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Virus

Der Virus oder das Virus? Da haben wir's: Mittlerweile infizieren diese üblen Biester nicht nur unseren Rachen, sondern auch noch unsere Sprache. Im Lateinischen ist der Fall klar: Da gehört das Wort zwar zu derselben Deklination regelmässig männlicher Substantive auf -us wie ein Lucius Lucullus, der Terminus technicus oder der Circulus vitiosus, ist aber ausnahmsweise sächlichen Geschlechts. Kein Wunder, dass die Regel sich hier gegen die Ausnahme durchgesetzt hat, und nicht nur in diesem Fall: Im Büro-Center ist aus dem sächlichen corpus, "Körper", ja auch ein männlicher Schreibtisch-"Korpus", im Garten-Center aus der weiblichen humus, dieser fruchtbaren Muttererde, ja auch ein männlicher "Humus" geworden. Da muss eine wohl schon Venus heissen und so unverkennbar weiblich wie die Venus von Milo oder Venus Williams sein, um ihr Geschlecht gegen diese grammatische Gleichschalterei zu behaupten.

Im klassischen Latein bezeichnet dieses virus einen giftigen Schleim oder Saft, etwa ein Schlangengift oder einen Schierlingssaft. Wo Vergil in seinen "Georgica" von der Verkehrung der paradiesischen Goldenen Zeit in die gegenwärtige Eiserne Zeit spricht, nennt er als erstes Zeichen des neuen Weltalters das "malum virus", den "üblen Giftsaft", den Jupiter den schwarzen Schlangen eingegeben habe. Etwas später lässt Ovid in seinen "Metamorphosen" die Zauberin Circe ein "nocens virus", einen zauberkräftigen "verderblichen Giftschleim" versprengen, die Gefährten des mythischen Königs Picus in allerlei wildes Waldgetier zu verwandeln. Und dazu fügt sich gut, wenn der ältere Plinius in seiner enzyklopädischen "Naturgeschichte" beiläufig ein "amatorium virus" erwähnt, ein "Liebesgift" oder einen "Liebestrank", der sich nach verbreitetem Aberglauben aus einem Haarbüschel von einer Wolfsrute gewinnen lasse. (Für alle, die's probieren wollen: Es funktioniert nur, wenn der Liebende dieses Haarbüschel wider alles Zähnefletschen drüben und Zähneklappern hüben einem quicklebendigen Wolf aus dem Schwanz gezupft hat.)

Schlangengift und Schierlingsgift, Zaubersaft und Liebestrank: Es ist allemal ein übles Zeug gewesen, das die klassische Antike unter dem Namen dieses virus verspritzt hat. Zu seiner modernen Bedeutung ist das Wort erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gekommen, als die Forschung jenseits der Bakterien oder Bazillen, dieser griechischen oder lateinischen "Stäbchen", erstmals kleinsten, unsichtbaren Krankheitserregern auf die Spur kam - 1892 dem Erreger der Tabakmosaikkrankheit, 1898 dem Erreger der Maul- und Klauenseuche -, die sich unbeschadet durch feinste, selbst bakteriendichte Filter filtrieren liessen. Da lag es nahe, diesen zunächst rätselhaften, scheinbar irgendwie liquiden infektiösen Unheilsträgern erst einmal den alten Namen dieses üblen virus anzuhängen, und bei diesem "Giftsaft" ist es dann geblieben, auch nachdem die so benannten Viren unter dem Elektronenmikroskop ihre kugelförmige oder quaderförmige, fadenförmige oder geschwänzte Vielfalt offenbarten.

Aber wie sollen wir's nun mit der Geschlechterfrage halten? Seien wir da nicht allzu pingelig; die Sprache ist allemal im Fluss. Selbst der Name der Venus, dieser weiblichsten aller weiblichen Götter, mit dem Genitiv Veneris und der Ursprungsbedeutung "Liebreiz" ist ja einmal ein Neutrum gewesen wie das vorher zitierte corpus mit dem Genitiv corporis. "Das Virus", so will es der Duden, "ausserhalb der Fachsprache auch: der Virus". Aber wie hält es der Arzt mit seinen Patienten, und wie der eine Laie, der fliessend lateinisch parliert, mit dem anderen Laien, dem Cicero Hekuba ist? Da ist schwer zu raten: Der Lateinmuffel, der als erster dem Gehege seiner Zähne einen männlichen Virus entfliehen liess, hat gewiss einmal den herben Vorwurf schandbaren Bildungsmangels auf sich gezogen; den Ciceronianer, der als letzter mit der Hand auf dem lateinischen Schulwörterbuch unbeirrbar auf sein sächliches Virus schwört, wird gewiss einmal der herbe Vorwurf schandbaren Bildungsdünkels treffen. Inzwischen behelfe man sich mit dem Virus im Dativ, das ist eine sichere Kiste.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster