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Senioren

Kavaliersrücksicht geht vor Gleichberechtigung; lassen wir die Damen hier einmal beiseite und fragen wir nur nach dem Alter eines "alten" und eines "älteren" Herrn: Welcher von den beiden ist da eigentlich der Aeltere? Keine Frage: Natürlich ist der "ältere" Herr der Jüngere und der "alte" Herr der Aeltere. Geradeso ist es spiegelbildlich mit einem "jungen" und einem "jüngeren" Herrn: Auch da ist der "jüngere" Herr eindeutig der Aeltere und der "junge" Herr der Jüngere. Der ältere Herr ist ja gar nicht älter als ein alter, der jüngere Herr gar nicht jünger als ein junger Herr; vielmehr ist der eine älter und der andere jünger als ein spasseshalber so genannter "mittelalterlicher" Herr.

Das Paradox des Sprachgebrauchs ist bestens dazu angetan, dem unliebsamen Alter ein verhüllendes Mäntelchen umzuhängen. Für einmal werden die Texte da wirklich und wahrhaftig zu Textilien, und vollends elegant präsentiert sich die Verhüllung, wenn wir sie im Faltenwurf einer alten Römertoga drapieren und statt von "Älteren" gut lateinisch von "Senioren" sprechen. "Niemand hört es gern, dass man ihn Greis nennt", so verwahren sich die alten Greifen in Goethes "Klassischer Walpurgisnacht" schnarrend gegen alles da anklingende Graue, Grämliche, Griesgrämige. Und fallen uns nicht umgekehrt bei den frischpensionierten "Senioren", "etymologisch gleicherweise stimmig", sogleich die altehrwürdigen "Senatoren" ins Ohr? "Aktivferien für Greise"? Ein Witz. "Aktivferien für Aeltere"? Ein Flop. "Aktivferien für Senioren"? Ein Hit!

Hinter dem "Junior"-Chef und den "Junioren" steht der lateinische Komparativ iunior, "jünger", hinter dem "Senior"-Chef und den "Senioren" der entsprechende Komparativ senior, "älter". Auch der italienische Signore, der spanische Señor, der französische Monsieur und der englische Sir ist ja ein ehrerbietig angeredeter "Aelterer". Was da gesteigert wird, ist im ersten Fall der iuvenis, der "junge Mann", im zweiten Fall der senex, der "alte Mann", der so verführerisch an den sexagenarius, den "Sechzigjährigen", anklingt, tatsächlich auch den Sechzigjährigen oder Uebersechzigjährigen bezeichnet und doch mit dem Zahlwort sex, "sechs", und seinen Vielfachen von Haus aus nichts, aber auch gar nichts zu schaffen hat.

Aber während iuvenis und iunior, der "junge" und der "jüngere Mann", im alten Rom weithin gleichbedeutend auf die wehrpflichtige Altersgruppe der etwa 17- bis 45jährigen Männer deuteten, sind die seniores auch damals schon lediglich im Vergleich mit diesen Jüngeren die "Aelteren", im Vergleich mit den Alten dagegen die Jüngeren gewesen. Unter dem Stichwort senior vermerkt das lateinische Handwörterbuch von Karl Ernst Georges kurz und bündig: "Ein Mann von 45 bis 60 Jahren". Tempora mutantur ...: Heute fängt das "Senioren"-Alter da an, wo es früher einmal aufgehört hat; in den exklusiven Club der gestandenen Senioren kommt man frühestens mit sechzig, vielfach erst mit fünfundsechzig. "Mit sechsundsechzig Jahren", hören wir die muntere Gesellschaft erwartungsfroh ihr Leiblied schmettern, "da fängt das Leben an; mit sechsundsechzig Jahren, da hat man Freude dran ..."

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster