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Zukunft

"Advent" und "Zukunft" scheinen auf den ersten Blick so weit voneinander wie A und Z im Alphabet. Und doch ist die "Zukunft", eschatologisch wie etymologisch durchaus stimmig, aus dem "Advent" hervorgegangen. Wir müssen hier also zunächst einmal kräftig zurückbuchstabieren: von der "Zukunft" zum "Advent".

Was "Advent" bedeutet, das pfeifen jeweils in den Adventswochen die Spatzen von allen Kirchendächern: Dahinter steht das lateinische Substantiv adventus mit dem Genitiv adventus, "Ankunft", eine Ableitung des Verbs advenire, "ankommen": Der "Advent" deutet auf die Ankunft Christi. Beim Uebergang ins Deutsche ist da wie bei all diesen Substantiven auf kurz -us mit dem Genitiv auf lang -us einzig dieser lateinische Ausgang verloren gegangen; nahe Gegenstücke sind etwa der "Konvent", die "Zusammenkunft" eines Mönchs- oder eines Lehrerkollegiums, und der "Event", eigentlich das glückliche oder unglückliche "Herauskommen" eines ungewissen Unternehmens.

Im Lateinischen kann der adventus jegliche Ankunft jeglichen Ankömmlings bezeichnen. Doch schon früh gewinnt das Wort auch kultische Bedeutung: Bei dem Kirchenvater Tertullian um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert n. Chr. erscheint der adventus als die lateinische Entsprechung für die neutestamentliche griechische parusía, wörtlich: das "Gegenwärtig-Sein" Gottes, und ein Festkalender aus dem Jahr 354 n. Chr. verzeichnet die Jahrestage dreier Rombesuche Kaiser Konstantins mit dem Eintrag "Adventus Divi Constantini", "Epiphanie des vergöttlichten Konstantin". Die Vierzahl der Adventssonntage zur "praeparatio adventus Domini", zur "Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn", ist erstmals im 6. Jahrhundert und zunächst für den italischen Raum bezeugt.

Die weitere Geschichte des Wortes ist ausgesprochen zukunftsträchtig: Im frühen Mittelalter ist aus dem mittellateinischen adventus in einer genauen Lehnübersetzung eine althochdeutsche zuochumft und eine mittelhochdeutsche zuokunft hervorgegangen, zunächst noch in der ursprünglichen allgemeinen Bedeutung der "Ankunft" eines Boten oder eines Heeres. Erst im späten Mittelalter hat diese zuokunft ihre Bedeutung allmählich vom Räumlichen zum Zeitlichen, von der "Ankunft" zur "Zukunft" verschoben; an deren Stelle ist in der frühen Neuzeit eine weitere, nicht minder genaue Lehnübersetzung jenes adventus, eben diese vergleichsweise junge "Ankunft", nachgerückt. Mit ihr ist das lateinische Wort nun insgesamt dreimal, zunächst im spätantiken "Advent", sodann in der mittelalterlichen "Zukunft" und schliesslich in der neuzeitlichen "Ankunft", im Deutschen angekommen. Zum grammatischen Terminus technicus anstelle des lateinischen (tempus) futurum, der "zukünftigen Zeit", ist die "Zukunft" erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts geworden.

Und nun wird's vollends abenteuerlich: Aus einem Partizip jenes advenire in ebenjener grammatischen Zukunft und in einem kollektiven Plural Neutrum, lateinisch adventura, auf deutsch "die Dinge, die da kommen sollen", ist im Mittelalter zunächst eine mittellateinische adventura, dann eine französische aventure und ein englisches adventure, darauf eine mittelhochdeutsche ritterliche aventiure und schliesslich unser neuhochdeutsches "Abenteuer" geworden. Ein Abenteuer: das ist das, was da immer neu auf einen zukommt; ein Abenteurer: das ist der, der's sozusagen professionell mit dieser Zukunft aufnimmt.

Und schliesslich hat das alte Wort uns noch die breite Zufahrtsstrasse ausgeschildert, die den von Weltstadt zu Weltstadt rotierenden Touristen in Paris in der Opéra, in New York im Metropolitan Museum, in Madrid im Prado ankommen lässt: In jeder französischen avenue, jeder englischen avenue, jeder spanischen avenida klingt für einen reiselustigen Städteeroberer, der nicht nur Füsse hat zu laufen, sondern auch Ohren zu hören, ein wenig "Ankunft", ein wenig "Zukunft" und ein wenig "Abenteuer" mit.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster