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Bulletin 71/2008

Inhalt

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Lector benevole

Gewöhnlich wird das Vorwort eines Buches nicht gelesen, sondern höchstens überflogen. Wenn Sie, liebe Kollegin, lieber Kollege, diese Seite nicht lesen, befinden Sie sich also in guter Gesellschaft. Und tatsächlich ist diese erste Seite auch nicht sehr wichtig. Viel bedeutender ist die drittletzte Seite dieses Bulletins. Dort ist nämlich sehr Erfreuliches zu lesen: Unser Verband hat die Freude, siebzehn neue Mitglieder begrüssen zu könne. Das freut den Vorstand und motiviert uns, die zweimal jährlich das Bulletin herausbringen, interessanten Lesestoff und möglichst viele, aktuelle Nachrichten zu bringen.

Hinsichtlich der Aktualität kann das Bulletin mit etwas Neuem aufwarten. Von dieser Nummer an werden am Anfang der Rubrik "Nachrichten" immer bevorstehende Veranstaltungen, Events und Ausstellungen im Zusammenhang mit Alten Sprachen aufgeführt, die von Mitarbeitenden unseres Verbandes oder mit deren Mithilfe durchgeführt werden. Diese Einträge sollen zeigen, was, wo und wann etwas stattfindet, und wer die verantwortlichen Ansprechpartner sind; dadurch soll auch ermöglicht werden, dass diejenigen, die solche Veranstaltungen planen und durchführen, miteinander in Kontakt kommen und dass so Synergien geschaffen und genutzt werden können. Diese Nachrichten werden umso zahlreicher, je mehr uns die Kontaktpersonen in den Kantonen und Regionen und einfach alle Mitglieder Informationen geben. Auf diese Weise kann das Bulletin noch mehr ein Verbandsorgan werden, an dem möglichst viele mitschreiben.

Neu ist auch, dass in diesem Bulletin zum ersten Mal eine Stellenausschreibung platziert ist. In den letzten Wochen wurden von mehreren Schulen Lateinstellen ausgeschrieben. Wir sind in einem Zeitabschnitt, wo eine Generation von Lehrenden der Alten Sprachen in Pension geht. Glücklicherweise werden in diesem Zusammenhang nicht einfach Stellen gestrichen, wie es auf Universitäten gerade im Bereich der sog. kleinen Fächer immer wieder geschieht. Es ist zu hoffen, dass eine junge Generation von Latein- und Griechischlehrkräften an den Gymnasien unter den neuen Bedingungen unsere Sache wirkungsvoll vertreten kann; aus diesem Grund haben wir auch die Werbekampagne zur Werbung von Mitgliedern initiiert, deren erste Resultate die erwähnten Neueintritte sind. Wir hoffen, durch unser Bulletin diesen jüngeren Kolleginnen und Kollegen Hilfe sowie das Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln zu können.

Dass die eben in Basel eröffnete Homerausstellung hier auch einen Niederschlag findet, ist selbstverständlich. Dass das Antikenmuseum sogar ein Inserat platziert und separate Hinweise beilegen lässt, ermuntert uns alle, selber und mit unseren Schülerinnen und Schülern diese grosse und wichtige Ausstellung zu besuchen und in den Unterricht einzubeziehen.

Alois Kurmann
 

Thematischer Artikel

Von Sonne, Jahr und Tag

Am 13. Februar 50 v.Chr. schliesst Cicero, der damals als Prokonsul in Kleinasien wirkte, einen Brief an seinen vertrauten Freund Atticus, der sich damals in Griechenland aufhielt, ganz beiläufig mit der Bitte: "Sobald du weisst, ob es in Rom einen Schaltmonat gegeben hat oder nicht, schreib mir doch bitte ..." Wer diesen Satz heute liest, mag sich die Augen wischen: Da geht es nicht etwa um einen einzelnen Schalttag, wie er uns alle vier Jahre und eben jetzt wieder in den Schoss gefallen ist, sondern um einen ganzen Schaltmonat, und Mitte Februar jenes Jahres wusste Cicero in der Provinz noch nicht, ob es zehn Tage später in Rom einen solchen Schaltmonat geben werde oder nicht.

Das war gerade ein Jahr, ehe Julius Caesar, damals noch Prokonsul in Gallien und Sieger im Gallischen Krieg, am 10. Januar 49 v.Chr. den Rubico überschritt ("Alea iacta esto!", "Der Würfel sei geworfen!"), und fünf Jahre, ehe dieser Julius Caesar, inzwischen Sieger im Bürgerkrieg und Dictator für zehn Jahre, nach der römischen Republik nun auch den römischen Kalender julianisierte. Im Jahr 46 v.Chr. brachte Caesar den altrömischen Kalender mit neunzig Schalttagen buchstäblich à jour; zum Stichtag des 1. Januar 45 v.Chr. setzte er den nach ihm benannten "Julianischen" Kalender mit seinem Jahr von 365 Tagen und dem einen Schalttag in jedem vierten Jahr in Kraft. Nach einem peinlichen Fehlstart in jener Zeit neuer Bürgerkriege und einem Neustart im Schaltjahr 8 n.Chr. ist dieser Julianische Kalender bis zu diesem Schaltjahr 2008 gerade 2000 Jahre, 500 Schaltjahre hindurch fort und fort gelaufen, und mit seiner Feinjustierung durch Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 hat er beste Chancen, noch weitere Jahrtausende hindurch bis "ad Kalendas Graecas" weiter fortzulaufen: bis zu den "griechischen Kalenden", die in keinem Kalender stehen.

Vor Caesars Reform ging der römische Kalender, wie Theodor Mommsen einmal so bissig wie treffend gesagt hat, "weder mit der Sonne noch mit dem Monde, vielmehr gänzlich ins Wilde". Immerhin lag dem Wirrwarr doch ein System zugrunde, und das orientierte sich zunächst an den Mondphasen, dann am Sonnenlauf und dann und wann wohl auch an dieser oder jener Supernova am politischen Horizont. Mit seinen zwölf Mondmonaten zu je rund 29 1/2 Tagen, zusammen 354 Tagen, und einem aus uns unerfindlichen, wohl abergläubischen Rücksichten zugefügten 355. Tag eilte das römische Jahr dem Sonnenjahr um zehn volle Tage voraus, von dem weiteren runden Vierteltag gar nicht erst zu reden. Man musste also immer wieder kräftig schalten, wenn man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter in den Frühjahrsmonaten säen, in den Herbstmonaten ernten und auch die Götterfeste zu ihrer Zeit im Wechsel der Jahreszeiten feiern wollte.

So legten die Römer seit alters - wir wissen nicht genau, seit wann - statt einzelner Schalttage gleich ganze Schaltmonate ein, und dies in einem regelmässigen Vier-Jahres-Zyklus in jedem zweiten Jahr. Auf ein erstes Mond- und Sonnenjahr von zwölf Mondmonaten und einem Tag, zusammen 355 Tagen, folgte ein Schaltjahr mit 377 Tagen, auf ein zweites Mond- und Sonnenjahr von wieder 355 Tagen ein zweites Schaltjahr mit 378 Tagen. Das altrömische Jahr, ein Bauernjahr, begann am 1. März; die Schaltmonate von abwechselnd 22 oder 23 Tagen wurden jeweils gegen Jahresschluss im Anschluss an die volkstümlichen "Terminalien", das am 23. Februar unter Nachbarn gefeierte "Grenzsteinfest", in den Kalender eingefügt, die restlichen Februartage wurden daran angehängt.

Das war des Guten schon zuviel; mit diesem Vier-Jahres-Zyklus von insgesamt 1465 Tagen, entsprechend einem Jahr von 366 1/4 Tagen, ging der altrömische Kalender alljährlich rund einen Tag nach. Aber das war nicht das Ärgste. Zumindest in den letzten beiden Jahrhunderten der römischen Republik - weiter sehen wir nicht zurück - machten die zuständigen Priesterschaften von der ihnen anvertrauten Kalenderkompetenz offensichtlich recht nachlässigen, ja willkürlichen Gebrauch. Vielfach beruhte der lässliche Umgang mit den Schaltmonaten wohl nur auf schierer Unwissenheit oder Unachtsamkeit, doch nicht selten waren dabei offenbar auch persönliche und politische Interessen im Spiel: Auch der Pontifex maximus und die übrigen Priester stammten ja aus der noblen politischen Klasse, und manch einer mag da manches Mal versucht gewesen sein, über diesen kalendarischen Schalthebel einen gerichtlichen oder einen politischen Termin je nach dem persönlichen Interesse oder der politischen Opportunität ein paar Wochen vorzuziehen oder auf die lange Bank zu schieben.

Im Jahr 190 v.Chr., als die Römer dem Seleukidenkönig Antiochos III. ganz Kleinasien abgewannen, eilte der römische Kalender dem Sonnenlauf um 119 Tage, volle vier Monate, voraus; im Jahr 168 v.Chr., dem Jahr des historisch bedeutsamen Sieges über den Makedonenkönig Perseus, hatte er immer noch 74 Tage Vorsprung. In Ciceros Konsulatsjahr 63 v.Chr. ging der Kalender ausnahmsweise einmal richtig oder doch fast richtig; doch bis zum Jahr 46 v.Chr., in dem Caesar auf der Höhe seiner Macht seinen glanzvollen vierfachen Triumph feierte, hatte er die Nase oder hier vielmehr das Neujahr schon wieder weit vorn: Nicht weniger als neunzig Tage, ein volles Vierteljahr, betrug die Abweichung, die Caesar im Vorjahr seiner Kalenderreform mit einem regulären Schaltmonat von 23 Tagen im Februar und einem Extra-Schaltmonat von 67 Tagen zwischen November und Dezember auszugleichen hatte. Am Anfang seines Kalendergedichts hat Ovid den legendären Gründer der Ewigen Stadt mit feiner Ironie auf dieses eklatante Missverhältnis zwischen militärischen Siegeszügen und kalendarischem Kladderadatsch angesprochen: "Scilicet arma magis quam sidera, Romule, noras", "Ja: Deine Waffen kanntest du besser, Romulus, als die Sterne."

Caesars in der Sache tiefgreifende, in der Form äusserst behutsame Kalenderreform hat diesem jahrhundertelangen Kalenderwirrwarr am 1. Januar des Jahres 45 v.Chr. mit einem Schlag und ein für alle Mal ein Ende gemacht. Doch ehe wir den römischen Strang der Kalendergeschichte hier weiter verfolgen, müssen wir - wie Caesar selbst in Herbst und Winter 48/47 v.Chr. - ein "ägyptisches Jahr" in unseren Bericht einschalten, wir freilich nicht in den Prunkräumen der unwiderstehlichen Kleopatra, sondern in der Werkstatt der pharaonischen Kalendermacher. Denn aus jenem roman- und filmträchtigen Tête-à-tête Julius Caesars und Kleopatras in Alexandria ist damals nicht nur ein jüngster Julier namens Caesarion, sondern zugleich eine schlagende Kalenderidee hervorgegangen, und anders als jener kurzlebige, im nächsten, letzten Akt des römischen Bürgerkriegs beiseite geräumte Caesarion sollte diese ursprünglich ägyptische, dann "Julianische" Kalenderidee ein schier unverwüstlich langes Leben haben.

Der ägyptische Kalender ist der älteste, den wir kennen, und zugleich der einfachste, der sich denken lässt. Gestützt auf eine langjährige Beobachtung einerseits der alljährlichen Nilschwelle und andererseits des Siriusaufgangs hatten die ägyptischen Priesterschaften bereits in frühester Zeit ein erstaunlich genau bemessenes Sonnenjahr von 365 Tagen eingeführt. Dieses ägyptische Jahr gliederte sich in zwölf (Mond-) Monate zu je dreissig Tagen und zu guter Letzt, am Jahresschluss, fünf Extra-Feiertage für die Götter Osiris, Horus, Seth, Isis und Nephthys. Das war schon einfach genug, doch was diesen Kalender vollends einfach machte, war der Verzicht auf jegliche Schaltung. Wie seine Beinahe-Mondmonate von dreissig Tagen sich von Monat zu Monat durch die wechselnden Mondphasen schoben, so schoben sich seine Beinahe-Sonnenjahre von 365 Tagen von Jahr zu Jahr durch die wechselnden Jahreszeiten. Mit jedem Jahr rückte der Jahresbeginn, der wohl einmal auf einen Siriusaufgang festgelegt war, gegenüber dem Sonnenlauf um nahezu einen Vierteltag zurück und durchlief so alle Jahreszeiten, bis er nach jeweils viermal 365, also 1460 Jahren wieder nahezu mit dem Siriusaufgang zusammenfiel. Es mag verwundern, wie die alten Ägypter ihr Sonnenjahr so genau nach dem Sonnenlauf bemessen und sich zugleich so wenig um die Wahrung seines Gleichlaufs mit der Sonne bekümmern konnten. In einem Menschenleben machte diese stetige Verschiebung freilich nicht mehr als ein, zwei oder allenfalls drei Wochen aus.

Natürlich war den Ägyptern diese von Generation zu Generation, Jahrhundert zu Jahrhundert fortschreitende Abweichung ihres Jahreslaufs vom Sonnenlauf bewusst, und dies längst ehe die Babylonier im 8. Jahrhundert v.Chr. die Jahreslänge auf Grund der regelmässigen Wiederkehr der Sonnenfinsternisse auf etwas weniger als 365 1/4 Tage berechneten und der geniale griechische Astronom Hipparchos von Nikaia diesen Wert schliesslich im 2. Jahrhundert v.Chr. auf 365 Tage, 5 Stunden, 55 Minuten, 12 Sekunden präzisierte. Damit kam Hipparch bis auf 6 Minuten und 26 Sekunden an den richtigen Wert von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden heran.

Es hätte gewiss weder grossen Schöpfergeistes noch grosser Rechenkünste bedurft, diese Abweichung von fast, fast genau einem Vierteltag durch einen Schalttag in jedem vierten Jahr auszugleichen. Den ägyptischen Priesterkollegien war an einem solchen Ausgleich offensichtlich nicht gelegen. Immerhin hat der hellenistische König Ptolemaios III. mit dem Beinamen Euergetes, der "Wohltäter", im Jahr 238 v.Chr. einen solchen Vorstoss unternommen. Aber dabei war neben jenem Quentchen Schöpfergeist auch eine gehörige Portion Eitelkeit und Eigennutz im Spiel. Ptolemaios hatte erwogen, im Anschluss an die fünf Extra-Feiertage am Jahresschluss zu Ehren der Götter in jedem vierten Jahr noch einen sechsten Extra-Feiertag zu seinen eigenen Ehren einzuschalten. Mit diesem 366. Tag in jedem vierten Jahr hätte Ptolemaios III. den ägyptischen Kalender damals nahezu perfekt an den Sonnenlauf angeglichen, und dieser "Ptolemäische" Kalender hätte den Julianischen Kalender um fast zwei Jahrhunderte vorweggenommen. Aber dazu ist es nicht gekommen. Die ägyptischen Priester hatten an dieser selbstgefälligen Wohltat ihres königlichen "Wohltäters" durchaus keinen Gefallen, und so blieb dieser zukunftsträchtige Geniestreich, die Verbindung des 365tägigen ägyptischen Jahres mit einem Schalttag in jedem vierten Jahr, dem römischen Eroberer vorbehalten. Es ist zwar nicht bezeugt, aber doch mit höchster Wahrscheinlichkeit zu vermuten, dass Caesar von jenem Tête-à-tête mit Kleopatra in Herbst und Winter 48/47 v.Chr. nicht nur das Jahrtausende alte 365tägige ägyptische Jahr, sondern auch den knapp zwei Jahrhunderte zuvor erwogenen und dann verworfenen "Ptolemäischen" Schalttag nach Rom gebracht hat. In seinem Triumph über Ägypten hat diese Kalenderidee gewiss nicht figuriert; aber heute können wir sagen: Sie war seine dauerhafteste Kriegsbeute.

So war die Kalenderreform, die Caesar im Jahr nach seiner Rückkehr durchsetzte, denn auch nicht so sehr eine astronomische als vielmehr eine politische Glanzleistung. Es war ein Meisterstück propagandistischer Camouflage. Caesar und sein astronomischer Berater Sosigenes brachten es fertig, den für Rom grundstürzend, grundlegend neuen ägyptischen Kalender mit seinen 365 Tagen und dem einen Schalttag so geschickt mit den vertrauten römischen Monatsnamen und wechselnden Monatslängen und der gewohnten rückläufigen Tageszählung zu drapieren, dass der gewöhnliche Gaius oder Quintus, Lucius oder Marcus im Alltag, wenn nicht gerade Schalttag war, die Neuerung kaum wahrnahm. Die zwölf Monate vom Martius, dem ersten Monat des alten Bauernjahres, bis zum Februarius, dem letzten Monat des Jahres, behielten ihre geläufigen Namen; zur Umbenennung des Quintilis, des "Fünften (Monats)" nach dem altrömischen Jahresbeginn, in Iulius und dann noch des Sextilis, des "Sechsten (Monats)", in Augustus ist es erst später und ganz unabhängig von der Kalenderreform gekommen.

Auch die herkömmliche Rückwärtszählung der einzelnen Tage von drei Stichtagen aus - den "Kalenden", wo wir den Monatsersten, den "Nonen", wo wir je nach dem Monat den 5. oder 7., und den "Iden", wo wir den 13. oder 15. Tag des Monats zählen - blieb unverändert erhalten. So konnten die Römer ihre Briefe weiterhin auf den "soundsovielten Tag vor den Kalenden", "vor den Nonen" oder "vor den Iden" dieses oder jenes Monats datieren und sich angesichts der simplen Frage, wie lange ein vom "3. Tag vor den Iden des November" datierter Brief bis zum "18. Tag vor den Kalenden des Dezember" wohl unterwegs gewesen war, weiterhin die Köpfe heiss und die Finger wund rechnen. (Für postantike Kopfrechner: Die Stichtage wurden mitgezählt; es sind, vom 11. bis zum 14. November, drei Tage.) Dieser sogenannte "Julianische", in seinem Kern ja ägyptische, "Ptolemäische" Kalender kam im Kostüm des altrömischen Kalenders daher, oder sagen wir's moderner: Die "Benutzeroberfläche" des altrömischen Kalenders blieb für die Zeitgenossen praktisch dieselbe, und der Zufall brachte es mit sich, dass der neue Schaltzyklus wie der alte wieder ein Vierjahreszyklus war.

Der seit alters überlieferte Kultkalender blieb unangetastet; "ägyptische" Einheitsmonate von 30 Tagen und irgendwelche Extra-Feiertage am Jahresschluss gab es nicht und erst recht keinen Schalttag zu Ehren des Dictators. Vielmehr wurden die zehn zusätzlichen Tage des ägyptischen Jahres derart auf die sieben bis dahin 29tägigen Monate Ianuarius, Aprilis, Iunius, Sextilis/Augustus, September, November und December verteilt, dass die grossen Götterfeste ihre altvertrauten Daten behielten. Statt wie vorher zwischen 29 und 31 Tagen wechselte die Monatslänge nun eben zwischen 30 und 31 Tagen; der letzte Monat, der Februar, behielt seine alte Länge oder vielmehr seine Kürze von 28 Tagen.

Der durchgehend befolgte Grundsatz einer denkbar unauffälligen, unanstössigen Reform, der sich in all dem zu erkennen gibt, bestimmte auch die Platzierung des Schalttags in jedem vierten Jahr. Die Schaltmonate des alten Kalenders waren jeweils nach dem feuchtfröhlichen nachbarlichen "Grenzsteinfest" gegen Ende Februar eingeschoben worden. Ebendiesen Platz nahm nun der Schalttag des Julianischen Kalender ein, mit der späteren, im Mittelalter aufgekommenen fortlaufenden Tageszählung: nach dem 23., also am 24. Februar, oder mit der römischen, vom nächsten Stichtag ausgehenden rückläufigen Zählung: vor dem "sechsten Tag vor den Kalenden des März". Die Römer nannten diesen Julianischen Schalttag danach den bissextilis dies, den Tag, an dem man "zum zweitenmal den sechsten Tag (vor dem Monatsersten des März)" schrieb; daher rührt noch der italienische anno bisestile und die französische année bissextile.

Hier gilt es ein verbreitetes Missverständnis aufzuklären: Die aufsteigende Tageszählung von 1 bis 30, 31 oder 28 lässt in einem Schaltjahr den überzähligen 29. Februar als den Schalttag erscheinen. Aber wer an einem solchen 29. Februar geboren ist (wie es fast auch dem Schreibenden geschehen wäre), darf mit vollem Recht nicht nur an jedem folgenden 29., sondern zwischenhinein auch an jedem 28. Februar Geburtstag feiern. Der eigentliche Julianische Schalttag ist ja nicht dieser scheinbar überzählige 29., sondern der eingeschobene 24. Februar, der die folgenden Tage je um einen Zähler vor sich her schiebt. Der römisch-katholische Heiligenkalender lässt die alte Tagesfolge noch erkennen: Ein Matthias oder Mathis hat in einem Schaltjahr statt am 24. erst am 25. Februar, eine Antonia statt am 28. erst am 29. Februar Namenstag, und unter dem 24. Februar ist in einem Schaltjahr statt eines Heiligennamens lediglich "Schalttag" vermerkt. Die Väter des Heiligenkalenders haben sich wohl gescheut, auch nur dem mindesten Sanctus oder der mindesten Sancta einen Ehrentag anzutragen, der nur alle vier Jahre wiederkehrt.

Die grosse Behutsamkeit, die der sonst so unbekümmert schaltende und waltende Dictator sich in dieser Reform auferlegt hat, lässt auf entsprechend grosse Widerstände in der römischen Gesellschaft schliessen. Es bedurfte der persönlichen Autorität und der diktatorischen Machtfülle eines Caesar, den unauflöslichen Gordischen Knoten dieser altrömischen Kalenderzöpfe kurzerhand mit einem magistralen Edikt, einer Weisung, zu zerschlagen. Caesar handelte hier als Pontifex maximus, aber alle politische Autorität und priesterliche Amtsgewalt, auch alles Bemühen, doch wenigstens das vertraute Namensgewand und Datengerüst des altrömischen Kalenders peinlichst zu bewahren, konnten ihm Hohn und Spott seiner Gegner nicht ersparen. Selbst in dem doch durchaus unpolitischen Kalender-Edikt erblickten Caesars Gegenspieler noch einen unliebsamen Auswuchs diktatorischen Machtanspruchs. Auf den beiläufigen Hinweis eines Freundes, morgen gehe das Sternbild der Leier auf, erwiderte Cicero in jenen Tagen einmal lakonisch und verbittert: "Ja, ja: auch das gemäss Edikt!"

Julius Caesars Kalenderreform überlebte die Ermordung des Dictators an den "Iden des März", am 15. März 44 v.Chr., und die vernichtende Niederlage der Verschwörer bei Philippi 42 v.Chr. sicherte für's erste seinen Fortbestand. Der neue Vier-Jahreszyklus mit seinen 365tägigen Jahren und seinem einen Schalttag in jedem vierten Jahr hatte zunächst freilich noch einige Startschwierigkeiten, und dies nicht nur, weil er sogleich nach seinem Anlaufen am 1. Januar 45 v.Chr. und nach Caesars Ermordung im folgenden Jahr in eine tief aufgewühlte Zeit neuer Bürgerkriege hineingeraten war. Mit dem Sieg der Caesarianer über die Verschwörer bei Philippi waren die Würfel, die Caesar bei seinem Übergang über den Rubico aufgeworfen hatte, ja noch längst nicht alle gefallen. Wie damals Caesar und Pompeius, so standen sich jetzt auf der einen Seite Caesars politischer Erbe, der spätere Kaiser Augustus, und auf der Gegenseite Antonius und Kleopatra erbittert verfeindet gegenüber.

Nein, die Startschwierigkeiten waren anderer Art. Die Nachfahren des Romulus verstanden sich nun einmal, mit Ovids vorher zitiertem Wort, eher auf Rüstung, Helm und Schwert als auf Sonne, Mond und Sterne, und so schalteten die dafür zuständigen Priester bar jeder astronomischen und kalendarischen Vernunft schon in jedem dritten statt in jedem vierten Jahr einen Schalttag ein; sie hatten wohl, nach üblicher römischer Zählweise, jeweils das letzte Schaltjahr mitgezählt. Es dauerte volle 36 Jahre - neun richtige vierjährige Schaltzyklen und nun stattdessen zwölf irrige dreijährige Schaltzyklen -, bis die peinliche Fehlleistung dieser schaltfreudigen Pontifices maximi auch nur entdeckt wurde, und weitere zwölf Jahre, bis man den bis dahin aufgelaufenen Fehler wieder ausgeglichen hatte: Nach dem Schaltjahr 9 v.Chr. liess Augustus die drei folgenden Schaltjahre 5 und 1 v.Chr. und 4 n.Chr. ausfallen. Im Jahr 8 n.Chr. gab es wieder einen Schalttag, und dieser zweite Anlauf stand unter glücklicheren Auspizien: Seit diesem Schaltjahr 8 n.Chr. geht der Julianische Kalender bis heute über gerade zwei Jahrtausende, 500 Schaltjahre hinweg seinen geregelten Gang. Es ist natürlich purer Zufall, dass jenes Schaltjahr 8 n.Chr. und so auch alle weiteren bis zu diesem jüngsten Schaltjahr 2008 in unserer Jahreszählung Vielfache der Vier sind. In jenem Schaltjahr 761 ab urbe condita, "nach Gründung der Stadt", haben sich die alten Römer ja nicht träumen lassen, dass sie zugleich bereits in einer neuen, jungen Ära lebten und dass man dieses Jahr einmal als das Jahr 8 post Christum natum, "nach Christi Geburt", zählen werde.

Kaiser Augustus beendete die fortwährenden römischen Bürgerkriege; Kaiser Nero scheffelte Olympische Siege; Kaiser Konstantin siegte vor den Toren Roms unter dem Zeichen des Kreuzes; der Westgotenkönig Alarich plünderte die Ewige Stadt; Karl der Grosse wurde in Rom zum Kaiser gekrönt; die Urkantone vereinigten sich zur Eidgenossenschaft; die Türken eroberten Konstantinopel; Kolumbus entdeckte Amerika; Gutenberg erfand den Buchdruck; Erasmus brachte seine "Adagia" bei Froben in Basel heraus und Zwingli in Zürich die erste Zürcher Bibel - und während all das und noch viel mehr geschah, lief der Julianische Kalender, ohne je aus dem Takt zu geraten, von Schaltjahr zu Schaltjahr fort und fort. Aber gerade diese unverwüstliche Lebenskraft liess schliesslich eine leichte Altersschwäche in Erscheinung treten: Im Laufe der fünf, zehn, fünfzehn Jahrhunderte hatte sich der anfänglich vernachlässigbar kleine, kaum merkliche Rest-Fehler des Julianischen Kalenders gegenüber dem Sonnenlauf allmählich zu einem messbaren Fehlbetrag ausgewachsen.

Gemessen an dem Sonnenjahr von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden ist das Julianische Jahr von 365 Tagen und runden 6 Stunden um genau 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang. Das heisst: Jahr für Jahr geht der Julianische Kalender gegenüber dem Sonnenlauf um diese 11 Minuten und 14 Sekunden nach, oder: Jahr für Jahr wird es nach dem Julianischen Kalender um ebendiese 11 Minuten und 14 Sekunden früher Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Minuten summierten sich zu Stunden, die Stunden zu Tagen; jeweils nach rund 128 Jahren lag der Julianische Kalender einen ganzen Tag hinter dem Sonnenlauf zurück, nach rund 900 Jahren, in der Zeit der Karolinger, war er eine ganze Woche im Verzug. Als Karl der Grosse am Weihnachtstag des Jahres 800 zum römischen Kaiser gekrönt wurde, erklangen im Himmel statt der Weihnachtsglocken schon die Neujahrsglocken: Sie läuteten eben das Jahr 801 ein.

Erst nach mehr als tausend Jahren, erst im 13. Jahrhundert, war der mangelnde Gleichlauf dieses irdischen Kalenders mit dem himmlischen Sonnenlauf in den Blick gekommen. Auf mehreren Konzilen gelangte das Kalenderproblem auf die Traktandenliste, aber auf keinem ins Beschlussprotokoll, und noch das Tridentinische Konzil, das von 1545 bis 1563 achtzehn Jahre lang in Trient tagte, vertagte diese Diskrepanz zwischen Himmel und Erde schliesslich als vergleichsweise nicht dringlich: Mit Reformation und Gegenreformation hatte man Wichtigeres zu verhandeln.

Im Jahr 1582 entschloss sich Papst Gregor XIII., das ständig vertagte Traktandum endlich zu erledigen. Er verfügte, dass zum Ausgleich des bis dahin aufgelaufenen Kalendervorsprungs noch im Herbst des gleichen Jahres zehn Kalendertage übersprungen werden sollten, so dass auf den 4. Oktober 1582 unmittelbar der 15. Oktober folgte. Zugleich traf Gregor XIII. in seiner Kalender-Bulle "Inter gravissimas" Vorsorge für die fernere Zukunft: Da der für einmal berichtigte Fehler in hundert Jahren gut einen Dreivierteltag, in vierhundert Jahren gut drei Tage ausmachte, sollten von den Jahrhundertjahren künftig nur noch die Vielfachen der Vierhundert, die Jahre 1600, 2000, 2400 und so fort, Schaltjahre sein: Das zweite in der Reihe hat vor acht Jahren im Kalender gestanden. So wurde der vierjährige Schaltzyklus des Julianischen Kalenders wiederum zufällig, aber doch ganz stimmig von einem vierhundertjährigen Schaltzyklus dieses korrigierten "Gregorianischen" Kalenders überlagert - ein Amuse-gueule für Kalender-Ästheten. Und als ein feinsinniger Kalender-Ästhet zeigte sich Papst Gregor XIII. auch darin, dass er seine Kalender-Bulle im Jahr 1582 zwar nicht in einem Schaltjahr, aber doch unter dem beziehungsreichen Schalttags-Datum des 24. Februar erscheinen liess.

Unausweichlich geriet dieser neue "Gregorianische", dem alten Julianischen Kalender um zehn Tage vorauseilende Kalender in die religiösen und politischen Wirbel von Reformation und Gegenreformation; er hatte es schwer, sich in der heillos zwischen Katholizismus und Protestantismus gespaltenen Welt durchzusetzen. Der von Papst Gregor mit dem Kalendersprung vom 4. auf den 15. Oktober 1582 äusserst knapp angesetzte Termin liess sich nur Italien, Spanien und Portugal und in Teilen Polens durchsetzen; Frankreich folgte mit einem Sprung vom 9. zum 20. Dezember 1582. Kaiser Rudolf II. und die katholischen Reichsstände führten den Gregorianischen Kalender gestaffelt mehrheitlich 1583 ein, die katholischen Schweizer Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Zug, Freiburg und Solothurn folgten 1584 mit einem Kalendersprung vom 11. auf den 22. Januar. Kein Wunder, dass die Protestanten auch hier protestierten: Wie hätten die Lutheraner und Zwinglianer diesem päpstlichen Gregorianischen Kalender, ganz gleich, wieviel die Argumente wogen, auch leichten Herzens ihre Reverenz erweisen können? Mehr als ein Jahrhundert lang bot die Landkarte Europas wie konfessionell, so kalendarisch ein buntgeschecktes, hier "gregorianisch", da "julianisch" eingefärbtes Bild. Es herrschte eine geradezu babylonische Kalenderverwirrung: Wie der Reisende heute beim Übergang von einer Zeitzone in die andere die Armbanduhr eine Stunde vor- oder zurückstellt, so musste er damals beim Wechsel von einem Konfessionsgebiet ins andere den Terminkalender wechseln.

Erst 1700 liessen sich die Protestanten auf einen sogenannten "Verbesserten Kalender" ein, der auf den 18. Februar unmittelbar den 1. März 1700 folgen liess; bald darauf folgten die reformierten Schweizer Kantone Zürich, Bern, Basel (daher rührt noch die Zeitverschiebung des "Morgestraich" gegenüber dem rheinischen Karneval), Genf, Thurgau und Schaffhausen mit einem Kalendersprung vom 31. Dezember 1700 auf den 12. Januar 1701, im Jahr 1724 noch die Kantone Glarus, Appenzell und St. Gallen. Als letzter Schweizer Kanton folgten die Bündner, unter hartnäckigem Widerstreben und zu verschiedenen Terminen zwischen 1760 und 1812; die Engadiner Gemeinde Susch musste durch Waffengewalt zum Gregorianischen Kalender bekehrt werden. Russland, das mit den orthodoxen Kirchen bis dahin "julianisch" datiert hatte, ist erst Anfang 1918 "gregorianisch" geworden; daher kommt es, dass Russland den Jahrestag der "Oktober"-Revolution vom 25. Oktober 1917 erst am 7. November feiert. Griechenland, um die Heimat des alten Hipparchos von Nikaia doch auch noch anzuführen, schreibt wie die Türkei erst seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Gregorianische Daten, China erst seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949.

Der Rest-Fehler des Julianischen Kalenders von 11 Minuten und 14 Sekunden in jedem Jahr lief sich in einem Julianischen Vier-Jahres-Zyklus zu 44 Minuten und 56 Sekunden, in jeweils vier Jahrhunderten zu einem Fehlbetrag von drei Tagen und knapp drei Stunden auf. Davon konnte die Gregorianische Kalenderkorrektur in ihrem Vierhundert-Jahre-Zyklus mit der Streichung jeweils dreier Schalttage, nächstens in den Jahren 2100, 2200 und 2300, selbstverständlich nur die ganzen Tage ausgleichen. Der verbleibende Rest-Rest-Fehler, der in einem solchen Zyklus genau 2 Stunden, 53 Minuten und 20 Sekunden ausmacht, summiert sich in jeweils gut 3323 Jahren wieder zu einem ganzen Tag. Das soll uns heute nicht beunruhigen. Wir lassen einfach, mit ein wenig Kalender-Ästhetik, das Schaltjahr 4000 n.Chr. aus und sehen mit einer weiteren Kalenderkorrektur vor, fürderhin alle viertausend Jahre das Schaltjahr auszulassen. Dann ist die Welt, wenigstens was diesen einen Punkt angeht, vorerst wieder einigermassen im Lot. Der dann noch verbleibende Rest-Rest-Rest-Fehler dürfte uns wirklich erst "an den griechischen Kalenden", "ad Kalendas Graecas", wieder zu schaffen machen. Bis dahin wird uns schon wieder etwas einfallen, und sonst können wir ja nochmals geradeso verfahren.

Klaus Bartels
Der Beitrag ist zuerst im Roche Magazin Nr. 81, Dezember 2007, S. 44ff. erschienen. A propos "Ad Kalendas Graecas": Die jüngste Buchpublikation des Autors: Veni vidi vici. Geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen. 11., durchgehend erneuerte und erweiterte Auflage, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2006 (Die Taschenbuchausgabe bei dtv bringt noch den Stand der früheren Auflagen).
 

Anzeigen und Mitteilungen

Relazione presidenziale 2007

Care colleghe e care colleghi,

questa è la mia ultima relazione presidenziale, e sarà un po' più breve di quelle degli anni precedenti, in cui a nome del nostro comitato ho cercato di esporre in modo sufficientemente circostanziato il lavoro svolto dalla nostra Associazione, dal comitato e da altri organismi. Anche nell'anno trascorso il nostro comitato si è riunito regolarmente, per tre volte, e non solo ha espletato le abituali mansioni che gli incombono, ma ha pure approfondito tematiche di più ampio respiro come le questioni di politica scolastica, che richiedono costantemente la nostra attenzione: proprio in vista della futura revisione dell'Ordinanza di maturità il comitato sta attivando un gruppo di lavoro rappresentativo che ci consenta di mettere a fuoco per tempo i problemi e le rivendicazioni che dovremo portare avanti. Per quanto riguarda la promozione e la propaganda a favore delle nostre materie, anche nell'anno trascorso si è potuto far tesoro dei materiali e delle proposte elaborate dall'apposito gruppo di lavoro chiamato 'PR-Gruppe'.
Purtroppo, un anno prima del termine del mio secondo periodo di presidenza, mi vedo costretto a dare le dimissioni. Le ragioni sono del tutto estranee alla nostra Associazione e riguardano gli accresciuti oneri lavorativi con cui per ragioni che qui non è il caso di esporre - devo confrontarmi come vicedirettore dell'istituto scolastico in cui insegno. A dire il vero, sia nel primo sia nel secondo periodo di presidenza non mi sono mai mancati il sostegno e l'incoraggiamento da parte dei colleghi del comitato e di altri soci. Anche se in particolare all'interno del comitato la collaborazione è stata oltremodo fattiva, tuttavia ritengo che il presidente debba essere in grado di dedicare non solo sufficiente tempo alle sue mansioni, ma anche tutte quelle energie che gli consentano di concentrarsi su di esse con la dovuta priorità. È proprio per questa ragione che ritengo che sia giunto il momento di cambiare il presidente. Pertanto è anche giunto il momento di tracciare un breve bilancio del lustrum in cui ho avuto l'onore di presiedere la nostra Associazione.

Una questione ricorrente è stato il numero di soci che, negli ultimi cinque anni, si è ridotto di circa il 10%. Si tratta di un'evoluzione che preoccupa, per arginare la quale anche in futuro saranno necessari ulteriori sforzi. Tuttavia, mi sento di affermare che in questi anni da parte dei soci anche grazie ad azioni mirate come quelle della 'PR-Gruppe' si è fatto molto per contrastare questa tendenza (parecchi sono infatti i nuovi membri che si sono iscritti) e che, tenuto conto della generale forte diminuzione degli insegnanti di latino e greco in attività, la nostra Associazione preserva comunque una ragguardevole vitalità in un contesto tutt'altro che facile.

Un altro problema riguarda il carattere nazionale della nostra Associazione. Un auspicio non pienamente realizzato in questi anni è stato che essa ancora meglio fungesse da catalizzatore delle numerose attività che a favore dell'insegnamento delle lingue antiche si concretizzano nelle diverse regioni linguistiche della Svizzera, assicurando a questo riguardo una migliore informazione reciproca, nella prospettiva di una condivisione a livello nazionale. Nel rispetto della peculiarità culturali, l'Associazione Svizzera dei Filologi Classici potrebbe e dovrebbe in questo modo costituire un più accentuato punto di riferimento per quanto concerne la politica scolastica a favore della cultura classica e della formazione umanistica. Nei fatti, però, va rilevato con piacere, per esempio, la buona partecipazione dei colleghi e delle scuole della Svizzera francese ai concorsi di greco, alla cui organizzazione ha collaborato la nostra Associazione; anche l'alternanza di articoli tematici in tedesco, francese e italiano sul nostro "Bollettino" testimonia la presenza della nostra Associazione in tutte le regioni culturali della Svizzera.

Importante per la vita della nostra Associazione è nel prossimo futuro il suo 'ringiovanimento'. Nonostante la riduzione generale di insegnanti menzionata in precedenza, in alcuni Cantoni sono stati assunti giovani colleghi a cui va l'invito a non solo aderire all'Associazione, ma anche ad assumervi cariche sociali e compiti di responsabilità. Anche se l'impegno a favore delle lingue classiche si svolge in buona parte nei singoli Cantoni, tuttavia alla nostra Associazione spetta un ruolo di coordinamento, per esempio per quanto riguarda l'elaborazione di materiali informativi o l'organizzazione di corsi di aggiornamento. Questo lavoro deve proseguire e quindi tutti quanti dovremo incoraggiare le colleghe e i colleghi più giovani a collaborare attivamente, se del caso anche nelle commissioni e nel comitato.
Altrettanto prezioso continua ad essere il contributo dei colleghi meno giovani o di quelli in pensione, che si sentono in grado di assicurare il loro sostegno all'interno dell'Associazione o in altre iniziative, come per esempio quelle che si rivolgono ad un pubblico più vasto. Trovandoci nel Canton Argovia mi limito qui a ricordare i 'Römertage' e il prossimo 'Lateintag 2008' a Brugg. Proprio dal Canton Argovia proviene poi anche un'altra proposta, sottoposta di recente al comitato: si tratta della possibilità per docenti del settore secondario I (in Argovia sono i 'Bezirksschullehrer') di aderire alla nostra Associazione in considerazione dell'esigenza, sentita più che mai urgente di fronte a sfide come HarmoS o gli standard, di 'mettersi in rete' anche tra i vari settori scolastici. In realtà, già ora gli statuti non escludono l'adesione come soci dei colleghi del settore medio inferiore, ma senz'altro il comitato, che accoglie con favore la proposta, valuterà come, da un punto di vista pratico, tale adesione, normalmente combinata con quella alla SSISS, potrà essere favorita.

In conclusione vorrei manifestare la mia gratitudine al comitato, che ha ritenuto di fare sua la mia proposta di sottoporre all'assemblea odierna la candidatura di Ivo Müller, docente del liceo di Trogen, quale nuovo presidente dell'Associazione svizzera dei filologi classici. Avrò modo di presentare Ivo Müller tra poco, al momento delle elezioni. Al mio successore vadano sin d'ora i miei migliori auguri che unisco ai ringraziamenti che rivolgo a tutti i membri del comitato, non solo per il sostegno che mi hanno assicurato in questi anni, ma anche per la comprensione che hanno manifestato nei momenti di difficoltà o di incertezza. Cercherò di contraccambiare continuando a lavorare secondo le mie forze all'interno del comitato e a favore della nostra Associazione. Un grazie soprattutto ai soci, numerosi stasera, per la simpatia che sempre ho sperimentato nei nostri incontri, a cui certamente non è estranea quella humanitas in cui crediamo, con cui cerchiamo di misurarci e che ci impegniamo di trasmettere ai nostri allievi. Grazie a tutti.

Andrea Jahn

Protokoll der Jahresversammlung des SAV
vom 16. November 2007 in der Kantonsschule Zofingen

Voraus konnten wir das Neueste über Musik und Musikinstrumente der Antike erfahren in einer Darbietung von Paul J. Reichlin, Conrad Steinmann und Giovanni Cantarini.

Vorsitz: Andrea Jahn
Anwesend: 37 Mitglieder
Entschuldigt: Christine Haller, Giancarlo Reggi, René Gerber, Heinz Sommer

1. Protokoll

Das Protokoll der Jahresversammlung vom 17. November 2006 in Port d'Hauterive bei Neuchâtel wird genehmigt.

2. Bericht des Präsidenten

Übersicht über die Arbeit des Komitees.
A. Jahn begründet kurz seinen vorzeitigen Rücktritt.
Wichtige Probleme:
Mitgliederzahl auf 250 zurückgegangen. Nicht stärker verankert in der Westschweiz, aber die Teilnahme am Griechisch-Wettbewerb ist recht gut über die CH verteilt.
Es gibt weniger Lehrer, aber einige Kantone stellen neue ein. Aufruf, junge Kolleg(inn)en an Bord zu holen. Dank für viele Initiativen (Römertage, Lateintage etc.).
Kt. AG möchte für Bezirksschullehrer den Beitritt offen sehen, im Komitee werden auch weitere Möglichkeiten der Öffnung diskutiert werden.

3. Bericht des Kassiers und der Revisoren

Kassierin: Multum dedit qui cito dedit - die Spenden, vor allem von der Kantonsschule Hohe Promenade, haben unser Budget deutlich entlastet. Auch der Flyer hat einiges eingebracht, er wird neu gedruckt.

Revisorenbericht (Revisoren entschuldigt, nicht anwesend) wird vorgelesen. Kontostand beinahe gleich wie letztes Jahr. Bemerkung der Revisoren: man sollte die Verrechnungssteuer zurückfordern. Die Rechnung wird mit Applaus genehmigt.

4. Wahlen

  • Wahl eines neuen Präsidenten infolge der Demission von A. Jahn
    Wahlvorschlag: Ivo Müller, bisheriger Vizepräsident, der sich 4-sprachig kurz vorstellt. Er will die Position der Alten Sprachen in der Schweiz, nach Möglichkeit auch in der lateinischen Schweiz, stärken und politisch hörbar machen.
    Ivo Müller wird mit jubelndem Applaus zum neuen Präsidenten gewählt.
    Andrea Jahn erntet tosenden Applaus für seine wertvolle Arbeit und 2 Flaschen Einsiedeler Klosterwein, die ihm von Alois Kurmann überreicht werden. Mit dieser Stärkung traut sich Andrea Jahn zu, weiter im Vorstand mitzuarbeiten.
  • Wahl von 2 Delegierten für den VSG
    Neben dem Präsidenten, automatisch + Bernhard Löschhorn, bisher werden Andrea Jahn + Gisela Meyer Stüssi per acclamazione gewählt.

5. Vorschläge von Vorstand und Mitgliedern

Theo Wirth: Antrag an den Vorstand. Verschiedene Gremien sind in verschiedenen Kantonen tätig. Der Vorstand soll die Gremien kontaktieren, Koordination ermöglichen und auf dem neuesten Stand halten. (Latin Lovers BE / Lateinischer Kulturmonat SG / FASZ ZH / Lateintage AG ...). Der Antrag wird gutgeheissen, das Komitee macht sich auf die Socken.

Weiterer Vorschlag: Weiterbildung zum Thema Werbung für die Alten Sprachen. Vorschlag von H. Rubischung: Rubrik für die Koordination auf der Homepage speziell einrichten.

A. Jahn: Die Koordination der Aktivitäten in den verschiedenen Kantonen verbindet sich mit dem Problem der Kantonskorrespondenten, die in den Kantonen sehr unterschiedlich wirksam sind.

6. Varia

DV: Der VSG schlägt Gisela Meyer Stüssi vor als Mitglied der Schweizerischen Maturitätskommission.

St. Stirnemann zum Kulturmonat in SG: man findet Unterstützung, muss sie aber auch umsetzen. Er brachte einiges Werbematerial mit.

H. Hauri sucht Mitarbeiter für die Lateintage.

H. Rubischung informiert über das Certamen Turicense, wofür sich einige Sponsoren gefunden haben (weitere Informationen unter FASZ auf der Homepage).

für das Protokoll: Agnes Kriebel

Nachrichten

Römerfest 2008 in Augusta Raurica am letzten August-Wochenende (30.- 31.8.) jeweils von 10-17 Uhr

Neben Fahrten im römischen Streitwagen à la Ben Hur, Legionärszügen, Gladiatorenkämpfen, Ess- und Handwerkerbuden mit Einkaufsmöglichkeiten verschiedenster Nachahm-Produkte aus der Römerzeit und öffentlichen Theaterproben zu den Carmina Burana werden auch die Lateinschulen Basel-Land und Basel-Stadt wieder mit ihrer Sesterzen-Millionär-Show zugegen sein.

Andreas Külling (andreas.kuelling@gmail.com)

3. Latin Lovers Day am 11. November 2008 in Bern

Das Institut für Klassische Philologie der Universität Bern und die Fachschaft Alte Sprachen des Kantons Bern organisieren für die Latein-Schülerinnen und -Schüler der 8. und 9. Klasse im Kanton Bern Workshops über Lateinische, Römische und Antike Themen. Lehrkräfte, Studierende und weitere Fachleute, die gerne einen Workshop anbieten oder unsere Veranstaltung nachmachen wollen, können sich bei uns melden.

Gisela Meyer Stüssi (gm@fgb.ch), Andreas Hänni (hn@fgb.ch)

Lateintag vom 15. November 2008 in Brugg

Am Latein schnuppern, verschüttetes Wissen wieder hervorholen und - auch für praktizierende Lateinerinnen und Lateiner attraktiv - Gleichgesinnte treffen: Dazu verlocken tagsüber zwei Dutzend thematische Plaudereien, jeweils fünf gleichzeitig. Die Qual der Wahl ...
Gegen Abend besucht uns die Muse. Dank provisorischen Anmeldungen in genügender Zahl ist die Durchführung des Wettbewerbs "CATVLLVM CANTARE" gesichert. Für dieses erste Mal wird die Anzahl der aufführenden Gruppen auf 12 begrenzt. Einige Plätze sind noch frei. Weitere Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Einganges berücksichtigt. An die Gemeldeten werden die Detail-Angaben im Mai verschickt. Definitive Anmeldungen bis 30. Juni an: Vindonissa-Museum, Museumstrasse 1, 5200 Brugg, vindonissa@ag.ch. Wer an der abschliessenden Cena teilnimmt, kann zudem Gesangsdarbietungen von Colla Voce geniessen.
Als Hauptträgerschaft wurde am 2. März der Verein "Lateintag.ch" gegründet. Präsidentin ist Marie Louise Reinert, Wettingen. Mitglieder sind herzlich willkommen!
Weiteres zu Lateintag, Wettbewerb und Verein auf der Website lateintag.ch.

Hans Hauri-Karrer (hauri@baden.ch)

ΜΑΘΗΤΩΝ ΑΓΩΝ (4. Matheton Agon)
Vischer-Heussler-Preis zur Förderung des Griechischen

Nach dem grossen Erfolg der ersten Wettbewerbe wird auch im Schuljahr 2007/08 der Vischer-Heussler-Preis (Matheton Agon) für die beste und innovativste schriftliche Matur/Abitur/Baccalauréat-Arbeit bzw. Facharbeit (auf ca. 20-30 Seiten ausgeweitete GFS [= "gleichwertige Feststellung einer Schülerleistung"] eines Oberstufenkurses in Baden-Württemberg) im Griechischen ausgeschrieben. Diese Arbeit kann insbesondere die literarische und sprachliche Interpretation eines Autors bzw. einer zentralen Textpassage, die Deutung einer Gattung oder Epoche, aber auch beispielsweise den Mythos, die Religion, den geschichtlichen Kontext eines Werkes, archäologische Kunstwerke und materielle Gegebenheiten der griechischen Kultur sowie die moderne Rezeption griechischer Stoffe beinhalten.
Details finden Sie unter http://www.philologia.ch/Schule/.

Anton Bierl

Josef Delz-Preis zur Förderung des Lateins in den Schulen

Die Latinistik an der Universität Basel schreibt im Schuljahr 2007/2008 den Josef Delz-Preis zur Anerkennung herausragender Leistungen im Fach Latein zum zweiten Mal aus. Der Preis richtet sich an Maturanden, Abiturienten und Baccalaureati insbesondere der Nordwestschweiz, der Ostschweiz und der Region Oberrhein.
Details finden Sie unter http://www.philologia.ch/Schule/.

Henriette Harich-Schwarzbauer

Praemium Bernense

Auch in diesem Jahr schreibt das Institut für Klassische Philologie der Universität Bern unterstützt durch die "Berner Freunde der antiken Literatur" wieder einen Preis für Maturarbeiten aus - das Praemium Bernense studio antiquitatis augendo. Die Änderung des Namens - von studio Latinitatis augendo zu antiquitatis augendo - zeigt an, dass sich die Ausschreibung nun nicht mehr nur an Lateinmaturanden richtet, sondern an all die Schüler, die ihre Maturarbeiten über eine altertumswissenschaftliche Frage im weiteren Sinne, sei es im Fach Latein oder Griechisch, schreiben wollen.
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Ihre Schüler auf diese Ausschreibung aufmerksam machen würden. Nähere Angaben finden Sie unter folgendem Link: http://www.philologia.ch/Schule/praemium_bernense.php.

Katharina Roettig

Campionatus folliludii Europaeus aestate anni MMVIII celebrandus

Damit der ganzheitliche Aspekt der Fussball EM auch durch die humanistiche Tradition betont wird, werden kaum Olympische oder Nemeische Oden in Pindarischer Vollkommenheit komponiert. Aber ganz ohne Klassik soll dieses Völkerverbindende Geschehen doch nicht über die Bühne gehen. Unter der Adresse www.t-unik.at finden Sie reiches Material, das Sie in Zusammenhang mit dem Folliludium Europaeum einsetzen können: kleidsam, spachgewaltig, vielseitig vernetzt!

Die Redaktion

HOMER - Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst: Eine Ausstellung im Antikenmuseum Basel

Keine Persönlichkeit der Antike hat die westliche Zivilisation so nachhaltig geprägt wie der griechische Dichter Homer. Mit seinen Werken Ilias und Odyssee hat er im 8. Jahrhundert v.Chr. die europäische Literatur und Kultur begründet. Mit seiner grossartigen Schilderung des Krieges um Troia und der abenteuerlichen Rückkehr des Helden Odysseus in die Heimat hat er Bleibendes geleistet: Was treibt die Menschen zu Krieg und Selbstzerstörung? Wozu sind Menschen in aussergewöhnlichen Lagen fähig? Wo liegt die Grenze zwischen Geist und Schwert?
Im Fühlen, Werten und Streben sind wir Europäer seither gleich geblieben: Was zählt, sind Leistung und Erfolg, Schönheit und Ausstrahlung, Redegewandtheit und Umgangsformen, Leidenschaftlichkeit, Stolz, Selbstachtung und Würde.

Homer ist nicht der griechische Nationalpoet geblieben. Die Römer verehrten ihn genauso wie die Byzantiner, und in Europa ging er von der Renaissance bis in die Gegenwart erneut als Dichterfürst hervor. Seine literarischen Werke galten und gelten als grösste Inspirationsquelle für Künstler und Kulturschaffende in Romanen, Theaterspielen, Gemälden, Skulpturen, Opern, Balletten und nun auch Filmen, Fernsehspielen und Videoproduktionen. Meisterwerke von Cranach, De Chirico, Sigmar Polke oder Peter Rose, aber auch Joyce, Giraudoux, Sartre und Christa Wolf - um nur eine kleine Auswahl zu nennen - kreisen um Themen aus der Ilias und der Odyssee.
Das Geheimnis dieser Wirkung liegt zum Teil in einer kulturtechnischen Neuentdeckung: Die aus dem Orient übernommene Schrift war um 800 v.Chr. von den Griechen bis zum heute gleich gebliebenen Alphabet perfektioniert worden: 1 Laut gleich 1 Buchstabe. Davon hatte als erste die nunmehr berechenbar gewordene Wirtschaft profitiert: Nach Jahrhunderten schriftloser Rückständigkeit hatte sich das ehrgeizige Griechenland dem Fernhandel im Mittelmeer geöffnet und dadurch ein 'Wirtschaftswunder' herbeigeführt. Die damit verbundene Horizonterweiterung gab als nächstes der Dichtung und Kunst neuen Auftrieb. In dieser Phase des Umbruchs entsteht das erste dichterische Grosswerk Europas: Homers Ilias. Mit ihr beginnt nach Jahrhunderten rein mündlicher Dichtung eine neue Epoche der abendländischen Kulturgeschichte: die Epoche der Schriftlichkeit.

Die Ausstellung stellt zum ersten Mal die sagenumwobene Person Homers in seiner Zeit vor und rückt seine Werke Ilias und Odyssee und deren Wirkungsgeschichte auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse für ein breiteres Publikum in helles Licht. Sie umfasst rund 250 Kunstwerke aller Gattungen aus rund vier Jahrtausenden.
Die grosse Troia-Ausstellung 2001/02 in Deutschland mit ihrem Besucherrekord und ihrem enormen Echo in den Medien hatte den wichtigsten mythischen Schauplatz der von Homer besungenen Ereignisse vorgestellt. Die neue Ausstellung des Basler Antikenmuseums setzt sich dagegen zum Ziel, den Dichter selbst, seine Wirkung und seine Qualitäten ins Bewusstsein zu heben.

Sollte jemand in der Schweiz diese Ausstellung verpassen oder sie gerne ein zweites Mal sehen, gibt es eine gute Möglichkeit. Vom 14. September 2008 bis 18. Januar 2009 ist sie in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen.

Antikenmuseum Basel 2008 (leicht angepasst)

Der Neue Parthenon

Wessen Auge sich des Parthenons erfreut, wer den Blick vom Philopappos-Monument schweifen lässt im rosenfingrigen Abendrot über die ehrwürdige Akropolis, der wird geschockt! Gegenüber dem Dionysostheater erhebt sich ein Bauwerk, das weder mit seiner wuchtigen Grösse, noch durch die ultramoderne Gestaltung in den architektonischen Kontext der Akropolis oder des modernen Quartiers passt. Es ist das Neue Akropolismuseum. Ein Rechteck, das mit seinen Glaswänden und nach innen versetzten Mauern die Form eines Tempels annimmt, thront auf einem zweistöckigen Dreieck. Der Architekt ist der Schweizer Bernard Tschumi, der schon verschiedene internationale Museumsbauten realisierte1. Die Baukosten betragen laut Ausschreibung 150 Mio. Euro, man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man die tatsächlichen Kosten nach Bauabschluss bedeutend höher einschätzt.
Am Sonntag, dem 14. Oktober war es soweit: Der Umzug vom Alten ins Neue Museum. Der an sich rein technische Vorgang wurde als Staatsakt inszeniert: Das nationale Fernsehen unterbrach seine laufenden Sendungen, der Kultusminister Michalis Liapis persönlich nahm den ersten Container in Empfang, die Athener Bevölkerung säumte die Strassen2. Selbst Zeus schien der Sache der Tochter gewogen zu sein: Dramatische Wolken türmte er auf und liess just bei Beginn des Umzugs die Sonne hell durchscheinen.
Weshalb in aller Welt, fragt man sich, ruiniert sich die griechische Regierung für ein Museum, das zwar nötig, aber keineswegs zwingend war? Wozu wählte man einen internationalen Stararchitekten? Warum die unglaublichen Dimensionen des Gebäudes? Weshalb wird die ganze Bevölkerung mobilisiert3? Natürlich - es geht wieder einmal um die Elgin-Marbles. Das Neue Akropolismuseum ist ein in Glas und Beton gegossenes politisches Manifest. Man will Fakten schaffen. Deshalb ist ein ganzer Stock pathetisch für den fehlenden Parthenonfries reserviert, jedes Stück hat bereits seinen eigens abgemessenen Platz. Konnten die Gegner einer Rückgabe bisher auf formale Gründe zurückgreifen (Athen hat nicht die technischen, konservatorischen, räumlichen etc. Mittel), so nimmt ihnen dieser Prunkbau nun allen Wind aus den Segeln: Wir haben Platz genug, wir haben das modernste Museum, wir haben einen Stararchitekten, wir haben die ganze Bevölkerung hinter uns. Bereits beginnt der Rückgabe-Reigen: Die Uni Heidelberg erstattet ihr Fries-Fragment zurück4 (die Darstellung des Schuhs eines Atheners, im Vergleich zu den Londoner Beständen ein Splitter), Gegenstimmen werden laut5, neue Verhandlungen werden geführt6.
Unter diesem Gesichtspunkt erscheint der Bau nicht mehr ganz so unpassend. Es zeigen sich Parallelen zum Parthenon: In beiden Fällen werden aussenpolitische Signale ausgesendet, die beinahe wichtiger sind als der eigentliche Zweck des Baus - hier die Beherbergung der Athena-Statue, dort die Konservierung der archäologischen Fundstücke. Man will es dem alten Feind zeigen, und man schwört die eigenen Leute ein - Wir haben die Perser besiegt hier, wir werden die Briten kleinkriegen dort.
Und so lassen wir unser Auge vom Neuen Akropolismuseum wieder zum alten Parthenon schweifen und stellen beruhigt einmal mehr fest, dass der Mensch doch immer gleich bleibt - es ändern sich höchstens die Baumaterialien!

Philipp Xandry
1 http://ead.nb.admin.ch/web/biennale/bi06_A/index_n.htm#projects
2 Fotostrecke: http://www.welt.de/kultur/article1267832/Die_Goetter_ziehen_um__wegen_des_sauren_Regens.html
3 Zu Beginn des Jahres demonstrierten 2500 Schüler vor dem Rohbau: http://archaeonews.blogspot.com/2007/02/rund-2500-schler-fordern-in-athen.html
4 http://www.uni-heidelberg.de/presse/news06/2609part.html
5 http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/100/137819/
6 http://www.morgenpost.de/content/2007/04/20/feuilleton/895344.html

"News" auf und Neues von "swisseduc.ch/altphilo"

"News" (www.swisseduc.ch/altphilo/news/)

Die seit Herbst 2006 bestehende Rubrik "News", lokalisiert auf unserer altsprachlichen Website www.swisseduc.ch/altphilo/, hat eine erfreuliche Entwicklung erlebt: Einerseits wird sie von immer zahlreicheren Kolleginnen im In- und Ausland als Informationsquelle benutzt, andererseits leiten uns auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen neue Beiträge zur Veröffentlichung weiter.
Wenn Sie selber auf solche Informationen stossen, dann ist Ihre Meldung sehr willkommen (bitte an Theo Wirth, vgl. unten).

Die Themen erscheinen in zeitlicher Ordnung, also bunt gemischt; so finden Sie unter den neueren Meldungen (Stichtag 20.3.2008) etwa:

Mit Latein zum Studienerfolg. Eine Meldung aus Österreich
"Anfang Februar veröffentlichte die Medizinische Fakultät der Universität Wien eine Untersuchung über den Erfolg der Studieninteressenten für das Medizinstudium. Jene, die Latein in der Schule gehabt haben, weisen einen weitaus grösseren Erfolg bei den Eignungstests aus als jene in der Gruppe der Nicht-Lateiner." Weitere Informationen...

Ein starkes Team für eine alte Sprache
Ein Pressebericht über die Gründung des Vereins LATEINTAG.CH, vgl. unsere Meldung vom 26.2.08. Weitere Informationen...

James Joyce, Fritz Senn und die Alten Sprachen
"Er brachte sich dann selbst Latein und Griechisch bei, und zu seinen schönsten Aufsätzen gehören diejenigen, in denen er mit joycegeschärftem Blick Ovid oder Homer liest. Denn er sieht Dinge, die Altphilologen entgehen (nachzulesen in seinem ersten Buch "Nichts gegen Joyce")." Weitere Informationen...

Der "Georges" ist online abrufbar - vollumfänglich
Unter der in "Weitere Informationen" angegebenen Adresse ist das Wörterbuch zugänglich. Weitere Informationen...

Wenn Sie "Weitere Informationen" anklicken, wird Ihnen sogleich die entsprechende Textquelle zugänglich gemacht.

Neuerungen in einzelnen Bereichen

Im Bereich "Latein" ist der Teil "Interaktive Übungen" neu gestaltet und mit neuen Programmen von Lucius Hartmann erweitert worden (www.swisseduc.ch/altphilo/latein/lintueb/index.html). So stehen zu den Lehrmitteln "Felix", "Arcus", "Ostia Altera" sowie "Kantharos" Vokabel-Trainingsprogramme kostenlos zur Verfügung. Die Schülerinnen und Schüler können damit die Vokabeln online selbstständig üben (auch spielerisch als Memory oder Zuordnungsübung), sich Karteikärtchen ausdrucken oder einen Test (online oder gedruckt) erstellen lassen.
Die Formen des griechischen und lateinischen Nomens und Verbs können ebenfalls online trainiert werden. Im Weitern ist es möglich, ein Übungsblatt (mit Lösungen) auszudrucken. Für eine Repetition lässt sich zudem mit wenigen Mausklicks eine eigene Formenübung mit den gewünschten Deklinations- oder Konjugationstypen erstellen.

Das bewährte Hilfsmittel "Computer-Einsatz im Altsprachlichen Unterricht" können Sie in der soeben aktualisierten 2. Fassung herunterladen (www.swisseduc.ch/altphilo/aktuell/). Es informiert in konziser und allgemein verständlicher Form über sinnvolle (und andere) Einsatzmöglichkeiten des Computers in den verschiedenen Bereichen und Unterrichtsformen des Altsprachlichen Unterrichts; gerade für KollegInnen mit wenig Computer-Erfahrungen im Unterricht kann das Dokument hilfreich und ermutigend sein.

Bis zum Versand des gedruckten Bulletins 71 werden die Übersichten über die Lehrmittel "Latein" und "Griechisch" ihr alljährliches Update erfahren haben und auf den aktuellen Stand gebracht sein. Sie finden diese Dateien in den Bereichen "Latein" bzw. "Griechisch" jeweils unter "Lehrmittel"; für die lateinischen Lehrmittel steht neben der ausführlichen Online-Fassung eine PDF-Kurzfassung zur Verfügung (www.swisseduc.ch/altphilo/latein/llehrmit/index.html bzw. www.swisseduc.ch/altphilo/griech/glehrmit/index.html).

Wir bitten Sie um Ihre Unterstützung

Für uns, die wir seit bald zwölf Jahren die "Alten Sprachen" auf SwissEduc betreuen, ist die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen sehr wichtig. Einerseits sind wir dankbar für Ihre Rückmeldung: Was hat Ihnen genützt (bringen Ihnen z.B. die "News" etwas?), was hat sich in Ihrem Unterricht verwenden lassen, was sollte verbessert werden? Andererseits bitten wir Sie um Materialien, die Sie für Ihren Unterricht geschaffen haben: Es ist einfach schade, dass viele Kolleginnen und Kollegen ihre bewährten Unterlagen - wohl aus falscher Scheu - nicht auch den anderen zur Verfügung stellen.

Fachmaster "Alte Sprachen":
Theo Wirth, thwirth@cheironos.ch
Lucius Hartmann, lhartmann@swissonline.ch

HOMER - Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst: Eine Ausstellung im Antikenmuseum Basel

Mit einer brillanten Schau über Homer, die sich mit grossem Erfolg an ein breites Publikum wendet, überrascht das Basler Antikenmuseum nach langen Vorbereitungen, konnten doch über 50 Museen dazu bewogen werden, sich temporär von ihren Schätzen zu trennen, die um das Thema Homer und seine Wirkungsgeschichte kreisen und indirekt damit auch Mythos und Geschichte von Troia ins Blickfeld rücken.

Die rund 250 präsentierten Objekte sind teils als Dokumente, teils als Kunstwerke höchst bedeutsam. Der Ausstellungsreigen wird mit den Bildnissen des Dichters eröffnet, darunter das klassische Münchner Porträt des Blinden (womit schon die erste Streitfrage aufgeworfen und gegenüber dem Katalog, der auf das frühe Zeugnis des "homerischen" Apollo-Hymnos verweist, kontrovers beantwortet wird), und wird fortgesetzt mit Zeugnissen aus der Zeit Homers (was die nächste Streitfrage auslöst), veranschaulicht mit Bronzekesseln, geometrischer Keramik und ersten griechischen Schriftzeugnissen; es folgt die Epoche, in der die Dichtung spielt, das ausgehende 2. Jahrtausend, mit dem schönen Eberzahnhelm aus dem Athener Nationalmuseum und mit Linear-B-Täfelchen. Symposionbilder machen deutlich, in welchem Rahmen die Epen vorgetragen wurden, Ausgaben und Kommentare, mit welchem Engagement die Forschung offene Fragen zu beantworten sucht. Besonders reichhaltig entfaltet sich die Bilderwelt in der Abteilung, die den Dichtungen gewidmet ist, der Ilias selber, ihrer Vorgeschichte im epischen Kyklos (Parisurteil, Entführung Helenas, Jugend Achills - hier findet die Achillesplatte aus Kaiseraugst ihren Platz) und ihren Folgen in den Nostoi, wozu die Odyssee zählt, aber auch der Kampf Achills mit Penthesileia, Achills Tod, der Streit um seine Waffen, der Selbstmord des Aias - das letzte Gebet des Aias (dazu die ergreifende Darstellung des Alkimachosmalers) führt uns bereits in die Welt der Tragödie, für die schon nach Aristoteles Homer den Nährboden bildete, und diese beiden Welten durchdringen sich auch in Bildern vom Ende der Ilias wie der Bittgesandtschaft des Priamos um die Leiche seines Sohnes Hektor (besonders grossartig der Wiener Skyphos des Brygosmalers; später Reflex auf dem in Dänemark gefundenen römischen Silberbecher des Cheirisophos), während die Stoffe aus der Odyssee eher die groteske Seite des Mythos beleuchten (Polyphem, Kirke, Sirenen, Skylla). Den Abschluss bilden Zeugnisse der Überlieferung (Papyri) und des späteren Nachlebens, dem unter anderem das umfangreiche, ohne Kenntnis der Ilias verfasste Trojagedicht des Konrad von Würzburg zu verdanken ist.

Mit dem Besuch der Ausstellung (bis 17. August) kann man den Schülern und Schülerinnen die Augen öffnen für die erstaunlich dauerhafte, über 2700 Jahre anhaltende Präsenz einer grossen Dichtergestalt, die das griechische und überhaupt das europäische Denken so sehr geprägt hat. Der 506 Seiten starke Katalog (CHF 59.00, im Buchhandel CHF 67.00), der in jede Schulbibliothek gehört, hält den heutigen Stand der Forschung bis in feinste Verästelungen fest und bietet reiches Anschauungsmaterial.

Bruno W. Häuptli
 

Weiterbildung

Viel mehr als nur Scherben
Neues über griechische Vasen

Die "Vasen" sind - neben der Literatur, den Inschriften, den Baudenkmälern und Skulpturen - eines der grössten, informativsten und schönsten aus der griechischen Antike erhaltenen Corpora. Während früher das Interesse vor allem der Chronologie, den Maler- und Töpferhänden und den dargestellten Mythen und anderen Szenen galt und gelten musste, sind in den letzten Jahrzehnten vermehrt Produktion, Handel, Verwendung der Gefässe, Fundumstände, Inschriften, ferner ästhetische Kriterien und überhaupt eine gesamtheitliche, kulturwissenschaftliche Betrachtungsweise in den Vordergrund gerückt. Der hier angebotene Kurs wird in die wichtigsten dieser Bereiche einführen und mit viel Bildmaterial und einem Besuch der grossartigen Basler Sammlung "Antikenmuseum und Sammlung Ludwig" diese wunderbaren Zeugnisse der griechischen Archaik und Klassik aufleben lassen.

Der Kurs findet am 20.-21. November 2008 in Basel statt.
Anmeldung über die Webpalette www.webpalette.ch

Christine Haller

Euroclassica - Academia Homerica 2008
11-21 juillet 2008

L'occasion pour les élèves et étudiants de lire Homère à Chios, et pour les philhellènes d'y pratiquer le grec moderne.
Renseignements et inscription en ligne jusqu'au 10 mai sur www.euroclassica.net > Academiae

Roms sprechende Steine Zürich - Mai 2009

Ein eintägiger Spaziergang durch die Inschriften Roms wird von Dr. Klaus Bartels geführt. Weitere Details auf der Webpalette und im nächsten Bulletin.

Voyage en Grèce du Nord
12-19 septembre 2009

Après le succès remporté par le voyage de 2006 en Turquie, Bruno Colpi nous fera visiter la Grèce du Nord. Principales étapes : Thessalonique, Philippes, la Chalcidique et, bien sûr, la patrie d'Alexandre. Programme complet et renseignements pratiques dans le bulletin d'automne.

Christine Haller

Cours de perfectionnement 2007 "Antike in Bewegung" à Zurich, 20-21 novembre

Ce ne sont pas moins de 40 enseignants de langues anciennes des gymnases (principalement alémaniques) qui se sont réunis à Zurich, au Literargymnasium Rämibühl, les 20 et 21 novembre 2007, pour suivre un cycle d'exposés réunis sous le titre de "Antike in Bewegung", qui traitaient des rapports entretenus par le cinéma avec l'Antiquité grecque et romaine.
Le programme prévu par les conférenciers, les Prof. Dr. U. Eigler et M. Baumbach de l'Université de Zurich, était dense et varié, faisant alterner extraits de films, interprétation et discussions à caractère à la fois scientifique et pédagogique sur la base d'une documentation scrupuleusement élaborée.
Les intervenants nous ont fait goûter à des productions s'étendant en gros sur le dernier demi-siècle écoulé, mettant l'accent sur les rôles joués par les génériques de début de film, leur évolution musicale ou iconographique, la lecture ou relecture des œuvres retenues par les réalisateurs. Il s'agit en cela non seulement de relire et de réinterpréter les textes ou les personnages antiques, mais aussi les éventuelles réalisations cinématographiques à disposition. Le cinéma cesse alors souvent d'être un divertissement populaire pour procurer un plaisir que ne peuvent goûter que les connaisseurs ou presque ; les années 1960 jouent à cet égard un rôle charnière : ah ! les joies de l'intericonicité !
Si certaines réalisations sont exigeantes, réservées avant tout aux cinéphiles, il en est d'autres beaucoup plus abordables pour nos élèves, dont le succès ne saurait se démentir. Les poètes du siècle d'Auguste font très bon ménage avec Mankievicz. La confrontation des textes antiques et de scènes choisies opposant César et Cléopâtre devrait réjouir les classes sans demander trop d'aménagement du programme. Il en va de même de Tacite et de certains passages de la série télévisée de la BBC, Moi, Claude empereur. D'autres réalisations seraient par contre plus appropriées pour une semaine d'étude ou des séminaires hors-cadre : on pense à Médée de Pasolini, au Satiricon de Fellini ou encore à O Brother, Where Art Thou? des frères Coen.
Quoi qu'il en soit, le sujet est vaste et nécessite des clés de lecture et d'interprétation dont certaines nous ont été données. À nous d'en faire bon usage et d'en découvrir d'autres par nous-mêmes ou en exploitant l'abondante bibliographie qui nous a été fournie.

Novembre 2007
Christine Haller

44. Ferientagung für Altphilologen in München vom 3. bis 6. Sept. 2007 mit dem Schwerpunktthema "G8-Mittelstufenlektüre"

An einem neuen Tagungsort mit besonderen Vorzügen, im Schloss Fürstenried am Stadtrand Münchens, fand vom 3. bis 6. September 2007 die "44. zentrale Fortbildungstagung der Altphilologen" (so heisst diese Tagung neu) statt, umsichtig geplant und geleitet von Dr. Rolf Kussl, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Dass sich das Schwerpunktthema "G8-Mittelstufenlektüre" auch für Gäste, die nicht mehr im Schuldienst stehen, als attraktiv herausstellte, wurde im Verlaufe der Tagung, gleichsam durch ein sich steigerndes Crescendo, immer bewusster und sogar erlebbar. Nur wer an der Tagung dabei war, vielmehr: dabei sein durfte und damit bevorzugt war (denn von über 200 Anmeldungen konnten etwa 50 nicht berücksichtigt werden), erkannte, dass mehr geleistet wurde, als das angekündigte Programm erahnen liess.

Der Tagungsleiter begrüsste im "fürstlichen Ambiente" (so nannte es zuvor der Exerzitienmeister) drei Gäste aus dem nahen Ausland, aus Wien "den alten Stammgast" Prof. Dr. Otto Vicenzi, der seit der Gründung der Tagung fast ohne Unterbruch teilgenommen hatte, aus der Schweiz einerseits Prof. Dr. Theo Wirth, mit dem Hinweis, dass er am Mittwochnachmittag einen Workshop mit dem Titel "Lateinischer Sprachunterricht - mehr als nur Grammatikunterricht" anbieten und sein "wichtiges und wegweisendes Buch" genauer und eingehender behandeln werde, andererseits den Schreibenden, dessen (vor allem) für die Kollegen in der Schweiz gedachter Bericht auch mit der Internetseite des Kultusministeriums verlinkt sei; aus Bayern sodann die Herren Prof. Dr. Klaus Westphalen, "der uns die Ehre gibt", Hans Schober, StD i.R., "der die Treue hält", Dr. Alfons Städele, MR a.D., und andere hier nicht Genannte, im Verlauf der Tagung schliesslich unter Anderen Dr. Karl Bayer, Ltd. MR a.D., ferner Prof. Dr. Klaus Bartels (auch aus Zürich) und andere Referenten, die neu dazugestossen waren. Er gab bekannt, dass der "Dialog"-Band 41 (mit dem Titel: Antike Welt und Literatur - Einblicke, Analysen und Vermittlung im Unterricht; Kartoffeldruck-Verlag Kai Brodersen, Speyer 2007 [ISBN: 978-3-939526-01-08]) erschienen und betreffend das Seminarfach der alten Sprachen um einen Titel erweitert sei, nämlich (S. 209-224): StD Wolfgang Klose, Wohnen und Städtebau im Rom der frühen Kaiserzeit, Seminarfach 1 - Erfahrungsbericht und Ausblick; dieser Band 41 enthalte somit die Dokumentation aller drei tatsächlich abgehaltenen Schulversuche. Ferner teilte Dr. Kussl mit, dass die Problemstellung "Mittelstufenlektüre" seit Mitte 2006 von Seminarvorständen und von Vertretern der Universität und Leuten aus Dillingen und dem ISB erarbeitet und einer Lösung zugeführt worden sei. Es kristallisierten sich zwei neue Blöcke heraus: für die 9. Jahrgangsstufe der Block "Rom und Europa" (inklusive der Einbezug von neulateinischer Literatur) und für die 10. das Leitmotiv "Denken - ein Schlüssel zur Welt".

Das Stichwort "Lektüre" und Lektürevorschläge zur Mittelstufe von G8 dominierten das Programm, erörtert durch Vertreter der Didaktik der Alten Sprachen aus Universität (Kipf, Janka, Weeber) und Schuldienst usw. (Dronia, Hotz, Bartels). Alle Referenten schöpften aus dem Vollen und kamen bei der Zuhörerschaft gut an. Einzelheiten vermittelt das abrufbare Programm. Dass die Neulateinische Literatur am Gymnasium Einzug halten sollte, vermittelte in einem grossen Überblick voller Anregungen Prof. Dr. Stefan Kipf (seit Oktober 2006 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin; auch Vorsitzender des DAV). Er bemerkte auch, dass die Neulat. Philologie als Schlüsselfach der lat. Tradition in Europa innerhalb der Latinistik eine immer wichtigere Rolle spiele (man denke z.B. an Erasmus); die für die Schullektüre gewählten Themen müssten aber anschlussfähig sein. Prof. Dr. Markus Janka (seit April 2007 Professor für Didaktik der Alten Sprachen an der Universität München) stellte sich gleich zweimal in eindrücklicher Weise vor, zuerst zur Thematik der Rhetorik und Philosophie, dann zu Cicero als Lehrer Roms. Prof. Dr. Karl-Wilhelm Weeber (Schulmann und Universitätsdozent: Leiter des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums Wuppertal, Professor für Alte Geschichte an der Universität Wuppertal und Lehrbeauftragter für Didaktik der Alten Sprachen an der Universität Bochum; bekannt auch durch seine Bücher, z.B. "Romdeutsch") verstand es als ein sanfter und gediegener Redner, die "Bilder des Staunens" nur mit Worten, ohne ein einziges Bild zu zeigen, in der Vorstellung des Zuhörers aufscheinen zu lassen; er erntete grössten Applaus und löste eine rege Diskussion aus. Dass ein Unterschied zwischen Gymnasium und Universität eigentlich nicht mehr bestehe ("Wir sind im gleichen Boot.") und dass - eine neue Erfahrung für ihn - die Gymnasiasten sogar geruhten, auch einmal nicht zuhören zu wollen, bekannte freimütig Prof. Dr. Niklas Holzberg (Universität München), er redete frei in der Art von Anmerkungen zum ausgeteilten Papier. Prof. Dr. Klaus Bartels (Zürich), der laut Ankündigung im Programm als Einziger Griechisches einbezog ("Griechisch ist ein Orchideenfach auch in Bayern": so der Tagungsleiter), empfahl, von Copernicus eine Auswahl aus dessen 1. Buch von "De revolutionibus" und von Galilei den Anfang, d.h. die ersten Seiten, seines "Sidereus nuncius" zu lesen. Dr. Kussl verdankte den aufgezeigten grossen Bogen und meinte, diese Thematik sollte eventuell fächerübergreifend in der Oberstufe behandelt werden. Die verbindliche Sallustlektüre ist an sich der Verkürzung der Gymnasialzeit zum Opfer gefallen (dieser Autor kann weiterhin in der Qualifikationsphase der Oberstufe gelesen werden). Prof. Dr. Thomas Baier (seit 2002 in Bamberg) erläuterte wissenschaftlich exakt und mit genauester philologischer Analyse "überzeugend und nachvollziehbar" seine These, dass in Sallusts Coniuratio Catilinae auf Caesar angespielt werde. Die Fülle der vom ISB-Arbeitskreis ausgearbeiteten Ergebnisse breitete OStR Michael Hotz am Mittwoch, sowohl am Vor- als auch am Nachmittag, aus, indem er Lehrpläne präsentierte, die mit vielen "und"/"oder" der Lehrkraft und den Wünschen der Schüler grossen Freiraum lassen, und z.B. auch Statistiken zur Häufigkeit gelesener Stellen einzelner Autoren zeigte. Herr Hotz bot ausserdem einen Workshop an (s. nachfolgend). Die Archäologie Bayerns durfte nicht fehlen: Mit Temperament und mitreissendem Impetus referierte Dr. C. Sebastian Sommer (München), Landeskonservator im Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, am Montagnachmittag und am Abend.

Nicht nur am Dienstagnachmittag waren Workshops ausgeschrieben (zwei laut Programm), am Mittwoch wurden sogar vier angeboten. Im Aushang an der Tagung selbst war zu lesen: 1. Prof. Dr. Theo Wirth: "Lateinischer Sprachunterricht - mehr als nur Grammatikunterricht"; 2. Prof. Dr. Friedrich Maier: "Weltherrscher auf Alexanders Spuren - Caesar einmal ganz anders"; 3. OStR Michael Hotz: "G8-Mittelstufenlektüre: Rom und Europa - Erarbeitung einer Unterrichtssequenz"; 4. Dr. Michaela Krell: "Neue Wege der Textarbeit durch vorentlastetes Übersetzen". Auch diese Veranstaltungen waren fakultativ und die Teilnehmenden mussten sich notgedrungen aufteilen. Herausgegriffen sei Herrn Wirths Kurs, der schon vor und nach der Veranstaltung zu regen Diskussionen geführt hatte und vorteilhaft angekommen war. Auf dem verteilten Papier sind drei Rezensionen des (im Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, 2006, erschienenen) Buchs "Sprache und Allgemeinbildung - Neue und alte Wege für den alt- und modernsprachlichen Unterricht am Gymnasium", das Theo Wirth als Mitautor zeichnet, aufgeführt, nämlich: Prof. Dr. Christine Schmitz (Latinistin, Universität Münster), in: "Forum Classicum", Zeitschrift des Deutschen Altphilologenverbandes, 2006, Heft 3, S. 229-234; OStRin Elisabeth Bäumel (Landshut), in: "Die Alten Sprachen im Unterricht", Zeitschrift der Landesverbände Bayern und Thüringen, 2006, Heft 2, S. 30-33; Prof. Dr. Max Krummenacher (Romanist, Fachdidaktiker Universität Zürich), in: "BABYLONIA", Schweizerische Zeitschrift für Sprachunterricht und Sprachenlernen, 2007, Heft 1, S. 75f. Auf den kommenden März 2008 ist von der Akademie in Dillingen ein 3-tägiger Kurs geplant.

Nachrichten am Mittwochabend ("Erörterung aktueller Fragen des altsprachlichen Unterrichts"): Der Tagungsleiter beantwortete zuerst die folgenden Fragen aus dem Plenum: 1.) Für die Feststellungsprüfung in Latein am Ende des 9. Schuljahres gilt als Anforderung immer noch ein "anspruchsvolles Cicero-Niveau", also möglichst ein Cicero-Text. 2.) Latein ist in der neuen Lehrerbildung weiterhin verankert: Für Religion und Griechisch wird das Latinum, für die modernen Fremdsprachen, Deutsch und Geschichte werden "gesicherte Lateinkenntnisse" verlangt. Dies bedeutet nämlich, dass das Fach Latein nicht durch andere romanische Sprachen ersetzt wird. Für angehende Romanisten ist Latein somit immer noch Pflichtfach. 3.) Die finanzielle Ausstattung der Personalversorgung ist gut (es wurden 405 neue Stellen zugesprochen); allerdings fehlen in fast allen Fächern voll ausgebildete Lehrkräfte. - Zur Einstellung: Es wurden fast alle Bewerber eingestellt (im Augenblick sind es 38). Der Notengrenzwert 3.5 wird auch noch in den nächsten Jahren gelten. Ende der 1990er Jahre war für eine feste Anstellung eine 1 vor dem Komma nötig, jetzt reicht eine 2 vor dem Komma, mit der Tendenz gegen 3. Auf das Jahr 2008/09 zeichnet sich weiter ein Lehrermangel ab. Die Zahl der L-Studierenden nimmt wieder zu (in Bayern waren es im Wintersemester 2006/07 ca. 1'400). - Die Form des altsprachlichen Abiturs ändert auf das Jahr 2008. In einem 3. Teil der Aufgaben muss neben der Übersetzung eines bestimmten Textes ein vertieftes Verständnis dieses Textes im Rahmen einer Interpretation nachgewiesen werden. Es müssten z.B. zu Hor. sat. II 1,1-13 auch das übrige Werk dieses Dichters und andere vergleichbare Literatur einbezogen werden. Infolgedessen wird ein grösseres Wissen geprüft und es wird weniger punktuell abgefragt. Zum jederzeit verfügbaren Grund- und Überblickswissen gehören übrigens gewisse chronologische Fixpunkte der römischen Geschichte und allgemeinere historische Grundlinien (inklusive die Ämter, Volksversammlung, Sklaverei, Christen), die Hauptautoren und deren Hauptwerke nach Inhalt und Gattung, die Götter, zentrale Mythen, Philosophenschulen, Realien (z.B. Pompeji, Rom, Provinzen, Limes). - Zu den Schülerzahlen: Im Schuljahr 2006/07 belegten in Bayern ca. 39'500 Schülerinnen und Schüler L1 (Jahrgangsstufen 5-11) und ca. 127'000 L2 (Klassen 6-11), dazu kommen ca. 7'300 in Leistungskursen oder im Grundkurs. Dies sind insgesamt ca. 173'800 oder 47¾% aller Schülerinnen und Schüler, die in Bayern ein Gymnasium besuchen. In Bremen sind es nur 13%. In ganz Deutschland zählte man in diesem Schuljahr 808'200 L-Schüler, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am 4. Sept. 2007 bekanntgab, eine Zahl, die um fast 31% höher liegt als noch vor sechs Jahren. Aber man bedenke, dass in Deutschland insgesamt 9.3 Millionen Schülerinnen und Schüler die Gymnasien besuchten, was den Anteil von L doch auf etwa 8.7% drückte. Somit ist die Stärke des Faches Latein in Bayern ausserordentlich imposant. (L1 ist konsolidiert und pendelt etwa bei 13% ein; die absoluten Zahlen sehen, wenn man nur die L1 der letzten Jahre betrachtet, sogar wieder etwas besser aus.) - Im gleichen Schuljahr 2006/07 gab es ca. 4'300 Graeculi und Graeculae (allerdings mit doppeltem Jahrgang aus G9 und G8, mit Beginn des Unterrichts im 9. bzw. 8. Schuljahr): ein Zuwachs, wenn man nur die absoluten Zahlen von Gr in der Jahresfolge einbezieht, eine leichte Abnahme in Relation zu den steigenden Mengen der Schüler insgesamt.

Auch diese Tagung bot wieder manche Gelegenheit zu kollegialen Gesprächen mit alten Freunden und neuen Bekannten. Die Schulverlage zeigten ihr Sortiment - dieses Mal, unübersehbar, wieder an langen Tischen! In einem Jahr werden auch die Referate dieser Tagung im Band XLII der Reihe "Dialog Schule-Wissenschaft - Klassische Sprachen und Literaturen" gedruckt vorliegen. Am Ende der Tagung durfte Dr. Kussl, der auch den Teilnehmenden den Dank ausgesprochen und die Hoffnung geäussert hatte, sie möchten das nächste Mal wiederkommen, als Ausdruck des ihm gebührenden Dankes verdienten Applaus entgegennehmen.

Zürich, den 30.9.2007
Bernhard Löschhorn

Programm der Tagung (PDF-Dokument)

 

Rezensionen

Karen Piepenbrink, Antike und Christentum, Darmstadt (Reihe: Geschichte kompakt) 2007, IV und 116 S., CHF 25.90

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft antwortet mit der Reihe "Geschichte kompakt" auf "das Interesse an Geschichte" (VII), wobei grundsätzlich "jüngere, in Forschung und Lehre erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler" (VII) zu Wort kommen. Angestrebt wird in dieser Reihe "verlässliche(n) Information, die komplexe und komplizierte Inhalte konzentriert, übersichtlich konzipiert und gut lesbar darstellt" (VII). Diesen Forderungen wird der vorliegende Band vollumfänglich gerecht.

Das grosse Thema "Christentum und Imperium Romanum" wird in zwei Teilen behandelt, nämlich in "die ersten drei Jahrhunderte" und in "die Spätantike". Beide Teile sind in drei Abschnitte aufgeteilt, wobei nach grundlegenden Fragen jeweils das Verhältnis des Christentums zum Staat und zur Gesellschaft dargestellt werden. Die Ausführungen sind kurz, präzis und informativ. So werden beispielsweise zum Problem der Sklaverei auf den Seiten 41-45 Paulus, die Didache und die Traditio apostolica zur Sprache gebracht. Die Position des Paulus wird klar und sachgerecht charakterisiert als "Gleichheit der Menschen nur in Bezug auf Gott ... und nicht mit Konsequenzen für die irdische Existenz" (42). Die oft als schockierend bezeichnete Tatsache ist jedoch nicht einfach hingesetzt, sondern wird in wenigen Sätzen, die den Stand der Forschung aufnehmen, diskutiert und auch in ihrer theologischen Bedeutung gewertet. Bei der Behandlung der Missionierung und der Taufe als Initiation ins Christentum werden auf kürzestem Raum nicht nur die unterschiedliche Situation im Osten und Westen, die Bedeutung der sozialen Schichten und die Frage, die sich diesbezüglich in der Landbevölkerung ergeben, angesprochen, sondern es werden Formulierungen gebraucht, die auch für die heutige Diskussion um Missionierung und Taufe relevant sind (52ff.).

Wie alle Bände dieser Reihe, die Basiswissen vermitteln wollen, enthält diese Darstellung zusätzlich zu den darlegenden Abschnitten der Autorin - diese machen den Grossteil des Textes aus - eingeschobene und am Rand mit Q bezeichnete Quellentexte (z.B. Iulian ep. 61c,422A-C), die grau unterlegt sind, und Erklärungen von Termini, die am Rand mit E bezeichnet sind (z.B. Theurgie). Was jene, die sich eingehender mit einzelnen Fragen befassen möchten, vermissen werden, sind ausführliche Angaben primärer und sekundärer Quellen. So wäre es äusserst wünschbar, eine Angabe zu haben, wo man Hinweise finden kann, dass "Gemeinden gegen eine Bischofswahl opponieren" (62), aber dieser Mangel ist weniger der Autorin als der Konzeption der Reihe anzulasten. - Eine Auswahlbiographie sowie ein Register schliessen diese wertvolle Arbeit ab, die allen ohne Einschränkung empfohlen werden kann, die sich einen Überblick über ein grosses Thema verschaffen und zugleich in die Vielfalt der Fragestellungen und Diskussionen einführen lassen wollen.

Alois Kurmann

Matthew Battles, Die Welt der Bücher. Eine Geschichte der Bibliothek (aus dem Amerikanischen), Düsseldorf (Patmos paperback) 2007, 255 S., CHF 18.00

Ein Buch, faszinierend und erbauend zum Lesen, aber nicht geeignet, um etwas nachzuschlagen. Dies die Kurzform der Rezension.
Für uns Antike-Freaks ist das Werk v.a. in den ersten 100 Seiten interessant. Battles geht chronologisch vor und nimmt in jeder Epoche den Ausgang von konkreten Ereignissen, die er als Titel über das Kapitel setzt. Für die Antike ist dies bezeichnenderweise "Alexandria brennt". Chronologisch führt der Autor durch verschiedenste Kulturen und legt immer wieder Wert auf die politische Bedeutung des Mediums "Buch". Gerade dieser Bezug zur "Macht" macht die Lektüre besonders spannend. Fesselnd und oft humorvoll geschildert, bekommt der Leser die Fakten einer Geschichte aufgezeigt, die ihren Anfang bei den Buchrollen Alexandrias und den Schriften Chinas nimmt und in den vernetzten Computerkatalogen der modernen Bibliotheken endet. Die Wertschätzung des Buchs als Kulturgut (z.B. der jüdische Bücherfriedhof "Genisa") oder eben gerade das Gegenteil (Bücherverbrennungen von der Antike bis Hitler und Sarajewo oder die Abwertung durch die Bücherinflation) ziehen sich durch alle Kapitel. In dieser heutigen Inflation liegt vielleicht ein Grund für die mir unbegreifliche Art, wie Battles mit Sekundärliteratur umgeht: Fuss- oder Endnoten setzt er nicht, obwohl er öfters zitiert. Dafür verfügt das Buch zu jedem Kapitel über ein in Prosa ausgeschriebenes "Literaturverzeichnis" mit Erklärungen, wofür der Autor das jeweilige Buch konsultiert hat. Eine alphabetische Ordnung der Bücher oder korrekte Zitationen mit Seitenangabe gibt es nicht. Wer das Buch für wissenschaftliches Arbeiten verwenden möchte, findet deshalb nur wenig Hilfe.

Christa Omlin

Patrick Voisin, Il faut reconstruire Carthage, Méditerranée plurielle et langues anciennes, Paris (L'Harmattan, Collection Kubaba) 2007, 237 p., ISBN 978-2-296-02948-4

Les titre et sous-titre de ce volume donnent la direction que P. Voisin souhaite suivre pour non seulement "reconstruire" Carthage, mais aussi pour ranimer l'enseignement des langues anciennes dans l'Hexagone. Car c'est en professeur français, soumis aux lois et directives françaises, en butte à une problématique avant tout française : celle de l'intégration des jeunes générations issues de l'immigration nord-africaine, que se situe l'auteur. Grâce à l'interculturalité qu'elles supposent, la sensibilisation et la formation aux langues anciennes - mais pas seulement au grec et au latin, à toutes les langues anciennes du pourtour méditerranéen - offrent l'occasion rêvée de s'ouvrir à l'autre, de construire une société diversifiée. L'Antiquité était plurilingue ; à côté du grec et du latin subsistaient des idiomes largement pratiqués par les populations autochtones des provinces issues de la colonisation. Les habitants de l'Africa avaient gardé leurs langues à côté du latin, comme l'attestent plusieurs auteurs originaires d'Afrique.

Passant sur les chapitres consacrés à l'"euroméditerranée" (sans trait d'union !) en tant qu'idéal auquel s'appliquent les spécialistes, on s'arrêtera au programme proposé par P. Voisin pour revivifier l'enseignement des langues anciennes tout en faisant un lieu de relations interculturelles au sein d'une société multiculturaliste. Comment se présente alors cette philologie euroméditerranéenne "refondée" ? Dans un élan humaniste, elle accorde un intérêt majeur à la langue, aux langues vecteurs des cultures de la Méditerranée antique. Théoriquement, dans la société d'aujourd'hui, elle doit tendre à une conception de la Méditerranée qui ne soit plus celle d'une barrière entre le Nord et le Sud, mais qui, de fait, à travers l'immigration, est présente au cœur des sociétés européennes. Pour cela, il faut laisser de côté les arguments traditionnels en faveur des langues anciennes, et du latin en particulier - même s'ils sont incontestables -, il faut mettre en avant le caractère humaniste de cet enseignement qui doit former les citoyens de l'Europe, leur faire acquérir ce qui les unit dans la diversité, leur héritage euroméditerranéen. L'enseignement de la langue se doublera donc d'une fonction civilisatrice par l'apport de contenus culturels et s'ouvrira au plus grand nombre possible. Pour ce faire, les programmes français doivent adopter une pédagogie plus dynamique. Et P. Voisin de suggérer quelques pistes autour de la citoyenneté romaine facteur d'intégration, autour des questions relatives à la famille et à la parenté, de la religion au sens large, de l'agronomie, de l'alimentation ... Il ne faut pas négliger les ressources de l'archéologie, le travail interdisciplinaire sur les textes. Le corpus des langues anciennes doit s'ouvrir et intégrer l'Antiquité tardive, le latin médiéval et le néo-latin, dialoguer avec les langues romanes. Il ne doit pas reculer devant les auteurs et les textes dits mineurs ou secondaires, il lui faut aborder des textes scientifiques ou juridiques, offrir enfin un enseignement de culture généraliste. L'auteur renvoie à de nombreux sites de l'Internet, dont il donne les références. Et last but not least, Carthage, deuxième métropole de l'Empire romain doit être mise à profit : son histoire mouvementée, ses auteurs - et pas des moindres -, son importance géographique en Euroméditerranée !

Christine Haller

Ursula Niggli, Peter Abaelard als Dichter. Mit einer erstmaligen Übersetzung seiner Klagelieder ins Deutsche, Tübingen (Francke Verlag) 2007, CHF 44.00

Abaelard (1079-1142) ist kein Unbekannter unter den Theologen und Philosophen des Mittelalters. Seine Berühmtheit beruht in breiteren Kreisen allerdings mehr auf seiner Beziehung zu Heloisa als auf einer genaueren Kenntnis seiner Leistungen. Diese Beziehung war für beide nicht, wie man meinen könnte, nur eine unglücklich ausgegangene Liebesgeschichte, sondern existenziell und für das Denken beider auch später prägend; ohne sie gäbe es z.B. beider Briefwechsel, eines der ergreifendsten Zeugnisse menschlichen Liebens und Leidens, nicht. Heloisa war auch auf den Dichter Abaelard von entscheidendem Einfluss.
Ursula Niggli, die in Zürich das Philosophische Institut "Paraklet" leitet, ist eine führende Abaelard-Interpretin. Nach früheren Publikationen gab sie 2003 einen wegweisenden Sammelband über Abaelard im Herder Verlag heraus (Forschungen zur europäischen Geistesgeschichte Bd 4, 420 Seiten), der neue Erkenntnisse zu seinem Leben, seiner Theologie und seinen aufklärerischen Motiven vermittelt. Jetzt legt sie ein Buch über die sechs Klagelieder oder Planctūs vor. Erstmals übersetzte sie die wenig bekannten Klagen von Gestalten des Alten Testaments ins Deutsche und führt in Abaelards bisher kaum bekanntes Dichten ein. Anhand von Nigglis Kommentierung, die ausführlich auf die zugrunde liegenden biblischen Texte und Abaelards Vita eingeht, erfahren wir viel über die Denkweise des innovativen Frühscholastikers. Ein besonderes Anliegen ist Niggli die Genderfrage, stellt sie doch bei Abaelard eine Sensibilität für die weibliche Eigenart und Seinsweise fest, die überrascht, zumal für mittelalterliche Zeiten.
Da es Ursula Niggli (in Korrektur der bisherigen Forschungsgeschichte) vornehmlich um die inhaltlichen Aspekte von Abaelards Klageliedern aus theologischer und mediävistischer Sicht geht, vermisst der Rezensent, ein klassischer Philologe, etwas die Würdigung von Abaelards Ausdrucksweise und Dichtersprache wie auch eine kurze Einführung in seine Metrik und Versgestaltung. Wie eigenständig ist er darin? Kommt die von Niggli beschriebene Modernität seines Denkens und Fühlens auch in der sprachlichen Gestaltung zum Ausdruck und, wenn ja, in welcher Weise? Gerade weil seine französisch geschriebene Liebeslyrik in Paris Furore machte, aber leider verloren gegangen ist, wäre ein Eingehen auf die sprachliche Ausformung der Planctūs wünschenswert. Inwiefern bestimmt das damals neue Dichten in der Volkssprache (Liebeslieder, Troubadours, Minnesang) das Bild der Frau und die einfühlsame Darstellung von Frauengestalten wie Dina oder die Tochter Jephtas mit? Nigglis Buch regt zu weiteren Fragen an und ist zweifellos eine auf aktuelle Problemstellungen eingehende und spannend zu lesende Studie über eine neue Seite der fesselnden Persönlichkeit Peter Abaelards und seiner - aus seinem Leben nicht wegzudenkenden - Freundin Heloisa.

Rolf Surbeck

Markus Janka/Ulrich Schmitzer/Helmut Seng (Hrsg.), Ovid: Werk - Kultur - Wirkung, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2007, 348 S., CHF 130.00, ISBN 978-3-534-20044-3

Als Resultat einer Tagung zum Thema Ovid und die augusteische Kultur am 15./16. Juli 2005 an der Universität Konstanz liegt dieser Sammelband vor. Als Herausgeber fungieren zugleich die Organisatoren der Tagung: Janka (München), Schmitzer (Berlin) und Seng (Konstanz).

Mit einer grossen Bandbreite in den Beiträgen des Sammelbandes hat man sich bemüht, möglichst vielen Facetten Ovids gerecht zu werden, nicht zuletzt auch die starke Wirkung des Dichters bis heute zu würdigen. Gleich der erste Aufsatz, ein Beitrag des Mitherausgebers Janka, befasst sich denn auch mit einem Überblick über die Ovidforschung seit 1968. Und der letzte Beitrag von Christine Walde handelt von der Ovidrezeption in der neuesten - vor allem englischsprachigen - Belletristik: es mag verblüffen, dass ein Ovid bis heute noch so lebendig wirkt.

In diesen Rahmen eingepasst findet sich eine bunte Vielfalt von verschiedenen Themen. Sehr lehrreich in Bezug auf die Hintergründe von Ovids Verbannung, über die ja so oft spekuliert wurde, ist Maria H. Dettenhofers Arbeit über Augustus' Ehepolitik und seine "moralische Aufrüstung". Zur Verbannung und ihren Hintergründen, wie sie in der Exildichtung reflektiert werden, ausserdem Christian Tornau, der Elemente aus der Ars Amatoria in der Exildichtung aufspürt.

Der Elegiker Ovid wird in Frank Wittchows Beitrag gewürdigt, indem dieser Parallelen zu Tibull untersucht. Originell sodann Jula Wildbergers Arbeit, die versucht, die Hilfestellungen des "Therapeuten" in den Remedia Amoris wörtlich genommen an den Zielsetzungen der philosophischen Affekttherapie zu messen, wobei auch eine Gegenüberstellung mit Lukrez-Texten erfolgt. Natürlich streicht sie schon eingangs zu Recht heraus, dass die Remedia ja nicht "ernst gemeint" seien. Es wird in ihnen vielmehr mit einer gewissen Textgattung aus dem philosophischen Fundus gespielt.

Die Antagonie zwischen Ovid und Vergil war bekanntlich schon lange Thema der Forschung, etwa Ovids parodistische Verarbeitung vergilischer Elemente in den Metamorphosen. Sehr interessant hierzu ein zweiter Beitrag von Janka über die diversen Katabaseis in den Metamorphosen und ihre vergilischen Echos. Auch in den Fasti gibt es mit dem Aition der Vinalia eine interessante Vergil-Parallele, die Elena Merli untersucht hat. (Zu einem weiteren Text aus den Fasti Ulrich Schmitzers feinsinnige Arbeit über die Darstellung der Carmentalia.) Philip Hardie aus Cambridge zeigt hingegen auf, dass auch in Mittelalter und Renaissance die genannte Antagonie zwischen den beiden Dichtern literarisch reflektiert wurde (Chaucer, Jonson, Shakespeare).

Helmut Seng wiederum untersucht Bezüge zu Euripides in Ovids bekannter Phaëthon-Erzählung. Martin Korenjak will aufzeigen, wie Ovid nach den Metamorphosen in der Abfassung seiner Werke gewissermassen einem "Werkplan" gefolgt sei, worin er die Abfolge der späteren Werke des Horaz imitiert habe, was sich insbesondere auch in der Ansprache des princeps zeige. Zum Verhältnis Ovids zum princeps sei als letzter Mitwirkender in dem insgesamt sehr anregenden Sammelband noch Niklas Holzberg erwähnt, der einen "elegischen Kaiser" bei Ovid mit Martials "epigrammatischem Kaiser" vergleicht.

Beat Hüppin

Pedro Barceló, Alexander der Grosse, Darmstadt (Primus Verlag) 2007 (Gestalten der Antike, hrsg. von Manfred Clauss), 296 S., CHF 49.90 (WBG-Preis € 24.90), ISBN 978-3-89678-610-4

Unter den Gestalten der Antike gehört Alexander der Grosse zweifellos zu den bekanntesten, sein Lebenslauf zu den spektakulärsten und faszinierendsten seiner Art. Entsprechend dicht rankten sich schon zu Lebzeiten Mythen und Legenden um das Geschehene, was die Aufgabe eines heutigen Biographen natürlich erschwert. "Es bleiben Fragezeichen, die keine Alexanderbiographie definitiv lösen kann, auch nicht die vorliegende", warnt Pedro Barceló einleitend. Er verspricht "einen Mittelweg zwischen Darstellung, Analyse und Reflexion", "Nuancierungen von bekannten Zusammenhängen, Neubewertungen einzelner Episoden" sowie die "Würdigung der historischen Bedeutung Alexanders" (S. 12).

Letztere nimmt er vor, indem er "Die Verwandlung der Welt nach Alexander", d.h. eine summarische Darstellung der Diadochenzeit, an den Anfang stellt und dabei auch einen kurzen Einblick in die geistesgeschichtlichen Entwicklungslinien des Hellenismus gewährt (S. 21-33). Die Lebensstationen Alexanders skizziert Barceló in zwanzig handlichen Kapiteln von jeweils sechs bis vierzehn Seiten Länge. Über die eigentliche Vita hinaus gehen "Makedoniens Aufstieg unter Philipp II." (S. 35-45) und "Das Achaimenidenreich - Ein Koloss auf tönernen Füssen?" (S. 83-90). Ein ausgedehnter Anmerkungsteil und das Literaturverzeichnis referieren die lange und intensive Forschungstradition zum Thema (S. 235-284).

Bei der Analyse und (Neu-)Bewertung einzelner Episoden gibt Barceló zumeist dem Bild eines rational und pragmatisch handelnden Alexander den Vorzug. So sieht er im Brand von Persepolis "keine im Affekt begangene spontane Aktion, etwa unter Alkoholeinfluss", sondern eine "aus Berechnung" angeordnete, propagandistisch nützliche Racheaktion für die Zerstörung Athens in den Perserkriegen (S. 156). Alexanders sich mehrende "Selbstinszenierungen als orientalischer Herrscher" bis hin zur Forderung der Proskynese wertet er als "kalkulierte Demonstration, um die Gefolgschaft der persischen Untertanen zu gewinnen", aber keineswegs als Versuch, sich "als Gottheit zu stilisieren" (S. 190). Und das multikulturelle Versöhnungsbankett in Opis im Jahr 323 - nachdem sich das makedonische Heer gegen die Entlassung der Veteranen und Kriegsinvaliden aufgelehnt hatte - war gemäss Barceló "kein bewusst verkündetes Vermächtnis Alexanders oder gar eine Botschaft der Universalität, ... vielmehr handelte es sich um eine spontan arrangierte Feier als Ausweg aus einer Krise" (S. 218).

Barcelós sachlich-nüchternem Historikerurteil entspricht ein ebensolcher Schreibstil. Damit wird er die meisten unserer Schülerinnen und Schüler wohl nicht auf Anhieb begeistern. Schade ist auch, dass das Buch keine Übersichtskarte des gesamten Feldzugs enthält, nur der Zug durch die östlichen Satrapien bis zum Indus und zurück an den Persischen Golf ist kartographiert (S. 170). Dafür finden sich schematische Darstellungen der Schlachten bei Issos, Gaugamela und am Hydaspes (S. 120, 142 und 201). Zahlreiche Schwarzweiss-Abbildungen illustrieren den Text, über das aus mehr als drei Millionen Steinchen bestehende Alexandermosaik aus der Casa del Fauno spricht Barceló gleich im Einführungskapitel. Die eigene Vorgabe, "aus der Fülle des verfügbaren Materials eine hoffentlich repräsentative Biographie zusammengefügt" zu haben, hat Barceló auf jeden Fall erfüllt.

Thomas Schär

Homer, Odyssee, Aus dem Griechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann. Nachwort von Walter Burkert. Mit 16 Illustrationen von Anton Christian, Zürich (Manesse Verlag) 2007, 446 S., Leinen in Schuber CHF 149.00 (€ 89.90); Luxusausgabe Leder CHF 262.00 (€ 158.00), ISBN 978-3-7175-9020-0 (Leinen); 978-3-7175-9021-7 (Leder)

Homer macht allenthalben von sich reden, als Dichter, als Person, als Mythos. Die Deutung seiner Person - ein griechischer Eunuch in assyrischen Diensten, der "seinen Triebrest durch Essen, Wissensdurst und den Voyeurismus seiner Kampfbeschreibungen sublimiert" (Raoul Schrott) - belebt die deutschsprachigen Feuilletons mit bissigen Kontroversen, die eben eröffnete Basler Ausstellung, begleitet von einem gewichtigen Katalog, thematisiert Umfeld und Wirkungsgeschichte, der Basler Kommentar zur Ilias unter der Ägide von Joachim Latacz (mit jambenähnlicher Übersetzung) setzt neue Massstäbe, Schrott wird demnächst seine Ilias herausbringen. So erscheint die Übersetzung der Odyssee, die unser Kollege Steinmann mit seiner langen Erfahrung als Übersetzer (Sappho, Sophokles, Euripides, Petron, Petrarca, Erasmus) nach mehrjähriger Arbeit vorgelegt hat, zum gelegensten Zeitpunkt. Und mit Erfolg wurde in die Ausstattung investiert: Von der mit neoexpressionistischen Illustrationen versehenen Prachtausgabe im Leinen- oder gar Lederband mit Goldschnitt in massivem Schuber wurden in wenigen Wochen weit über 6000 Exemplare abgesetzt. Stehen wir vor einer Zeitenwende?

Lorbeeren

Kurz nach Erscheinen überschlugen sich die renommiertesten und die entlegensten Medienstimmen fast einhellig vor Begeisterung: "Zusammen stimmen Wort und Vers" - "Man hätte es kaum geglaubt, dass es genauer überhaupt, auch schöner noch gehen könnte." - "Diese Übersetzung, so frisch und gar nicht kantig, ist ein Glücksfall." - "Und nun ist sie da, die neue Odyssee, ein grosses, hinreissend gestaltetes Buch." - "S. erlaubt sich keine Freiheiten und schafft dabei, o Wunder, eine auffallend geschmeidige, flüssige und wohltuend melodische Nachdichtung." - "Der Hexameter bildet keine grosse Hürde, wie die neue Übersetzung überzeugend zeigt." - "Die Leistung des Schweizers gehört zu den übersetzerischen Grosstaten... exakte Wiedergabe und doch in Versen, möglichst nahe an Homer und doch flüssig lesbar." - "Experten bejubeln ein <Jahrhundertwerk>. Nicht zu Unrecht. Eine geniale Grosstat." Doch Versübersetzung - war das nicht lange verpönt? "Auf die Bewahrung des Metrums wurde verzichtet, aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Transposition metrischer Formen mit rigoroser Strenge gegenüber dem Wortlaut unvereinbar ist. Ein Gewinn an formaler Treue ist immer mit einer Einbusse an philologischer Genauigkeit erkauft" - so noch Steinmann selbst zu seiner Übersetzung der Alkestis. Und nun dies: 12110 deutsche Hexameter, in der Überzeugung, "dass die deutsche Sprache in unseren Tagen in der Lage ist, Homers Hexameter über weite Strecken ungezwungen, in natürlichem Fluss ... wiederzugeben" (Steinmann im Nachwort).

Keine Hexerei?

Jens Jessen, Feuilletonchef der "Zeit", meint zu wissen, wie einfach das sei, und liefert dazu gewagte Hypothesen (6.12.2007): "Deutsch und Griechisch sind einander recht nah, und der Hexameter bildet keine grosse Hürde... Der deutsche Hexameter fliesst, er bildet sich wie von selbst und geht ins Ohr... Eine kleine Schummelei ist dabei, insofern der Spondeus aus zwei betonten Silben [sic] bestehen müsste, man sich im Deutschen aber in der Regel [sic] mit einer begnügt... Zu Recht wurde gesagt, dass sich die Metren im Deutschen viel leichter bilden als im Griechischen und darin die eigentliche Verfehlung des Originals liegt... Apropos vielgerühmt - schon dieses Wort, drei Silben, eine betonte, zwei unbetonte [sic], ist ein zwanglos von selbst entstandener Daktylos...." Damit kommen wir auf die schon zu Zeiten von Voss und Goethe diskutierte Frage, was ein deutscher Hexameter, überhaupt ein deutscher Vers sei und wieviel Freiheit das Versmass ertrage. "Hab ich den Markt und die Strassen doch nie so einsam gesehen!" beginnt Goethe gelassen in Herrmann und Dorothea. Hätte er nicht mit "Nie habe ich ..." beginnen können? Das Geheimnis liegt nicht nur in der Vermeidung der seit der deutschen Klassik ohnehin verpönten Tonbeugung, sondern in der Einhaltung des Satzrhythmus, wie ihn die vielen einsilbigen Wörter der deutschen Sprache verlangen. Gegen dieses Prinzip verstösst Steinmann nicht allzu selten (unbetonte Doppelkürzen: hinein, fügend, zurück; das letzte Beispiel wohl ein Heptameter):
Da hinein steckte er den Mast fügend dran eine Rahe (5,254)
Wünschte nicht mehr, zurück Meldung zu bringen, wünschte nicht Heimkehr (9,95)
Wir indes fuhren zusammen zu Schiff von Troja her kommend (3,176)
Da ertranken alle andern edlen Gefährten zugrunde (5,110)
Mit sperrigen Tonverschiebungen an daktylisch gemeintem Versanfang ("Es floh auch", "Da drinnen", "Neun Tage", "Béttelei"), was laut NZZ "allfälliger Monotonie entgegenwirkt", wird in Wirklichkeit ein Hauptmerkmal des deutschen Hexameters eliminiert. Und mindestens als ungelenk wird man die syntaktischen Verrenkungen bezeichnen dürfen, die den richtigen Rhythmus erzwingen sollen ("so also kletterte hoch ich", "auf ihn setzte den Fuss ich", "da rückten an sie").

Versifizierter Schadewaldt?

Mit Wolfgang Schadewaldt hat dokumentarisches Übersetzen weit über die Fachkreise Beachtung und Anerkennung gefunden; ihm verdanken wir eine neue, sozusagen entkleidete Sicht sowohl auf die Odyssee wie auf die Ilias, Wörtlichkeit und Beibehaltung der Bildlichkeit war ihm oberstes Ziel und wurde von ihm beispielhaft realisiert. Wer Homer dokumentarisch übersetzen will, kommt notgedrungen nicht an Schadewaldt vorbei, ja man kann geradezu behaupten, dass dokumentarisches Übersetzen in Versen, sofern das überhaupt möglich ist, in unserem Fall logischerweise nichts anderes heissen kann, als Schadewaldts Odyssee modifiziert zu versifizieren, wie das bei aller Selbständigkeit mit vielen neuen Lösungen schon dem Archäologen Roland Hampe geglückt war. Die Anlehnung an das Vorbild, bzw. die Vorbilder ist denn auch so unvermeidbar wie unverkennbar, umso eher, als schon Schadewaldt vielfach daktylisch-spondeisch rhythmisiert hatte - "sondern unbesät und ungepflügt alle Tage ist sie von Menschen leer und nährt nur meckernde Ziegen" (9,123f), so steht es schon Wort für Wort bei Schadewaldt, und dies ist alles andere als ein Einzelfall. Wie wenig sich ein Übersetzer der Tradition entziehen kann und wie eng der Spielraum überhaupt ist, zeigt der Vergleich mit den Vorgängern. Voss 1781, mit dichterischem Flair: "Unbesäet liegt und unbeackert das Eiland, ewig menschenleer und nährt nur meckernde Ziegen". Hampe 1979 dokumentarisch präzis: "Unbesät und ungepflügt durch alle die Tage ist sie von Menschen leer nur Weide für meckernde Ziegen". Schröder 1910 mit expressionistischem Schwung: "Ganz ohn Saaten und Pflug entbehrt sie alle die Tage menschlicher Wohnung und weidet allein die meckernden Geissen".

Quadratur des Zirkels

"Nur" oder "allein" fehlt jedoch im griechischen Text an der zitierten Stelle, kein Wunder, ist doch bei jeder Übertragung in Versen das Versgewand - oder sollen wir "homerisch" sagen "der Leibrock" (so in 3,467 sämtliche genannten Übersetzer für den griechischen Chiton) - bald zu weit, bald zu knapp, wie auch Steinmann früher festgestellt hat. In seiner neuen Übersetzung ist es nicht anders, bald sind es Füllsel (dann, sich, ja, nein, nun, da), bald sind es Streckungen (willkommen: herzlich willkommen, bekümmert: tief bekümmert, nahe: ganz nahe, klar: glasklar, schnell: pfeilschnell, in die Krüge: in unsere Krüge, mit den Händen: mit ihren Händen, gehorchte: gehorchte willig, süsse Milch: süsse Milch von der Herde - so 4,88 auch Hampe), bald herrscht Platznot, die durch Kürzung oder Ungenauigkeit behoben wird (die [ebenmässigen] Schiffe, [doppelt] geschweift, des [hochgemuten] Achilleus, den [berühmten] Vater, der [weithin] donnernde Zeus, den [zubereiteten] Speisen, des göttlichen: des gottgenährten). Das ist alles legitim und eine Frage des Masses und soll Steinmanns grosse Leistung nicht herabmindern (wer will denn schon jedes griechische ge, de, te wiedergegeben haben) - doch die angekündigte Quadratur des Zirkels bleibt Illusion. Übersetzen in Versen wird immer eine Fahrt zwischen Skylla und Charybdis bleiben.

Bruno W. Häuptli

Die Vorsokratiker, Band 1: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras und die Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit. Griechisch-lateinisch-deutsch, Auswahl der Fragmente und Zeugnisse, Übersetzung und Erläuterungen von M. Laura Gemelli Marciano, Artemis und Winkler (Reihe Tusculum) 2007, 480 S., CHF 93.00

Die drei Bände "Vorsokratiker", die Frau Gemelli, Privatdozentin an der Universität Zürich, herausbringt, haben gute Aussicht "eine Jahrhundertedition" zu werden, wie der Verlagstext sagt. - Der Ausrichtung der Reihe entsprechend werden nun anders als im Diels-Kranz nicht nur die B-Texte, sondern auch die doxographischen und biographischen Angaben übersetzt, wobei im Druckbild die eigentlichen und auch die indirekten Zitate von Vorsokratikern durch Fettdruck von den Texten der sie zitierenden Autoren unterschieden werden. Jedem der sechs im ersten Band dokumentierten Autoren werden drei Abschnitte gewidmet: Fragmente und Zeugnisse, Leben und Werk, Erläuterungen. Die Übersetzungen sind moderner und häufig genauer als jene von Diels-Kranz (z.B. Heraklit DK 22 B 53: "Krieg ist Vater von allen und König von allen" statt "Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König": moderner ist die Vermeidung des vorgezogenen Genitivs, sachgerechter "von allen" statt "aller Dinge", da die Fortsetzung zeigt, dass mit πάντων Götter und Menschen gemeint sind). Die Erläuterungen zu den Übersetzungen sind kurz und präzis (z.B. zu Xenophanes DK 21 B 23, wo Gemelli die "nicht-monotheistische" Übersetzung "ein Gott ist unter Göttern und Menschen der grösste" auf einer halben Seite begründet, wofür Heitsch in der Tusculum Ausgabe von Xenophanes fünf Seiten benötigt). Hervorragend ist die Einführung auf den Seiten 373-465. Hier werden die wichtigsten Themen zum Komplex "Vorsokratiker" auf der Basis der aktuellen Resultate der Forschung behandelt: Die Entstehung des Begriffs "Vorsokratiker" mit den damit zusammenhängenden hermeneutischen Fragen, die Charakterisierung der einzelnen Autoren und deren Stellung in ihrer Zeit und Kultur, die Diskussion der zur richtigen Erfassung dieser Autoren einschlägigen Begriffe Polymatheis, Philosophoi, Rhapsodoi (ein besonders instruktiver Teil!), sowie die Bezeichnung Milesier, wie auch die Charakterisierung einiger Vorsokratiker als Naturphilosophen oder Fachleute auf bestimmten Gebieten; auch die in diesem Zusammenhang relevanten Bereiche Weisheit, Magie und Mystizismus werden behandelt, sowie das Problem der Kommunikation, einschliesslich der Thematik von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. - Eine Bibliographie von fast 20 Seiten zeigt, welche Fülle von Literatur zur Erarbeitung dieses Bandes nötig war. - Das Einzige, was man vermissen wird, ist eine Synopse der Nummern der Texte und Fragmente bei Diels-Kranz und in dieser Ausgabe. - Allen, die sich aus persönlichem Interesse oder im Unterricht mit diesen sechs Vorsokratikern beschäftigen wollen, kann diese Ausgabe wärmstens empfohlen werden.

Alois Kurmann

Marcus Junkelmann, PANIS MILITARIS, Die Ernährung des römischen Soldaten oder der Grundstoff der Macht, Mainz (Verlag Philipp von Zabern) 2006, Dritte überarbeitete Auflage, 257 S., CHF 59, ISBN-10: 3-8053-2332-8

Das Buch beginnt spannend wie ein Krimi und gewährt mit seinem ersten Kapitel einen unmittelbaren Einblick ins Thema: Nach Schilderungen der Historiae Augustae Scriptores erzählt Marcus Junkelmann in Panis Militaris das Ritual des römischen Feldherrn, der, anstatt bei der Ankunft bei der Truppe in seinem Feldherrenzelt zu verschwinden, sich vor den Legionären einem eigenhändigen Mahlen und Backen des Brotes hingibt, einem Ritual, das die Verbundenheit des Feldhern mit der Truppe vor Augen führen und zeigen soll, dass der Feldherr nichts anderes als der "erste Legionär" ist.

Das hier angezeigte Buch des experimentellen Archäologen und bekannten Fachbuchautors Marcus Junkelmann ist vielleicht nicht so spektakulär wie das seinerzeitige Buch über die experimentelle Alpenüberquerung; es ist aber in der Fülle der Materialien, in der minutiösen Durchforstung des Themas, in der Brauchbarkeit für die Schule mindestens ebenso wertvoll wie jenes. Unter dem Brechtschen Motto "Caesar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?" führt Junkelmann seinen Leser durch die Geschichte des Alltags der Legionäre, durch die "Niederungen" der grossen Geschichte, ohne welche es keine grosse Geschichte, keine grossen Männer, keine Haupt- und Staatsaffären gäbe.

Folgende kurze Beispiele mögen diesen Junkelmannschen, man möchte sagen, furor historiae cotidianae belegen: Von der Lebenserwartung bis zur Zahnabnutzung der Legionäre, vom Gepäck bis zur Transportlogistik, von der Vorstellung der verschiedenen Getreidesorten (farina von far! = Emmer, eine Getreidesorte, die in früher Zeit fast ausschliesslich verwendet wurde) bis zu den Festfreuden der Legionäre und Offiziere, von der Zusammenstellung der verschiedenen Brotarten und der Brei-Herstellung bis zum Bau und dem Betrieb der Öfen. Das Buch zeigt auch eine andere römische Küche als die meist in der Schule erprobten Rezepte zeigen, nicht die Küche der Oberschicht der Kaiserzeit, sondern die Küche der einfachen Leute in verschiedenen Jahrhunderten der römischen Geschichte, vorab der Kaiserzeit, eine mediterrane Küche, bei der Getreide, Öl, Wein (auch Essig) und Kräuter die tragende Rolle spielten. Ernährung vorwiegend durch Fleisch galt für die Römer als barbarisch.

Diese wenigen Hinweise zeigen, dass das Buch eine Fülle interessantester Anregungen (angereichert durch Alltagsrezepte) für den Unterricht hergibt. Es handelt sich hierbei um die dritte überarbeitete Auflage (1. Auflage 1997), wie der Verlag angibt. Ein Vergleich mit der ersten Auflage zeigt, dass weder die Forschungsliteratur seit 1997 aufgearbeitet ist, noch DM-Beträge (als Kaufkraftvergleich) in Euro umgerechnet sind; es handelt sich praktisch um einen Nachdruck der ersten Auflage. Eigenartiger Weise sind die reichen bibliographischen Angaben in der dritten Auflage durch Forschungsliteratur aus der Zeit vor der ersten Auflage erweitert. Diese Bemerkungen sollen aber keineswegs die Bedeutung dieses bemerkenswerten Buches schmälern: Es sollte in keiner Fachbibliothek fehlen.

Ivo Müller

Rainer Vollkommer, Das antike Griechenland, Stuttgart (Konrad Theiss Verlag) 2007, 192 S., CHF 34.90

Populärwissenschaftliche Darstellungen zu Themen aus Geschichte und Archäologie erfreuen sich offenbar einer breiten Nachfrage. Auch der Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, verspricht nun diesem Bedürfnis Abhilfe zu schaffen und hat die Reihe 'THEISS WISSEN KOMPAKT' lanciert. Sie bietet laut Klappentext u.a. kompetentes Wissen und schnelle Information, von hochkarätigen Autoren gut verständlich geschrieben. Der Verfasser des Bandes 'Das antike Griechenland', Rainer Vollkommer, ist promovierter Archäologe, leitet das Landesmuseum für Vorgeschichte in Dresden, und hat bereits die Bände 'Sternstunden der Archäologie' publiziert, was auf einige Erfahrung in dieser Sparte schliessen lässt. Seine Darstellung gliedert sich in zwei Teile: zuerst bietet er auf gut 100 Seiten einen Überblick über die griechische Geschichte, von der mykenischen Kultur bis zum Aufstieg Roms. Verdienstvollerweise konzentriert er sich nicht nur auf die frühe und klassische Zeit, sondern behandelt recht ausführlich auch die hellenistische und kaiserzeitliche Epoche. Anschliessend entwirft er ein Panorama griechischer Alltagskultur, neben Kapiteln zu Religion, Literatur und Philosophie zu Themen wie Wohnen, Ernährung und Bekleidung, aber auch Kriegswesen und Zeitrechnung, die einer philologisch orientierten Leserschaft manche interessanten und weniger vertraute Fakten präsentieren. Die Sprache ist in der Tat sehr gut lesbar und flüssig, ab und zu nicht frei von etwas saloppen oder umgekehrt pathetischen Formulierungen. Die fortlaufende Darstellung verzichtet auf Anmerkungen oder Quellenangaben und wird jeweils unterbrochen von monothematischen, farblich herausgehobenen Exkursen etwa zu verschiedenen archäologischen Stätten oder historischen Ereignissen. Sie ist reich an griechischen Begriffen (in lateinischer Umschrift) und Namen, die sich zuweilen auch in Aufzählungen mit geringem Informationsgewinn erschöpfen können. Das Buch bietet eine knappe Liste mit weiterführender Literatur und ein kurzes Glossar, aber leider kein Stichwortverzeichnis, mit dem man sich die versprochene schnelle Information auch verschaffen könnte. Das moderne Layout umfasst viele Abbildungen und Pläne, allerdings bei Kunstgegenständen meist ohne Angaben zu Alter und Aufbewahrungsort. Ein noch sorgfältigeres Lektorat hätte einige. z.T. auch inhaltliche Fehler vermeiden können (z.B. S. 18: thes statt thetes, S. 123 eromnen statt eromen) - alles in allem ein auch im Unterricht punktuell gut einsetzbares Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger (Vom gleichen Autor ist für März 2008 in dieser Reihe ein Band 'Das römische Weltreich' angekündigt).

Bernhard Diethelm

Anthony R. Birley, Hadrian - Der rastlose Kaiser, Mainz (Philipp von Zabern) 2006 (Zaberns Bildbände zur Archäologie), 124 S., 41 Farb- und 18 s/w-Abbildungen, CHF 43.50, ISBN-13: 978-3-8053-3656-7

Er wurde 76 n.Chr. in Rom geboren, seine Vorfahren stammten ursprünglich aus Hadria in Picenum, waren aber seit mehr als zweihundert Jahren im südspanischen Italica ansässig. Zwischen 117 und 138 lenkte Hadrian die Geschicke des römischen Reichs, indem er unermüdlich und immer wieder die Provinzen bereiste. Als Reisekaiser ging er deshalb in die Geschichte ein, The Restless Emperor nannte ihn Anthony R. Birley in seiner Biographie von 1997, die nun in der deutschen Übersetzung von Hilde Birley unter Zaberns Bildbände aufgenommen wurde.

Rastlos machten Hadrian nicht (wie später die Soldatenkaiser) Krisenherde an allen Ecken und Enden, das Imperium blühte vergleichsweise friedlich vor sich hin. Selbst die Niederschlagung des Bar Kochba-Aufstands in Judäa konnte er nach kurzer persönlicher Präsenz seinen fähigen Militärs überlassen (S. 98-105). Seine Aufgabe als oberster Befehlshaber der Armee sah er offenbar darin, diese bei Laune zu halten, indem er sie durch persönliche Inspektion zu allerlei Manöverübungen animierte, die dann stolz auf Inschriften verewigt wurden (vgl. die Beispiele aus Nordafrika, S. 73ff). Nach Hadrians Tod bemerkte Aelius Aristides allerdings süffisant, dass die Verwaltung des römischen Friedens auch unter Antoninus Pius bestens funktionierte, der "Italien als Kaiser niemals verlassen sollte" (S. 112).

Zum Reisen trieben Hadrian, so scheint es, nicht zuletzt persönliche Motive, allen voran sein "extremer Philhellenismus" (S. 113). Oft glaubt man als Leser, nicht die Biographie eines gestressten Politikers, sondern eines emsigen Bildungsreisenden vor sich zu haben, unter dessen Destinationen ja kein noch so unbedeutender 'Ableger' griechischer Kultur in der damals bekannten Welt fehlen durfte. Nur reiste hier kein Privattourist, sondern der römische Kaiser, und das hatte Folgen für die besuchten Orte: Athen verdankte dem zweiten Perikles (als den sich Hadrian gerne sah) einen wahren Bauboom, in Jerusalem provozierte die Neugründung der Stadt als Aelia Capitolina den erwähnten Aufstand. Vermerkt sei, dass sich offenbar auch Birley hie und da in der Reisebranche wähnte, wenn Hadrian "eine ausgedehnte Tour im Süden" (Athens) unternimmt (S. 60) und in Tivoli eine "Souvenir-Abteilung" besitzt (S. 113) oder folgende Argumentation zur Rekonstruktion der Reiseroute in Sizilien vorgebracht wird: "Der Kaiser landete vermutlich in Syrakus, das kein geschichtlich interessierter Tourist versäumt haben würde. Berichtet wird lediglich über seine Besteigung des Aetna", die er unternahm, "um den Sonnenaufgang zu erleben" (S. 65).

Den Philologen mögen die zahlreichen Bezüge zum Literatur- und Philosophiebetrieb der Zeit interessieren, die Birleys Werk bietet. Plutarch, Epiktet, Dion von Prusa, Arrian und viele andere dürften den Kaiser persönlich gekannt haben, was zur akribischen Suche nach Anspielungen in deren Werken (sofern erhalten) verleitet. Legendär wurde der Sophist Favorinus, der die überlegene Gelehrsamkeit Hadrians akzeptierte, weil er sich dessen stärkstem Argument, den dreissig Legionen, beugen musste (S. 67f). Dem wählerischen Leser seien die Kapitel "Die Grenzpolitik des neuen Augustus" (Bau und Bedeutung des Hadrianswalls), "Tod im Nil" und "Athen und Jerusalem" empfohlen.

Birley geht die 21 Regierungsjahre streng chronologisch durch, was die Lektüre hin und wieder ermüdend macht. Das Übel hat seine Ursache aber auch in der problematischen Quellenlage, die viel Fragmentarisches und Anekdotisches (Historia Augusta) überliefert, das nicht leicht in grössere Zusammenhänge zu betten ist. Der Band enthält gutes und vielfältiges Bildmaterial, viele Quellenzitate in Übersetzung, aber leider kein Personen- und Ortsregister.

Thomas Schär

Georg Traut, Lexikon über die Formen der griechischen Verba. Mit Verzeichnis der Deklinations- und Konjugationsendungen und grammatischem Schlüssel, 5., unveränd. Aufl. 2007, 388 S., CHF 67.90

Das waren noch Zeiten, als Harvard und Princeton auf Europa schielten und sich das preussische Bildungssystem einverleibten, kultivierte Amerikaner der Ostküste Vornamen wie Ulysses und Horace führten, währenddem sich ihre weniger kultivierten Landsleute im Westen die Zeit mit Kuhherden, Krieg und Eisenbahnbau vertrieben. Die Karten wurden inzwischen neu gemischt und während Kalifornien regelmässig zur innovativsten Gegend der Welt erklärt wird, haben wir in Europa in Sachen Bildungspolitik eine Art Wilden Westen. Dieses raue Klima setzt dem altsprachlichen Unterricht, dem einstigen Schlachtross gymnasialer Bildung, arg zu (auch wenn seit einiger Zeit Rauchzeichen aus Deutschland ein Wiedererstarken der [vielleicht doch nicht] letzten Mohikaner signalisieren). So verwundert es kaum, dass die Produktion von griechischen Lehrmitteln sich heutzutage recht bescheiden ausnimmt. In der Not greift man bekanntlich auf das in der Zeit Angesparte zurück, will heissen: man druckt die alten Wörterbücher besserer Tage kostengünstig reprografisch nach.

Zum wiederholten Male tut dies die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt mit dem "Traut", dem Lexikon über die Formen der griechischen Verba, einem über hundertvierzigjährigen Urgestein. Das Nachschlagewerk versammelt viele (aber längst nicht alle) Tempus-, Modus- und Personalformen von griechischen Verba, bestimmt und belegt diese, bietet in den Fussnoten die deutsche Übersetzung im Infinitiv und verweist auf die entsprechenden Paragraphen in Krügers Sprachlehre und/oder in den Schulgrammatiken von Kühner und Curtius.

Schon diese letzten Hinweise machen deutlich, dass sich zwar das explizit für Schüler verfasste Buch nicht verändert hat, wohl aber das Zielpublikum. Die Erosion des Griechischunterrichts einerseits und die zahlreichen, schülergerecht aufbereiteten Textausgaben mit Kommentaren andererseits führten zu einer veränderten Lesepraxis in den Schulen. Der Graben zwischen Gymnasium und Universität, zwischen Lektüre und wissenschaftlicher Textarbeit hat sich vergrössert. Somit mag das anzuzeigende Lexikon manchen um Verständnis ringenden Studierenden endloses Suchen von mehr oder weniger exotischen Formen ersparen, die Klientel des gymnasialen Griechischunterrichts hingegen wird mit den Repetitionstabellen von Kägi, einem guten Wörterbuch und aufbereiteten Texten wohl besser fahren als mit diesem ohne Zweifel hart erarbeiteten und am richtigen Ort sicher sehr effizienten Werkzeug.

Sundar Henny

Jane Penrose, Rom und seine Feinde, Kriege - Taktik - Waffen, Stuttgart (Theiss Verlag) 2007, aus dem Engl. übersetzt von Erwin D. Fink, 304 S., CHF 59.00, ISBN 3-806-22064-6

Nach einer kurzen Einleitung von Tom Holland ist das vorliegende Werk in vier Kapitel eingeteilt: 1) Königszeit und frühe Republik, 2) Späte Republik, 3) frühe und 4) späte Kaiserzeit. Einer Zeittafel jeweils zu Beginn der Kapitel folgt die Schilderung der römischen Verhältnisse, denen sich die Darstellungen der jeweiligen Gegner der Römer und der Kriege anschließen.

Penrose, Historikerin in Oxford, befaßt sich insbesondere mit der Entwicklung und Bedeutung der römischen Armee, deren Geschichte untrennbar mit der des römischen Reiches insgesamt verbunden ist. Trotz dieser Feststellung geht sie nicht näher auf die Entstehung der politischen Institutionen und deren Organisation in der Frühzeit ein (und stellt auch sonst selten unterschiedliche Ansichten kritisch nebeneinander), sondern erwähnt eher beiläufig die Legenden der frühen Königszeit und die etwas vereinfachte Sicht von den beiden regierenden Konsuln ab 509 v.Chr. Beleuchtet werden nur die militärischen Tätigkeiten der Herrscher, während etwa die sakrale Funktion der ersten Könige ausgeklammert wird.

Den Erfolg der Streitkräfte sieht sie in den ständigen Entwicklungen und Reformen der Kriegerschar, beispielsweise durch die Übernahme der Hoplitentaktik von den Griechen im 6. Jh. oder die spätere Einführung flexiblerer Manipelformationen, als es die Lage erforderte. Detailliert werden die Heeresorganisation, die Aufstellung, Waffengattungen und der Einsatz in äußeren und inneren Konflikten erklärt, wobei zahlreiche Einschübe zu bestimmten Waffen, Kampftaktiken (auch der Gegner), Personen (z.B. Hannibal), Schlachtverläufen (z.B. Cannae, Actium, Teutoburger Wald) wichtige Informationen geben, die durch sehr viele nützliche Illustrationen, darunter Schlachtpläne und Karten ergänzt werden. Allerdings wird meistens auf genaue Stellenangaben der erwähnten antiken Autoren verzichtet, von denen nur fünf im Quellenverzeichnis aufgeführt sind (Appian, Caesar, Cassius Dio, Livius und Polybius), obwohl im Text auch andere (u.a. Xenophon und Plutarch) zitiert werden.

Kleine Unstimmigkeiten sind zu entdecken, wenn etwa in einer ungeschickten Formulierung Servius Tullius die nach ihm benannte Stadtmauer nach 387 v.Chr. erbaut oder als Befehlshaber bei Cannae Marcus (der Polyhistor) statt Gaius Terentius Varro genannt wird.

Das Buch ist jedoch insgesamt, trotz manchen Stellen, wo man gerne noch ausführlichere Erläuterungen und Einzelheiten hätte, ein gut lesbares und interessantes Werk, das einen breiten chronologischen Überblick über das Militärwesen der gesamten römischen Antike bietet.

Iwan Durrer

Die Antikensammlung, Altes Museum, Pergamonaltar, photographiert von Johannes Laurentius und Ingrid Geske, herausgegeben von Andreas Scholl und Gertrud Platz-Hoster, Berlin/Mainz (Staatliche Museen zu Berlin und Verlag Philipp von Zabern) 2007 (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage), 312 S. mit 241 Farb- und 6 Schwarzweissabbildungen, CHF 63.00

Dass nach der ersten Auflage von 1992 nun schon die dritte, erweiterte Auflage des Führers durch die Berliner Antikensammlung nötig wurde, hängt mit der Gesamtsituation der Berliner Museen seit der Wende zusammen. Noch immer ist die Phase des Umbruchs und der Neuordnung nicht abgeschlossen. Das Vorwort gibt Auskunft über die zukünftige Museumskonzeption auf der zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Museumsinsel. Vieles ist im Umbuch, zudem sind viele Exponate, die seit 1939 magaziniert waren, neu in der Ausstellung zu sehen und sind wie die 2004 vollständig restaurierten Reliefs des Pergamonaltars und die meisten anderen Objekte für diese Auflage neu photographiert worden.
Wie immer beim Zabern Verlag sind die Photographien sehr sorgfältig und qualitativ hervorragend gestaltet.

Die Katalogtexte wurden auf den Stand der Forschung gebracht oder neu verfasst. Die Objektbeschriebe sind für Laien verständlich formuliert, praktisch sind die Literaturangaben am Ende jedes Artikels, die eine vertiefte Beschäftigung mit dem jeweiligen Objekt ermöglichen. Einen wichtigen Anteil in jedem Artikel nimmt die Fundgeschichte ein. Es mutet fast schon ein wenig penetrant an, wie auf den legalen Erwerb verwiesen werden soll, als wollte man hervorstreichen, dass die Berliner Sammlung (anders als die im Moskauer Puschkin Museum aufgetauchten Objekte aus Berliner Besitz) nicht durch kriegsbedingte Bestände ergänzt wurde.

Einen Hauptteil nimmt verständlicherweise der neu restaurierte Pergamonaltar ein. Es bleibt zu hoffen, dass in einer nächsten Auflage auch das Markttor von Milet, dessen Restaurierung eben erst in Angriff genommen wurde, etwas ausführlicher kommentiert wird.

Was diesem prächtig illustrierten, sorgfältig gemachten Katalog, der unverzichtbar ist für die Vor- und Nachbereitung eines Besuchs der Antikensammlung, fehlt, ist ein alphabetisches Verzeichnis der Objekte.

Christine Stuber

Christian Schäfer (Hrsg.), Platon-Lexikon. Begriffswörterbuch zu Platon und der platonischen Tradition, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2007, 408 S., CHF 130.00, ISBN 978-3-534-17434-8

Der Herausgeber C. S. leitet ausführlich in das Platon-Lexikon ein (S. 7-25), indem er zunächst in das Leben Platons, dann in seine Schriften und schliesslich in das Lexikon selbst und seine Handhabung einführt. Auf den letzten Punkt gehe ich hier kurz ein: Vorgabe war, das Lexikon solle "die zentralen Termini erläutern und analysieren, exegetische Streitpunkte benennen, sie im historischen Kontext verankern und ausführliche Textverweise bieten" (S. 22). Zunächst verweist C. S. auf die Problematik, aus den Dialogen Platons, in denen er selbst ja nicht in eigenem Namen spricht, auf eine konzise Lehrmeinung ihres Autors zu schliessen. Die Benutzer des Lexikons bleiben natürlich angehalten, den Textverweisen zu folgen und zum genaueren Studium einen Dialog selbst zur Hand zu nehmen, um die angeführten Stellen in den Kontext einzubinden. Um der Vorgabe gerecht zu werden, versuchen die Autoren, aus Platons Werk "Platonische Themen" herauszuschälen, die dann in den Stichwortartikeln behandelt werden. Damit die einzelnen Artikel nicht zu disparat werden, war C. S. dafür besorgt, dass Lemmata, die miteinander in einem inneren Zusammenhang stehen, von demselben Autor verfasst wurden (z.B. die Lemmatagruppe Dämon - Jenseits - Unsterblichkeit von Karin Alt).

Ursprünglich sollte das vorliegende Lexikon nicht nur Platon, sondern auch den Neuplatonismus zum Gegenstand haben. Davon wurde aus verschiedenen Gründen abgesehen, trotzdem enthalten fast alle Artikel am Ende einen Ausblick in die Tradition nach Platon.

Einzelne Stichwortartikel zu beurteilen, überlasse ich den Lesenden selbst. Sie haben mit dem vorliegenden Werk ein sehr hilfreiches Werkzeug in der Hand, um sich im Werk und Denken Platons zu orientieren. Das Lexikon ist gut ausgestattet mit einem Abkürzungsverzeichnis (S. 27), mit einem Verzeichnis der genannten Autoren der platonischen Tradition (S. 345ff.), mit Indices der Begriffe (S. 352ff.) und Stichwortartikel (S. 355ff.), mit einem Verzeichnis, das zu jedem Stichwortartikel die in ihm angeführten und zitierten Platonstellen vermerkt (S. 358ff.) und einer Bibliographie (S. 367ff.). Sie ist nach Primärliteratur, Textsammlungen, nach Sekundärliteratur und (kommentierten) Übersetzungen und nach Lexika geordnet. Zuletzt sind die Autorinnen und Autoren aufgelistet (S. 408).

Hansueli Flückiger
Update: 7.5.2017
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