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Pfingsten

"Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen ..." - so beginnt Goethes köstliches Tierepos "Reineke Fuchs". Unter allen hohen Festen des Kirchenjahres hat der "liebliche" Festtag des Heiligen Geistes doch den nüchternsten Namen, nüchterner als "Ostern", das um zwei, drei Ecken auf eine österliche Morgenröte deutet, und gar als "Weihnachten". "Pfingsten", der ursprünglich griechische Name dieses ursprünglich jüdischen Festes, bezeichnet ganz unheilig, ungeistlich den "fünfzigsten (Tag)". Es trifft sich gut, dass die Sieben-mal-Sieben gerade vor dem halben Hundert liegt; da die Antike beim Tage-Zählen regelmässig den ersten und den letzten Tag mitzählte, fällt der Pfingstsonntag sieben Wochen nach Ostern tatsächlich genau auf den fünfzigsten Tag.

Die Juden feierten an diesem "fünfzigsten Tag" - so wohl schon der jüdische Name - nach dem Passahfest ihr Ernte- oder Wochenfest, das im 5. Buch Mose (16, 9f.) so eingeführt wird: "Sieben Wochen sollst du zählen; wenn man zum erstenmal die Sichel an den Halm legt, sollst du anfangen, sieben Wochen zu zählen. Dann sollst du dem Herrn, deinem Gott, das Wochenfest feiern mit einer freiwilligen Gabe von deiner Hand, die du gibst, je nachdem der Herr, dein Gott, dich segnet." An diesem "fünfzigsten Tag" nach dem jüdischen Passahfest und so auch der Auferstehung Christi geschah nach dem Bericht der Apostelgeschichte (2, 2ff.) die Ausgiessung des Heiligen Geistes über die zwölf Apostel: "Und plötzlich entstand vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger Wind daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, worin sie sassen. Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten, wie von Feuer, und es setzte sich auf jeden unter ihnen. Und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in andern Zungen zu reden, wie der Geist ihnen auszusprechen gab."

Im griechischen Original des Neuen Testaments heisst dieses jüdische Wochenfest pentekosté (heméra), "Fünfzigster (Tag)", und bei diesem Namen blieb es, als im 4. Jahrhundert das Fest des Heiligen Geistes zu gleichem Rang wie Ostern und Weihnachten aufstieg. Auch im lateinischen Westen nannte man das Pfingstfest griechisch pentecosté; daher heisst es im Französischen Pentecôte, im Englischen neben Whitsuntide auch Pentecost.

Das Deutsche ist mit dem ehrwürdigen neutestamentlichen Wort nicht ganz so ehrfürchtig umgegangen. Im Althochdeutschen begegnet uns die griechische pentekosté als eine wahre Chimäre, halb ins Deutsche übersetzt, halb barbarisch verhackstückt, als fimfchustim, und im Mittelhochdeutschen stossen wir dann schon auf Wendungen wie vor, ze, an phingesten, "vor, zu, an den Pfingsttagen". Der hier auf die Präpositionen folgende Dativ Plural ist dann - wie übrigens entsprechend auch bei "Ostern" und "Weihnachten" - zu einem neuen Nominativ Singular erstarrt.

Dieses mittelhochdeutsche phingesten von 1200 n. Chr. kommt uns heute achthundert Jahre später ganz geläufig vor. Einem alten Griechen achthundert Jahre früher hätte dieser wunderliche west-östliche Sprachsalat schier die Sprache verschlagen. Nur gut, dass die Christen des 4. Jahrhunderts, für die Griechisch und Latein noch quicklebendige Weltsprachen waren, das nicht mehr haben mitanhören müssen, auch nicht, wie es ihren hohen Würdenträgern in unserem barbarischen Idiom ergangen ist: Wie da aus einem presbýteros, wörtlich einem "Älteren", ein "Priester" geworden ist, aus einem epískopos, wortwörtlich einem "Aufseher", ein "Bischof", aus einem archiepískopos, wortwortwörtlich einem "Oberaufseher", gar ein "Erzbischof". Aber sollen wir uns gerade an Pfingsten wundern, wenn aus altem Griechisch wunderliches neues Deutsch wird?

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster