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Resolution

Regierungschefs treffen "Entscheidungen", das heisst: sie springen über den Graben, der das Richtige vom Falschen scheidet, und hoffentlich in der richtigen Richtung; Parlamente fassen "Beschlüsse", das heisst: sie beschliessen die Debatte darüber, was Gesetz werden soll, indem sie beschliessen, was Gesetz werden soll. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen fasst "Resolutionen", und das ist praktisch, weil das Wort aus dem Lateinischen kommt und so in allen romanischen Tochtersprachen zu Hause und in vielen nicht-romanischen Sprachen jedenfalls ein vertrauter Gast ist.

Aber dann wird es verwirrend; denn wer in einem lateinischen Lexikon unter dem Stichwort nachschlägt, etwa in dem zweibändigen "Georges", kann sich nur noch irritiert die Augen reiben. In Band II, auf Spalte 2347, ist die "resolutio" da säuberlich wie folgt verdolmetscht: "1. die Auflösung, etwa eines Riemens am Schuhwerk; 2. übertragen: (a) die Auflösung in Einheiten oder in seine Teile; (b) der Zustand der Auflösung, die Erschlaffung, Schwäche, Lähmung; bei den Medizinern: Magenschwäche, Durchfall; (c) bei den Juristen: Aufhebung, Einziehung". Und da verlangt noch jemand allen Ernstes, dieses Latein bei den Vereinten Nationen als offizielle Sprache zuzulassen? Hinter dem selten bezeugten Substantiv resolutio steht das eher gebräuchliche Verb resolvere mit dem Partizip Perfekt Passiv resolutus, und die Grundbedeutung der "Auflösung" ergibt sich leicht, wenn wir das zusammengesetzte Verb selbst wieder in seine Teile auflösen: Das Kopfstück re- bedeutet "zurück-, wieder-", das Verb solvere bedeutet "lösen", das Kompositum resolvere somit "wieder lösen, (in seine Bestandteile) auflösen".

Der Weg von dieser schlaffen, schlappen resolutio zu der zupackenden "resoluten" Person und der entschiedenen "Resolution" führt über das Französische. In der Tochtersprache des Lateinischen erscheint das alte Verb resolvere in der Form résoudre, sein Partizip Perfekt Passiv resolutus in der adjektivischen Form résolu und der Bedeutung "entschieden, entschlossen". Die Verkehrung der Bedeutung von jener Schlaffheit und Schlappheit zu solcher Entschiedenheit und Entschlossenheit wird verständlich, wenn wir - durchaus auf der Linie des alten Wortgebrauchs - an die Auflösung von Bindungen denken: Wer von einer Rücksicht oder Bindung "resolviert", "entbunden" ist, wird seine Absichten entsprechend "resolut", "ungebunden" verfolgen.

Diese sozusagen "harte" Bedeutung des Adjektivs résolu ist im Französischen als zweite Bedeutung neben der ursprünglichen eigentlichen "weichen" auch auf das Verb résoudre und das Substantiv résolution übergesprungen. In dieser "harten" zweiten Bedeutung und nur in diesem Sinne einer entschiedenen Resolution und einer resoluten Entschliessung sind Substantiv und Adjektiv im 16. und 17. Jahrhundert zu uns herübergekommen, und dies ohne weitere lautliche Erschlaffung, im Gegenteil: Das Adjektiv résolu hat im deutschen Fremdwortschatz sogar sein vom lateinischen resolutus her angestammtes auslautendes "-t" zurückbekommen. Diesseits des Rheins herrschten dafür ja nicht die Lautregeln einer seit alters überkommenen Tochtersprache, sondern einer schulgerecht genau gelernten Schulsprache, und da musste, wer "absolut" sagt, auch "resolut" sagen. Alles klar? Absolut!

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster