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Punkt

Unsere kleine Geschichte des "Punktes" nimmt ihren Anfang, wo dieser oder sonst ein Satz an sein Ende kommt, bei dem kleinen Tüpfelchen Druckerschwärze am Fusse der Zeile, der uns die Stimme senken und neu Atem holen lässt; jetzt kommt er gleich, und hier ist er nun, gleich hinter dem Doppelpunkt: . Gefunden? Das kleine schwarze Tüpfelchen, das der in diesem Fall wohl auch unbildlich geneigte Leser da vor Augen hat, ist eine echte Antiquität, die allerkleinste und unscheinbarste von allen. In der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. hat Aristoteles als erster mit dem Wort diastízein, "interpunktieren", auf eine stigmé, einen "Punkt", als Wegmarke im Wörterwald gedeutet; er sagt einmal, bei dem sprichwörtlich dunklen Heraklit sei es schon gleich im ersten Satz nicht leicht, richtig zu "interpunktieren". Und um die Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v. Chr. hat der alexandrinische Philologe Aristophanes von Byzanz die Homerischen Epen offenbar durchgehend derart "interpunktiert"; so bezeugt es die kritische Anmerkung eines jüngeren Kollegen (die Schweizer würden sagen: eines typischen "Tüpflischiessers"), dieser alte Aristophanes von Byzanz habe im 1. Gesang der "Ilias" in Vers 72 einen falschen Punkt gesetzt.

Diese Interpunktion mit Punkt und Komma, dann auch mit dem so genannten "Paragraphen", einem "danebengezeichneten" feinen Strich am Rande der Zeile, war wohl bereits in klassischer Zeit aufgekommen und wurde in hellenistischer Zeit zunehmend verfeinert. Sie zeigte an schwierigen Stellen an, wie der Herausgeber den Text verstand, und war gewiss auch sonst eine willkommene Lesehilfe. Die scriptio continua, die "fortlaufende Schreibung", der Antike kannte ja keine Wortzwischenräume, geschweige denn Gross- und Kleinschreibung, und so sah man doch wenigstens, wo der Satz aufhörte und ein neuer anfing.

Nun bezeichnen das griechische Verb stízein und das lateinische pungere eigentlich keineswegs ein fröhliches "Pünktchen-Tüpfeln", sondern ein stichelndes, buchstäblich unter die Haut gehendes "Stechen"; das griechische und das deutsche Wort, auch unser "stecken" und "sticken", sind alte Verwandte. Entsprechend ist die griechische stigmé eigentlich ein "Einstich", das lateinische punctum, später punctus, eigentlich ein "Eingestochenes"; die Mediziner sprechen in diesem Sinne ja noch von einem "Punktieren" und einer "Punktion".

Der Weg von dieser "Punktion" zur "Interpunktion" führt über die Tätowiernadel. Ursprünglich bezog sich das griechische stízein auf die nicht bei den Griechen, wohl aber bei manchen "Barbaren" geschätzten Tätowierungen und auf entsprechende Markierungen von Vieh, Sklaven und Gefangenen. Das diskriminierende "Stigma" und das "Stigmatisieren", auch die "Stigmata" Christi und und die "Stigmatisation" im eigentlichen und im übertragenen Sinn haben hier ihren Ursprung.

Zugleich mit den Philologen haben die griechischen Mathematiker diesen "Punkt" in ihren Wortschatz aufgenommen, und durch diesen mathematischen "Punkt", den Mittelpunkt eines Kreises oder den Schnittpunkt zweier Linien, ist das Wort in der Folge zum Bild für eine geringste Erstreckung, eine geringste Ausdehnung geworden. Ein Komödienvers nennt das Menschenleben einmal einen "Punkt", ein "Tüpfelchen Zeit". Mittlerweile ist dieses kleine Tüpfelchen am Ende des Satzes, inmitten des Kreises oder sonstwo im menschlichen Leben und Treiben zum vielfältig gebrauchten Bild geworden. Da gibt es schwache oder neuralgische Punkte, wunde oder dunkle Punkte, da gibt es tote Punkte, wenn es bei der Dampfmaschine oder in einer Verhandlung nicht mehr rund läuft, da gibt es den springenden Punkt und das Pünktchen auf dem "i", da kann einer heute sogar einfach "punkten", das heisst: "Punkte sammeln", und wenn wir wie hier mit unserem Latein am Ende sind, sagen wir kurzweg "Punktum!"

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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