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Niveau

Als Abkürzung für das englische Pfund, in der Landessprache pound, erscheint in der Wechselkurstabelle nicht etwa ein "p", sondern ein grosses "£" mit einem kleinen Querstrich, und vor der Einführung des Euro figurierte darunter als Abkürzung für die italienische Lira jeweils noch ein zweites solches "L" ohne diesen kleinen Querstrich. Hinter beiden Zeichen steht die lateinische libra, die im römischen Masssystem ein "Pfund" von zwölf Unzen, in unserem Masssystem 327,45 Gramm, und zugleich im übertragenen Sinne die "Waage" bezeichnete; daher kommt auch das lateinische Verb deliberare mit der deutschen Lehnübersetzung "erwägen".

Eine Schwester dieser römischen libra, die griechische lítra, ist in Süditalien und Sizilien zu Hause gewesen. Dort war in klassischer Zeit neben der knapp fünf Gramm schweren Silber-Drachme die knapp ein Gramm schwere Silber-Litra in Umlauf; ursprünglich hatte auch diese sizilische Litra einmal den Wert von einem Pfund Bronze repräsentiert. Ueber eine mittellateinische litra und das französische Hohlmass des litron - so seit dem späten 16. Jahrhundert - und später des litre - so seit dem späten 18. Jahrhundert - ist aus der alten griechischen Gewichtseinheit der lítra schliesslich im 19. Jahrhundert unser "Liter" geworden.

Soweit die antiken und modernen Münz- und Masseinheiten, und soweit die augen- und ohrenfälligen Wortverwandtschaften. Hier meldet sich nun noch ein heimlich verwandter französischer Vetter zu Wort, den es im Dictionnaire vom "L" zwei Plätze weiter zum "N" verschlagen hat; die beiden Buchstaben sind ja als "liquide", das heisst als "flüssige" Laute nahe verwandt. Der Vetter heisst "Niveau"; wie im Anlaut des Wortes das fliessende "L" zum fliessenden "N" geworden ist, so in seiner Mitte der weiche Lippenlaut "b" zu dem behauchten Lippenlaut "v".

Der Weg von der Waage zum "Niveau" führt über römische Nivellierinstrumente. Aus einer libra aquaria, einer "Wasserwaage", war in Augusteischer Zeit bei dem Architekten Vitruv eine verkleinerte, handlichere libella, ein "Wasserwäglein", geworden, daraus wieder im Spätlateinischen ein gleichbedeutender maskuliner libellus, daraus wieder im Altfranzösischen erst ein livel, dann mit der besagten Verschiebung der Liquiden ein nivel und daraus schliesslich das uns geläufige "Niveau". Das von dieser libra abgeleitete klassisch-lateinische Verb librare hat die Grundbedeutung "ins Gleichgewicht bringen, in die Waagerechte bringen"; als Terminus technicus der römischen Baukunst, etwa mit Bezug auf eine Wasserleitung, bedeutete es geradezu "nivellieren".

Im 15. Jahrhundert hat sich die Bedeutung des französischen niveau von dem Messinstrument auf die so gemessenen Waagerechten und Senkrechten, Höhen und Tiefen selbst verschoben, und seit dem 18. Jahrhundert misst das Wäglein dieses Wortes neben den baulichen auch noch allerlei andere Höhen und Tiefen und im Besonderen, was immer das bedeuten mag, das "geistige Niveau". Da wird nun nicht mehr wie in Hochbau und Tiefbau peinlich genau mit der Wasserwaage und nicht mehr in Metern und Zentimetern gemessen; da kann eine Zufallsbekanntschaft, eine Veranstaltung oder eine Fernsehserie auf der nach oben offenen Skala der geistigen Ränge grob abgeschätzt vergleichsweise mehr oder weniger Niveau, ein "gewisses" oder im schlimmsten Fall überhaupt "kein Niveau" haben; ganz so schlimm kann es um die vielen inserierten Heiratskandidaten und -kandidatinnen "mit Niveau" jedenfalls nicht stehen.

Die weitaus hübschesten, doch zugleich flüchtigsten Verwandten der alten lateinischen libra aber sind die räuberischen Wasserjungfern mit den metallisch glänzenden Leibern und schwirrenden schimmernden Flügeln, die nicht nur ausgesprochen elegant von einem Jagdgrund zum anderen hinüberzufliegen, ja hinüberzuschiessen, sondern auch buchstäblich "waagerecht" an Ort und Stelle in der unbewegten Luft eines heissen Sommertages zu verharren vermögen: die "Libellen" oder auf deutsch die "Wasserwäglein".

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster