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Toleranz

Man soll ja, so heisst es, nicht neuen Wein in alte Schläuche füllen. Für den wirklichen Wein und die wirklichen "Schläuche", diese Schaf- und Ziegenhäute, und für manches andere mag das gelten; für die Wörter gilt das Umgekehrte: Da macht der neue Wein die alten Schläuche jeweils wieder jung. Die "Toleranz" ist solch ein alter, wundersam verjüngter Schlauch. Der Ausgang "-anz" weist aufs Lateinische; da finden wir im Lexikon eine zuerst bei Cicero belegte und wohl von ihm neu geprägte tolerantia samt ihrer Negation, der intolerantia, eine Ableitung des seit Plautus und Terenz geläufigen Verbs tolerare, "ertragen, erdulden", und seines Partizips Präsens Aktiv tolerans mit dem Genitiv tolerantis. Aber diese Ciceronische tolerantia bezeichnete in der Antike wie ihr Grundwort tolerare noch keineswegs eine mitmenschliche "Toleranz" gegenüber dem Andersdenkenden, Andersgläubigen, wie wir sie verstehen, sondern vielmehr eine Art "Leidens-Toleranz", eine persönliche "Belastbarkeit" gegenüber allen möglichen körperlichen und seelischen Belastungen.

Und das ganz buchstäblich: Gleich hinter dem Wörternest tolerare, tolerans, tolerantia stossen wir im Lexikon auf das andere Verb tollere, das alledem zugrunde liegt, mit der geläufigen Bedeutung "etwas vom Boden aufheben, in die Höhe heben", und in poetischer Sprache begegnet das davon abgeleitete tolerare mehrfach noch in seiner handfesten Grundbedeutung "eine Last aushalten, einer Last standhalten". Ein Römer der Ciceronischen Zeit mochte diese tolerantia durchaus noch in dem bildlichen Sinne solcher "Tragfähigkeit" verstehen, und so bleiben wir ganz im Bild, wenn wir diese klassisch-lateinische tolerantia mit dem modernen technischen Terminus der "Belastbarkeit" verdolmetschen. In medizinischen und psychologischen Fachbegriffen wie der eben noch verträglichen "Toleranzdosis", der "Toleranzgrenze" und der sie markierenden "Toleranzschwelle" oder der "Frustrationstoleranz" klingt diese alte Bedeutung noch durch.

Erst in der Neuzeit hat sich die Bedeutung des Wortes, ja des ganzen Wörternestes von dieser persönlichen physischen und psychischen "Belastbarkeit" zur mitmenschlichen "Toleranz" gegenüber dem Andersdenkenden und Anderssprechenden, Andersgläubigen und Anderslebenden verschoben. Die ersten Jahrgänge des neuen Weins, der nun in die alten Schläuche floss, sind im 16. und 17. Jahrhundert unter dem Zeichen der Religionskriege und schliesslich des Konfessionsfriedens herangereift; man denke da etwa an das so genannte "Toleranz-Edikt" von Nantes, mit dem Heinrich IV. den französischen Reformierten 1598 weitgehende Religionsfreiheit gewährte. Jüngere, köstliche Jahrgänge sind im 18. und 19. Jahrhundert unter dem Zeichen der Aufklärung und der allgemeinen Demokratisierung und Liberalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse nachgewachsen; um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist die beiläufige Randnotiz Friedrichs des Grossen, in seinem Staate könne jedermann "nach seiner Façon selig werden", zum geflügelten Leitwort dieser neuen - nicht nur religiösen - Toleranz geworden.

Der jüngste Wein im alten Schlauch trägt die kunterbunte Multikulti-Etikette; in der multikulturellen Gegenwartsgesellschaft rangiert die Toleranz wie selbstverständlich gleich hinter Freiheit und Gleichheit, auf einer Stufe mit der alten Brüderlichkeit und der neuen Solidarität. Ein durchaus berauschender Millenniumswein, diese neue "Toleranz"; aber der zweitausendjährige Schlauch, jene alte tolerantia, weiss noch zu berichten, welche buchstäbliche "Belastung" der Eine für den Anderen und umgekehrt wieder dieser Andere für den Einen bedeuten kann und welcher buchstäblichen "Belastbarkeit" es zuweilen bedarf, diesen Anderen und dieses Andere neben sich zu "tolerieren".

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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