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Weltraumspaziergang

"... Die Endeavour-Astronauten Carlos Noriega und Joe Tanner werden nun noch einen zweiten Weltraumspaziergang unternehmen, um die Sonnensegel an den Stromkreislauf der International Space Station (ISS) anzuschliessen ...", so lautete eine Agenturmeldung just um die Jahrtausendwende. Aber aber, mokierte sich da ein pingeliger Sprachkritiker, solch ein Ausflug vor die Ausstiegsluke der ISS sei ja nun wirklich alles andere als ein "Spaziergang". Richtig, richtig, aber sprachlich sind der englische space walk und unser "Weltraumspaziergang" ganz unverkennbar nahe Verwandte - irritierend nur, dass wir da space mit "Weltraum" und erst das zweite Wort walk mit "Spaziergang" übersetzen ...

Englisch space und deutsch "spazieren, Spaziergang" sind gleichen Ursprungs; dahinter steht das lateinische spatium, "Strecke, Erstreckung, Raum". Ursprünglich bezeichnete das Wort eine Wettkampfstrecke, die gerade Bahn eines Wettlaufs oder die "Runde" eines Wagenrennens, und so auch die Umlaufbahnen, auf denen die Planeten sozusagen um die Wette laufen. Doch schon im klassischen Latein, in Ciceronischer Zeit, kam es zu einer Ausweitung der Bedeutung, zunächst auf irgendeine zu durchlaufende Wegstrecke oder Zeitspanne, schliesslich überhaupt auf irgendeine Erstreckung in Raum oder Zeit.

Im 1. Jahrhundert v. Chr. hat der römische Epikureer Lukrez in seinem Lehrgedicht "De rerum natura" das Wort zunächst auf das Demokritische, atomistische "Leere" bezogen, das den "Körpern" Raum und Spielraum zur Bewegung gibt, und in der Folge erstmals auch auf den unendlich gedachten Weltraum: "Spatium summai totius omne" heisst da die schwergewichtige Wendung: "der ganze Raum des gesamten Alls". In der Antike ist der Bezug des spatium auf die Leere und Weite des Weltalls vereinzelt geblieben; doch aus diesem zukunftsträchtigen Wortgebrauch ist später das englische space im Sinne des "Weltraums" und im Deutschen ebendieser Welt-"Raum" hervorgegangen.

Und der "Spaziergang"? Der hat nichts mit diesen kühnen Lukrezischen Höhenflügen zu tun; da haben wir wieder einen festen oder auch einen bequemen lockeren Boden unter den Füssen, nämlich das spatium im Sinne einer abgemessenen "Wegstrecke", die hier anfängt und da endet - wenn man dieses Ende nicht gleich wieder zum Anfang macht. Was den Heutigen das Jogging und Walking, das war den Römern das spatiari, das entsprechend abgemessene Auf-und-Ab-Schreiten, Auf-und-Ab-"Spazieren". In der Stadt war es vielleicht eine öffentliche Säulenhalle, auf dem Landgut vielleicht eine Zypressenallee, die dazu das rechte Mass boten: zwölf Längen auf der ersten, vier Längen auf der zweiten ...

Als einen "Gang zur Erholung, zum Vergnügen" will der "Grosse Duden" den "Spaziergang" verstanden wissen. Zwischen dem Weltraumspaziergang vor die Haustür der International Space Station und einem beschaulichen Sonntagsspaziergang ins Grüne liegt in der Tat, und das meinte jener eingangs zitierte Sprachkritikaster ja wohl, ein beträchtliches "Spatium". Doch gerade in diesen space walks, diesen "Weltraumspaziergängen" der amerikanischen Astronauten, der russischen Kosmonauten und last not least der französischen "Spationauten" kommen der himmlische und der irdische Bedeutungsspross dieser wahrhaft raumgreifenden Wortgeschichte wieder zusammen. Nach alledem scheint es ja gar nicht mehr so verwunderlich, dass sich für den englischen space walk die so hübsch anklingende Lehnübersetzung "Weltraumspaziergang" eingebürgert hat. Kein Zweifel, dass das erste Wort space da mit "Weltraum" und das zweite Wort walk da mit "Spaziergang" verdolmetscht ist, aber doch auch kaum ein Zweifel, dass hier der englische Vetter space seinen deutschen Vetter "Spaziergang" für diesen walk empfohlen hat!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster