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Gnom

Dass die "Gnomen", diese zwergenhaften Erd- oder Berggeister, in einem Ort namens Einsiedeln zu Hause sein sollten, das ist zu schön, um wahr zu sein. Immerhin stammt ihr Schöpfer von dort: 1493 ist Theophrastus Bombastus von Hohenheim, der sich nach dem alten Enzyklopädisten Aulus Cornelius Celsus "Paracelsus", sozusagen "zweiter Celsus" nannte, in dem Klosterdorf Einsiedeln auf halbem Weg von Zürich nach Schwyz geboren worden. "Dass ich mich keiner Rhetorik noch Subtilitäten berühmen kann", berühmt er sich später, "sondern nach der Zungen miner Geburt und Landes spreche, der bin ich von Ainsiedeln, des Lands ein Schweizer." Also Deutsch und sogar Schweizerdeutsch statt Latein, und tatsächlich hat dieser Paracelsus, als er 1527 zum Stadtarzt von Basel berufen wurde, seine Vorlesungen an der Basler Alma mater als erster nicht auf lateinisch, sondern in deutscher Sprache gehalten und die meisten seiner zahlreichen gelehrten Schriften entgegen dem Usus in deutscher Sprache publiziert, ein früher Uni-Reformer ganz im Sinne des modernen "Klopft aus den Talaren den Muff von tausend Jahren ..."

Seine "Gnomen" freilich hat Paracelsus zunächst in der alten und dann erst in der neuen Sprache aus der Taufe gehoben: mit lateinischer - maskuliner - Endung als gnomi, mit deutscher Endung als "Gnomen". Wer sind diese Paracelsischen "Gnomen"? Merkwürdige Wesen in einer merkwürdigen Lehre. Die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, lehrte Paracelsus, seien von Legionen je verschieden wirkender, je verschieden benannter dämonischer Geister erfüllt und belebt: die Erde von "Pygmäen" oder "Gnomen", das Wasser von "Nymphen" oder -gleichfalls neu benannten - "Undinen", "Wellengeistern", die Luft von "Sylphen" oder "Silvestren", "Waldgeistern", das Feuer von "Salamandern" oder "Vulkanen". "Bergmännlein" oder "Erdmännlein" nennt er diese "Gnomen" auch; Berggeister oder Erdgeister seien es, die im Innern der Erde wirken und werkeln und die Gold- und Silberschätze in der Tiefe hüten, und dies notabene nicht wie leibhaftige Märchenzwerge, die in ihren Felsenhöhlen und Felsenkammern hausen, nein: "Sie gehnd durch gantz Mauren, durch Felsen, durch Stein wie ein Geist ..."

"Wie ein Geist" sind diese "Gnomen" auch durch die alten und die neuen Sprachen gegangen. Paracelsus nennt die "Gnomen", soweit wir sehen, als erster, und als seine Schöpfung geistern sie seither durch die Wörterbücher aller Sprachen; aber die Herkunft des Wortes ist so stockfinster wie das Erdinnere selbst. Steckt in diesen Paracelsischen "Gnomen", wie vielfach vermutet, ein griechischer ge-nomos, ein "Erd-bewohner"? Aber solch ein ge-nomos ist in der doch so überaus bildsamen griechischen Sprache kein einziges Mal belegt, und der Ausfall seines langen "e" - und das heisst hier: einer halben "Erde" - wäre äusserst unwahrscheinlich. Oder steckt dahinter, wie auch vorgeschlagen, eine weibliche griechische gnóme, eine "Einsicht" im Sinne eines "erkennenden Geistes"? Aber dann müssten daraus statt Bergmännlein und Erdmännlein ja eher Bergweiblein und Erdweiblein geworden sein, oder wenigstens, sit venia verbo, hermaphroditische doppeltgeschlechtliche GnomInnen.

Wie auch immer: Im späteren Sprachgebrauch, der die "Gnomen" schliesslich aus dieser unterirdischen Geisterwelt in die oberirdische Menschenwelt heraufgeholt hat, sind aus den heimlichen Erdgeistern eher unheimliche Kobolde geworden. Bezeichnenderweise kehrt Schneewittchen bei den sieben "Zwergen" und nicht bei den sieben "Gnomen" ein, und bezeichnenderweise stellen wir uns Garten-"Zwerge" und nicht Garten-"Gnomen" zwischen die Radieschen. Einzig in den vielzitierten "Gnomen" von der Zürcher Bahnhofstrasse, wo ja unter UBS und Credit Suisse, Trottoir und Tramschienen eine mächtige Goldader durchlaufen soll, sind die heimlichen Erdgeister heimliche Schatzhüter geblieben: Wenn droben in der Schalterhalle die Computer ausgeschaltet und die Lichter ausgegangen sind, treiben drunten in den Tresorräumen diese berüchtigten "Gnomen" zwischen all den Gold- und Silberbarren ihr nächtliches Wesen, "gehnd durch gantz Mauren, Stahl und Beton wie ein Geist ..."

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster