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Silvester

Die letzten Drei im Jahr: Unter dem 29. Dezember verzeichnet der römisch-katholische Heiligenkalender einen Jonathan, unter dem 30. den König David, unter dem 31. schliesslich den heiligen Silvester. Niemand spricht von einem Jonathanstag oder einem Davidstag; doch der Name des Heiligen, dem der letzte Tag des Jahres gewidmet ist, ist zum Namen ebendieses letzten Tages geworden, und dies mittlerweile so vollkommen, dass das Wort uns nur noch an Silvesterpartys und Champagnerkorken, Tischbomben und Konfettischlangen, Knallfrösche und Feuerwerkszauber und kaum mehr an den Heiligenkalender denken lässt.

Der heilige Silvester, der erste von vier Päpsten oder Gegenpäpsten gleichen Namens - der zweite war der Papst der ersten Jahrtausendwende -, zählt nicht zu den grossen Kirchenlichtern. Er hatte das Glück, in der ersten grossen Glanzzeit der Kirchengeschichte an der Seite Konstantins I., des "Grossen", als Bischof von Rom und damit als Papst zu amtieren, und zugleich das Pech, dass dieser wirklich grosse Kaiser, der Schutzherr und Schirmherr des frühen Christentums, ihn mit seiner Grösse völlig überstrahlte.

Am 28. Oktober 312 n. Chr. hatte Konstantin an der Milvischen Brücke im Norden der Hauptstadt unter dem Zeichen des Christogramms auf den Schilden seiner Legionen über seinen Rivalen Maxentius gesiegt; im Frühjahr 313 hatte er in Mailand der christlichen Kirche gleiche Religionsfreiheit wie den heidnischen Kulten zugesichert. Unter diesen glücklichen Auspizien ist Silvester am 31. Januar 314 zum Papst gewählt worden. Er durfte erleben, wie die noch ein Jahrzehnt zuvor unter Kaiser Diokletian und seinem Caesar Galerius grausam verfolgte Christenheit sich nun unversehens der Förderung der Mächtigen erfreute, wie Kaiser Konstantin ihr eine grosse, fünfschiffige, prächtig ausgeschmückte Basilika nach der anderen errichten liess, so in Rom zuerst die Lateranbasilika, dann die - alte - Peterskirche und die Paulskirche draussen "vor den Mauern". Fast ein Vierteljahrhundert lang ist Konstantin I. römischer Kaiser, fast die gleiche Zeitspanne hindurch Silvester I. römischer Bischof und Papst gewesen. Silvester ist am 31. Dezember 335 in Rom gestorben, Konstantin im Frühjahr 337 bei Nikomedeia, heute Izmit, nahe seiner neuen Hauptstadt Konstantinopel alias Istanbul; kurz vor seinem Tode hatte er dort aus der Hand des Bischofs Eusebios von Nikomedeia noch die Taufe empfangen.

Die bereits in der zweiten Hälfte jenes 5. Jahrhunderts aufgekommene, im frühen Mittelalter fortgesponnene Silvester-Legende hat diesen wenig bedeutenden Papst im Nachhinein zum Täufer des Kaisers erhoben. Silvester, so lesen wir da, habe den schwer daniederliegenden, vom Aussatz befallenen Kaiser durch die Taufe heilen können, und dieser habe sich darauf durch grosszügige Stiftungen und Schenkungen dem Papst und der Kirche erkenntlich gezeigt. So steht es noch auf der Basis des Lateranensischen Obelisken, gegenüber der Basilika: "Constantinus per crucem victor a sancto Silvestro hic baptizatus crucis gloriam propagavit", Wort für Wort übersetzt: "Konstantin, durch das Kreuz Sieger, hat, vom heiligen Silvester hier getauft, des Kreuzes Ruhm verbreitet". Doch die Geschichte hat es anders wollen: Wenn am letzten Tag des Jahres, eben "an Silvester", Schlag Mitternacht die Korken knallen und die Gläser klingen, denkt kaum einer mehr an den alten Silvester von Fleisch und Blut und erst recht nicht an die legendäre Taufe Kaiser Konstantins und seine wunderbare Heilung.

Jetzt hätten wir fast vergessen zu sagen, was "Silvester" eigentlich bedeutet: Das Substantiv silva bezeichnet im Lateinischen den "Wald", das Adjektiv silvester alles, was aus dem Wald kommt, im Wald lebt oder sonst irgendwie zum Wald gehört. Ein geläufiger Name ist das in der heidnischen Antike nicht gewesen, und zum geläufigen Vornamen ist der Heiligenname auch nicht geworden; der letzte Tag des Jahres hat das Wort ganz allein für sich.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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