlich der Jahresversammlung geäusserten Befürchtungen unseres Präsidenten bewahrheit: Ivo Müller sieht sich gezwungen, dieses Jahr aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig als Präsident des SAV zurückzutreten. Der Vorstand bedauert diesen Schritt ausserordentlich und wünscht Ivo Müller alles Gute und insbesondere gute Gesundheit.

Lucius Hartmann

Vox quaestoris

Erfreulicherweise zählt unser Verband zur Zeit 282 Mitglieder. Die Mitgliederbeiträge füllen unsere Kasse und wir sind in der Lage, für unser Fach wertvolle Einrichtungen wie den Römertag in Windisch und das Römerfest in Augst zu unterstützen.

Neuerdings verlangt aber der VSG für die Adressverwaltung derjenigen Mitglieder, die nur beim SAV sind, eine Gebühr von Fr. 10.- pro Mitglied. Das schwächt natürlich unser Budget. Wir möchten aber trotzdem an unserer Tradition festhalten, dass Pensionierte weiterhin gratis beim SAV bleiben können und das Bulletin erhalten.

So appelliere ich an Eure benevolentia und hoffe auf Verständnis, wenn ich gerade in diesem Jahr wieder mal einen Einzahlungsschein in unser Bulletin beilege.

Minimus quisque obolus nobis gaudio est!

Laila Straume-Zimmermann

Die neue Geltung der Alten Sprachen heute

Texte und Meinungen als Argumentationshilfen für die Kolleginnen und Kollegen

Quellenverweise in Klammern: "News" verweist auf die News-Zusammenstellung in der altsprachlichen Abteilung des Bildungsservers "Swisseduc": www.swisseduc.ch/altphilo/news/
Die vorliegende Zusammenstellung wurde auf Wunsch des Vorstandes SAV von Th. Wirth verfasst. Kursiv gesetzte Textteile und alle Fettdrucke: durch Th. W.

ETH-Präsident Prof. Dr. Ralph Eichler: "Wer Latein hatte, ist an der ETH gut."
Ein Interview im Tagesanzeiger vom 5.9.08
Auf die Frage "Woran fehlt es jenen, die durch die erste Zwischenprüfung fallen?" antwortet der ETH-Präsident: "Mein Befund ist überraschend: Diese Maturanden können sich sprachlich zu wenig präzise ausdrücken. Das ist entscheidend, weil in den Naturwissenschaften - sicher viel stärker als in der Literatur - jedes Wort eine genaue Bedeutung hat. Dieses Textverständnis lernt man im Gymnasium in der Mathematik und den alten Sprachen. Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut. Deshalb muss die nächste Maturareform die Kompetenz einer exakten Sprache stärker gewichten." (TA 5.9.08/News 5.9.08)

Regierungsrätin Regine Aeppli zu Latein
Die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli verteidigt das Gymnasium u.a. mit den Worten:
"Sogar ETH-Präsident Ralph Eichler sagt, wer Latein gelernt habe, sei für jedes Studium gerüstet." (NZZ 8.11.08/News 8.11.08)

Bericht EVAMAR II vom 13.11.08, Auszüge: Die Leistungen der MaturandInnen
In EVAMAR II werden sowohl gesamtschweizerische Fachtests in Erstsprache, Mathematik und Biologie sowie ein überfachlicher Fähigkeitstest ausgewertet, ebenso die Gesamt-Maturitätsnoten der Fächer Erstsprache, Mathematik, Naturwissenschaften.
(Aus der Zusammenfassung auf S. 220:)

"Der Spitzenwert für die Maturandinnen und Maturanden des SPF "Alte Sprachen" im Vergleich zu jenen des SPF "Moderne Sprachen", die beim Erstsprachtest lediglich eine mittlere Rangierung erreichten, überrascht jedoch teilweise. Auch für weitere Differenzen in einigen Kompetenzbereichen gibt es keine Systemerklärungen. Die Gruppe des SPF "Alte Sprachen" hat unter dem Aspekt der Ausgeglichenheit bzw. Ausgewogenheit der Kompetenzen (im Sinne einer allgemeinen Studierfähigkeit) am besten abgeschnitten."

Präziser kann man aufgrund der Detaildarstellung wie folgt resümieren:
Die Maturandinnen und Maturanden des Schwerpunktfaches "Alte Sprachen" stehen in

  • Erstsprache (Test und Maturitätsnote) an 1. Stelle,
  • Mathematik (Test und Maturitätsnote) an 2. Stelle,
  • Naturwissenschaften (Maturitätsnote) an 1. Stelle.

(News 13.11.08)

ETH-Studie "Maturanoten und Studienerfolg. Eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Maturanoten und der Basisprüfung an der ETH Zürich", veröffentlicht am 16.1.09.
Die Studie schliesst quasi an EVAMAR II an, indem sie die Maturanoten mit der ersten Prüfung auf der Tertiärstufe korreliert ("Basisprüfung": das frühere 1. Vordiplom nach zwei Semestern).
(S. 14:)
"Absolventen mit Schwerpunkt "Physik/Angewandte Mathematik" oder "Latein/ Griechisch" erreichen signifikant bessere Basisprüfungsergebnisse als alle anderen Absolventen." (News 16.1.09)

Regierungsrätin Aeppli zu den Alten Sprachen im Zusammenhang mit der ETH-Studie
Ein Interview im Tagesanzeiger vom 21.1.09
"Es freut mich, wenn auch die ETH findet, dass die Sprachen gute Voraussetzungen für ein Studium an einer technischen Hochschule bieten. Dass die Absolventen des altsprachlichen Profils mit Latein und Griechisch besonders motiviert und leistungsfähig sind, ist schon länger bekannt. Gymnasien sind Denkschulen. Die Schülerinnen und Schüler sollen logisches Denken üben und am Grübeln Freude haben. (...) Latein und Griechisch fordern die Denkfähigkeit." (TA 21.1.09/News 21.1.09)

Argumentationshilfen

1. Kritiker der Alten Sprachen gehen oft mit etwa folgenden Worten vor: "Die Aussage der Befürworter, das 'logische' Latein fördere das logische Denken, hat sich durch die Lernforschung längst als irrig erwiesen; eine Übertragung auf andere, fremde Kompetenzen gibt es nämlich nicht."
Wie kann man entgegnen? Zwei Vorschläge, aus denen man je nach dem angezeigten Gesprächsverlauf wählen mag:
1.1. "Ein typisches Vorgehen, wenn man jemanden fertig machen will! Man baut einen Popanz auf, den man dann umso leichter erledigen kann. In Tat und Wahrheit behauptet aber heute kein ernst zu nehmender Mensch, Latein bewirke, dass man logisch denken kann."
1.2. "Latein ist so logisch und unlogisch wie jede andere Sprache auch. Es geht um etwas anderes: Nicht Latein oder Griechisch als solches, sondern der Unterricht in diesen Sprachen fördert zwar nicht das logische, sondern das sprachengerechte Denken. Dieser Unterricht ist nämlich ganz anders ausgerichtet als jener in der Mutter- oder in einer Fremdsprache, er hat eine wesentliche ergänzende Funktion - gemäss der (lateinkritischen) Professorin E. Stern (ETH) vermittelt Latein ein sprachliches Metaverständnis besser als eine moderne Sprache."1
(Hernach wäre dieses "sprachliche Metaverständnis" auszudeutschen, etwa mit den Grundprinzipien der Sprachlichkeit, dem grammatischen Grundwissen, dem Wissen um die Geschichtlichkeit von Sprache etc; damit liesse sich klar machen, dass der Unterricht in einer Alten Sprache sowohl das Verständnis von Sprache wie auch die Spracherwerbskompetenz fördert.)

2. Gerade nach EVAMAR II und ETH-Studie kann man von Kritikerseite hören, es seien von vornherein die intelligenteren SchülerInnen, die eine Alte Sprache wählten, womit klar sei, dass sie die besseren Abschlüsse erzielten, ohne dass etwa Latein daran "schuld" sei.
Wiederum: Wie kann man entgegnen? Zwei Vorschläge, aus denen man je nach dem angezeigten Gesprächsverlauf wählen mag:
2.1. "Latein oder Griechisch macht sicher nicht intelligenter - es sind einfach die Intelligenteren, die eine Alte Sprache wählen: Sie haben nämlich begriffen, warum. Sie wollen keine verfrühte Spezialisierung, sondern eine breite Allgemeinbildung."
2.2. "Das mag so sein, nur trifft es auch zu, dass der Unterricht in einer Alten Sprache gewisse Kompetenzen besonders fördert. Dazu gehören ein vertieftes Verständnis von Sprache, eine erhöhte Spracherwerbskompetenz [s. 1.2.], ein besser entwickeltes Textverständnis, letzteres dank dem intensiven, genauen und kritischen Übersetzen, wie es nur im altsprachlichen Unterricht üblich ist."
(Zum Textverständnis könnte auf Prof. F. Eberle, Autor der EVAMAR II-Auswertung, verwiesen werden. Er schlägt für Erstsprache, Mathematik und Englisch allgemeine Grundstandards vor, Grundkompetenzen, die alle MaturandInnen mitzubringen hätten: "Zum Beispiel in der Erstsprache: Zu den Grundkompetenzen gehörten sicherlich die Schreibkompetenz und das detaillierte Textverstehen - denn sie sind für jedes Universitätsstudium wichtig."2 Zusammen mit dem Erstsprache-Unterricht ist es eben genau der altsprachliche Unterricht, der nachweislich u.a. das genaue Textverstehen fördert.)

Januar 2009
Theo Wirth

1 http://www.educ.ethz.ch/bildungimbrennpunkt/index (Eintrag zum 9. September 2008) (> Text)

2 NZZ am Sonntag, 25. Januar 2009, S. 64. (> Text)

Neues zu unseren Websites swisseduc.ch/altphilo/ bzw. swisseduc.ch/sprache/

"News" (www.swisseduc.ch/altphilo/news/)

Die Rubrik "News", lokalisiert auf unserer altsprachlichen Website www.swisseduc.ch/altphilo/, erscheint zeitgleich auch auf der Startseite des Schweiz. Altphilologenverbandes SAV: www.philologia.ch/ (unter "Aktuell"). Die "News" bringen wie bisher altsprachliche Themen aus dem In- und Ausland, insbesondere auch zur Schulpolitik. Neu sind nun auch alle Informationen zu Aufführungen, Ausstellungen, Vorträgen und Events sowie Hinweise auf interessante Artikel im Zusammenhang mit den Alten Sprachen gebündelt verfügbar. Wenn man also die News als RSS abonniert oder sie auf swisseduc.ch/altphilo/news/ regelmässig besucht, kann man sich ohne grossen Aufwand auf dem Laufenden halten. Umgekehrt sind wir froh, wenn Sie uns Hinweise zukommen lassen, die veröffentlicht werden können (bitte an Theo Wirth, vgl. unten).

Wenn Sie bei den einzelnen Themen "Weitere Informationen" anklicken, wird Ihnen die entsprechende Textquelle zugänglich gemacht.

Neuerungen in den Bereichen der Unterrichtsmaterialien von swisseduc.ch/altphilo/

In sämtlichen Bereichen sind die Materialien überprüft und wenn nötig revidiert worden; die wichtigste umfassende Verbesserung besteht in der Konvertierung der alten Word-Dokumente in die beiden heute gültigen Word-Formate. Beibehalten sind die PDF-Fassungen aller Word-Materialien, so dass allfällige problematisch erscheinende Dokumente mittels ihres PDF-Files überprüft und korrigiert werden können.

"Latein": Die Übersicht über die Lehrbücher und deren Zusatzmaterialien ist wie jedes Jahr auf den aktuellen Stand gebracht worden. Sie finden die Datei in "Latein" unter "Lehrmittel"; neben der ausführlichen Online-Fassung steht eine PDF-Kurzfassung zu allen neueren Lehrmitteln zur Verfügung; damit kann eine Fachschaft, die ein neues Lehrmittel evaluieren will, besser die Übersicht bewahren. Aktualisiert ist auch eine separate Liste, in der für zahlreiche Lehrmittel jeweils eine oder mehrere Schulen genannt werden, die das betreffende Lehrmittel verwenden bzw. einführen wollen und als Referenzen angefragt werden können. www.swisseduc.ch/altphilo/latein/llehrmit/

Im Bereich "Griechisch" ist die Übersicht über die (wenigen) Lehrmittel ebenfalls erneuert worden: www.swisseduc.ch/altphilo/griech/glehrmit/. Der wichtigste Zuwachs besteht in einer neuen vollständigen Systemgrammatik Griechisch: www.swisseduc.ch/altphilo/griech/gsprache/. Eine kleine Besonderheit bilden die "6 Weblektionen zur Kultur Griechenlands", entstanden aus einer Schülerreise nach Griechenland: www.swisseduc.ch/altphilo/griech/gsprache/ (unterster Eintrag).

Bereich "Aktuelles": Hier finden Sie die alljährliche Erhebung zur Profilwahl der SchülerInnen des 8. Schuljahres an den Langgymnasien des Kt. Zürich, jetzt noch die des Schuljahres 2009/10, im Mai wird die neue Erhebung für das kommende Schuljahr 2010/11 folgen. www.swisseduc.ch/altphilo/aktuell/

Neues in swisseduc.ch/sprache/

In diesem Swisseduc-Portal zum Buch "Sprache und Allgemeinbildung. Neue und alte Wege für den alt- und modernsprachlichen Unterricht am Gymnasium" sind zwei neue Files von Interesse: Im Abschnitt zu Metapher und Metonymie (Klick auf "Kapitel 5.1.") der Begriff "Bergdorf" als spannendes chinesisches Beispiel zu Metapher und Metonymie, in den Rondogrammen (Klick auf "Kapitel 6.") aus dem Kollegenkreis ein Rondogramm zu "pietas".

Wir bitten Sie - einmal mehr - um Ihre Unterstützung

Wir sind dankbar für Rückmeldungen zu den bestehenden Teilen. Wir bitten Sie andererseits um neue Materialien, die Sie zwar für Ihren eigenen Unterricht geschaffen haben, hier aber auch anderen zugänglich machen können.

Fachmaster "Alte Sprachen":
Theo Wirth, thwirth@cheironos.ch
Lucius Hartmann, lhartmann@swissonline.ch
 

Weiterbildung

En visite chez Alexandre

Du 12 au 19 septembre 2009, vingt-quatre participants enthousiastes ont suivi Bruno Colpi sur les chemins de Macédoine et de Thessalie, de Kavala aux Météores.

De Thessalonique nous avons gagné Kavala via Amphipolis où nous avons découvert le fameux lion, des ruines de basiliques chrétiennes et, vestiges saisissants, les restes d'un pont de bois antique. Le ton était donné : la semaine allait se passer à sauter d'une époque à l'autre, des Macédoniens d'Alexandre à ceux de saint Paul, des Romains aux Byzantins sans oublier de-ci de-là des traces de l'occupation turque ou génoise.

Que de noms évocateurs et d'endroits mythiques en Grèce du Nord ! Pour n'en citer que quelques-uns, commençons par la via Egnatia, dont il est encore possible de fouler les pavés sur des kilomètres, alors que se construit le pendant moderne de cette voie reliant la Turquie à l'Adriatique ; puis Philippes, des batailles, certes, dans une plaine où les armées se couraient après, mais aussi une ville romaine témoin des premiers pas du christianisme en Europe ; et plus loin vers l'ouest, Thessalonique, où se superposent tant de pans d'histoire, que ce soit au musée de la civilisation macédonienne, autour de l'arc de Galère ou dans les nombreuses églises byzantines. Sea and sun pour une croisière autour de l'Athos, d'autant plus mystérieux qu'il nous est interdit, ce qui n'est heureusement pas le cas des sites d'Olynthe et de Stagire qui éveillent le souvenir de Démosthène et d'Aristote. Pour un frisson historico-mythique, il faut d'abord pénétrer dans les tombes royales de Vergina, mises en scène selon une muséographie qui ne peut laisser personne indifférent, poursuivre jusqu'à Pella et arriver une semaine trop tôt pour admirer le nouveau musée, humer les odeurs du parc archéologique de Dion après la pluie et découvrir finalement, entre deux nuages qui s'écartent, la masse de l'Olympe se découpant sur un ciel bleu avant de redisparaître aussitôt ... ; et puis, aberration géologique et mystique, inimaginables et pourtant bien ancrés dans la tradition vivante, les couvents des Météores avec leurs flots de touristes cheminant tels des fourmis, s'élevant marche d'escalier après marche d'escalier jusqu'aux lieux saints, à ces églises éblouissantes de couleurs mais dont les fresques égrènent des martyres tous plus sadiques les uns que les autres : la Légende dorée en bande dessinée !

Christine Haller

46. Ferientagung für Altphilologen in München vom 07. bis 10. September 2009

Auch die 46. zentrale Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte der Alten Sprachen fand wieder in München (Schloss Fürstenried) statt, organisiert und geleitet von Dr. Rolf Kussl, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Die Teilnehmerliste enthielt 115 Namen. Bei der Begrüssung bedauerte der Tagungsleiter, dass ein Name fortan nicht mehr genannt werden kann: Dr. Karl Bayer, der sich um das bayerische Gymnasium in höchstem Masse verdient gemacht hat, ist kurz vor seinem 89. Geburtstag am 1. Juni 2009 gestorben. Der "Dialog"-Band 43, der bereits erschienen ist, ist ihm gewidmet und soll sein Andenken ehren.

Der genannte "Dialog"-Band (Kartoffeldruck-Verlag Kai Brodersen, Speyer 2009; ISBN: 978-3-939526-08-7) trägt die Überschrift: "Lateinische Lektüre in der Oberstufe". Deshalb wurde zusätzlich ein Beitrag von Prof. Dr. Hans-Joachim Glücklich (Heidelberg) zu "Ciceros De re publica - in Europa, in den USA und in der Oberstufe des Gymnasiums" (S. 91-124) aufgenommen. Im Gegenzug wurden andere Aspekte der Tagung des Vorjahrs mit einer Ausnahme ausgeblendet.

Das Programm der diesjährigen Veranstaltung war wieder ausgewogen, reichhaltig und anregend. Im Vordergrund stand die Vermittlung von Wissenschaft und deren Umsetzung in die Schulpraxis. Alle Referate kamen beim Publikum gut an. Die Schweiz (Zürich mit Umgebung) war durch zwei Referenten mit drei Vorträgen vertreten: Prof. Dr. Ulrich Eigler (Universität Zürich) trat zweimal unter Einbezug auch filmischer Darstellungen (mit ihrem emotionalen Element) auf: "'Brutus the honourable man' und die Rezeption eines zweifelhaften Paradebeispiels römischer Redekunst" und "Der Tod [Das Ende: Handout] des Schurken? Zur Ambivalenz des Endes von Verbrechern in der antiken Literatur". Prof. Dr. Klaus Bartels sprach über: "Von Sonne, Jahr und Tag: Altrömische und ägyptische Ursprünge unseres Julianischen Kalenders". - Dr. Alfons Städele (Ministerialrat a.D.) eröffnete die Tagung mit einer weit gespannten Thematik: "'Die Welt als Wille und Vorstellung' oder das Bild, das man sich im kaiserzeitlichen Rom von der Erde machte" und bot zusätzlich einen Workshop an über: "Grundzüge der Geo-, Ethno- und Historiographie in Rom". Die Beiträge zur Latinistik dominierten; s. das Programm unter den Namen Lorenz (mit Workshop), Janka (mit Workshop) und Holzberg. Das "Grundwissen" ist ein zentrales Anliegen des neuen Lehrplans. In Abweichung zum verschickten Programm stellten die "Ergebnisse des ISB-Arbeitskreises zum Thema Grundwissen im altsprachlichen Unterricht" OStRin Birgit Korda (zum Lateinunterricht) und StD Peter Lobe (zum Griechischunterricht) vor und boten dazu auch je einen Workshop an. Die Tagung beschloss Prof. Dr. Friedrich Maier: "Philosophandum est. Sed quomodo et quibus auxiliis? Philosophie der Antike mit lateinischen Texten". Er begann, sichtlich bewegt, mit "in memoriam Caroli Magni"; s. auch die Literaturangabe am Ende dieses Berichts. Dem Fach Griechisch war keine besondere Veranstaltung gewidmet.

Schülerzahlen usw.: In Bayern konsolidiert das Gesamt der L-Schüler auf hohem Niveau mit leicht sinkender Tendenz. Die folgenden Zahlen wurden für das abgelaufene Schuljahr 2008/09 bekanntgegeben oder konnten in einem dazu verteilten Papier nachgelesen werden (in eckigen Klammern sind die entsprechenden Zahlen für das Schuljahr 2007/08 laut Bull. SAV, Nr. 73, März 2009, S. 30, notiert). L1 wird in den Jahrgangsstufen 5-11 von ca. 38'460 [ca. 40'080] Schülerinnen und Schülern an 142 Gymnasien besucht. In der Jahrgangsstufe 5 lautet die Zahl 6'509 [6'762]; dies sind gut je 13% aller Schülerinnen und Schüler dieser Stufe. L2 der Jahrgangsstufen 6-11 bringt es auf ein Total von gut 126'500 [130'100] Schülerinnen und Schülern mit einem relativen Anteil von 49.4% [rund 51%]. Werden noch die ca. 530 [ca. 500] Leistungskurse und 80 [ca. 80] Grundkurse, die von ca. 8'350 [ca. 7'200] Schülerinnen und Schülern in der Kollegstufe belegt werden, hinzugezählt, ergibt dies im Schuljahr 2008/09 (ab Jahrgangsstufe 5 gerechnet) ein Total von ca. 173'300 [ca. 177'400] Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in Bayern, nämlich 45.9% [knapp 48%]. - Auch das Fach Griechisch geht leicht zurück. Seit 2006/07 laufen immer noch zwei Jahrgänge nebeneinander (G8 und G9). Für die Jahrgangsstufen 9(8)-11 lauten die Zahlen des Schuljahres 2008/09: 3'689 [3'759]; ca. 45 Leistungskurse (K 12/13): 486 [511]; Total: 4'175 an 54 Gymnasien [4'270]. Es wurde vermerkt, dass vor allem in der Oberstufe die Tendenz nach unten zeigt; dazu wurde im Gespräch mit Kollegen, in Bezug auf einzelne Schulen, mit Besorgnis herausgestrichen, dass das Fach Griechisch auf der Mittelstufe gefährdet ist, wenn die Kurse der Oberstufe (mit Originallektüre) nicht zustande kommen. Im verteilten Papier heisst es beruhigend: "Immerhin hat Bayern von allen Bundesländern derzeit die meisten Schüler mit Griechisch." - Von den 50 Gymnasien mit den besten Ergebnissen im zentralen Jahrgangsstufentest 2008 im Fach Deutsch bieten 39 [43] L1 an. Es darf eingeschoben werden, dass im Gegensatz zum Zürcher Langgymnasium L1 frei gewählt wird! Rückblickend wurde festgestellt, dass in der Auswertung der Tests in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch unter den 25 besten Gymnasien in den Schuljahren 2004/05 und 2006/07 15 (bzw. 14) humanistische Gymnasien (d.h. mit Latein und Wahlfach Griechisch) und 4 (bzw. 2) weitere Schulen mit L1-Angebot vertreten sind. Im Papier wurde dazu mit Recht vermerkt: "Das weit überdurchschnittlich gute Abschneiden der Gymnasien mit L1-Angebot z.B. beim zentral durchgeführten bayerischen Deutschtest belegt die Leistungen des Faches Latein im Bereich der allgemeinen Sprachkompetenz und der deutschen Muttersprache eindrucksvoll." - An einigen Schulen wird neu erprobt, ab Jahrgangsstufe 5 Latein und Englisch mit gleicher Stundendotation zu unterrichten. Die folgenden Ziele sollen ausgelotet werden: Können Synergieeffekte festgestellt sowie das vergleichende und vernetzende Fremdsprachenlernen gefördert werden? - Das Buch "mit wichtigen Impulsen" unseres Theo Wirth (s. Bull. SAV, Nr. 69, April 2007, S. 29) wurde vom Tagungsleiter bereits bei der Begrüssung am Montag ausdrücklich genannt. - Kann L1 gestärkt werden (und dadurch die Zahl der Schulen, die L1 anbieten, erhöht werden), wenn gleichzeitig das Fach Englisch an die Grundschule anknüpft (und nicht unterbrochen wird)?

Die Tagung bot genügend Raum auch für das kollegiale Gespräch. Die Verlage zeigten wieder ihr reiches Sortiment. Der von Kurt Benedicter, OStD a.D., an der letztjährigen Tagung angekündigte zweite Band (Bull. SAV, Nr. 73, März 2009, S. 29) war nun zum Verkauf ausgestellt: "Philosophisches Erbe für Europa", veröffentlicht innerhalb der Reihe "Lindauers lateinische Lektüren", Bd. II: "Philosophie Oberstufe (JSt 11/12) - Darstellung mit Texten von Cicero, Seneca, Erasmus von Rotterdam u.a." (J. Lindauer Verlag, München, 2008; die beiden Bände werden im "Dialog"-Band 43, S. 46, bereits zitiert unter "Thematische Auswahlausgaben für den Lektüreunterricht"). Von Prof. Dr. Friedrich Maier lag auf: "Philosophie im Aufbruch - Die Geburt der Vernunft", erschienen in der Reihe "Antike und Gegenwart" (C.C. Buchners Verlag, Bamberg, 2009). Diese Schulausgabe richtet sich (laut Vorwort, S. 7) in erster Linie an die Lateinschülerinnen und Lateinschüler der Mittelstufe des G8 und enthält auch, S. 119, eine Zusammenfassung des "Grundwissens" zur antiken Philosophie. Erst zur Einsicht ausgestellt war der dazugehörige dicke Lehrerband. - Vom neuen L-Schulbuch Campus (mit Betonung der induktiven Lernschritte) der Ausgaben B und C lag der zweite Band auf (erschienen bei Buchner [2009]; an der Tagung mit 3 Referaten vom Verlag präsentiert). - Auch den "Dialog"-Band 44 der Reihe "Dialog Schule Wissenschaft - Klassische Sprachen und Literaturen", der wohl wieder vor der nächsten Tagung erscheinen wird, darf man mit Spannung erwarten. Der Einsatz des Tagungsleiters wurde mit warmherzigem Applaus verdankt.

Zürich, den 3. Oktober 2009
Bernhard Löschhorn

Programm der Tagung (PDF-Dokument)

Formation continue - 2010 - Weiterbildung

L'Antikenmuseum de Bâle accueillera en automne une exposition consacrée à Érétrie et à l'École suisse d'archéologie en Grèce.

C'est dans ce cadre que nous avons décidé de passer le 28 octobre prochain, sous la direction du Prof. Karl Reber, fin connaisseur de l'île d'Eubée et professeur d'archéologie classique à l'Université de Lausanne.

Affaire à suivre prochainement sur www.webpalette.ch

Christine Haller
 

Euroclassica

Euroclassica News

Alors que le projet de Certificat Européen de Langues Classiques (ECCL) a rencontré des échos positifs en haut lieu, d'autres entreprises suivent leur cours.

L'Academia Latina à Rome sera probablement repoussée mais l'Academia Homerica, malgré les difficultés que rencontre la Grèce actuellement, aura régulièrement lieu à Chios après une visite d'Athènes d'un jour (9-19 juillet 2010).

Pour tout renseignement relatif tant au Certificat Européen qu'aux Academiae, prière de consulter le site www.euroclassica.eu.

L'assemblée générale se tiendra à Madrid le premier week end de septembre.

Christine Haller
 

Rezensionen

John R. Clarke, Ars Erotica, Sexualität und ihre Bilder im antiken Rom, Darmstadt 2009

"Nichts Sexuelles ist uns Menschen fremd." Diese Abwandlung des berühmten Terenz-Zitates steht am Ende von John R. Clarkes Einleitung zu seiner Abhandlung über die Frage: "Wie sieht man antike sexuelle Bildmotive mit römischen Augen?" (S. 14) Bilder sexueller Aktivitäten stehen im Zentrum des Buches und machen eine seiner Stärken aus; denn viele Darstellungen waren der Öffentlichkeit bisher kaum zugänglich. Dazu gehören u.a. die Fresken der pompejanischen Vorstadt-Thermen und die Keramik aus dem Rhone-Tal, besonders die Medaillon-Appliken. Der Leser wird so mit allen Variationen sexueller Praktiken konfrontiert, die sich denken lassen und die von den Produkten der modernen pornographischen Industrie bekannt sind. Die Römer und Römerinnen waren Menschen wie wir ... Stichwort 'Pornographie': Clarke stellt an den Beginn seiner Ausführungen eine kurze Geschichte des Begriffes 'Pornographie'. Der Begriff in der heutigen Bedeutung ist eine Schöpfung des deutschen Archäologen C.O. Müller im Jahr 1850. Müller suchte nämlich nach einem Wort, das die vielen in Pompeij gefundenen Objekte beschreiben sollte, welche als 'obszön' galten und entweder vernichtet oder weggesperrt wurden. Im besten Fall wurden retouchierte Umzeichnungen veröffentlicht. Damit wird auch die Grundproblematik deutlich, die alles Sprechen über Sexualität, besonders über die Geschichte der Sexualität, prägt: "Jeder Aspekt dessen, was wir 'unsere Sexualität' nennen, beruht auf einem Komplex von Annahmen über sexuelle Handlungen und Rollen, die uns oft nicht bewusst sind. Obwohl wir uns für vollkommen frei halten, unterliegen wir vielen Tabus und Hemmungen ..." (S. 15) Clarke beschreibt völlig unprätentiös die Darstellungen sexueller Handlungen in den unterschiedlichen archäologischen Zeugnissen vom 1. bis zum Ende des 3. Jh. n.Chr. Bildträger sind Fresken, bronzene oder silberne Becher bzw. Spiegel und Keramik. Dargestellt sind Sex zwischen Frau und Mann, zwischen Mann und Mann, zwischen Frau und Frau, Gruppensex in allen Kombinationen. Clarke stellt jeweils die Fundsituation dar und diskutiert die Forschung. Oft zieht er auch literarische Zeugnisse bei: Martial, Catull und andere. So erfahren wir beispielsweise, dass in der Oberschicht die Fellatio verwerflich war, dass jedoch 'im Verkehr' zwischen Ober- und Unterschicht ganz andere Gesetze herrschten. Aber was die Römerinnen und Römer wirklich dachten, wenn sie beim Umkleiden die eher singuläre Szene IV der Vorstadt-Thermen von Pompeij, in der ein Mann einen Cunnilingus an einer sehr souverän daliegenden Frau verrichtet, betrachteten, wird uns wohl immer verborgen bleiben. Clarkes Erklärung, dass die schockierende Darstellung ein Unheil abwehrendes Lachen auslöste, ist nur eine von vielen möglichen Reaktionen. Clarke ist sich der mannigfaltigen Interpretationsschwierigkeiten sehr wohl bewusst. Das macht die Lektüre des Buches auch sehr anregend. Das Buch bietet eine Fülle spannenden Materials, das zu vertiefter Auseinandersetzung verführt. Denn das Andere - und die Sexualität der Römer unterscheidet sich gewiss stark von unserer trotz sexueller Befreiung immer noch christlich geprägten - bietet zweierlei: das Faszinosum des Fremden und die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Martin Müller

M. Porcius Cato, De agri cultura / Über die Landwirtschaft, hsg. H. Froesch, Stuttgart (Reclam) 2009, 272 S., CHF 16.90, ISBN 978-3-15-018678-7

Als oranges (also zweisprachiges) Reclam-Bändchen ist Catos Werk über die Landwirtschaft, das früheste überlieferte Prosawerk der lateinischen Literatur, erschienen. Es ist dies nicht die einzige momentan erhältliche zweisprachige Ausgabe dieses Werks, aber wesentlich preisgünstiger als die Ausgabe von Flach (Stuttgart, 2005), geschweige denn die Tusculum-Ausgabe von Schönberger (Düsseldorf, 2000). Wer also an den Kommentar und an die allgemeine Ausstattung des Buches nicht die allerhöchsten Anforderungen stellt, sondern sich lediglich auf einfache Weise einen Überblick über Catos kulturgeschichtlich höchst interessantes Werk verschaffen will, der ist mit dem Reclam-Bändchen durchaus gut bedient.

Der sauber und übersichtlich dargestellte lateinische Text wird grundsätzlich nach der zwar schon älteren, aber immer noch massgeblichen Teubner-Ausgabe von Mazzarino (1962, 2. Aufl. 1982) gegeben. Statt eines regelrechten textkritischen Apparates werden auf S. 201ff. die wichtigsten Textvarianten und Konjekturen aufgelistet. Daran schliessen sich zahlreiche meist sehr knapp gehaltene Anmerkungen an, 575 an der Zahl; es ist kein wissenschaftlicher Kommentar im eigentlichen Sinne, aber die Anmerkungen sind für das allgemeine Verständnis des Textes sicher hilfreich. Darauf folgen eine Aufstellung der verschiedenen römischen Masseinheiten und das umfangreiche Literaturverzeichnis.

Im Nachwort geht Froesch zunächst auf die nicht unumstrittene Person Catos ein: während die späteren Generationen bei den Römern ihn in der Mehrheit sehr lobten, wird er von der neueren Forschung vielfach eher kritisch gesehen, so werden die teilweise harten, wohl auch etwas einseitigen Urteilssprüche von Mommsen, Klingner, Taeger und Alföldi zitiert, die sich aber meist auf Catos Rolle als Politiker beziehen.

Es folgt ein zweiter Teil, in dem die sehr problematische Überlieferung und Textgestalt von Catos Werk thematisiert wird. Nur sehr kurz wird auf die sprachliche Eigentümlichkeit eingegangen, wobei die sprachliche Nähe zu (alt)lateinischen Gesetzestexten natürlich keinem versierten Leser entgehen kann, und die sich daraus ergebende Problematik der Übersetzung.

Wie Froesch richtig feststellt: "Es ist nicht möglich, Catos knorriges Latein nachzuahmen." Er versucht einen Mittelweg einzuschlagen mit einer Übersetzung, die nach Möglichkeit nah am originalen Wortlaut bleibt - so ist die Eigentümlichkeit der Sprache gerade auch für Schüler unmittelbar erlebbar - und trotzdem durch an vielen Stellen ergänzte Wörter die Lesbarkeit entscheidend verbessert. Ganz konsequent ist Froesch dabei nicht immer, doch ist festzuhalten, dass seine Übersetzung über weite Strecken gut lesbar und verständlich ist.

Beat Hüppin

Die Vorsokratiker, Band II: Parmenides, Zenon, Empedokles, Griechisch-lateinisch-deutsch, Auswahl der Fragmente und Zeugnisse, Übersetzung und Erläuterungen von M. Laura Gemelli Marciano, Artemis und Winkler (Reihe Tusculum) 2009, 448 S., CHF 80.90

Der Band stellt die Fortsetzung der im Bulletin Nr. 71, 2008, S. 46 vorgestellten Auswahl der Vorsokratiker dar. Vertreten sind die drei für die Philosophie besonders wichtigen und seit je als schwierig geltenden Eleaten. Das Werk ist gleich aufgebaut wie der 1. Band: Auf die Fragmente und Zeugnisse der einzelnen Philosophen folgen die Rubriken "Leben und Werk" und "Erläuterungen". Literaturhinweise und eine Liste von Errata zu Band 1 schliessen das Werk ab.

Eine Feststellung zur Übersetzung: Es ist sehr hilfreich, eine umfassendere deutsche Übersetzung der Vorsokratiker-Fragmente zu haben als Diels-Kranz sie geben. Diese Hilfe gibt auch der 2. Band von L. Gemelli. Bei der genaueren Überprüfung der Fragmente des Parmenides, der von zwei Wegen der Erkenntnis spricht, blickt man natürlich besonders scharf auf die vieldiskutierte Stelle 14 B Gemelli = DK 28 B. [Ὅπως ἐστίν] übersetzt L. Gemelli "der eine [Weg], dass es "IST" und es nicht möglich ist, "NICHT ZU SEIN". Bei Diels-Kranz heisst es: "der eine Weg, dass IST ist und dass Nichtsein nicht ist". Jaap Mansfeld (Die Vorsokratiker I, 1983. Reclam 7964, S. 317) übersetzt: "die erste [scil. Untersuchung], dass es ist und dass nicht ist, dass es nicht ist". L. Gemelli sagt in der Anmerkung S. 79: "Die Verben sind ohne Subjekt, weil Parmenides die Lösung des Rätsels erst in Fragment 14 B, 62 gibt." Eine Begründung, weshalb sie in der Übersetzung "es" als Subjekt setzt, findet man nicht. Auf S. 88 wird ausführlich auf " die Lösung des Rätsels" eingegangen, aber daraus kann ich keine Begründung der Übersetzung entnehmen. Eine Begründung der Übersetzung wichtiger Stellen, wo L. Gemelli recht oft von Diels-Kranz abweicht, wäre auch für die Interpretationsarbeit hilfreich. - Die Übersetzung von Zenon 166 A (= DK 31 B 121) lautet: "er [scil. der Mensch] steigt aber empor und nimmt seinen alten Zustand wieder auf, wenn er die irdischen Gegend und den unerfreulichen Ort, wie er selbst sagt, wo Mord und Groll ..." (S. 299f.). "Die irdischen Gegend", statt "irdische" mag ein Schreibfehler sein, dass jedoch der Konditionalsatz ("wenn...") kein Prädikat hat, kommt daher, dass das φύγοι nicht übersetzt ist.

Die "Erläuterungen" gehen sehr ausführlich auf die Überlieferung der Fragmente ein, geben oft wichtige grammatikalische Hilfen (z.B. S. 81f. zur Konstruktion von χρή), bringen viel Material zu Realia (z.B. zu Klepsydra S. 412f. zu Empedokles 124 C) und wertvolle, konzentrierte Hinweise auf die Rezeption von Ideen der Vorsokratiker (z.B. S. 137 zur Weiterwirkung des Paradoxons über den Ort).

Im Teil "Leben und Werk" würden wohl Benutzer, die sich mit der eigentlichen Fragestellung dieser drei schwierigen Autoren befassen, etwas mehr systematisch-philosophische Darstellungen und Diskussionen wünschen. Dazu benutzt man mit Vorteil Ch. Rapp, Vorsokratiker, Verlag C.H. Beck 22007. Die Verwendung dieses Werkes, das L. Gemelli in ihrer Literaturliste nicht zitiert, hätte diesem Band, der sich sonst durch Akribie und Materialfülle auszeichnet, einen willkommenen Mehrwert gegeben.

Alois Kurmann

Tacite, La Germanie, traduit du latin et présenté par Patrick Voisin, Paris (Arléa) 2009, 115 p., ISBN 9 782869 598508, 13 €

De la défaite de Varus à la chute du Mur de Berlin, les années en 9 ont ponctué l'histoire des Germains tant antiques que modernes. Les relations est-ouest qui ont suivi l'effondrement du communisme culminent en 2009 dans l'Europe des Vingt-Sept. C'est la même impression d'une ouverture, d'une aspiration vers l'est (le nord-est) qui émane de la nouvelle traduction française de La Germanie de Tacite donnée par Patrick Voisin cinquante ans après celle de Jacques Perret aux Belles Lettres.

L'ouvrage, sous-titré L'origine et le pays des Germains, s'ouvre sur une présentation du sujet par l'auteur intitulée Un petit livre d'or, comme on a pu qualifier l'opuscule à la Renaissance. Il y rappelle brièvement les nombreuses lectures qui ont été faites de La Germanie au cours du temps. Si quelques ouvrages-clés (essentiellement en français) sont mentionnés en notes comme références à ses propos, on regrette que P. Voisin se contente de renvoyer à Pierre Grimal et à Jacques Perret pour les études étroitement liées au texte, telles par exemple celles concernant les sources de Tacite sur la question.

Comme aide à la lecture, on mentionnera en ouverture une bien utile carte des peuples de la Germanie selon Tacite, qui permet de situer sinon toutes les tribus, du moins les régions occupées par celles-ci. Une chronologie, à la suite du texte, met en évidence les relations conflictuelles des Romains avec les Germains. Quant à la généalogie des Julio-Claudiens qui clôt l'ouvrage, force est d'admettre qu'elle ne situe que des personnages qui, bien que leur nom soit intimement lié à la conquête de la Germanie, ne couvrent qu'une modeste période de ces relations conflictuelles commencées, comme le prouve le tableau chronologique, des siècles auparavant et qui se poursuivront longtemps après encore ...

La traduction se laisse lire très agréablement ; ne s'appuyant pas, comme celle de J. Perret, sur le texte latin en regard, elle en est aussi moins " tacitéenne " dans le style et ainsi plus accessible aux lecteurs, pas nécessairement spécialistes, de la Collection " Retour aux grands textes " des éditions Arléa. Les chapitres sont clairement intitulés et enrichis de notes souvent utiles mais où l'on sent l'auteur parfois tiraillé entre le besoin, ou pas, de donner une information basique, l'information générale, et des notes plus élaborées à l'intention de lecteurs plus avertis, telles qu'on en aurait souhaité sur les rapports entre les Germains et les Gaulois, par exemple. Quoi qu'il en soit, La Germanie est, aujourd'hui, à (re)découvrir et à faire découvrir !

Christine Haller

Ruth Sheppard, Alexander der Große und seine Feldzüge, Stuttgart (Konrad Theiss Verlag) 2009, 256 S., CHF 56.90

Die am St. John's College in Oxford lehrende Althistorikerin, die schon mehrere Bücher zu militärhistorischen Themen herausgegeben hat, präsentiert im vorliegenden Buch eine interessante und sehr fundierte Geschichte über Alexander den Großen. Die ersten vier Kapitel behandeln die Situation in Griechenland und Persien im fünften und vierten Jahrhundert sowie den Aufstieg Makedoniens unter den für das Verständnis des weiteren Geschichtsverlaufs relevanten Gesichtspunkten, wobei naturgemäß kriegerische Auseinandersetzungen und militärische Taktiken im Vordergrund stehen. Die eigentliche Darstellung Alexanders beginnt im fünften Kapitel mit seiner Thronbesteigung nach der Ermordung Philips II. (über seine Kindheit ist nicht viel bekannt) und schildert minutiös den Verlauf seines langen Feldzuges bis zu seinem frühen Tod in Babylon (Kap. 12). Mit einer erstaunlichen Fülle an Details werden zunächst die Ausrüstungen, Aufstellungen und Kampftaktiken des Heeres und die Funktionen der einzelnen Kämpfertypen erörtert. Zahlreiche halb- bis zweiseitige Artikel erklären zwischendurch die Eigenarten einzelner Völker, die mit Alexander konfrontiert wurden, ferner wichtige Persönlichkeiten in seinem Umfeld, seien es Gegner wie beispielsweise Dareios III. oder Generäle wie Antigonos und Ptolemaios, die in der Diadochenzeit wichtige Rollen spielten. Sehr eindrücklich sind die exakten Schilderungen der einzelnen Schlachten vom Granikos bis zum Hydaspes mit ihren jeweils eigenen Besonderheiten und Schwierigkeiten, zu deren Verständnis viele sehr gute Karten mit den einzelnen Ereignissen beitragen, so daß man sich buchstäblich ein Bild des Kriegsverlaufes machen kann, auch wenn die Einzelheiten kompliziert sind. Insgesamt 120 Abbildungen bzw. Zeichnungen zeigen das heutige Aussehen wichtiger Schauplätze oder veranschaulichen wichtige Fakten; besonders zu erwähnen ist der berühmte Alexandersarkophag, der als bedeutende Quelle für das Erscheinungsbild der Truppen dient und daher häufig erwähnt wird. Die Autorin erklärt öfters Unterschiede in der Überlieferung und die sich ergebenden Probleme, wenn sich Quellenangaben nicht vereinbaren lassen; sie bewertet die Aussagen hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit und mahnt etwa bei auffälligen Zahlenangaben zu Heeresstärken zur Vorsicht. Die wesentlichen Schriftsteller (Arrian, Diodor, Curtius Rufus, Plutarch und Justin) werden zwar oft genannt, häufig aber ohne genaue Stellenangaben (im letzten Kapitel werden diese Autoren charakterisiert; hier finden auch die späteren legendären Alexanderromane noch eine kurze Erwähnung). Weniger ausführlich werden unterschiedliche Standpunkte der Forscher behandelt; beispielsweise bleiben divergierende Meinungen über die Historizität der Zerschlagung des gordischen Knotens unerwähnt, während zwei antike Versionen ohne Beurteilung nebeneinandergestellt werden. Ein Glossar erklärt zum Schluß die wichtigsten Fachbegriffe, und eine Zeittafel (~ 650-301 v.Chr. bis zur Schlacht bei Ipsos) gibt einen nützlichen Überblick über die wichtigsten Fakten.

Iwan Durrer

Patrick Schollmeyer, Das antike Zypern: Aphrodites Insel zwischen Orient und Okzident, Mainz (Philipp von Zabern) 2009, 112 S., CHF 44.00, ISBN 978-3-8053-3831-8

Ein weiterer Bildband aus Zaberns Reihe "Sonderbände zur Antiken Welt" liegt vor. Dafür verantwortlich zeichnet Patrick Schollmeyer, Dozent für Klassische Archäologie an der Uni Mainz, zu dessen Forschungsschwerpunkten Zypern gehört.

Nach einer kurzen Vorstellung der Geschichte der archäologischen Erforschung Zyperns folgen die einzelnen Epochen, in folgende Abschnitte gegliedert: von den Prähistorie bis zu den Phöniziern, Blüte und Untergang der kyprischen Stadtkönigtümer, Rom als Herrin der Insel und schliesslich Zypern von der Spätantike bis zur Renaissance. Die sehr wechselhafte Geschichte der Insel wird anhand der Textteile sehr gut verständlich und lebendig gemacht.

In den sehr klar kommentierten Bildteilen kommt einerseits die Architektur vor, andererseits aber auch die bildende Kunst in der Bildhauerei, Mosaikkunst und sonstigem Kunsthandwerk. Architektur wird zudem mit Grundrissen von ganzen Stadtanlagen, Tempelbauten, Villen und Palästen, aber auch Grabmälern erfahrbar gemacht. Insgesamt sind es 71 Farb-, 3 Schwarzweiss- und 48 Strichabbildungen.

Hochinteressant, wie sich Zypern in früherer Zeit quasi "homerisch" präsentiert, später aber unter den Römern Anschluss an die urbane Entwicklung im römischen Reich findet, dank dem Reichtum der Insel durch den Handel mit Öl und Wein, vor allem aber Holz und Kupfer. (Hier unterlässt es Schollmeyer, darauf hinzuweisen, dass ja sogar der Begriff "Kupfer" von der Insel abgeleitet ist, aus lat. aes cyprium > cuprium.) Die wichtigen Annehmlichkeiten und Einrichtungen einer wohlhabenden römischen Stadt sind zum Beispiel in Salamis allesamt greifbar, inklusive dem Theater, das im 3. Jh. sogar für die Durchführung von Naumachien hergerichtet wurde.

Die im Band gezeigten Fotografien der heute noch sichtbaren Überreste antiken Lebens bestechen allein durch ihre Anschaulichkeit, wunderschön sind sie aber insbesondere da, wo zusätzlich etwas von der umliegenden Landschaft zu sehen ist - die bedeutendsten antiken Siedlungen waren ja allesamt an der Küste gelegen. Kein Wunder, galt die Insel den Griechen als Heiligtum der Aphrodite.

Beat Hüppin

Barbro Santillo Frizell, Arkadien. Mythos und Wirklichkeit, Köln (Böhlau) 2009, 188 S., CHF 44.90, ISBN 978-3-412-20307-8

Oft wird sie bemüht, die Dichotomie von Stadt und Land. Und nicht selten werden auch andere Dichotomien mit ihr kurzgeschlossen, so die zwischen Kultur und Natur oder zwischen Mensch und Umwelt. Die Archäologin Barbro Santillo Frizell unterminiert mit ihrem leicht lesbaren Buch über Arkadien, oder eher: "Arkadien", diese wohlfeilen Gegensätze, mit denen der moderne, urbane Mensch (und wer lebt in unseren Breitengraden nicht urban?) sich die Welt zu erklären sucht. Sie tut dies aber nicht mit einer gewagten These oder einer neuen Kulturtheorie, sondern durch das unprätentiöse Beschreiben des pastoralen Alltags. Von da aus entwickelt sie Bezüge zu Mythos, Dichtung und Geschichte und bringt oft durch die blosse Kompilation von Bekanntem Erstaunliches zu Tage. So hat man schon viel über den Kyklopen Polyphem, den Ziegenhirten Melanthios und den Schweinehirten Eumaios lesen können, doch hat man diese Figuren aus der Odyssee auch schon als Vertreter eines Berufsstandes wahrgenommen? Dieser Berufsstand zeichnet sich durch seinen hybriden Charakter aus: Weder sesshaft noch nomadisch sind Hirten nichtzugehörige Zugehörige, Figuren am Rande der sesshaften Bevölkerung und manchmal auch am Rande der gängigen Moralvorstellungen (Zoophilie kommt ebenfalls zur Sprache). Sie eignen sich daher hervorragend als Botschafter und Vermittler. Man denke nur an die Rolle der Hirten in der Ödipus- oder in der Weihnachtsgeschichte.

Intensiver Schaf- und Ziegengeruch durchweht dieses Buch. Man erfährt die Abläufe der Wollproduktion, die Tücken der Käseherstellung und viel über ideale Weidegründe. Dabei ist es erstaunlich wie immer wieder in dieser sinnlichen, ruralen Welt das Geistige und das Urbane aufblitzt. Wer dächte beim Anblick der immensen Kuppel von Santa Maria del Fiore in Florenz an Schafe? Und doch haben diese die Kirche finanziert - über die Gilde der Wollhändler. Wie sehr sich auch das antike Rom als ein pastorales Produkt verstand, zeigen die zahlreichen Abbildungen der Auffindung von Romulus und Remus durch den Hirten Faustulus.

Die pastorale Lebenswelt - die einzigartige Symbiose von Mensch, Tier und Landschaft - ist nahezu verschwunden und in Italien wird, abgesehen vom Pallium des Papstes, praktisch keine Wolle mehr produziert. Diese schon fast vergangene Welt hat Santillo Frizell mit viel Liebe doch ohne Sentimentalität im vorliegenden Buch eingefangen. Sie erweist sich damit ihrer Landsmännin, Christina von Schweden, würdig, die im Rom des 17. Jahrhunderts die Vorgängergesellschaft der Accademia dell'Arcadia gründete.

Sundar Henny

Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden. Historia Langobardorum, hrsg. und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2009, 462 S., CHF 135.00 (WBG-Preis € 49.90), ISBN 978-3-534-22258-2

"Refert ... antiquitas ... Fream consilium dedisse, ut Winnilorum mulieres solutos crines erga faciem ad barbae similitudinem componerent. ... Quas cum Godan oriente sole conspicerent, dixisse: 'Qui sunt isti longibarbi?'". - Es ist nicht zuletzt eine Frage nach den eigenen Wurzeln, die Paulus Diaconus den Germanengott Wodan hier ziemlich zu Beginn seiner Historia Langobardorum stellen lässt, gehörte doch sein Ururgrossvater Leupchis im Jahr 568 n.Chr. zu den ersten langobardischen Einwanderern in Italien. Den Namen 'Langbärte' hatten die einstigen Winniler zuvor auf ihrem Weg von Norden her angenommen, ebenso die Verehrung der germanischen Gottheiten Wodan und Freyja. Paulus selbst erlebte das Ende des Langobardenreichs im Jahr 774 n.Chr., lässt aber sein Werk dreissig Jahre früher mit der Herrschaft des Königs Liutprand ausklingen. Dazwischen beschreibt er faktenreich das Wirken der langobardischen Adligen mit und gegen die Mächtigen der Zeit: das wachsende Frankenreich, die Awaren in Pannonien, das byzantinische Ravenna, das erstarkende Papsttum. Und wir sind ihm dankbar, dass er hinter den Kriegswirren und Machtkämpfen auch das Private sichtbar macht, und uns genüsslich daran teilhaben lässt, wenn etwa die Heiratspolitik des Königs Authari zur Romanze mit der bayrischen Prinzessin Theodelinde wird: "Ille, postquam bibit ac poculum redderet, eius manum - nemine animadvertente - digito tetigit dexteramque suam sibi a fronte per nasum ac faciem produxit. ... Erat autem tunc Authari iuvenili aetate floridus, statura decens, candido crine perfusus et satis decorus aspectu" (HL 3, 30).

Die nun vorliegende doppelsprachige Ausgabe von Wolfgang F. Schwarz enthält eine lange wissenschaftliche Einleitung (S. 7-110). Darin stellt Schwarz unter anderem "Quellen, Stoffe und Strukturen" für jedes der sechs Bücher einzeln vor, was zum einen eine hilfreiche Übersicht über den jeweiligen Inhalt gibt, zum andern tief in die Arbeitsweise des Paulus Diaconus blicken lässt. Zum Umgang mit Gregor von Tours' Historiae etwa schreibt Schwarz: "Paulus übernimmt weite Passagen wörtlich. Er korrigiert dabei fortlaufend Verstösse gegen Elementargrammatik und Syntax des klassischen Latein und glättet den Text stilistisch" (S. 46). Allerdings beschönige Paulus mehrfach Niederlagen oder Brutalitäten seiner Landsleute, "aus allem ist Rücksicht auf das Image der Langobarden erkennbar" (S. 48). Tendenziöse Geschichtsschreibung also? Warum nicht einmal dieser Frage durch minutiösen Quellenvergleich zwischen Paulus und Gregor im Unterricht nachgehen ...?

Die Einleitung schliesst mit einem kurzen Kapitel zu "Sprache, Überlieferung und Textgestalt" (S. 103ff). Mit Blick auf den Unterricht mag hier eine ältere Studie interessieren, die Schwarz referiert: "Das von Paulus verwendete ... Vokabular gehört zu ca. 89% dem klassischen Latein an. Weitere ca. 10% sind Teil des Wortschatzes der nachklassischen Literatur; etwa 4% davon gehören zum biblisch-christlichen Repertoire. Germanismen und Neologismen stellen den Rest von 1%" (S. 107).

Schwarz' Übersetzung "sucht Treue zum Original bei zeitgemässem Ausdruck" (S. 109). Das klingt oft erfrischend, manchmal vielleicht etwas gar salopp, wenn etwa die Awaren beschliessen, "alle schon älteren Langobarden über die Klinge springen zu lassen" (gladio perimere statuunt; S. 243) oder die Ärzte beim Tod Grimoalds mit Gift nachhelfen und "ihm damit vollends den Rest" geben (eum ab hac funditus privarunt luce; S. 287). Andernorts wird aufgefordert, "ex zu trinken" (avidissime biberet; S. 267) oder für Witwe und Waisen zu sorgen, "weil diese Schurken hier (gens ista perfida) mich nicht am Leben lassen werden" (S. 275).

Erwähnt sei, dass Text und Übersetzung durch einen ausführlichen Anmerkungsapparat erschlossen sind (S. 345-408). Wer schülergerechtes Begleitmaterial zu den Langobarden sucht, sei auf Karin Priesters Geschichte der Langobarden (Theiss 2004) und die DVD des Bayerischen Rundfunks (Die Langobarden. Germanen zwischen Alpen und Apennin) verwiesen.

Thomas Schär

Mario Andreotti, Die Struktur der modernen Literatur. Neue Wege in der Textinterpretation: Erzählprosa und Lyrik, Bern/Stuttgart/Wien (Haupt Verlag), 4. Auflage 2009, 488 S.

Überlegungen zur Struktur, das heisst zum Bau, von Texten sind auch für unsere Fächer wichtig. Deshalb habe ich im Bulletin 62 (2003) die dritte Auflage von Mario Andreottis Buch besprochen. Damals waren mir zwei Hauptquellen nicht bekannt, auf die sich der Autor stützt und die er zu wenig klar nennt. Wenn ich nun, bei der Besprechung der vierten, "vollständig neu bearbeiteten und aktualisierten Auflage" auf die unklare Quellenlage und einige weitere Mängel eingehe, so tue ich das in Anerkennung eines im Kern nützlichen Buches. Worin liegt der Nutzen? Der Autor bestimmt den Begriff der literarischen Moderne und zeigt ihn an einer grossen Zahl von Texten. In der neuen Auflage führt er die Linie bis zu den Poetry Slams und ins digitale Zeitalter. Als prägend für die Moderne sieht er eine Krise des Ichs, bzw. des Subjekts, welche zu einer Auflösung der herkömmlichen Struktur literarischer Texte führte. Hier stellt sich dem Leser die Frage nach den Quellen. Die Hypothese vom Zusammenhang zwischen dem Expressionismus und einer "Strukturkrise des Ichs" hat Vietta entfaltet (Silvio Vietta/Hans-Georg Kemper: Expressionismus, München, 1. Aufl. 1975); er interpretiert u.a. einige Nietzsche-Texte. In diesen Rahmen hat Keller die Dichter Döblin und Brecht eingetragen (Otto Keller: Döblins Montageroman als Epos der Moderne, München 1980). Andreotti deutet dieselben Texte, die Vietta und Keller heranziehen, verweist aber auf Vietta nur für einige Begriffe, und Keller nennt er nur in seinem anderen Werk "Traditionelles und modernes Drama" (1996). Die Abhängigkeit geht wiederholt bis in den Wortlaut hinein. Der Autor bekennt sich zwar mit Recht zum "Eklektizismus" (S. 6), und in einem "Studien- und Arbeitsbuch" (S. 8) kann man nicht jede Einzelheit belegen. Da er aber andere Theoretiker, denen er folgt, mit der nötigen Deutlichkeit nennt (z.B. Franz K. Stanzel), sollte er das auch bei Vietta und Keller tun. Nur so kann der Leser deren über 30jährige Theorien im Zusammenhang prüfen; nötig ist das vor allem für Kellers eigenwillige Auffassung von Döblins Rolle und Bedeutung.

Ein weiterer Mangel: In der an sich didaktisch gebotenen Straffung werden geistesgeschichtliche Zusammenhänge manchmal verzeichnet. So überschätzt der Autor den Einfluss der Lateingrammatik und sieht erst "unter dem starken Einfluss Ludwig Wittgensteins eine kopernikanische Wende von der traditionellen, normativen Grammatik, d.h. von einer Ableitung der Grammatik aus vorgegebenen, vor allem lateinischen Regeln zu mehr deskriptiven Grammatiken, welche die Sprache auf ihren aktuellen Gebrauch hin untersuchen" (S. 126). Tatsächlich wurden lange vor Wittgenstein, im 19. Jh., an der deutschen Sprache neue grammatische Kategorien gewonnen, die dann ihrerseits in die altsprachliche Grammatik übergingen; betroffen war vor allem die Syntax (Beispiele: Kühner-Stegmann; Hofmann-Szantyr).

Ferner sind manche Angaben unzuverlässig; so werden Plutarchs Moralia, offenbar wegen dem lateinischen Titel, zu den "römischen" (statt griechischen) Vorbildern Michel de Montaignes gezählt (S. 271). Ein und derselbe Text Nietzsches wird versehentlich zunächst als "Aphorismus" (S. 51), dann als "Essay" (S. 271) bezeichnet; tatsächlich handelt es sich um ein Fragment aus dem Nachlass. Dieser Nachlass wird heute nicht mehr nach Karl Schlechta zitiert.

Zur Form: Der Verlag hat sich für die sogenannte neue Rechtschreibung entschieden; durchgeführt ist sie aber inkonsequent, so dass sich ein Durcheinander von neuen und herkömmlichen Schreibweisen findet. Dazu kommen etliche störende Druckfehler und Versehen, so ist ein längerer Satz über den "Stilpluralismus" auf derselben Seite doppelt abgedruckt (S. 122).

Als Fazit sei festgehalten, dass ein an sich nützliches und nötiges Werk einige Mängel aufweist, die hoffentlich behoben werden.

Stefan Stirnemann
Update: 7.5.2017
© webmaster
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