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Klient

Der Geschäftsmann hat seine Kunden, der Arzt seine Patienten, der Anwalt seine Klienten. Die Ersten sind eigentlich die mit Namen und Nase bekannten Stammkunden, von denen das Geschäft sozusagen "Kunde" hat. Arzt und Anwalt haben ihre Kundschaft aus dem alten Rom: Die "Patienten", nach dem lateinischen Verb pati, "leiden", sind eigentlich die "Leidenden"; die "Klienten", nach dem Verb cluere, "hören", sind ursprünglich die "Hörigen": Das altlateinische Partizip cluens erscheint im klassischen Latein als cliens mit dem Genitiv clientis. Die römische Gesellschaft war gegliedert in den politisch engagierten Senatorenstand, den wirtschaftlich engagierten so genannten "Ritterstand" und die "misera plebs", das "armselige Volk". Quer durch die Stände liefen die seit alters erblichen Klientelverhältnisse zwischen einem "väterlichen" Patronus und der auf ihn "hörenden" Klientel, die bei hohen Herren leicht nach Dutzenden und Hunderten zählen konnte. Aus dem längst obsoleten "Hörigen"-Verhältnis war in historischer Zeit ein traditionelles Treueverhältnis hervorgegangen, das mit seinen vielerlei Diensten und Gegendiensten beiden Seiten zugute kam.

Die Patrone schuldeten ihren Klienten Rechtsberatung und -vertretung, von der Abfassung des Testaments über den Heiratsvertrag für die 15jährige Tochter - das war das übliche Heiratsalter - bis hin zur Führung eines Prozesses; zugleich berieten sie die weniger Erfahrenen in wirtschaftlichen und finanziellen, vielfach auch in persönlichen Fragen. Die Klienten taten das Ihre, sich zu revanchieren: Als Wahlhelfer - im alten Rom war ja alle Jahre Wahlkampf - warben sie für ihren Schutzherrn oder dessen Wunschkandidaten; wenn er vor Gericht plädierte, mischten sie sich als lautstarke Claque unter die Zuhörerschaft; nach einem Auftritt im Senat begrüssten sie ihn auf dem Forum und gaben ihm ein prestigeträchtiges Geleit durch die Stadt nach Hause. Die Klienten vermerkten es stolz und dankbar, wenn ihr Schutzherr bei einer Familienfeier zum Gratulieren hereinschaute, und wenn der selbst etwas zu feiern hatte, durfte er von ihnen ein vielstimmiges "Vivat, crescat, floreat" erwarten.

Die erste Stunde des Tages gehörte traditionsgemäss der Klientel: Jeweils gleich nach Sonnenaufgang versammelten sich die Klienten - alle in der dazu obligaten, mehr oder weniger ordentlichen Toga - im Atrium des Patronus. Da hatte der Hausherr Gelegenheit, seine Wünsche anzumelden, und da konnten die togati, wie man diese Frühaufsteher in der Toga spöttisch nannte, ihren Patronus um Rat und Beistand angehen. Zum Abschluss dieser Morgenvisite drückte der Chef vom Dienst den Bedürftigeren unter den Klienten ein kleines Taggeld (und gegebenenfalls auch einmal eine Second-Hand-Toga) in die Hand; das sicherte dem Patronus allmorgendlich ein ansehnlich gefülltes Atrium und diesen Klienten das tägliche Brot.

Tempora mutantur: Diese Klientelverhältnisse, die beiden Seiten offenkundig manchmal auch recht lästig fielen, sind nun längst Geschichte. Doch das Wort markiert den alten Bezug zwischen Patronus und Klienten: Um dieser "väterlichen" rechtlichen und wirtschaftlichen Beratung willen haben die Rechtsanwälte und Wirtschaftsberater bis heute ihre "Klientel" und ihre "Klienten", und da mag der Name dieser "Hörigen, Hörenden" jetzt als ein gutes Omen gelten: Seien es Ratsuchende, die zuhören können!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster