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Solidarität

Liberté, égalité, fraternité: Das verdolmetscht sich heute, nachdem die "Brüderlichkeit" aus dem Wortschatz der Politiker in den der Kirchenleute übergewechselt ist, als "Freiheit, Gleichheit, Solidarität". Aufgekommen ist das Leitwort der "Solidarität" auf halber Strecke zwischen der Französischen Revolution und der gegenwärtigen "Globalisierung" in der Arbeiterbewegung des späteren 19. Jahrhunderts; heute geht es unter diesem Schlagwort überhaupt um die Solidarität zwischen Reichen und Armen, Jungen und Alten, Gesunden und Kranken, und im grossen Rahmen unseres Global Village um die Solidarität zwischen West und Ost, Nord und Süd, Industrienationen und Dritter Welt. Das lateinische Adjektiv solidus, wohl sprachverwandt mit dem anderen Adjektiv salvus, "gesund, heil", bezeichnete ursprünglich das lautere, nicht legierte Edelmetall, das reine Silber und das reine Gold. Die Goldmünze, die Kaiser Konstantin zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. zuerst in Trier prägen liess und dann im gesamten römischen Reich einführte, hiess danach einfach solidus (nummus), die "lautere (Münze)". Dieser Solidus von einem Zweiundsiebzigstel des römischen Pfundes, entsprechend 4,55 Gramm, hat seinem Namen auch im modernen Sinne des Wortes Ehre gemacht. Weit über die Grenzen des römischen Reiches und die Wirren der Völkerwanderung hinaus hat die buchstäblich "solide" Währung dieses Konstantinischen Solidus ihre Geltung bewahrt, und noch länger als die Münze ist ihr Name im Umlauf geblieben: Daher kommt ja der "Sold" der Söldner und Soldaten, daher diese "Söldner" und "Soldaten" selbst, daher die "Besoldung" der Beamten und daher schliesslich, über das Italienische, der "Saldo" unterm Strich.

Das erste Wegstück von diesem goldenen "Solidus" zur goldenen "Solidarität" können wir noch im klassischen Latein verfolgen. Im Anschluss an seine Grundbedeutung des durch und durch Lauteren bezeichnete das Adjektiv solidus seit Cicero alles dicht bei dicht Gefügte, Feste, Ganze, Vollständige und Beständige, im Gegensatz zu allem nur locker Zusammengewürfelten, leicht wieder Auseinanderfallenden; im Gefolge dieses Wortgebrauchs sprechen wir bis heute von "soliden Schuhen" und "soliden Möbeln", von einem "soliden Unternehmen", in dem Milliardenverluste nicht als Milliardengewinne verbucht sind, von "soliden Grundsätzen" und einer "soliden Ausbildung". Der extra-alte Emmentaler mit seinen extra-grossen Löchern ist dagegen so unschweizerisch "unsolide" wie nur irgendetwas.

Das zweite Wegstück von dieser "Solidität" zur "Solidarität" führt über die Rechtssprache. Ein klassisch-lateinisches Adjektiv solidaris hat es nie gegeben; doch im 16. und 17. Jahrhundert sind im Französischen ein solidaire und eine solidarité, im 19. Jahrhundert dann auch im Deutschen ein "solidarisch" und eine "Solidarität" aufgekommen, zunächst im juristischen Sinne eines "Solidar-" oder Gesamtschuldverhältnisses, in dem jeder einzelne Schuldner für die gesamte Schuld haftet. Die römischen Juristen hatten in diesem Sinne von einer Haftung in solidum, "für das Ganze", gesprochen; wenn nun von débiteurs solidaires und von solidarisch haftenden "Solidarschuldnern" die Rede war, mochte das Bild der festen Fügung von der Schuld auf die Schuldner übertragen scheinen, als gehe es da nicht so sehr um die nicht auseinanderzudividierende Schuld als vielmehr um die nicht auseinanderzudividierenden Schuldner.

Liberté, égalité, fraternité, "Freiheit, Gleichheit, Solidarität": Wie jene "Brüderlichkeit" aus dem politischen Wortschatz in den kirchlichen, so ist diese "Solidarität" seit dem späteren 19. Jahrhundert aus dem juristischen Wortschatz in den politischen übergegangen; die jüngeren Wendungen "sich solidarisch erklären, sich solidarisieren" haben von vornherein politischen Bezug gehabt. Doch wo's ums Ganze geht, schlägt die altrömische juristische "Solidarschuld" im modernen Postulat der politischen "Solidarität" noch kräftig durch: In der menschlichen Schicksalsgemeinschaft dieses Global Village, die heute vernehmlicher als je zuvor unsere Solidarität herausfordert, stehen wir gegenüber Krankheit und Tod, Krieg und Vertreibung, Armut und Hunger und allen anderen Menschheitsplagen ja alle miteinander in der gleichen Solidarschuld.

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster