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Fusion

Die Sprache sieht die Zwergen- und die Riesengrössen in eins. Wenn hüben Wasserstoffisotope zu Helium verschmelzen und drüben zwei weltweit engagierte Mega-Multis sich vereinigen, so hat die Sprache für die Teilchenhochzeit im Reaktor und die Elefantenhochzeit der Konzerne über alle Grössenordnungen von den Nano's bis zu den Giga's hinweg ein und dasselbe Wort: Bei beiden sprechen wir von einer "Fusion". Und wie bei der einen gewaltige Energien, so werden bei der anderen beträchtliche "Synergien" frei.

Die Endung verrät es: Hinter der "Fusion" steht eine lateinische fusio(n), "Ausgiessung, Verschmelzung"; das auslautende nasalierte "-n" wurde im Lateinischen nicht geschrieben. Doch so alt das Wort auch ist: Jene klassisch-lateinische fusio ist in der Antike nicht entfernt so geläufig, nicht entfernt so schlagzeilenträchtig gewesen wie die "Fusion" unseres modernen Euro-Wortschatzes. In der klassischen Literatur ist die alte fusio überhaupt nur wenige Male belegt, dann erst wieder in der Spätantike und auch da nur äusserst selten. Völlig geläufig war dagegen das Grundwort fundere, "(aus-)giessen, einschmelzen", mit seinem Partizip Perfekt Passiv fusus, "(aus-)gegossen, eingeschmolzen".

Dieses Partizip fusus und das davon wieder abgeleitete Substantiv fusio, "das Giessen, das Schmelzen", geben sich in unserem Fremdwortschatz vielerorts ein Stelldichein. Daher kommt etwa die Blut-"Transfusion", das Blut-"Hinübergiessen", und die französische infusion, der "Aufguss", weiter die "diffuse", eigentlich die "auseinandergegossene", unscharf verfliessende Vorstellung, schliesslich die "konfuse", eigentlich die "zusammengegossene" Darstellung. Die "Konfusion" bezeichnet ja wohl bildhaft eine zerebrale Überschwemmungskatastrophe: "Konfusion" gibt es, wenn alle Hirnströme auf einmal über die Ufer treten und ihre Wasser - Synapsen hin, Synapsen her - ineinander fliessen lassen.

Die Schweiz hat zu derlei "Fusionen" und zumal zu der letztgenannten eine spezielle Beziehung. Zum einen denken wir da an die innige Fusion von rezentem Greyerzer und trockenem Waadtländer, die nach ebenjenem Grundwort fundere in einem jungen lateinischen Dialekt auch über die Landesgrenzen hinaus als "Fondue" bekannt ist. Und zum anderen mag einem da eine tröstliche politische Maxime in den Sinn kommen: "Confoederatio Helvetica regitur providentia Dei et confusione hominum", "Die Helvetische Konföderation wird gelenkt durch die Voraussicht Gottes und die Konfusion der Menschen". Nein, das ist nicht die Präambel der schweizerischen Bundesverfassung, aber wenigstens die "providentia Dei" ist auf jedem Fünffrankenstück beschworen ("Dominus providebit", "Gott wird vorsorgen"). Die "confusio hominum" hat solche Beschwörung nicht nötig; die kommt ungerufen über Souverän und Regierung.

Dass der benebelnde "Fusel" seinen nebulosen Namen von einer "Fusion" trüber Wässer haben könnte, ist wohl eine Schnapsidee. Aber eine Schulweisheit ist es, dass die "Fusion" und die "Chemie", so verschieden sie auch lauten, letztlich auf einem Stamm gewachsen sind. Sie gehen auf eine gemeinsame indoeuropäische Wurzel zurück, aus der im Lateinischen das Verb fundere, "giessen", das Stammwort der "Fusion", im Griechischen das gleichbedeutende cheín, das Stammwort der "Chemie", und im Deutschen ebendieses "Giessen" hervorgegangen ist. Und so sagt das Wort es selbst: dass bei so einer Elefantenhochzeit unter Grosskonzernen zuvörderst die "Chemie" unter den so Fusionierten stimmen muss, wenn diese Mega-Fusion nicht gleich in eine entsprechende Mega-Konfusion führen soll. Und hübsch ist es doch auch, dass ebendieser Stamm zugleich das Stichwort für das Trankopfer liefert, die frischgegossene Fusion noch gehörig zu begiessen.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster