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Parken

Dass der Schlosspark von Versailles kein Parkplatz ist, das ist jedem auch ohne alle Parkverbotsschilder klar; die Parkbänke darin laden ja auch nicht zum Parken, sondern zum Ausruhen ein. Aber warum heisst dann der eine Park mit dem grünen Rasen und den alten Bäumen gerade so wie der andere Platz mit dem grauen Asphalt und den Parkometern? Das geläufige lateinische Verb parcere, "sparen, schonen", hat die Grundbedeutung "ruhen lassen"; sollte da des Rätsels Lösung liegen? Der Lateinschüler, der Jupiters "Parce metu!" in Vergils "Aeneis" frohgemut mit "Parke die Furcht!" übersetzen wollte, hätte damit ja gar nicht so weit danebengeschossen. Aber so verführerisch der Anklang sich anhört: Weder mit unserem "Schlosspark" noch mit unserem "Parkplatz" hat dieses lateinische parcere das Geringste zu tun.

Immerhin lässt sich der französische parc, der italienische parco, der englische park und schliesslich unser "Park" auf einen gemeinsamen lateinischen Ursprung zurückführen: auf ein Substantiv parricus, das einen eingezäunten, eingehegten Raum, etwa ein Tiergehege bezeichnete; so sprechen wir ja heute noch von einem "Wildpark". Nur: dieser parricus ist offenkundig nicht lateinischen Ursprungs; er begegnet erst in mittelalterlichen mittellateinischen Texten und hat im klassischen Latein der Antike und der Spätantike keinerlei Verwandte. Vielmehr deuten ein gleichbedeutendes kymrisches oder walisisches parr sowie fernere iberische Verwandtschaften auf eine andere, wahrscheinlich keltische Herkunft. Eine frühe Entlehnung dieses lateinischen parricus hat zu einem althochdeutschen pfarrich, einem mittelhochdeutschen pferrich und weiter zu unserem "Pferch" geführt.

So undeutlich sich diese schwache Spur im walisischen Bergland verliert, so genau lässt sich die Geschichte des Wortes in der Neuzeit verfolgen. Im Französischen bezeichnete der parc sowohl eine ausgedehnte, von einer Einfriedung umschlossene Gartenanlage wie jenen "Schlosspark" von Versailles als auch ein wiederum eingezäuntes, abgesperrtes militärisches Depot für allerlei Fahrzeuge und Geschütze, Munition und anderes Kriegsgerät. Offenbar war der rings umlaufende Lattenzaun für die Wortbedeutung wichtiger, als was der "Zwischenraum, hindurchzuschauen", dahinter sehen liess.

In beiden Bedeutungen, der grünen und der grauen, ist das Wort im 18. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche übergegangen. In dem zweiten Sinne sprechen wir ja bis heute von einem "Fuhrpark" oder einem "Wagenpark", wobei sich die Bedeutung des Wortes im Nachhinein von dem Abstellplatz auf die darin abgestellten Fahrzeuge übertragen hat. Aus dieser militärischen Bedeutung hat sich im letzten Jahrhundert über das englische to park die rund um die Welt geläufige zivile Bedeutung des "Parkens" entwickelt. Kein Wunder, dass dieser Spross der Wortentwicklung im Jahrhundert des Automobils üppig ins Kraut geschossen ist.

Auf die Grundbedeutung des eingezäunten, eingehegten Raumes geht auch das geometrisch gemusterte, in Randstreifen eingefasste "Parkett" zurück, mit dem die vornehme Gesellschaft zuerst im späten 16. und im 17. Jahrhundert ihre Repräsentationsräume schmückte. Und so denn auch das "Parkett" im Theater, auf dessen fein geschliffenen Riemen sich ebendiese vornehme Gesellschaft vor den gröber gehobelten Brettern, die die Welt bedeuten, je nachdem, was es gab, amüsierte oder ennuyierte.

Zuallerletzt ist zu alledem noch das "Parkstudium" irgendeines unterhaltsamen Faches hinzugekommen, mit dem der Parkstudent den Ein-, Zwei-, Drei-Semester-Stau vor den Schranken des Numerus clausus aussitzt, und da mögen sich die zwei Bedeutungsstränge, der grüne vom "Schlosspark" und der graue vom "Parkplatz", unversehens wieder kreuzen, wenn der Parkstudent von der Kunstgeschichte und die Parkstudentin von der Psychologie auf der Parkbank hinter der Uni über Mittag zwischenparken.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster